Evolution

Je schlechter die Umwelt, desto mehr Hilfe erhalten Eltern

Die kooperative Kinderfürsorge ist für uns Menschen essentiell. Sie erlaubte uns grössere Gehirne zu entwickeln, besser voneinander zu lernen, sozialer zu sein. Doch weshalb hat die menschliche Evolution diesen Weg eingeschlagen? Forscher der Universität Zürich testeten die prominente Hypothese, dass verschlechterte Umweltbedingungen den Ausschlag gegeben haben. Sie zeigten, dass Eltern in widrigeren Gegenden auch heute noch mehr Hilfe erhalten.

Adrian Jäggi

Familie aus dem Bolivianischen Amazonasgebiet Bildergalerie
Überall auf der Welt werden Eltern bei der Kinderfürsorge unterstützt, von älteren Kindern, Grosseltern, und Anderen. Ohne solche Hilfe wäre die menschliche Evolution so nicht möglich gewesen. Hier Tsimane Eltern aus dem Bolivianischen Amazonasgebiet, die ihre vielen Kinder alleine kaum ernähren könnten. (Bild: Adrian Jäggi)

 

Alle Schimpansenmütter sind alleinerziehend. Doch bei uns Menschen sind Mütter nicht alleine, sie erhalten Hilfe vom Vater, den Grosseltern, oder anderen Gruppenangehörigen. Diese gemeinsame Kinderfürsorge war wohl ausschlaggebend für vieles, das uns von unseren nächsten Verwandten unterscheidet: grössere Gehirne, Intelligenz, Kultur, Sprache. Doch wie kam es dazu? Das Klima veränderte sich vor etwa zwei Millionen Jahren dramatisch, es wurde kälter, und unbeständiger. Könnte dies die menschliche Evolution in die entscheidende Richtung gelenkt haben? Ohne eine Zeitmaschine lässt sich diese These zwar nicht direkt testen, doch Forscher der Universität Zürich nahmen einen anderen Ansatz.

Nicht überall ist die Kinderfürsorge gleich verteilt

Menschliche Gesellschaften sind extrem vielseitig. Wir haben in den letzten Jahrtausenden alle Winkel der Erde besiedelt, und uns dabei an verschiedenste Umweltbedingungen angepasst. Die Lebensweisen traditioneller Gesellschaften auf der ganzen Welt wurden von Ethnologen sorgfältig dokumentiert und in umfassenden Datenbanken erfasst. „Diese gut dokumentierte Vielfalt ist für uns eine wahre Goldgrube“ sagt Professor Adrian Jäggi, vom Institut für evolutionäre Medizin, „denn sie erlaubt uns zu testen welche Faktoren zu unterschiedlichen Anpassungen führen“. Jordan Martin, Doktorand und Erstauthor dieser Studie kam auf die Idee, zu testen ob die Umwelt die Kinderfürsorge beeinflusst. „Es gibt mathematische Modelle und vergleichende Studien bei anderen Arten, die diese Hypothese unterstützen“, sagt Martin.

Martin, Jäggi, und ihre Koauthoren schauten sich 141 traditionelle Gesellschaften an, die auf der ganzen Welt verteilt waren und in denen Eltern entweder wenig oder viel Hilfe bei der Kinderfürsorge erhielten. Darunter sind zum Beispiel die Comanche und andere Indianerstämme, die in den Wüsten und kargen Steppen Nordamerikas lebten; bei ihnen war die nichtelterliche Fürsorge besonders ausgeprägt. In eher tropischen, beständigeren Gegenden wie bei den Yąnomamö im südamerikanischen Regenwald waren die Mütter eher auf sich alleine gestellt. Tatsächlich korreliert die Fürsorge insgesamt stark mit Umweltfaktoren wie Niederschlag und Temperatur – je kälter, trockener, und unbeständiger das Klima, desto mehr Hilfe erhielten Eltern.

Wir gegen die Natur

Was erklärt diesen Zusammenhang? „Je schwieriger die Umwelt, desto mehr muss man zusammenhalten“, sagt Martin, „das sieht man auch bei anderen Formen der Zusammenarbeit“. Ein klassisches Beispiel ist, dass Leute viel eher miteinander das Essen teilen, wenn die Nahrungsbeschaffung unberechenbarer ist. „Wenn ich mit leeren Händen von der Jagd zurückkomme kann ich bei meinen Nachbarn essen, und morgen ist es vielleicht umgekehrt“, beschreibt Jäggi. So fördern Herausforderungen der Natur den Zusammenhalt. Bei der Kinderfürsorge verhält es sich ähnlich. Wenn alle aufeinander angewiesen sind hilft es dem Onkel oder der Nachbarin indirekt auch die Eltern zu entlasten.

Auch bei anderen Arten

Nicht nur bei uns Menschen sieht man diesen Zusammenhang zwischen Umwelt und Kinderfürsorge. Auch bei anderen Säugetieren sowie bei Vögeln findet man gemeinsame Jungenaufzucht vor allem in schwierigen Gegenden. So leben zum Beispiel die Erdmännchen in der Kalahari in grossen Familiengruppen in denen Männchen und ältere Jungtiere dem Weibchen den Grossteil der Arbeit abnehmen. „Zusammen ergibt das ein sehr überzeugendes Bild“, folgert Jäggi. „Zwar haben wir keine Zeitmaschine, aber es scheint jetzt doch sehr plausibel, dass veränderte Umweltbedingungen unsere Evolution in diese Richtung gelenkt haben“.

Adrian Jäggi, Institut für Evolutionäre Medizin

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