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Lehrpreis der UZH

«Du musst vorbereitet sein, damit du spielen kannst»

Benjamin Wilding will, dass Studierende mitdenken, ausprobieren und auch mal Fehler machen dürfen. Der diesjährige Träger des UZH-Lehrpreises spricht im Interview über Praxisnähe, internationale Perspektiven und darüber, warum er für seine Studierenden einfach «Beni» ist.
Autor: Interview: David Werner
«Ich mag es, die Schwelle niedrig zu halten», sagt Benjamin Wilding, Dozent für Finance und Lehrpreisträger der UZH. (Bild: Sophie Stieger)

Herr Wilding …
Benjamin Wilding:
 Ich bin einfach der Beni, nicht «Herr Wilding» oder «Dr. Wilding». Ich mag es, die Schwelle niedrig zu halten, speziell auch im Gespräch mit den Studierenden. Sie sollen das Gefühl haben, dass sie mich auch einmal etwas fragen können, was nicht direkt mit dem Stoff zu tun hat.

Also Beni. Du hast den Lehrpreis der UZH gewonnen. Was bedeutet dir das?
Ich habe mich riesig gefreut. Es war tatsächlich schon länger mein Ziel, diesen Preis einmal zu gewinnen. Ich gebe mir grosse Mühe, meine Sache als Dozent gut zu machen. Deshalb ist der Preis für mich eine schöne Anerkennung. Besonders gefreut hat mich, dass Studierende reagiert und mir gratuliert haben.

Kann man sich den Lehrpreis wirklich als Ziel setzen?
Ja, durchaus. Ich war vorher schon ein paar Mal auf der Shortlist und habe immer verfolgt, wer den Preis bekommt. Da dachte ich: Das möchte ich auch einmal schaffen.

Warum investierst du so viel Energie in die Lehre?
Weil es sich lohnt. Ich hatte als Student zwei, drei Professoren, zu denen ich wirklich gerne in die Vorlesung gegangen bin, weil sie so engagiert waren.

Was haben diese Vorbilder besonders gut gemacht?
Sie haben Theorie und Praxis verbunden. Also nicht nur Modelle erklärt, sondern auch gezeigt, was draussen in der Welt gerade passiert. Das kann man ja im Fach Finance sehr gut: Man sieht sofort, welche Folgen eine Zinserhöhung für Aktien oder Bonds hat.

Darf Lehre auch unterhalten?
Unbedingt. Ich habe es als Student selbst geschätzt, wenn es einmal einen Witz oder eine lustige Anekdote gab. Lehre muss nicht trocken sein. Und mir ist das Menschliche wichtig. Als ich an die Universität kam, hatte ich riesigen Respekt vor Professoren. Irgendwann merkte ich: Das sind ja Menschen, mit denen man reden kann.

Benjamin Wilding im Gespräch mit Studierenden.
«Mir ist das Menschliche wichtig.» Benjamin Wilding im Gespräch mit Studierenden. (Bild: Sophie Stieger)

Wie viel deiner Lehre ist geplant – und wieviel entsteht spontan?
Inhalt und Struktur sind sehr genau geplant. Auch für Vorlesungen, die ich seit Jahren halte, investiere ich pro Doppellektion noch zwei bis drei Stunden in die Vorbereitung. Was ich dann tatsächlich sage, kann aber stark vom Skript abweichen. Wenn ich merke, dass die Studierenden sich zu langweilen beginnen, beginne ich zu improvisieren und flechte zum Beispiel Anekdoten ein. Ich gebe meiner Intuition viel Raum. Aber diese Freiheit kann ich mir nur erlauben, weil ich genau weiss, was ich vermitteln will. Du musst vorbereitet sein, damit du spielen kannst.

Du lässt auch deine Studierenden spielen. Warum?
Weil man Dinge anders versteht, wenn man sie selbst erlebt. Bei einem Brettspiel führen die Studierenden zum Beispiel ein Unternehmen. Wenn dann plötzlich kein Geld mehr in der Kasse ist, spüren sie sehr unmittelbar, was das bedeutet. Ich kann ihnen vorher erklären, was Liquidität ist. Aber wenn sie selber einen Fehler machen und die Konsequenz erleben, bleibt das stärker hängen.

Funktioniert das bei allen?
Nein. Vielleicht zehn Prozent finden solche Spiele völlig unnötig und würden lieber Theorie lernen und Formeln herleiten. Andere mögen den Konkurrenzaspekt nicht. Das ist auch völlig okay. Nicht alle müssen alles lustig finden.

Benjamin Wilding im Hörsaal
«KI erleichtert gewisse Dinge enorm», sagt Benjamin Wilding. (Bild: Sophie Stieger)

Verändert KI die Lehre grundlegend?
Bisher nicht. Aber KI erleichtert gewisse Dinge enorm. Ich kann zum Beispiel meine Slides analysieren lassen und fragen: Was könnte man besser machen? Wo gäbe es noch ein gutes Beispiel? Dadurch kommt man auf viele neue Ideen.

Langfristig wird KI aber schon verändern, was Studierende überhaupt noch lernen müssen. Sie fragen heute bereits: Warum muss ich das können? Die KI kann das doch besser.

Was antwortest du darauf?
Grundlagenwissen bleibt wichtig. Sonst kann man auch nicht beurteilen, was die KI liefert. Gleichzeitig wird es wichtiger, Wissen anwenden zu können. Deshalb finde ich Simulationen und spielbasiertes Lernen gerade heute spannend: Man probiert etwas aus, testet es, macht Fehler und lernt daraus.

Dein Fach Finance ist ausgesprochen international. Merkst du das auch in der Lehre?
Die Finanzmärkte sind grenzüberschreitend. Man kann darüber nicht sinnvoll sprechen und dabei nur die Schweiz anschauen. Viele Konzepte in meiner Disziplin gelten weltweit, die Forschung ist global, und Professorinnen und Professoren am Department of Finance kommen aus verschiedenen Ländern. Bei den Studierenden ist die Zusammensetzung im Bachelor noch relativ schweizerisch, im Master dagegen auch bereits sehr international.

Was verändert sich, wenn Studierende aus unterschiedlichen Ländern zusammenkommen?
Man merkt, dass Dinge unterschiedlich beurteilt werden. Die Studierenden erfahren, dass unsere europäische Sicht eben nur eine Sicht unter anderen ist. Unsere Summer School «Finance for the future» zum Beispiel ist ausgesprochen international zusammengesetzt. Da ergeben sich jedes Jahr spannende, manchmal sogar hitzige Diskussionen.

Wie förderst du den internationalen Austausch?
Bei Gruppenarbeiten achte ich auf eine gute Durchmischung. Es wäre schade, wenn beispielsweise nur asiatische Studierende miteinander arbeiten und daneben nur französische. Dann lernt man wenig voneinander. Ich ermutige die Studierenden auch immer, ein Austauschsemester zu machen. Das hilft vielleicht nicht immer unmittelbar fürs Studium, aber fürs Leben.

Benjamin Wilding im Gespräch mit Studierenden
«Ich ermutige die Studierenden immer, ein Austauschsemester zu machen», sagt Benjamin Wilding. (Bild: Sophie Stieger)

Welche Rolle spielen Gastreferentinnen und Gastreferenten?
Sie bringen einen anderen Blickwinkel hinein – vor allem, wenn sie aus der Praxis kommen. Ich erzähle den Studierenden vielleicht, was die Theorie zu einem Finanzmarkt sagt, und dann kommt jemand aus einer Bank oder einem anderen Unternehmen und sagt: Bei uns sieht das ganz anders aus.

Du bereitest derzeit auch ein Modul für den Una Europa Joint Bachelor Degree in Sustainability (BASUS) vor. Was reizt dich daran?
Mehrere Universitäten, darunter auch die UZH, führen dieses interdisziplinäre, hochschulübergreifende Studienprogramm gemeinsam durch. Das Modul «Introduction to Sustainable Finance» startet im kommenden Semester. Spannend finde ich, dass es Studierende aus dem Una Europa-Programm mit Studierenden unseres UZH-Studienprogramms «Finance» zusammenführt.

BASUS: Nachhaltigkeit aus verschiedenen Perspektiven studieren

Der Joint Bachelor Degree in Sustainability (BASUS) ist ein internationales und interdisziplinäres Bachelorstudienprogramm, das verschiedene wissenschaftliche Perspektiven auf Fragen der Nachhaltigkeit zusammenführt. Er wird im Rahmen von Una Europa angeboten – einer europäischen Universitätsallianz, der auch die UZH angehört. Die Entwicklung des Moduls «Introduction to Sustainable Finance», an der auch Benjamin Wilding beteiligt ist, wurde von der Universitären Lehrförderung (ULF) unterstützt. Das Modul wird erstmals im FS 2027 angeboten. Es wird sowohl BASUS-Studierenden als auch Studierenden des UZH-Bachelorogramms «Finance» offenstehen. Thema wird sein, wie finanzielle Entscheidungen zur Bewältigung gesellschaftlicher und ökologischer Herausforderungen beitragen können.

Wo liegt die grösste Herausforderung?
In der unterschiedlichen Vorbildung. Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen bringen andere Begriffe, andere Methoden und andere Werkzeuge mit. Man benutzt denselben Begriff und merkt plötzlich, dass jemand etwas völlig anderes darunter versteht.

Ist Interdisziplinarität noch anspruchsvoller als Internationalität?
Ja. Mit einem Finance-Spezialisten in New York oder Tokio finde ich relativ schnell eine gemeinsame Sprache, weil wir ähnliche Grundannahmen teilen. Zwischen verschiedenen Disziplinen muss man diese gemeinsame Basis oft erst herstellen.

Und gerade das interessiert dich?
Sehr. Wenn man nur mit Leuten aus Finance spricht, denkt man irgendwann: Das habe ich im Griff. Und dann stellt jemand aus einer anderen Disziplin eine völlig berechtigte Frage, auf die man keine gute Antwort hat. Das reisst einen aus der Komfortzone.

Worauf freust du dich im Zusammenhang mit Una Europa besonders?
Auf den Austausch mit Studierenden aus anderen Universitäten und anderen Fachrichtungen. Es wird nicht alles auf Anhieb funktionieren – aber man kann dabei viel lernen.