COP17: Umsetzung der Ziele erfordert rasches Handeln
Nur noch vier Jahre haben die die Unterzeichnerstaaten des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (KM-GBF) Zeit, um ihr vereinbartes Ziel zu erreichen: Den Rückgang der Biodiversität zu stoppen und umzukehren. Die bisher unternommenen Massnahmen reichen nicht aus, das zeigte der an der Konferenz verabschiedete Bericht zur Biodiversität.
«Die Länder sind sich einig, dass man nun handeln muss, und zwar rascher als bisher», sagt die Maria J. Santos, Professorin für Erdsystemwissenschaften, die im Rahmen der Konferenz an zwei Panels teilgenommen hat. Allerdings, so Santos, fehlten für rasches Handeln das Geld und ein starker politischer Wille.
COP17
Die UN-Vertragsstaatenkonferenzen (COP) zielen darauf ab, globale Strategien und Massnahmen der gesamten Gesellschaft zum Schutz der biologischen Vielfalt zu gestalten. An diesen Konferenzen kommen Vertreter von Regierungen, lokalen und indigenen Gemeinschaften, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und Forschung sowie der Wirtschaft aus aller Welt zusammen. Vor vier Jahren verabschiedeten 196 Länder das Globale Rahmenwerk für Biodiversität von Kunming-Montreal (KM-GBF), eine globale Biodiversitätsstrategie mit 23 konkreten Zielen, die bis 2030 erreicht werden sollen. An der COP17 wurde eine erste Bewertung vorgelegt, aus der hervorging, dass die Länder nicht auf Kurs sind, die Ziele zu erreichen. Insbesondere müssen die Länder mehr Mittel bereitstellen und die Umsetzung sowie die Überwachung der Massnahmen verbessern.
Santos war Teil der Delegation der UZH, die an der rund zweiwöchigen Konferenz wissenschaftliche Ergebnisse und Analysen präsentierten, die als Grundlage für die Verhandlungen dienten. «Bis zum neuen Berichtszyklus bleiben nun noch zwei Jahre», sagt Santos. «Ich hoffe, dass die Länder sich nun darauf ausrichten, die Ziele zu erreichen.»
Gene aus dem Weltall
Gestärkt werden müsste unter anderem das Reporting zur Biodiversität, erklärt Oliver Selmoni, der an der UZH eine Forschungsgruppe Klimawandel und Genomik leitet. «Mit den Zielen für 2030 vor Augen ist es zentral, die Fortschritte messen zu können», sagt er. «Dazu müssen die Länder ihre Kapazitäten zur Überwachung der Biodiversität verbessern.» Selmoni vertrat in Jerewan die «Genes from Space» Initiative zusammen mit Claudia Röösli, Gruppenleiterin am Remote Sensing Laboratory der UZH und Meredith Schumann, Professorin für Räumliche Genetik von Ökosystemen.
Das zentrale Ziel dieser von Forschenden der UZH geleiteten Initiative ist es, Kapazitäten für die Überwachung der genetischen Vielfalt aus dem Weltraum aufzubauen. Dafür entwickeln sie Instrumente, mit denen Satellitendaten genutzt werden können, um daraus Kennzahlen für genetische Diversität abzuleiten.
Die Erhaltung der genetischen Vielfalt wildlebender Arten – die Grundlage der Biodiversität – ist ein zentrales Ziel der KM-GBF, doch bisher haben nur wenige Länder darüber Bericht erstattet. Die über Satelliten erfassten Daten ermöglichen es, entscheidende Lücken bei der Datenerhebung im Feld zu schliessen. Dies erleichtert die Berichterstattung und dient der Überwachung dieses Ziels.
Neue Perspektiven zu Biodiversität
Dasselbe gilt auch für Kulturpflanzen. Hier bildet die genetische Vielfalt die Grundlage für die Ernährungssicherheit. Pflanzenbiologe Kentaro Shimizu zeigte in Jerewan, dass bisher kaum erforschte lokale Kulturpflanzensorten wertvolle genetische Eigenschaften wie Krankheitsresistenz und Trockenheitstoleranz aufweisen. Das sind Ressourcen, mit denen eine widerstandsfähige, nachhaltige Landwirtschaft gestärkt und gleichzeitig der Einsatz von Pestiziden reduziert werden kann.
Einen anderen Ansatz zur Überwachung der Biodiversität präsentierte Postdoktorandin Maura Ganz. Sie zeigte auf, wie die Artenvielfalt mit kostengünstigen akustischen Sensoren überwacht werden kann. Dies senkt die finanziellen und logistischen Hürden für die Datenerhebung und ermöglicht, dass grössere Räume über längere Zeit überwacht werden können.
Postdoktorand Fernando Gonçalves lenkte den Blick auf Naturgefahren wie Hurrikane, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis und darauf, wie diese Gefahren bedrohte Arten dem Aussterben näherbringen können. Zudem untersucht er, inwiefern diese Risiken aufgrund des Klimawandels zunehmen könnten, weil etwa Hurrikane häufiger auftreten und an Schwere zunehmen. Gonçalves kartiert diese Gefahren und macht diese Art von Informationen so leichter auffindbar und nutzbar. Entscheidungsträger:innen können so die richtigen Arten an den richtigen Orten rechtzeitig schützen und dazu beitragen, die KM-GBF-Ziele zu erreichen.
Daten gleichberechtigt berücksichtigen
Daten zu erheben, ist nur eine der Herausforderungen, die am COP17 diskutiert wurden. Ebenso wichtig ist, welche Daten überhaupt berücksichtigt werden und woher sie kommen. «Daten sind niemals neutral», sagt Santos: «Wer sie erhebt, wie sie erhoben und überprüft werden, wer darauf zugreifen kann und wie sie genutzt werden – all das bestimmt, wessen Interessen geschützt werden.»
«Data to Action»
Unter dem Motto «Wissenschaft und Wissenssysteme für die Biodiversität vernetzen» gehört die Universität Zürich zu den Organisatoren des Pavillons «Data to Action». «Der Pavillon war ein eigens eingerichteter Ausstellungs-, Tagungs- und Diskussionsraum an der COP17», sagt Schumann, die die Organisation für die UZH koordinierte. Die darin angebotenen Veranstaltungen konzentrierten sich darauf, wie Biodiversitätsdaten aus verschiedenen Wissenssystemen genutzt werden können, um Überwachungs- und Schutzmassnahmen im Zusammenhang mit der KM-GBF zu unterstützen. Sie zeigten exemplarisch auf, wie an der UZH Wissen zur Biodiversität in Handeln umgesetzt wird.
Mit mehr als 80 Veranstaltungen über zwei Wochen brachte der Pavillon Organisationen zusammen, die im gesamten Wissensökosystem der Biodiversität tätig sind. Der Pavillon wurde gemeinsam von der Universität Zürich, der Global Biodiversity Information Facility (GBIF), dem Biodiversitätsbeobachtungsnetzwerk der Group on Earth Observations (GEO BON), der Group on Earth Observation (GEO) und der Smithsonian Institution in Zusammenarbeit mit den Partnern und Sponsoren Allen Institute for AI (AI2), Esri, der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und dem Quebec Centre for Biodiversity Science (QCBS) realisiert. Ermöglicht wurde dies durch die Unterstützung der NOMIS Foundation.
Einzelne Beiträgen der UZH-Delegation befassten sich mit der Rolle der Macht beim Verlust der Biodiversität und beim Artenschutz und wiesen darauf hin, dass das globale System zur Überwachung der Biodiversität allen Gemeinschaften gleichermassen dienen muss – eines der grossen Themen, die an der COP17 diskutiert wurden.
Postdoktorandin Sierra Deutsch leitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe im Bereich der politischen Ökologie und untersucht, wie Machtdynamiken die Entscheidungsfindung beeinflussen. Sie erforscht, wessen Definitionen von «Natur» in der Politik berücksichtigt werden – und wessen nicht. An einem Workshop im «Data to Action»-Pavillon (siehe Kasten) stellte Deutsch Methoden vor, um indigene, praxisbezogene und akademische Wissenssysteme gleichberechtigt miteinander zu verknüpfen.
«Die COP17 der CBD war ein unglaublich dynamischer internationaler und transdisziplinärer Raum, der wichtige Einblicke in die Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik bot», sagt Deutsch, «darunter auch, wie und warum wissenschaftliche Erkenntnisse in der Politik aufgegriffen – oder ausser Acht gelassen – werden.»