Ohne Hürden durch Zürich
Zürich ist ein holpriges Pflaster. Zumindest für Menschen, die nicht so mobil sind. Bordkanten können für Personen, die im Rollstuhl sitzen oder Mühe mit dem Gehen haben, zu Stolpersteinen werden, Treppen und grosse Strassenkreuzungen zu unüberbrückbaren Hürden. «Viele ältere Menschen haben das Bedürfnis, mobil zu sein, und würden gerne einen Spaziergang durch die Stadt machen», sagt Christina Röcke, «wenn sie wüssten, auf welcher Strecke es genügend Sitzbänke hat, um sich auszuruhen, oder wie sie Verkehrsampeln vermeiden können, an denen sie lange warten müssen.»
Christina Röcke ist Psychologin und Co-Direktorin des UZH Healthy Longevity Center (HLC). Mit dem Center assoziiert ist auch das Forschungsprojekt «ZuReach» der Ingenieurin und Geoinformationsspezialistin Hoda Allahbakhshi. ZuReach hat sich zum Ziel gesetzt, mobilitätseinschränkende Orte in der Zürcher Innenstadt zu kartieren und die entsprechenden Informationen in einer Datenbank zu sammeln. Diese Daten sind die Grundlage für ein digitales Navigationstool, das es Menschen mit eingeschränkter Mobilität künftig erlauben soll, möglichst barrierefrei in Zürich unterwegs zu sein. Obwohl es zahlreiche digitale Anwendungen gibt, die uns Wegplanung und Orientierung erleichtern, fehlt bislang ein solches Tool.
Den Alltag erforschen
ZuReach vereint viele Aspekte, die für die Forschungs- und Innovationsphilosophie am Healthy Longevity Center stehen. Das Projekt setzt beispielsweise auf Citizen Science. Betroffene sind an der Datensammlung beteiligt und liefern Informationen zu Mobilitätshindernissen in der Zürcher Innenstadt. Damit sind die späteren Nutzerinnen und Nutzer des entstehenden Navigationstools von Beginn weg an seiner Entwicklung beteiligt. Dies garantiert, dass das Projekt nahe an den alltäglichen Herausforderungen ist, die es zu lösen gilt. Dafür arbeiten die Forschenden des HLC auch mit externen Partnern, etwa mit der Stadt Zürich zusammen. Zudem setzt ZuReach auf die digitale Technologie – als Vehikel für die Forschung und um Probleme zu lösen.
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Unsere Forschung zeigt, dass viele ältere Menschen trotz gesundheitlicher Einschränkungen aktiv und vielfältig interessiert sind.
Die Alternsforschung an der UZH steht für einen neuen, datenbasierten und interdisziplinären Ansatz und hat bereits früh auf die Digitalisierung gesetzt. «Schon bevor 2008 die ersten Smartphones auf den Markt kamen, haben wir das Potenzial dieser Technologie für die Forschung erkannt», sagt Mike Martin, der von 2013 bis 2024 den Universitären Forschungsschwerpunkt «Dynamik Gesunden Alterns» geleitet hat und heute Direktor des UZH Healthy Longevity Center ist. Denn smarte digitale Geräte wie das Handy machen es möglich, den Alltag von Menschen individuell und im Detail zu untersuchen. Sie legen damit die Basis dafür, gesundes Altern neu und ganzheitlicher zu denken. «Das Geheimnis der gesunden Langlebigkeit findet man nicht durch Laborstudien, sondern vor allem in der realen Welt», sagt Martin. Genau diese Alltagsrealität analysiert die Forschung an der UZH.
Einseitiger Blick auf Defizite
Um den Alltag älterer Menschen in all seinen Facetten zu erforschen, hat ein interdisziplinäres Team von Wissenschaftler:innen aus Psychologie, Informatik und Geografie auch eigene Messgeräte entwickelt – etwa den tragbaren Sensor uTrail. Das kleine, vielseitige Gerät, das am Gürtel befestigt werden kann, registriert Bewegungen im Raum und körperliche Aktivitäten, zeichnet Gesprächsschnipsel auf und misst soziale Kontakte. uTrail liefert wichtige Informationen für die Alternsforschung und ist eines der Kernstücke der seit 2013 laufenden MOASIS-Studie, die Psychologin Christina Röcke gemeinsam mit dem Geografen Robert Weibel leitet.
Die Forschenden untersuchen unter anderem mit Hilfe des Sensors das Leben von über 150 Probandinnen und Probanden im Alter von 65 bis 90 Jahren. «Mit den so gewonnenen Informationen lässt sich ein relativ genaues Bild des Alltags der Teilnehmer:innen zeichnen», sagt Röcke. Die Studie macht unter anderem deutlich, wie wichtig soziale Kontakte und die Mobilität für die mentale und körperliche Gesundheit und die Lebensqualität im Alter sind. «Alltagsaktivitäten beeinflussen Gedächtnis und Wohlbefinden unmittelbar positiv», sagt die Psychologin. Und MOASIS zeichnet ein differenziertes, lebendiges und äussert buntes Bild, wie dieser Alltag im Alter gelebt wird. Deutlich wurde auch, dass viele ältere Menschen trotz gesundheitlicher Einschränkungen aktiv und vielfältig interessiert sind, betont Christina Röcke.
«Alter wird heute häufig mit Krankheit gleichgesetzt», sagt Mike Martin, «wir haben eigentlich ein Krankheits- und kein Gesundheitssystem.» Anders gesagt: Der Blick von Wissenschaft und Gesellschaft ist einseitig auf die Defizite des Alters gerichtet und nicht auf beides: die Defizite und die Potenziale. Denn auch Letztere gibt es: So zeigen die Forschungsprojekte am Healthy Longevity Center, dass ältere Menschen viel leistungsfähiger sind als gemeinhin angenommen.
«Heute hört man oft, dass wir zwar länger leben, damit aber die Zahl der Jahre, in denen wir krank sind, ansteigt», sagt Martin. Das bedeute allerdings nicht, dass wir dann untätig sind und nur Kosten verursachen, die das Gesundheitssystem belasten. Denn oft handle es sich um chronische Krankheiten, die sich in viele Fällen gut managen lassen. «Das ist auch der Grund, weshalb ältere Leute, die chronisch krank sind, gleichzeitig auch produktiv Firmen führen, erwerbstätig sind und Freiwilligenarbeit leisten», sagt der Gerontopsychologe. Das aktive Leben im Alter trägt zum individuellen Wohlbefinden bei, aber nicht nur das. Auch die Gesellschaft kann davon profitieren. Die Wertschöpfung, die durch Personen über 65 in der Schweiz erbracht wird, werde selten beziffert, hält Martin fest. Sie beträgt jährlich rund 30 Milliarden Franken.
Eine Voraussetzung für ein aktives Leben im Alter ist allerdings, dass Menschen nach der Pensionierung überhaupt die Möglichkeit dazu haben. Denn es gibt viele Hürden, die ein angeregtes und mobiles Leben im Alter erschweren. «Beispielsweise gibt es Bildungsgesetze, die Qualität, Inhalte und Finanzierung von Bildung und Weiterbildung regeln – aber nur bis 65», sagt Mike Martin, «würde man gleiche strukturelle Bedingungen für alle Altersgruppen schaffen, müssten sich Ältere nicht dafür rechtfertigen, dass sie sich für Bildung interessieren.»
Verdrängte Verletzlichkeit
Solche Hindernisse zu erkennen, sie aus dem Weg zu räumen und neue Möglichkeiten für ältere Menschen zu schaffen, um an der Gesellschaft teilzuhaben, ist eines der Ziele der Forschung am Healthy Longevity Center – sie manifestieren sich im Mobilitätsprojekt ZuReach, aber auch in der digitalen Lernplattform WiseLearn für Menschen über 65 Jahre oder einem neu entwickelten Betreuungskonzept für Personen mit Demenz, die unter anderem am HLC entstanden sind.
Mit ihren Projekten arbeiten die Forscher:innen der UZH an einem neuen, facettenreicheren Altersbild und sie geben dem Modebegriff «Healthy Longevity» eine neue Bedeutung. Die «gesunde Langlebigkeit» ist zurzeit weltweit ein Hype-Thema. Das Geschäft mit Anti-Ageing-Kuren und -Kliniken, die die vermeintlich ewige Jugend versprechen, floriert und Influencer wie der amerikanische Unternehmer Bryan Johnson, der mit einem strengen Trainings- und Diätregime versucht, sein Leben zu verlängern, geben in den sozialen Medien den Takt vor. «Hinter dem internationalen Longevity-Hype steht das Ziel, mit Mitteln der Medizin und der Biologie das Altern zu bekämpfen», sagt Christina Röcke, «er beruht auf einer Gesundheitsvorstellung, die auf Jugendlichkeit fixiert ist und unsere Verletzlichkeit verdrängt.»
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Wir sollten definieren, was die grossen gesellschaftlichen Fragen und Probleme sind, und daran arbeiten, wie wir sie lösen können.
Dem diametral entgegengesetzt ist die Auffassung der Healthy-Longevity-Forschenden an der UZH: Sie verstehen Gesundheit und Lebensqualität nicht als Abwesenheit von Krankheit, sondern als Chance für Menschen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen das zu tun, was für sie sinnvoll und wichtig ist. Dies betont auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem neuen Modell des gesunden Alterns, an dem UZH-Psychologe Martin mitgearbeitet hat. Wichtig ist deshalb, Gesundheit individuell und situationsbezogen zu verstehen. «Eine Person ist mehr als ihre Symptome», sagt Mike Martin, «statt Krankheiten nach Diagnosen zu klassifizieren, sollten wir darauf schauen, wie sie sich individuell manifestieren – im Fachjargon nennt man das Phänotypisierung.» Eine Person, die an Demenz leidet, kann beispielsweise durchaus zuhause leben – wenn es die Lebensumstände erlauben. Dies zu erkennen, ermöglicht auch massgeschneiderte Lösungen, die zu mehr Lebensqualität führen.
Universität in der Vordenkerrolle
Gesunde Langlebigkeit ist eine von vier strategischen Innovationsinitiativen des UZH Innovation Hub, also Forschungs- und Innovationsbereiche, die besonders zukunftsweisend sind und entsprechend unterstützt werden. Das UZH Healthy Longevity Center wolle Innovationen vorantreiben, die ein ganzes System verändern, sagt Mike Martin. Er sieht die akademische Forschung in einer Vordenkerrolle, sozusagen als wissenschaftlichen Think-Tank für die gesunde Langlebigkeit.
«Wir sollten definieren, was die grossen gesellschaftlichen Fragen und Probleme sind, und daran arbeiten, wie wir sie lösen können», sagt Martin. Die universitäre Forschung könne so Wirtschaft und Gesellschaft inspirieren – und beispielsweise Start-up-Firmen zu konkreten Projekten anregen. Um den Weg für solche Projekte zu ebenen, ist die Pflege eines dichten Netzwerks von Kooperationspartnern aus Wissenschaft, Öffentlichkeit und Wirtschaft deshalb eine wichtige Aufgabe des Healthy Longevity Center.
Das grosse Kapital für Innovationen am HLC sind die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die es ermöglicht ein komplexes Thema wie die gesunde Langlebigkeit differenziert zu bearbeiten, und die riesigen Mengen an Daten, die die Altersforscher:innen beispielsweise im MOASIS-Projekt bisher zusammengetragen haben. Sie sind die Grundlage für neue wissenschaftliche Erkenntnisse und für konkrete Problemlösungen, an denen Projekte wie ZuReach arbeiten.
In einem neuen Projekt wollen die Forschenden des HLC nun gemeinsam mit UZH-Informatiker:innen den bisher geschaffenen Datenraum mit Daten aus Psychologie, Medizin, Biologie und Geschichtsforschung erweitern und diese vereinheitlichen, damit sie besser nutzbar sind. Mit Hilfe dieses gespeicherten Wissens könnten künftig individuelle digitale Beratungssysteme entstehen, die älteren Menschen zur Seite stehen, sie in alltäglichen Situationen unterstützten und damit ihr Wohlbefinden fördern. «An solchen sozial verantwortlichen Technologien sollten wir weiterarbeiten», sagt Mike Martin, «das sind Innovationen, die die Gesellschaft weiterbringen.» Sie ermöglichen Menschen beispielsweise, ohne Hürden durch Zürich zu flanieren.