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Ernährung

Freiwillig verzichten

In der säkularen Überflussgesellschaft hat das Fasten seine religiöse Notwendigkeit verloren – und erlebt doch als «Detox» eine Renaissance. Theologe Ralph Kunz und Psychologin Lisa-Katrin Kaufmann erklären, wieso es auch heute sinnvoll sein kann, freiwillig auf Nahrung zu verzichten.
Barbara Simpson
Frau hält Mini-Donut vor Weihnachtsbeleuchtung
Früher war der Advent – als kleine Fastenzeit – auch eine Zeit des Verzichts. (Bild: iStock/SvetlanaSF)

Advent ist, wenn an der Bahnhofstrasse «Lucy» funkelt, die Geschäfte leer gekauft werden und sich in den Hauseingängen Berge von Paketen auftürmen, die im Internet bestellt wurden. Weihnachtsmärkte laden mit allerlei Leckereien und Glühwein zum geselligen Überkonsum, ein Weihnachtsessen jagt das nächste.

Das war nicht immer so: Noch bis ins 20. Jahrhundert galt der Advent in vielen Regionen als «kleine Fastenzeit» – im Vergleich zur grossen Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Im orthodoxen Christentum ist sie als Philippus-Fastenzeit bis heute Teil des religiösen Kalenders. Wieso auch vor Weihnachten gefastet werden musste, sei einer simplen ökonomischen Logik geschuldet, sagt UZH-Theologe Ralph Kunz. «Wer in einer Mangelwirtschaft ein Fest feiern wollte, musste es sich vom Mund absparen – wer nicht fastet, kann nicht festen.»

Gegenpol zum Konsum

Kunz hat für sein neues Buch das Fasten als spirituell-kulturelle Praxis in den Blick genommen. «Die Christen haben das Fasten nicht erfunden», betont er. Sie übernahmen es von jüdischen und griechischen Traditionen, in denen es als spirituelle und therapeutische Übung galt. «Kurz gesagt: Man wusste, dass Fasten hilft.» So ist zeitweiliger Nahrungsverzicht in vielen Religionen verankert, sei es im islamischen Fastenmonat Ramadan, an Jom Kippur im Judentum oder im Buddhismus und Hinduismus als Teil der meditativen Praxis. Das Ziel ist, sich selbst zu prüfen, spirituell zu reinigen und den Glauben zu vertiefen. Auch in der Zeit der Reformation hielt man am Fasten fest. Während früher die Obrigkeit Essvorschriften machte, betonte Heinrich Bullinger in der «Confessio Helvetica», Fasten müsse freiwillig sein.

Unabhängig vom religiösen Hintergrund erlebt das Fasten heute eine Renaissance. Ob als Intervallfasten oder (Digital-)Detox-Kur: Der zeitweilige Verzicht ist zum Ritual einer Gesellschaft geworden, die Selbstkontrolle schätzt. «Die gesteigerte Aufmerksamkeit für den eigenen Körper ist ein Megatrend», sagt Kunz. Doch der neue Enthusiasmus folge anderen Motiven als die religiöse Fastenpraxis. Er richtet sich weniger auf die innere Sammlung als auf Selbstoptimierung. Wer fastet, will leistungsfähiger, gesünder, konzentrierter werden, eingespannt in die Erfolgslogik der Konsumgesellschaft.

«Es gibt diesen Werbespruch: Gesundheit ist alles. Das ist natürlich Unsinn», lacht Kunz. Er warnt vor einer moralischen oder medizinischen Überhöhung des Fastens. Wenn Gesundheit zur höchsten Norm werde, verliere das Fasten seinen Sinn. Für Kunz ist Fasten vor allem ein Innehalten, eine leiblich erfahrbare Unterbrechung des Gewohnten, die Raum schafft für Demut und Aufmerksamkeit.

Zeit für Gebet und Gemeinschaft

Wer sich zum Fasten entschliesst, entscheidet sich, Nahrung teilweise oder völlig einzuschränken – und hält an diesem Vorhaben für eine gewisse Zeit fest. «Auf diese Festigkeit der Haltung verweist die ursprüngliche Bedeutung von Fasten», bemerkt Kunz. Damit steht die Zeit, die nicht fürs Kochen und Essen verwendet wird, für die Besinnung, fürs Gebet oder die Gemeinschaft zur Verfügung. Der soziale Austausch spielt laut Kunz beim Fasten eine zentrale Rolle. «Jemand, der fastet, muss sich nicht zurückziehen», sagt er, «man kann genauso gut Fastengemeinschaften bilden.»

Ralph Kunz

Mit der Entscheidung zu fasten, entziehen wir uns dem Sog der Konsumreligion.

Ralph Kunz
Theologe

Gleichzeitig können die Nahrungsmittel, die man selbst nicht verbraucht, als Almosen an Bedürftige gespendet oder fürs gemeinsame Feiern aufgespart werden. Der eigentliche Wert des Fastens als Glaubenspraktik liege in dieser Verschränkung von sozialer, leiblicher und geistlicher Dimension. Sehe man es als Diät, Pflichterfüllung oder Selbstoptimierungswettbewerb an, dann sei das eine Zweckentfremdung. «Fasten plädiert für ein ‹Weniger ist mehr›», sagt Kunz. «Mit der Entscheidung, zu fasten, entziehen wir uns dem Sog der Konsumreligion.»

Dieser Entzug, sagt Ralph Kunz, sei aber nie nur Entlastung. Er konfrontiere den Menschen auch mit sich selbst. Wer sich des Essens enthalte, verzichte auf eines der naheliegendsten Mittel der Ablenkung und werde auf sich selbst zurückgeworfen. «Es kommt Verdrängtes und Unangenehmes herauf», erklärt er. Das Fasten zwingt zur Auseinandersetzung mit dem, was im Alltag verborgen bleibt.

Zwischen Ruhe und Beunruhigung

Unabhängig von diesen spirituellen Aspekten hat das Fasten auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Funktionsweise des Gehirns. Die Effekte eines kurzzeitigen Verzichts auf Nahrung sind zumindest in zahlreichen Tierstudien belegt. «Beim Menschen besteht jedoch noch eine Forschungslücke», sagt Psychologin Lisa-Katrin Kaufmann, die vom Fonds zur Förderung des akademischen Nachwuchses (FAN) von UZH Alumni unterstützt wird.

Sie untersucht in einer aktuellen Studie, wie ein kurzfristiger Verzicht auf Nahrung über 16 Stunden die neuronalen Mechanismen der Stressverarbeitung beeinflusst. «Nach 12 bis 14 Stunden gibt es typischerweise einen Wechsel im Energiehaushalt des Körpers», sagt sie, «der Körper schaltet für die Energieversorgung von den aus Glukose gewonnenen Kohlenhydraten auf Ketone um, die aus Fettsäuren der Fettzellen umgewandelt wurden.»

Fasten und Stress

In der FASTress Studie untersuchen die Psychologin Lisa-Katrin Kaufmann gemeinsam mit ihrem Team, wie sich kurzfristiges Fasten auf die neuronalen und kognitiven Mechanismen der Stressverarbeitung auswirkt. Ziel ist es, die biologischen Prozesse zu verstehen, die zur Stressresilienz beitragen. Das Projekt kombiniert neurobiologische Messungen mit psychologischen Tests. Für die Studie sucht das FASTress-Forschungsteam gesunde Teilnehmende.

 

Dieses Umschalten verändert im Tiermodell nachweislich das Verhalten und die Stressreaktion. «Bei Mäusen wurde beobachtet, dass das einerseits zu weniger ängstlichem Verhalten führt – das Erschrecken bei lauten Tönen ist deutlich reduziert –, aber auch zu mutigerem Verhalten in Stresssituationen», sagt Kaufmann. In so genannten Elevated-Maze-Tests, einem etablierten Verfahren zur Messung von Angst, zeigten die Mäuse unter Fastenbedingungen weniger Hemmung, Neues zu erkunden. Zudem lasse sich im Gehirn eine «dämpfende Wirkung» erkennen – eine geringere Reaktivität auf Stressreize.

Training des Stoffwechsels

Ob sich auch beim Menschen das Gehirn anders verhält, je nachdem, woher der Körper seine Energie bezieht, und Fasten dadurch beruhigend oder stabilisierend wirkt, ist Gegenstand von Kaufmanns Forschung. Eine Hypothese ist, dass sich der Körper in einer Phase des Nahrungsmangels ökonomischer verhält: «Es scheint plausibel, dass dann nicht zusätzlich Energie auf im Moment wenig hilfreiche Emotionen verschwendet wird», vermutet Kaufmann. Emotionale Reaktionen werden sparsamer, die Stressantwort reduziert sich. Dennoch betont sie, dass diese Effekte zeitlich begrenzt seien: «Verzichten Menschen längere Zeit auf Nahrung, steigt das Risiko für depressive Symptome.»

Lisa-Katrin Kaufmann

Bildlich gesprochen kann Intervallfasten als ein Training des Stoffwechsels betrachtet werden.

Lisa-Katrin Kaufmann
Psychologin

Kurzfristiges Fasten könnte demnach hypothetisch als ein temporäres Beruhigungssystem funktionieren – als ein neurobiologisches Innehalten, das den Körper veranlasst, Energie auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dieser Effekt könnte trainierbar sein. Wenn der menschliche Körper Übung im Fasten hat, finde eine gewisse Gewöhnung statt und er könne schneller in die Ketose, die Energiegewinnung aus Ketonen, umschalten, erklärt Kaufmann. «Bildlich gesprochen kann Intervallfasten als ein Training des Stoffwechsels betrachtet werden.»

Gegen die ständige Verfügbarkeit

In welcher Form – und ob überhaupt – regelmässige Fastenperioden in Zukunft therapeutisch empfohlen werden könnten, hängt von den Studienergebnissen ab. «Das Ziel ist, aus der Beobachtung von gesundem Fasten dessen Einfluss auf Stress und Angst besser zu verstehen und daraus Impulse für die Therapie zu gewinnen», sagt Kaufmann. Mögliche Erkenntnisse könnten die Behandlung von Angst- und verschiedenen Essstörungen beeinflussen.

Ob Therapieform oder spirituelle Übung: Für beide, den Theologen wie auch die Psychologin, ist Fasten eine Praxis, die Körper und Geist verbindet. Wer fastet, unterbricht den Rhythmus der ständigen Verfügbarkeit. «In einer Überflussgesellschaft ist Fasten eine Herausforderung – aber genau deshalb ist es heute so wichtig», sagt Ralph Kunz. Wer sich darauf einlasse, erfahre eine unerwartete Belohnung.

Vielleicht liegt genau im bewussten Entzug ein Rezept für das, was uns in der Adventszeit oft fehlt: Ruhe und Besinnung.