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Interdisziplinär studieren

Die Fragen, die das Leben stellt

Was ist ein gutes Leben? Was heisst es, Mensch zu sein? Ein neuartiges interdisziplinäres Lehrangebot nimmt die antike Tradition wieder auf, an der Universität über die grossen Fragen des Daseins zu philosophieren.
Adrian Ritter
Brückenschlag zwischen Psychologie, Rechtswissenschaft, Theologie, Religionswissenschaft und Philosophie: Das interdisziplinäre Modul «Life worth living». (Bild: Diana Ulrich)

Es mag von aussen wie eine Stadtführung ausgesehen haben: In Gruppen von je rund zehn Personen besuchten Studierende und Dozierende der UZH bekannte Sehenswürdigkeiten in Zürich – das Grossmünster, den Lindenhof und das Fraumünster. Allerdings: Da gab es keine Führerin, die über die Geschichte der Stadt erzählte und alle anderen hörten zu. Sondern auf dem Spaziergang fanden zwischen allen Teilnehmenden angeregte Gespräche statt. Deren Inhalt drehte sich um ganz spezifische Fragen. Im Grossmünster etwa: Kann mir der Rückzug in die Stille helfen, zu klären, was ein gutes Leben ausmacht? 

Auf dem Lindenhof war die rund 40-köpfige Gemeinschaft aufgefordert, sich Gedanken zu machen: Wie prägt das Bewusstsein, Teil einer langen Geschichte der Menschheit zu sein, mein Leben – ist es eher Trost oder Last?

Kunz

Wir wollen den Ursprung der universitären Idee in der Antike wiederaufnehmen

Ralph Kunz
Professor für Praktische Theologie

Es waren ungewohnte Fragen, welche sich die Teilnehmenden des Lehrmoduls «Life worth living»  stellten. Neu sind die Fragen allerdings nicht. Die im Herbstsemester 2025 erstmals von der School for Transdisciplinary Studies (STS) an der UZH angebotene Lehrveranstaltung nahm Bezug auf die Vergangenheit: «Wir wollen den Ursprung der universitären Idee in der Antike wiederaufnehmen», sagt Ralph Kunz, Professor für Praktische Theologie an der UZH und Initiant der Veranstaltung. 

Die Studierenden widmen sich auf Spaziergängen den Grundfragen des Lebens – wie hier auf dem Lindenhof. (Bild: Diana Ulrich)

Schon antike Denker wie Platon und Sokrates widmeten sich auf Spaziergängen mit ihren Schülern und Schülerinnen den Grundfragen des Lebens. «Sie hatten die Vision, die Menschen im Dialog gemeinsam ergründen zu lassen, was im Leben wichtig ist.» Als Gründerväter der Idee der Universität sahen sie diese immer als zweierlei: «Als Ort für wissenschaftliches Denken, aber auch als Ort der Begegnung und des gemeinsamen Philosophierens», sagt Kunz.

Eine Bereicherung für alle

Er ist überzeugt: «Es ist nicht nur Privatsache, sich mit den grossen Fragen des Lebens zu beschäftigen.» Wer an die Universität gehe, bringe diese als Mensch immer auch mit ins Studium. «Sich an einer Hochschule damit beschäftigten zu können, ist eine persönliche Bereicherung, aber auch wertvoll für das Studium jeglicher Fachrichtungen», sagt Kunz. Denn die Kompetenzen, die man dabei erwerben könne, seien breit: Reflexionsfähigkeit, seine Gedanken präzis ausdrücken, Dialogfähigkeit und Urteilkraft. Vor allem aber gehe es auch darum, sich in die Perspektiven anderer versetzen zu können. 

Studierende üben sich in Reflexionsfähigkeit, Dialogfähigkeit und Urteilkraft. (Bild: Diana Ulrich)

Inspiriert ist das neuartige Modul durch die gleichnamige Lehrveranstaltung «Life worth living», die der Theologe Miroslav Volf seit 2014 an der Yale Universität in den USA anbietet. Die Idee hat inzwischen an verschiedenen Hochschulen weltweit Verbreitung gefunden. Ralph Kunz bietet das Modul gemeinsam mit vier UZH-Dozierenden aus Psychologie, Rechtswissenschaft, Religionswissenschaft und Philosophie. 

Die Grundstruktur der Veranstaltung ist dabei dieselbe wie in Yale. Die zweiwöchentlichen Treffen widmen sich jeweils einer zentralen Frage: Wer sind wir als Menschen? Was ist ein gutes Leben? Wofür trage ich Verantwortung? Wie können wir Leiden und Tod begegnen? Zur Vorbereitung dient jeweils die Lektüre von Texten, die sich aus verschiedenen Denk- und Glaubenstraditionen sowie wissenschaftlichen Fachrichtungen zu diesen Fragen äussern. Der anschliessende Input der Dozierenden geschieht meist im Co-Teaching. Geht es etwa um die Themen Schuld und Vergebung, können sich so die Sichtweisen von Rechtswissenschaft, Theologe und Psychologie ergänzen. 

Respektvoller Dialog

«Ich spreche mit meinen Mitstudierenden und in meinem Freundeskreis selten über solch grundlegende Fragen des Lebens», sagt Nina Brander. Sie studiert Veterinärmedizin im ersten Semester und empfindet die Veranstaltung als grosse Bereicherung. So sei es für sie neu, sich mit philosophischen Texten zu beschäftigen: «Aber es ist eine tolle Erfahrung, ich fühle mich inzwischen bereits vertrauter damit.» Dabei helfe, dass der interdisziplinäre Dialog sehr respektvoll stattfinde. «Die Teilnehmenden kommen aus den unterschiedlichsten Studienrichtungen und sind dabei verschieden weit fortgeschritten. Aber alle versuchen, sich verständlich auszudrücken. Und wir hören uns zu und nehmen andere Meinungen ernst», sagt Brander. 

Portrait Brander

Wir hören uns zu und nehmen andere Meinungen ernst.

Nina Brander
Bachelor-Studentin Veterinärmedizin

«Beeindruckend war für mich etwa der Text eines Astrophysikers mit seinem Blick auf die Menschheit oder die Sicht der indigenen Kulturen Amerikas auf das Nebeneinander von Pflanzen, Tieren und Menschen», sagt Brander. Klar ist für sie: Wichtiger als die Antworten sind die Fragen, die in diesem Modul aufgeworfen werden. Diese begleiten sie auch im Alltag. 

So sei ihr ihre naturwissenschaftliche Prägung bewusster geworden – und habe sich erweitert: «Ich sehe Dinge neu dank den Gesprächen im Modul.» Wenn sie etwa einen Baum im Wald zuvor primär als Lebensraum für Tiere interessiert habe, denke sie jetzt beim Anblick von Bäumen auch über Themen wie Wachstum und Verwurzelung nach. 

Verantwortung im Beruf

Im Hinblick auf ihr Studium ist die angehende Tierärztin dankbar, sich im Modul etwa mit Fragen nach der Verantwortung für das Leben beschäftigen zu können: «Es hilft, darauf vorberietet zu sein, bevor der Moment kommt, wo ich das erste Mal werde entscheiden müssen, ob es besser ist, ein krankes Tier einzuschläfern». 

Inspiriert hat sie auch der Aspekt der Selbstfürsorge im Zusammenhang mit der Frage nach dem guten Leben. «Es ist bekannt, dass Studierende und Berufstätige in Human- und Veterinärmedizin überdurchschnittlich oft an psychischen Problemen leiden. Für mich ist klar, dass es neben dem intensiven Beruf noch Platz für andere Interessen und genügend Erholung geben muss. Die Veranstaltung hat mich darin bestärkt, dies ernst zu nehmen», sagt Brander. 

Gemeinsam zu kochen und zu essen hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu ganz persönlichen Fragen des Lebens auszutauschen. (Bild: Diana Ulrich)

Unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben aus Wissenschaft, Religion und von Mitstudierenden kennenlernen: Dazu darf eine Veranstaltung auch mal anders gestaltet sein als ein herkömmliches Seminar. Bei «Life worth living» gehört dazu neben der Du-Kultur zwischen Studierenden und Dozierenden vor allem ein zweitägiger Blockkurs. Dabei spazieren die Teilnehmenden nicht nur gemeinsam durch Zürich, sondern kochen und essen auch gemeinsam. «Auch das hilft, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu ganz persönlichen Fragen des Lebens auszutauschen», sagt Ralph Kunz. 

Nächste Durchführung im Herbstsemester 2026 geplant

An der Schlussveranstaltung des Moduls werden sich die Teilnehmenden online mit dem Yale-Theologen Miroslav Volf unterhalten können. Nina Brander freut sich darauf. «Wir kriechen aus der Ecke unseres eigenen Faches, sprechen über ungewohnte Themen und lernen andere Sichtweisen kennen.» 

Genau dies hatte sie sich von der Veranstaltung erhofft. Und sie ist nicht allein damit. Das Modul war schnell ausgebucht – es besteht bereits eine Warteliste für die nächste Durchführung im Herbstsemster 2026.