Schweizer Wissenschaftspreis Latsis

«Besserer Zugang zu Medizin und innovativen Technologien»

Kerstin Noëlle Vokinger erhält den mit CHF 100’000 dotierten Schweizer Wissenschaftspreis Latsis, der an Nachwuchsforschende bis 40 Jahre vergeben wird. Die UZH-Professorin für Öffentliches Recht und Digitalisierung ist ein Multitalent. Sie hat parallel Rechtswissenschaften und Medizin studiert und in beiden Disziplinen promoviert.

Interview: Thomas Gull

Vokinger Porträt
Vokinger Porträt
«Der Latsis-Preis ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind», sagt Kerstin Noëlle Vokinger. (Bild: Daniel Rihs)

 

Sie haben den renommierten Latsis-Preis für Nachwuchsforschende erhalten. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Kerstin Noëlle Vokinger: Der Latsis-Preis ist eine unerwartete und grosse Ehre für mich und mein Forschungsteam. Wir freuen uns sehr und sind der Fondation Latsis und dem Schweizerischen Nationalfonds sehr dankbar für die Auszeichnung. Der Preis motiviert uns in unseren Bestrebungen, Lösungen zu entwickeln, die den Zugang der Gesellschaft zur Medizin und zu innovativen Technologien verbessern.

Sie gelten als Multitalent. Sie haben an der UZH gleichzeitig Rechtswissenschaften und Humanmedizin studiert und promoviert. Wie nutzen Sie diese Fächerkombination für Ihre Forschung?

Ich und mein Forschungsteam sind multidisziplinär aufgestellt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in meinem Team kommen aus verschiedenen Fachbereichen – Recht, Medizin, Gesundheitswissenschaften, Ökonomie, Statistik und Informatik. Wir nutzen unsere Multi- und Interdisziplinarität, um Forschungsfragen holistisch oder zumindest aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren.

Die Laudation zum Latsis-Preis attestiert Ihnen, dass Sie interdisziplinäre und methodische Ansätze anwenden, die in der Schweiz bisher einzigartig sind. Worin besteht aus Ihrer Sicht diese Einzigartigkeit?

Wir setzen uns mit neuen Technologien auseinander wie Künstliche Intelligenz, Krebs- oder Gentherapien. Denn die besten Technologien nützen nur wenig, wenn sie der Gesellschaft nicht zugänglich sind. Und nicht alle neue Technologien sind nützlich für die Gesellschaft – gewisse können auch Gefahren mit sich bringen. Hier setzt unsere Forschung an und hier schlagen wir die Brücke: Wir untersuchen diese neuen Technologien im Hinblick auf Chancen und Gefahren für die Gesellschaft, sei dies etwa Nutzen, Zulassung und Kosten. Dabei verbinden wir die klassische juristische Methodik mit Empirie – wobei wir technische, medizinische, ökonomische und statistische Analysen durchführen.

Sie beschäftigen sich mit der rechtlichen Regulierung von Wirtschaftsbereichen, die für die Gesellschaft besonders relevant sind. Wie wählen Sie die Themen aus?

Interesse, Neugier sowie noch fehlende Lösungen zu drängenden Herausforderungen treiben mich und mein Team an.

Welche Themen sind im Moment für Sie besonders relevant?

Neben den bereits erwähnten Gebieten wie Künstlichen Intelligenz, Krebs- oder Gentherapien beschäftigen wir uns auch mit Fragen zu Gesundheitssystemen oder wie mit den Folgen der Digitalisierung umzugehen ist. Dazu gehören etwa die Möglichkeit der Re-Identifikation von Personen mit dem Einsatz von «Big Data», oder das Spannungsverhältnis zwischen technologischem Fortschritt und Persönlichkeitsschutz des Individuums, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sie machen nicht nur Analysen, sondern auch konkrete Vorschläge für Behörden, Gesetzgeber und internationale Organisationen. Weshalb ist das für Sie wichtig?

Unser Ziel ist, praktisch relevante Forschung zu betreiben, die der Gesellschaft dient. In den Bereichen der Medizin und Technologie gibt es viele Fragen, die für die Gesellschaft wichtig sind. Doch häufig fehlen noch die Antworten. In unserer Forschung greifen wir diese Fragen auf. Basierend auf fundierten Analysen erarbeiten wir dann konkrete Regulierungsvorschläge für Behörden in und ausserhalb der Schweiz, Gesetzgeber sowie internationale Organisationen. Unser Ziel ist, dass die Gesellschaft Zugang hat zu innovativen Technologien mit möglichst hohen Chancen und geringen Risiken.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, mit Ihrer Arbeit soll etwa der Zugang der Patientinnen und Patienten zu medizinscher Versorgung verbessert werden. Wie tragen Sie dazu bei?

Wir entwickeln konkrete Vorschläge beispielsweise für die Regulierung, Zulassung, Preisfestsetzung und Nutzung von Arzneimitteln und Medizinprodukten oder die Regulierung von Gesundheitssystemen, immer mit dem Ziel einer optimalen Behandlung von Patientinnen und Patienten.

Sie haben die Preisgestaltung von Arzneimitteln bei Krebsbehandlung analysiert. Mit welchem Ergebnis?

In dem von Ihnen angesprochenen Forschungsprojekt konnten wir aufzeigen, dass es einerseits Krebsmedikamente gibt mit tiefem therapeutischem Nutzen, die aber teuer sind. Andererseits gibt es Krebsmedikamente, die einen hohen therapeutischen Nutzen haben, aber tiefe Preise. Ebenfalls konnten wir aufzeigen, dass die Kosten für Krebstherapien in den letzten Jahren substantiell zugenommen haben, obwohl in der Schweiz sowie in anderen Ländern Regulierungen in Kraft sind, die dieser Entwicklung entgegenwirken sollten.

Haben Sie konkrete Vorschläge gemacht? Welche?

Ja, wir haben vorgeschlagen, dass der therapeutische Nutzen stärker in den Preisfestsetzungsverfahren berücksichtigt werden sollte. Der therapeutische Nutzen sollte im Preis reflektiert sein. Es ist wichtig, dass die richtigen Anreize geschaffen werden – nur Arzneimittel mit einem hohen therapeutischen Nutzen sollen auch finanziell «belohnt» werden. Ansonsten bezahlt die Gesellschaft hohe Preise für Arzneimittel, die die Gesundheit nicht substantiell verbessern.

Sie beschäftigen sich unter anderem damit, wie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz reguliert werden kann. Das haben Sie als «Gratwanderung» bezeichnet. Weshalb?

Die Gratwanderung besteht darin, dass bei einer Überregulierung oder zu restriktiven Regulierung Innovation und Fortschritt unnötig gehemmt werden. Das verhindert den Zugang zu wichtigen, innovativen Technologien. Doch fehlende oder ungenügende Regulierung ist ebenfalls mit Gefahren verbunden. Neue Technologien gehen nicht nur mit Chancen, sondern auch mit Risiken und potentiellen Schäden für die Gesellschaft einher. Solche müssen ebenfalls vermieden werden. Kurzum: Das Recht hat die Funktion, bei neuen Technologien, wie der Künstliche Intelligenz, das Potential zu fördern und Risiken zu minimieren.

Worin bestehen für Sie die Herausforderungen bei dieser Gratwanderung?

Die Regulierung von innovativen Technologien ist aus verschiedenen Gründen herausfordernd. Es gilt beispielsweise, die verschiedenen Interessen zu kennen und gegeneinander abzuwägen. Idealerweise hat man zudem gewisse Kenntnisse über oder zumindest ein Verständnis für diese Technologien. Dort, wo mir das notwendige Wissen fehlt, arbeite ich mit Expertinnen und Experten in meinem Forschungsteam und von ausserhalb zusammen.

Was ist Ihr nächstes grosses Ziel?

Die Entwicklungen in der Medizin und von neuen Technologien gehen mit vielen Herausforderungen einher, die wir in unserer Forschungstätigkeit analysieren und für welche wir Lösungsansätze entwickeln möchten. Mit jedem Forschungsprojekt kommen wir unserem grossen Ziel etwas näher, den Zugang der Gesellschaft zur Medizin und zu innovativen Technologien zu verbessern. Der Latsis-Preis ist ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

 

Kerstin Noëlle Vokinger

Kerstin Noëlle Vokinger wurde 1988 in Zürich geboren und studierte an der Universität Zürich (UZH) parallel Rechtswissenschaften und Humanmedizin. Sie legte anschliessend das Anwaltspatent des Kantons Zürich ab und absolvierte das medizinische Staatsexamen. Sie promovierte an der UZH in Biomedical Ethics and Law bei Prof. Dr. Thomas Gächter, bevor sie ein Jahr später den medizinischen Doktortitel an der Universität Basel erlangte. Darüber hinaus absolvierte Kerstin Noëlle Vokinger einen LL.M. an der Law School der Harvard University und forschte an der Harvard Medical School. Sie habilitierte an der medizinischen Fakultät der UZH. Seit 2019 ist sie Professorin an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der UZH. Vokinger ist auch affiliiertes Fakultätsmitglied an der Harvard Medical School. Sie hat in ihrer Karriere unter anderem Forschungsstipendien der Harvard Law School, der Krebsforschung Schweiz sowie vom Schweizerischen Nationalfonds erhalten.

Fondation Latsis

Der Schweizer Wissenschaftspreis Latsis (zuvor Nationaler Latsis-Preis) wird seit 1983 jährlich durch den SNF im Auftrag der 1975 gegründete Fondation Latsis verliehen. Mit dem Preis werden Nachwuchsforschende im Alter von bis zu 40 Jahren an Schweizer Universitäten für herausragende Beiträge geehrt. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden über ein Auswahlverfahren des SNF bestimmt.

Thomas Gull, UZH Kommunikation

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