Krebserregende Supergene
«Die aktuellen Therapien für Hirntumoren bei Kindern sind noch nicht gut genug», sagt die Kinderonkologin Ana Guerreiro Stücklin. Heute sterben viel weniger Kinder an Hirntumoren als vor zwanzig Jahren. Aber es sind immer noch zwanzig bis dreissig Prozent der Erkrankten. «Die Überlebenschancen haben sich verbessert», sagt Guerreiro Stücklin, «aber nicht so markant wie bei anderen Kinderkrebserkrankungen wie Leukämie oder Nierentumoren.»
Einige besonders aggressive Hirntumoren bei Kindern wie hochgradige Gliome oder diffuse intrinsische Ponsgliome sind heute noch nicht heilbar, so Guerreiro Stücklin: «Sie sind unerbittlich und wachsen trotz Strahlen- und Chemotherapie weiter.»
Hirntumoren zu behandeln, ist besonders schwierig, weil sie komplex sind und das zentrale Nervensystem betroffen ist. Dort sind sie für herkömmliche Behandlungen schwerer erreichbar – Operationen in lebenswichtigen Bereichen können mit hohen Risiken verbunden sein, die Blut-Hirn-Schranke blockiert manche Medikamente und die Tumoren haben oft keine klaren Konturen, sondern wachsen diffus in Hirngewebe hinein. Hinzu kommt, dass es «viele verschiedene Arten von Hirntumoren bei Kindern gibt», sagt SNF- Eccellenza-Professorin Guerreiro Stücklin.
Das Beste herausholen
Trotz dieser Hindernisse sind traditionelle Therapien wie chirurgische Eingriffe, Chemotherapien und Bestrahlungen nach wie vor die wichtigsten Behandlungsmethoden. «Wir müssen das Beste aus allem herausholen, was uns zur Verfügung steht», sagt Ana Guerreiro Stücklin, «und wir müssen die Therapien ständig verbessern, damit wir den Tumor erfolgreicher behandeln und gleichzeitig die Nebenwirkungen verringern können.»
Neben der Verbesserung bestehender Therapien sei es wichtig, ständig neue zu entwickeln, betont die Neuroonkologin. «Wir bieten mehrere klinische Studien an, die Innovationen und neue Behandlungen für unsere Patienten ermöglichen.» Im Rahmen solcher sogenannter «early phase clinical trials» erhalten die Kinder Zugang zu neuen Therapien, die sich noch in der Entwicklung befinden. Das ist wichtig, vor allem für Patient:innen, bei denen bestehende Behandlungen nicht ausreichen, um den Krebs erfolgreich zu bekämpfen.
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Wir sehen, dass Teile von zwei Genen zu einem neuen ‹Supergen› verschmelzen. Dieses erzeugt ein aggressives Protein, welches das Wachstum von Tumorzellen antreibt.
Ana Guerreiro Stücklin behandelt krebskranke Kinder und forscht gleichzeitig an neuen Therapien. Damit schlägt sie die Brücke zwischen der Grundlagenforschung und der Klinik. Das sei ihr wichtig, sagt sie, denn um Fortschritte bei der Behandlung von Krebs zu erzielen, «muss die Forschung verstehen, was die Kliniker brauchen, um die Patient:innen besser zu behandeln. Gleichzeitig zeigt sich bei der Behandlung, welche Therapien wirken und welche nicht.» Dieses Feedback ist für die Forschung und für die Entwicklung von klinischen Studien sehr wichtig.
Neben der kontinuierlichen Verbesserung bestehender Therapien und Behandlungsprotokolle arbeitet Guerreiro Stücklin auf einem Gebiet, das besonders vielversprechend ist, um die Entstehung von Hirntumoren zu verstehen und diese zu bekämpfen: die sogenannten Genfusionen. Sie wurden in den 1980er-Jahren erstmals entdeckt. Unter dem Mikroskop konnte man sehen, dass Teile von beschädigten Genen zu neuen fusionierten, woraus dann Krebszellen entstanden.
Das zeigte, dass Krebs nicht nur durch Schäden am Erbgut entstehen kann, sondern auch durch eigentliche «Neuschöpfungen». Die Genomsequenzierung erlaubt heute, noch viel genauer zu sehen, was auf der genetischen Ebene passiert. «Viele Tumoren, die gleich aussahen, konnten mit der Genomsequenzierung als biologisch völlig unterschiedlich erkannt werden», sagt Guerreiro Stücklin.
Aggressive Proteine bekämpfen
Das gilt auch für die Genfusionen. Diese können präziser charakterisiert werden. «Wir sehen, dass Teile von zwei Genen zu einem neuen ‹Supergen› verschmelzen», erklärt Guerreiro Stücklin, «dieses erzeugt ein aggressives Protein, welches das Wachstum von Tumorzellen antreibt.» Solche Fusionen wirken wie ein Schalter. Ist er eingeschaltet, entstehen Krebszellen und ihr Wachstum wird angetrieben. Deshalb sind Genfusionen für die Forschung interessant, sagt Guerreiro Stücklin: «Sie bieten ein ideales Angriffsziel für Therapien. Wenn es gelingt, das Fusionsprotein zu blockieren, kann man den Tumor bekämpfen, ohne gesunde Zellen zu beschädigen.»
Genfusionen treten vor allem bei Kindern auf, oft im ersten oder zweiten Lebensjahr, wenn sich das Gehirn sehr schnell entwickelt. Zu solchen krebserregenden Genfusionen kommt es nicht nur im Gehirn, sondern auch bei anderen Tumorarten wie Leukämien oder Sarkomen. Deshalb ist die Erforschung von Genfusionen für die gesamte Krebsbiologie wichtig, sagt Guerreiro Stücklin: «Unsere Forschungsergebnisse zu diesem Tumortyp könnten auch Therapien für andere Krebsarten ermöglichen.» Die gute Nachricht ist, dass Genfusionen sehr gut auf gezielte Therapie ansprechen, wie erste Studien zeigen.
Sind die Genfusionen der Hebel, mit dem sich auch sehr aggressive Krebsformen behandeln lassen? Ana Guerreiro Stücklin erklärt: «Viele aggressive Hirntumoren werden nicht durch Genfusionen angetrieben. Doch wenn wir dank neuer biologischer Erkenntnisse neue Möglichkeiten sehen, um Krebs zu bekämpfen, verfolgen wir diese.» Das sei der Weg, um die Medizin weiterzuentwickeln: «Wir bringen das Wissen aus der klinischen Praxis und aus der Forschung zusammen und schaffen daraus etwas Besseres.»