5 Tipps von Nature-Chefredaktorin Magdalena Skipper
Rund 200 Angehörige des wissenschaftlichen Nachwuchses aller Fakultäten strömten am vergangenen Mittwoch in den Hörsaal im Hauptgebäude der Universität Zürich (UZH), um Magdalena Skipper, Chefredaktorin von Nature, zu treffen. Sie gab Einblicke in ihre Arbeit und erklärte, worauf Nature-Redaktorinnen und -Redaktoren bei der Beurteilung eines eingereichten wissenschaftlichen Artikels achten. In der folgenden Stunde gab sie zahlreiche nützliche Tipps – und räumte mit dem einen oder anderen Mythos rund ums wissenschaftliche Publizieren.
1. Erzählen Sie eine überzeugende Geschichte
«Forschung verläuft selten in der geordneten Abfolge, in der sie später in einem Artikel dargestellt wird», erklärte Skipper. Experimente können Forschende zunächst entlang verschlungener Pfade führen, bevor sich dann ein schlüssiges Gesamtbild ergibt. Beim Verfassen des Artikels muss dieses Bild jedoch klar erkennbar sein. «Ein Mensch – eine Redaktorin oder ein Redaktor – wird Ihren Artikel lesen. Bei der ersten Einreichung ist also entscheidend, ob Sie eine Geschichte erzählen, die die Leserin oder den Leser überzeugt. Es handelt sich aber um einen wissenschaftlichen Artikel. Deshalb muss diese Geschichte natürlich fundiert sein, und die Schlussfolgerungen mit belastbaren Belegen gestützt werden. […] Wenn wir Ihre Artikel veröffentlichen, möchten wir zeigen, wie fundiert und sorgfältig Sie Ihre Forschung durchgeführt haben.»
Eine klare Geschichte hilft den Leserinnen und Lesern, ein Forschungsvorhaben von der Hypothese über eine ganze Reihe von Modellierungs- oder experimentellen Schritten bis zur Schlussfolgerung nachzuvollziehen und dabei die geltenden Bedingungen und Einschränkungen zu erkennen. Eine überzeugende Geschichte macht zudem deutlich, «welche neuen Erkenntnisse Ihr Artikel bringt. Und bei Nature erwarten wir natürlich einen markanten Forschungsfortschritt», ergänzte Skipper.
![]()
Ihre Geschichte muss natürlich fundiert sein, und die Schlussfolgerungen mit belastbaren Belegen gestützt werden.
2. Zeigen Sie, warum Ihre Ergebnisse über Ihr Fachgebiet hinaus relevant sind
Nature ist eine multidisziplinäre wissenschaftliche Zeitschrift. Das bedeutet nicht, dass einzelne Artikel mehrere Disziplinen abdecken müssen. Die Redaktorinnen und Redaktoren prüfen jedoch, ob die Implikationen einer Forschungsarbeit über das unmittelbare Fachgebiet hinausreichen. Ein Artikel aus der Genetik kann beispielsweise auch für Forschende relevant sein, die sich mit Krankheiten, Bevölkerungsgeschichte, Archäologie, Anthropologie oder Linguistik beschäftigen.
Die Redaktion prüft daher, «inwieweit ein Artikel auch für andere Disziplinen Erkenntnisse liefert». Ein Artikel kann für eine bestimmte Forschungsgemeinschaft einen grundlegenden Fortschritt darstellen und dennoch nicht in das Profil von Nature passen. «Vielleicht ist es kein Nature-Artikel, weil er zu spezifisch auf diese Forschungsgemeinschaft ausgerichtet ist», erklärte Skipper.
3. Machen Sie deutlich, was wirklich neu ist
Neben einer gewissen Offenheit gegenüber anderen Disziplinen achten die Redaktorinnen und Redaktoren von Nature bei einer ersten Prüfung insbesondere auf den Neuheitswert der Forschungsergebnisse. Als Fachleute in ihren jeweiligen Gebieten beurteilen sie diesen Anspruch anhand der bereits veröffentlichten wissenschaftlichen Literatur.
Welche Art von Neuheitswert sucht Nature? Skipper betonte, dass es darauf keine allgemeingültige Antwort gebe – und dass ein Nature-Artikel nicht zwingend einen neuen Wirkungsmechanismus erklären müsse. «Es gibt die Vorstellung, dass man eine Nature-Publikation vergessen könne, wenn man nicht einen neuen Mechanismus präsentiert. Dass es sich dann nicht einmal lohne, etwas einzureichen. Das stimmt nicht und hat noch nie gestimmt. Es hängt von der jeweiligen Disziplin ab.»
Als Beispiel verwies Skipper auf das Human Genome Project; die Arbeiten des öffentlichen Konsortiums wurden in Nature veröffentlicht. Die ursprüngliche Genomsequenz lieferte keinen Mechanismus und für sich genommen auch keine biologischen Erkenntnisse. Dennoch erwies sie sich für zahlreiche Disziplinen als wegweisend. «Das Neue an diesem Artikel lag in den Möglichkeiten, die er eröffnete.»
Als weitere besonders eindrückliche Beispiele für Neuheitswert nannte sie die Veröffentlichung von AlphaFold, einem von Googles DeepMind entwickelten KI-Tool, das die Arbeitsweise in der Strukturbiologie revolutionierte. Oder den ersten Artikel, in dem Daten von Facebook verwendet wurden und welcher Hinweise darauf lieferte, dass politische Entscheidungen durch Interaktionen in sozialen Medien beeinflusst werden können.
Neuheitswert kann also in einer neuen Entdeckung oder in der Erschliessung neuer Datensätze liegen – aber auch darin, was eine Forschungsarbeit auf einmal möglich macht.
4. Sie müssen nicht alles tun, was Gutachterinnen und Gutachter verlangen
Sobald ein Artikel die erste redaktionelle Prüfung bestanden hat und in das Peer-Review-Verfahren gelangt ist, können Autorinnen und Autoren die Forderungen der Gutachterinnen und Gutachter durchaus infrage stellen. «Es bedeutet nicht, dass Sie wirklich alles tun müssen, was eine Gutachterin oder ein Gutachter verlangt», sagte Skipper. «Sie können widersprechen und sagen: ‹Das beruht eigentlich auf einem Missverständnis.›»
Manchmal gehen vorgeschlagene Änderungen über das hinaus, was erforderlich ist, um die Schlussfolgerungen ausreichend zu belegen. «Das ist eine gute Frage, aber eine Frage für einen anderen Artikel» könne in solchen Fällen eine vollkommen legitime Antwort sein, erklärte sie.
Entscheidend sei, ob die im Manuskript gemachten Aussagen durch die vorgelegten Belege ausreichend gestützt werden. «Wenn sie ausreichend gestützt sind, dann sind all die anderen Fragen und Vorschläge der Gutachterinnen und Gutachter nice-to-have – ob Sie ihnen folgen, sollte in Ihrem Ermessen liegen.» Eine gute Redaktorin oder ein guter Redaktor sollte laut Skipper dabei helfen, zwischen Überarbeitungen zu unterscheiden, die zur Absicherung der Schlussfolgerungen eines Artikels notwendig sind, und Forderungen, die die Arbeit lediglich weiter ausdehnen würden.
5. Was nicht ins Begleitschreiben gehört – und wie man es richtig macht
Zunächst einmal ist ein Begleitschreiben nicht zwingend. «Vielleicht spricht Ihre Forschungsarbeit für sich selbst», erklärte Skipper. «Wenn Sie aber ein Schreiben einreichen, dann sorgen Sie dafür, dass es sich gut liest.»
Ein Begleitschreiben kann der Redaktion wichtige Informationen liefern. So können darin beispielsweise direkte Konkurrentinnen und Konkurrenten genannt werden, die als Gutachterinnen oder Gutachter ungeeignet sein könnten, oder es kann auf thematisch verwandte, unveröffentlichte Arbeiten beziehungsweise andernorts eingereichte Artikel hingewiesen werden. Gerade bei einer multidisziplinären Zeitschrift wie Nature kann das Schreiben zudem zusätzlichen Kontext liefern.
«Es bringt allerdings nicht viel, einfach zu wiederholen, was bereits in der Einleitung oder der Diskussion des Artikels steht», sagte Skipper. Noch weniger hilfreich sei «eine Empfehlung durch eine namentlich genannte Person, eine renommierte Wissenschaftlerin oder einen renommierten Wissenschaftler aus dem betreffenden Fachgebiet».
Skipper betonte, dass Autorinnen und Autoren das Begleitschreiben nutzen sollten, um zu erklären, weshalb ihre Arbeit die Aufmerksamkeit der Redaktion verdiene und was den erzielten Forschungsfortschritt besonders bedeutsam macht. Dazu schlug sie eine einfache Übung vor: Stellen Sie sich vor, Sie erklären Ihre Arbeit einer befreundeten Person, die ebenfalls in der Forschung tätig ist, aber nicht unbedingt auf demselben Gebiet. «Wie würden Sie diese Person davon überzeugen, dass die Arbeit, die Sie gerade gemacht haben, verdammt gut, wirklich cool und wirklich wichtig ist?»