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Biodiversität

COP17: Umsetzung der Ziele erfordert rasches Handeln

Vergangene Woche haben sich 196 Staaten an der COP17-Konferenz im Jerewan geeinigt, dass sie die Anstrengungen beschleunigen müssen, um den Verlust der Biodiversität bis 2030 zu stoppen. Eine Delegation von Forschenden der UZH zeigte vor Ort auf, wie die Wissenschaft helfen kann, dieses Ziel zu erreichen – und wie Wissen in Handeln umgesetzt werden kann.
Autor: UZH Kommunikation
Satellitendaten können die Überwachung der Biodiversität im Feld unterstützen und verbessern: Das von Forschenden der UZH an der COP17-Konferenz in Jerewan präsentierte Beispiel zeigt, wie die Forschung die Umsetzung der Ziele zum Schutz der Artenvielfalt unterstützen kann. (Bild: GettyImages, Nikada)

Nur noch vier Jahre haben die die Unterzeichnerstaaten des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (KM-GBF) Zeit, um ihr vereinbartes Ziel zu erreichen: Den Rückgang der Biodiversität zu stoppen und umzukehren. Die bisher unternommenen Massnahmen reichen nicht aus, das zeigte der an der Konferenz verabschiedete Bericht zur Biodiversität.

«Die Länder sind sich einig, dass man nun handeln muss, und zwar rascher als bisher», sagt die Maria J. Santos, Professorin für Erdsystemwissenschaften, die im Rahmen der Konferenz an zwei Panels teilgenommen hat. Allerdings, so Santos, fehlten für rasches Handeln das Geld und ein starker politischer Wille.

COP17

Die UN-Vertragsstaatenkonferenzen (COP) zielen darauf ab, globale Strategien und Massnahmen der gesamten Gesellschaft zum Schutz der biologischen Vielfalt zu gestalten. An diesen Konferenzen kommen Vertreter von Regierungen, lokalen und indigenen Gemeinschaften, der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und Forschung sowie der Wirtschaft aus aller Welt zusammen. Vor vier Jahren verabschiedeten 196 Länder das Globale Rahmenwerk für Biodiversität von Kunming-Montreal (KM-GBF), eine globale Biodiversitätsstrategie mit 23 konkreten Zielen, die bis 2030 erreicht werden sollen. An der COP17 wurde eine erste Bewertung vorgelegt, aus der hervorging, dass die Länder nicht auf Kurs sind, die Ziele zu erreichen. Insbesondere müssen die Länder mehr Mittel bereitstellen und die Umsetzung sowie die Überwachung der Massnahmen verbessern.

COP17

Santos war Teil der Delegation der UZH, die an der rund zweiwöchigen Konferenz wissenschaftliche Ergebnisse und Analysen präsentierten, die als Grundlage für die Verhandlungen dienten. «Bis zum neuen Berichtszyklus bleiben nun noch zwei Jahre», sagt Santos. «Ich hoffe, dass die Länder sich nun darauf ausrichten, die Ziele zu erreichen.»

Gene aus dem Weltall

Gestärkt werden müsste unter anderem das Reporting zur Biodiversität, erklärt Oliver Selmoni, der an der UZH eine Forschungsgruppe Klimawandel und Genomik leitet. «Mit den Zielen für 2030 vor Augen ist es zentral, die Fortschritte messen zu können», sagt er. «Dazu müssen die Länder ihre Kapazitäten zur Überwachung der Biodiversität verbessern.» Selmoni vertrat in Jerewan die «Genes from Space» Initiative zusammen mit Claudia Röösli, Gruppenleiterin am Remote Sensing Laboratory der UZH  und Meredith Schumann, Professorin für Räumliche Genetik von Ökosystemen.

  • UZH Delegation
    Die Mitglieder der UZH-Delegation vor dem «Data to Action» Pavillon. Von links: Dr. Fernando Martin Gonçalvez, Dr. Claudia Röösli, Dr. Oliver Selmoni, Dr. Sierra Deutsch, Prof. Maria J. Santos, Prof. Meredith C. Schuman, Dr. Maura Ganz. Es fehlt: Prof. Kentaro Shimizu.
  • Genes form Space
    Das Team von «Genes from Space» präsentierte neue Instrumente, um die Überwachung der genetischen Vielfalt zu verbessern.
  • Kentaro Shimizu
    Kentaro Shimizu sprach über den Wert von Nutzpflanzen-Sorten für die nachhaltige Landwirtschaft.
  • Fernando Gonçalves
    Fernando Gonçalves zeigte auf, welchen Einfluss Naturgefahren auf das Risiko des Aussterbens von Arten haben.
  • Maria J. Santos
    Maria J. Santos präsentierte unter anderem den Bericht der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES).
  • Sierra Deutsch
    Sierra Deutsch diskutierte das Thema, wie Machtverhältnisse Entschiedungsfindungen zu Biodiversität prägen.

Das zentrale Ziel dieser von Forschenden der UZH geleiteten Initiative ist es, Kapazitäten für die Überwachung der genetischen Vielfalt aus dem Weltraum aufzubauen. Dafür entwickeln sie Instrumente, mit denen Satellitendaten genutzt werden können, um daraus Kennzahlen für genetische Diversität abzuleiten.

Die Erhaltung der genetischen Vielfalt wildlebender Arten – die Grundlage der Biodiversität – ist ein zentrales Ziel der KM-GBF, doch bisher haben nur wenige Länder darüber Bericht erstattet. Die über Satelliten erfassten Daten ermöglichen es, entscheidende Lücken bei der Datenerhebung im Feld zu schliessen. Dies erleichtert die Berichterstattung und dient der Überwachung dieses Ziels.

Neue Perspektiven zu Biodiversität

Dasselbe gilt auch für Kulturpflanzen. Hier bildet die genetische Vielfalt die Grundlage für die Ernährungssicherheit. Pflanzenbiologe Kentaro Shimizu zeigte in Jerewan, dass bisher kaum erforschte lokale Kulturpflanzensorten wertvolle genetische Eigenschaften wie Krankheitsresistenz und Trockenheitstoleranz aufweisen. Das sind Ressourcen, mit denen eine widerstandsfähige, nachhaltige Landwirtschaft gestärkt und gleichzeitig der Einsatz von Pestiziden reduziert werden kann.

Einen anderen Ansatz zur Überwachung der Biodiversität präsentierte Postdoktorandin Maura Ganz. Sie zeigte auf, wie die Artenvielfalt mit kostengünstigen akustischen Sensoren überwacht werden kann. Dies senkt die finanziellen und logistischen Hürden für die Datenerhebung und ermöglicht, dass grössere Räume über längere Zeit überwacht werden können.

Postdoktorand Fernando Gonçalves lenkte den Blick auf Naturgefahren wie Hurrikane, Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis und darauf, wie diese Gefahren bedrohte Arten dem Aussterben näherbringen können. Zudem untersucht er, inwiefern diese Risiken aufgrund des Klimawandels zunehmen könnten, weil etwa Hurrikane häufiger auftreten und an Schwere zunehmen. Gonçalves kartiert diese Gefahren und macht diese Art von Informationen so leichter auffindbar und nutzbar. Entscheidungsträger:innen können so die richtigen Arten an den richtigen Orten rechtzeitig schützen und dazu beitragen, die KM-GBF-Ziele zu erreichen.

Daten gleichberechtigt berücksichtigen

Daten zu erheben, ist nur eine der Herausforderungen, die am COP17 diskutiert wurden. Ebenso wichtig ist, welche Daten überhaupt berücksichtigt werden und woher sie kommen. «Daten sind niemals neutral», sagt Santos: «Wer sie erhebt, wie sie erhoben und überprüft werden, wer darauf zugreifen kann und wie sie genutzt werden – all das bestimmt, wessen Interessen geschützt werden.»

«Data to Action»

Unter dem Motto «Wissenschaft und Wissenssysteme für die Biodiversität vernetzen» gehört die Universität Zürich zu den Organisatoren des Pavillons «Data to Action». «Der Pavillon war ein eigens eingerichteter Ausstellungs-, Tagungs- und Diskussionsraum an der COP17», sagt Schumann, die die Organisation für die UZH koordinierte. Die darin angebotenen Veranstaltungen konzentrierten sich darauf, wie Biodiversitätsdaten aus verschiedenen Wissenssystemen genutzt werden können, um Überwachungs- und Schutzmassnahmen im Zusammenhang mit der KM-GBF zu unterstützen. Sie zeigten exemplarisch auf, wie an der UZH Wissen zur Biodiversität in Handeln umgesetzt wird.

Mit mehr als 80 Veranstaltungen über zwei Wochen brachte der Pavillon Organisationen zusammen, die im gesamten Wissensökosystem der Biodiversität tätig sind. Der Pavillon wurde gemeinsam von der Universität Zürich, der Global Biodiversity Information Facility (GBIF), dem Biodiversitätsbeobachtungsnetzwerk der Group on Earth Observations (GEO BON), der Group on Earth Observation (GEO) und der Smithsonian Institution in Zusammenarbeit mit den Partnern und Sponsoren Allen Institute for AI (AI2), Esri, der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und dem Quebec Centre for Biodiversity Science (QCBS) realisiert. Ermöglicht wurde dies durch die Unterstützung der NOMIS Foundation.

Data to Action

Einzelne Beiträgen der UZH-Delegation befassten sich mit der Rolle der Macht beim Verlust der Biodiversität und beim Artenschutz und wiesen darauf hin, dass das globale System zur Überwachung der Biodiversität allen Gemeinschaften gleichermassen dienen muss – eines der grossen Themen, die an der COP17 diskutiert wurden.

Postdoktorandin Sierra Deutsch leitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe im Bereich der politischen Ökologie und untersucht, wie Machtdynamiken die Entscheidungsfindung beeinflussen. Sie erforscht, wessen Definitionen von «Natur» in der Politik berücksichtigt werden – und wessen nicht. An einem Workshop im «Data to Action»-Pavillon (siehe Kasten) stellte Deutsch Methoden vor, um indigene, praxisbezogene und akademische Wissenssysteme gleichberechtigt miteinander zu verknüpfen.

«Die COP17 der CBD war ein unglaublich dynamischer internationaler und transdisziplinärer Raum, der wichtige Einblicke in die Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik bot», sagt Deutsch, «darunter auch, wie und warum wissenschaftliche Erkenntnisse in der Politik aufgegriffen – oder ausser Acht gelassen – werden.»