Ethnologie

Zukunft erfinden

Die Expertisen und Vorhersagen von Finanzanalysten sind imaginäre Konstrukte – sagt Stefan Leins. Der Ethnologe hat ihren Alltag und ihre Arbeit erforscht.

Simona Ryser

Stefan Leins
Stefan Leins
Betrieb für seine Dissertation Feldforschung in der Finanzwelt: Ethnologe Stefan Leins. (Bild: Philipp Rohner)

 

Er lacht die halbironisch gestellte Frage weg und blinzelt mir zu. Selbstverständlich habe er sein Geld nicht auf der Bank angelegt. Stefan Leins ist Ethnologe. Jetzt sitzt er leger in Hemd und Hose am Arbeitstisch.

Für seine Dissertation hatte er sich in Schale geworfen. Seine Forschungsreise ging nämlich nicht in die fernen Welten einer fremden indigenen ethnischen Gruppe, er reiste vielmehr mitten ins Herz der eigenen Gesellschaft. Für seine Dissertation richtete er den Blick auf das Bankenwesen. Was sich hinter den marmornen Fassaden abspielt, ist für Aussenstehende wie eine Blackbox.  

Zwei Jahre lang hat Stefan Leins, Oberassistent am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft an der UZH, in einer Schweizer Grossbank Feldforschung betrieben.

Neben den Händlern, den Kundenberatern, den Compliance Officers hat er vor allem Finanzanalysten und Finanzanalystinnen getroffen, beobachtet, studiert und ihren Alltag geteilt. Abends zeichnete er seine Beobachtungen auf und vertiefte sich in die Fachliteratur. Er traf auf eine Welt, die nach ihren ganz eigenen, vielfältigen Regeln und kulturellen Codes funktioniert. Dazu gehört eine sorgsam gepflegte hierarchische Ordnung.

Manschettenknöpfe und Jogginghose 

Leins erzählt die Anekdote von einem Praktikanten, der bei den Finanzanalysten mit seinen Manschettenknöpfen nichtsahnend gegen den Dresscode verstiess. In dieser Berufsgruppe kleidet man sich dezent, fast bieder. Nach ein, zwei Wochen meinte ein Analyst, der Praktikant solle mit seinen Manschettenknöpfen doch zu den Kunden-beratern. Dort nämlich ist man in vornehmes Tuch gewandet, wenn man die reiche Klientel empfängt.

Noch einmal ganz anders ist der kulturelle Code bei den Börsenhändlern. Im Traderraum sitzen sie in Jogginghose vor ihren Bildschirmen. «Tatsächlich ist das Handeln eine extrem physische Angelegenheit», sagt Leins. Obwohl die Präsenzbörse kaum noch existiert, geht auch das Handeln am Bildschirm mit Körpereinsatz vor sich. Die Händler stehen unter Stress, schreien herum, das Telefon in der Hand bewegen sie sich, springen auf und ab.

Warum hat es den Ethnologen gerade in die Finanzbranche verschlagen? Leins schmunzelt. Nein, auch wenn er am Zürichseeufer aufgewachsen ist, seine Eltern sind keine Bankiers, sondern Staatsangestellte. Doch Leins hatte während der Studienzeit an der UZH immer bei Banken gejobbt – weil da der Stundenlohn einfach besser ist, als wenn man hinter einer Bartheke steht.

Schon damals sei ihm aufgefallen, dass das eine besondere Welt sei. Als dann 2007 die globale Krise die Finanzbranche erschütterte, befand er als Ethnologe, er müsse nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus kultureller Perspektive untersuchen, was da abgeht.

Voodoo und Hexerei

Zum ethnografischen Blick ist Stefan Leins gewissermassen avant la lettre gekommen. Nach dem Gymnasium wollte er ins Ausland und lebte drei Monate im jamaikanischen Busch bei einer Familie in einer Holzhütte. Dort galten ungewohnte, fremde Gesetze und Regeln. Es gab Voodoo und Hexerei. Wenn jemand krank war, suchte man den Buschdoktor auf, der magische Praktiken zur Heilung anwendete.

Dieses Erlebnis hat den jungen Mann geprägt. Sozusagen aus lauter Sehnsucht nach dieser Zeit studierte Leins dann Ethnologie, zudem Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Arabisch. Er ist nicht zurück nach Jamaika gereist. Mit dem nun erworbenen ethnografischen Rüstzeug hat er dafür einen Bereich der eigenen Gesellschaft untersucht. Stefan Leins hebt die Schultern. Im globalisierten Kontext seien die geografischen Unterscheidungen von Eigenem und Fremdem obsolet geworden, betont er. Der anthropologische Blick kann sich auch aufs Nahe richten und trifft dort auf Fremdes. «Gut möglich, dass ich jungen Leuten mit ähnlichen Interessen in Afrika oder Asien näherstehe als den Bankern in Zürich», sagt der Ethnologe.

Leins zieht ein blaues Buch aus dem Regal. «Stories of Capitalism» heisst seine Dissertation, die 2017 mit dem Mercator Award ausgezeichnet wurde und nun als Buch bei der University of Chicago Press erschienen ist. Die genaue Fragestellung für seine Untersuchung entwickelte sich im Feld, in der Bank.

Dem Forscher fiel auf, dass die Finanzanalysten, mit denen er den Arbeitsalltag teilte, auf seine Frage, wie sie zu ihren Prognosen kommen, ausweichende Antworten gaben. Sie sprachen vom Instinkt. Man müsse «ein Gefühl für den Markt entwickeln», man müsse ihn «spüren». Bald wurde Leins klar, dass die Expertisen und Prognosen der Finanzanalysten im Grunde imaginäre Konstrukte sind – was die ökonomische Fachwelt gar nicht bestreitet.

Wenn es aber so ist, dass die Analysten durch ihre Tätigkeit keine bessere Performance ausweisen können als durch einen blossen Zufallstreffer, so fragte sich Leins, wieso sind sie dann überhaupt hier? Welche Rolle spielen sie? Wie ist es möglich, dass eine Praxis, die im Grunde so umstritten ist, eine so grosse Reputation geniesst? Stefan Leins lehnt sich im Stuhl zurück. Kapitalismus ist ein System, das auf Vorstellungen der Zukunft beruht, erklärt er. Er verweist auf den Soziologen Jens Beckert. 

Dieser postuliert, dass jede Form von kapitalistischer Aktivität einen Zukunftsbezug hat. Gebe ich jemandem einen Kredit, stelle ich mir vor, dass dieser eines Tages zurückbezahlt wird. Ob das wirklich geschieht, zeigt erst die Zukunft.

Es gibt zwar einen Wahrscheinlichkeitsfaktor, wie die ökonomische Entwicklung verlaufen könnte, de facto ist die Zukunft aber grösstenteils nicht abschätzbar. Aus diesem Grund braucht es eine Institution, die mögliche Narrative und Szenarien für die Zukunft aufzeigt – das sind die Finanzanalysten, so Leins. 

Sinnstiftendes Nichtwissen

In diesem Moment zwinkert uns der Buschdoktor in Jamaika zu. Genau wie bei ihm ist es die Aufgabe der Analysten, ihr Nichtwissen sinnstiftend darzustellen. Sie erzählen Geschichten – die neuste Idee von Elon Musk, das innovativste Smartphone – die die Entwicklung des Börsenkurses, die unvorhersehbare Zukunft vorstellbar machen und so eine Matrix für eine sinnvolle Investition bieten. «Finanzanalysten existieren nicht, weil die Zukunft voraussehbar wäre, sondern weil sie eben unvorhersehbar ist», resümiert der Ethnologe.

Stefan Leins' «Stories of Capitalism» stösst auf grosses Interesse, auch in der Fachwelt. So wird er als Referent an Foren eingeladen, die sonst ausschliesslich von Ökonomen bestritten werden. Zwischen den vielen Vorträgen und Auftritten trifft der Ethnologe die Vorbereitungen für seine nächste Reise. Diese führt ihn in eine andere Blackbox: den Rohstoffhandel.

In Zusammenarbeit mit Forschern aus der Schweiz, Deutschland, England, China und Sambia und verschiedenen NGO will er die Arbeit der Rohstoffhändler als kulturelle Praxis untersuchen. Weil der Zugang zu diesen Netzwerken schwierig ist, hat Leins kurzerhand eine Ausbildung als Rohstoffhändler gemacht und sich dadurch die Türen für sein neues Forschungsfeld geöffnet.  

Nachgefragt bei Stefan Leins

Wo sind Sie am kreativsten? – Meine Kreativität ist ortsunabhängig. Deswegen stauen sich meine Ideen auch oft in der Notizen-App meines iPhones.

Was machen Sie, um den Kopf auszulüften und auf neue Gedanken zu kommen? – Joggen auf dem Käferberg. Oder Rap hören. Das ist meine Therapie.

Mit welcher (berühmten) Persönlichkeit würden Sie gerne zu Abend essen und weshalb? – Mit Gillian Tett – einer Ethnologin, die zu Heiratsritualen in Tadschikistan promovierte und nun Managing Editor der Zeitung «Financial Times» ist.

Drei Bücher, die sie auf die einsame Insel mitnehmen würden? – «The End Of Capitalism (As We Knew It)» von J. K. Gibson-Graham, «The Mushroom at the End of the World» von Anna Tsing und «A Cyborg Manifesto» von Donna Haraway. Ich sollte mich nämlich dringend mal in die feministische politische Ökonomie einlesen.

Kugelschreiber oder Laptop? – Ganz klar Laptop.

Berg oder Strand? – Weder noch. Ich bin zugegebenermassen ein ziemliches Stadtkind. 

Simona Ryser ist freischaffende Journalistin

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