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International studieren und lehren

Prag neu entdecken

Die Zusammenarbeit der UZH mit der Karlsuniversität Prag trägt Früchte. Im Lehrprojekt «Städte des Exils» erhalten Studierende vor Ort unmittelbare Einblicke in die Kultur und Geschichte Tschechiens.
Autor: Adrian Ritter
Vertiefte Auseinandersetzung mit der Geschichte und Kultur Tschechiens: Bachelor-Studentin Julia Keller besuchte mehrere Module des internationalen Lehrprojekts «Städte des Exils». (Bild: Diana Ulrich)

Prag – das war für Julia Keller bisher vor allem die Stadt, in der ihre Tante lebt. Die Studentin der Slavischen Sprach- und Literaturwissenschaft an der UZH ist seit ihrer Kindheit regelmässig in der tschechischen Hauptstadt zu Besuch. Sie ist mit der dortigen Kultur vertraut – auch weil ihre Mutter aus Tschechien stammt und sie somit zweisprachig aufgewachsen ist. In den letzten Jahren hat sich Julia Kellers Blick auf Prag und Tschechien aber noch erweitert: In ihrem Bachelorstudium besuchte sie mehrere Module, die sich insbesondere Prag widmeten. Das Thema der Lehrveranstaltungen: Städte des Exils - Zürich und Prag. 

Tomáš Glanc, Professor am Institut für Slavistik und Osteuropastudien an der UZH, hat das Lehrangebot gemeinsam mit Dozierenden der Karlsuniversität in Prag organisiert. Geboren in Prag, studierte er an der Karlsuniversität und leitete später das dortige Institut für Slavistik und Osteuropastudien. Seit 2014 an der UZH tätig, behielt er die Kontakte zur Karlsuniversität immer bei. So gibt es eine regelmässige Zusammenarbeit zwischen der Zürcher Slavistik und der Karlsuniversität – etwa in der Form von gegenseitigen Besuchen von Gastdozierenden und gemeinsamen Forschungsprojekten. 

Dabei ist die Slavistik kein Einzelfall. 2017 unterzeichnete die UZH eine strategische Partnerschaft  mit der Karlsuniversität. Ziel war es, die Zusammenarbeit auch in anderen Fachrichtungen zu fördern und den Studierendenaustausch zu verstärken.

Wenn Menschen und Bücher migrieren

Prag ist ein traditionsreicher Ort der Slavistik und Bohemistik – der Wissenschaft der tschechischen Sprache, Literatur und Kultur. Entsprechend befinden sich dort wichtige Bibliotheken und Archive. Umgekehrt ist Zürich für die Karlsuniversität ein interessanter Ort. Das zeigt sich gerade bei Themen wie Exil, Migration und Mehrsprachigkeit. 

Prag wie Zürich waren und sind Ziele für Migrantinnen und Migranten aus Ost und West. So wanderten Menschen aus Russland nach Prag aus. Von Prag wiederum gab es mehrere Wellen der politischen Emigration in die Schweiz und nach Zürich. Dies etwa nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und nach der Niederschlagung des «Prager Frühling» 1968.

Ein wichtiger Treffpunkt der tschechischen Exilgemeinschaft in der Schweiz war die 1972 gegründete Galerie Krause. Sie zeigt bis heute tschechische und slowakische Kunst. Im Bild: Studentin Julia Keller, Galeristin Alice Krause und Professor Tomáš Glanc. (Bild: Diana Ulrich)

Die Emigrierten gründeten in Zürich nicht nur eine tschechische Exilgemeinschaft, sondern auch tschechische Exilverlage. Diese druckten auch Bücher, die in den kommunistischen Ländern verboten waren, aber über Schmuggelrouten aus der Schweiz den Weg zurück dorthin fanden. Aber nicht nur Bücher, auch Menschen suchten den Weg von West nach Ost. So wanderten im 20. Jahrhundert bisweilen Kommunistinnen und Kommunisten aus der Schweiz in die damalige Tschechoslowakei oder Sowjetunion aus.

Die Zusammenarbeit ausbauen

«Für die UZH und die Karlsuniversität bietet sich vor allem an, gemeinsam Themen zu bearbeiten, die für beide Hochschulen Potenzial für die Forschung haben und gleichzeitig Veranstaltungen ermöglichen, die über den üblichen Lehrplan hinausgehen», sagt Glanc. 

So beschäftigen sich die Zürcher Slavistik und die Karlsuniversität bereits seit einigen Jahren in einzelnen gemeinsamen Workshops mit Themen wie Exil und Migration. Um dies noch zu vertiefen und den Studierenden Lehrangebote dazu anbieten zu können, startete Glanc 2023, unterstützt von der Universitären Lehrförderung der UZH, das dreijährige Pilotprojekt «Städte des Exils». Es bestand aus drei Lehrveranstaltungen per Zoom und zwei Exkursionen. Insgesamt nahmen rund 50 Studierende der UZH an einer oder mehreren Veranstaltungen zum Themenkreis Exil teil – daneben natürlich auch Studierende der Karlsuniversität.

Ich habe gelernt, wie eng historische, politische, sprachliche und kulturelle Aspekte miteinander verwoben sind.

Julia Keller
Bachelor-Studentin

Für Julia Keller waren die Lehrveranstaltungen, die sie im Rahmen des Projekts besuchte, eine willkommene Gelegenheit, sich vertieft mit der Geschichte, Kultur und Politik Mittel- und Osteuropas auseinandersetzen: «In meinem Studium beschäftigte ich mich zuvor vor allem mit der Linguistik slavischer Sprachen. Themen wie Migration und Exilliteratur interessieren mich auch, waren aber im Studium zuvor eher am Rande behandelt worden.» Jetzt bot sich die Gelegenheit, mehr auch über die Frage zu erfahren, wie politische Geschichte Sprachen und kulturelle Erinnerungen prägt.

Wertvolle Kontakte nutzen

Die Kombination von Zoom-Veranstaltungen und Exkursionen war für das Pilotprojekt bewusst gewählt: «Die beiden Formate haben ihre spezifischen Vorteile und ergänzen sich gut», sagt Glanc.

Während die Zoom-Veranstaltungen die Einbindung weltweit führender Fachpersonen ermöglichten, eröffneten die Exkursionen dank der Kontakte von Tomáš Glanc einzigartige Einblicke in die Prager Forschungs- und Kulturlandschaft. Die Teilnehmenden trafen Forschende, Vertreter:innen der Zivilgesellschaft und Studierende vor Ort. Auf dem Programm standen Begegnungen mit dem Direktor des Nationalen Filmarchivs in Prag sowie mit weiteren Verantwortlichen von Bibliotheken, Archiven und Kultureinrichtungen.

Gruppenbild auf der Karlsbrücke in Prag
Einzigartige Begegnungen: Exkursion nach Prag. (Bild: Julia Keller)

«Es waren Einblicke, wie er ausserhalb dieses Lehrprojekts nicht möglich gewesen wäre», sagt Julia Keller: «Die Vielfalt an Sichtweisen von Menschen vor Ort kennenzulernen, war für mich besonders wertvoll», sagt sie. 

Besonders eindrücklich fand Keller den Besuch der Menschenrechtsorganisation Memorial, das die staatliche Repression und politische Verfolgung während der Sowjetzeit dokumentiert. Die Studierenden lernten hier unter anderem ein Buchprojekt über Frauen in Stalins Arbeitslagern, dem Gulag, kennen. «Im Buch werden die Frauen anhand persönlicher Gegenstände vorgestellt, um dann ihre Geschichte zu erzählen. Das war sehr berührend, weil es eine ganz andere Art ist, an etwas zu erinnern, als nur über die biographische Erzählung», sagt Keller.

Während der Exkursionen hielten die Studierenden ihre Eindrücke und Gespräche in Notizen fest und verarbeiteten sie anschliessend in Protokollen. «Diese Nachbereitung hat noch einmal deutlicher gemacht, wie eng historische, politische wie auch sprachliche und kulturelle Aspekte miteinander verwoben sind», so Keller.

Baustein einer strategischen Partnerschaft

Das Pilotprojekt «Städte des Exils» ist inzwischen abgeschlossen. «Das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Universitäten Zürich und Prag zu vertiefen, ist erreicht», sagt Tomáš Glanc. 

Das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Zürich und Prag zu vertiefen, ist erreicht.

Tomáš Glanc
Professor am Institut für Slavistik und Osteuropastudien

In Zukunft sollen regelmässig gemeinsame Lehrmodule mit unterschiedlichen Inhalten angeboten werden. Gemischte Lehrformate mit Online-Kursen und Exkursionen sollen so zu einem zusätzlichen Element der internationalen Zusammenarbeit für das Institut werden – und zu einem weiteren Baustein der strategischen Partnerschaft der beiden Universitäten. 

Internationale Lehrformate an der UZH

Die Möglichkeiten, im Zusammenhang eines Studiums an der UZH internationale Erfahrungen zu sammeln, werden immer vielfältiger. Zu den wichtigsten Formaten gehören:

  • Physische Mobilitätsprogramme: Austauschsemester, Forschungsaufenthalte und Kurzprogramme (u.a. Summer/Winter Schools undBIPs) ermöglichen es Studierenden, internationale Hochschul- und Forschungskulturen kennenzulernen und ihre interkulturellen Kompetenzen zu stärken. Die Abteilung Global Student Experience berät und unterstützt Studierende umfassend bei der Planung und Organisation eines Auslandsaufenthalts.
  • Virtuelle und hybride Austauschformate: Onlineformate wie das Cooperative Online International Learning (COIL) eröffnen Studierenden interkulturelle Erfahrungen und Perspektivwechsel im digitalen oder hybriden Raum. Manche COIL-basierten Lehrveranstaltungen beinhalten zudem eine kurze Präsenzphase an einer Partnerhochschule. Auch Lehrveranstaltungen vor Ort können internationale Erfahrungen vermitteln, etwa durch die digitale Zuschaltung von Expertinnen und Experten aus dem Ausland oder durch die Arbeit mit Fallbeispielen aus anderen kulturellen Kontexten.
  • Joint- und Double-Degree-Programme: Programme wie der Una Europa Joint Bachelor of Arts in European Studies (BAES) und der Bachelor in Sustainability (BASUS) ermöglichen ein strukturiertes internationales Studium mit einem gemeinsam verliehenen Abschluss mehrerer Universitäten.

Unterstützung für Dozierende

Die UZH fördert engagierte Dozierende im Aufbau neuer Lehrformate zur Förderung interkultureller Erfahrungen bei den Studierenden. Dazu stehen den Dozierenden je nach Lehrveranstaltungsformat unterschiedliche Fördermittel zur Verfügung:

•    Universitäre Lehrförderung «global_innovation» (ULF):  Die Förderlinie global_innovation der Universitären Lehrförderung unterstützt die Umsetzung von Projekten, die Studierenden Internationalisierungserfahrungen auf Modulebene ermöglichen. Entsprechende Kooperationen auf Studienprogrammebene werden durch die Förderlinie program_innovation ermöglicht. Je nach Lehrveranstaltungsformat können auch die Fördermittel der ULF-Förderlinie open_innovation beantragt werden.
•    Global Funding Scheme: Das UZH Global Funding Scheme unterstützt Fakultäten, Institute und zentrale Dienste bei der Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Initiativen mit internationalen Partnern.
•    BIP-Förderung durch SEMP: Blended Intensive Programmes (BIPs) sind Formate, die es Studierenden und Mitarbeitenden ermöglichen, durch einen kooperativen Lehr- und Lernaustausch internationale Erfahrungen zu sammeln. Ermöglicht werden sie durch Lehrkooperationen in einem Konsortium mehrerer europäischer Universitäten. Seit Herbstsemester 2025 können BIP-Fördermittel mit Fördergeldern der ULF global_innovation kombiniert werden. BIP-Fördergelder können über die Abteilung Global Student Experience beantragt werden.
•    Weiterbildung: Die UZH bietet didactica-Kurse  zum Thema Internationalisierung in der Lehre an, nützliche Anregungen und Hilfsmittel finden sich auf der Plattform Teaching Tools.
•    Erfahrungsaustausch unter Peers: Die UZH fördert den Erfahrungsaustausch unter Dozierenden. Zum Beispiel wird der Tag der Lehre (Mittwoch, 28. Oktober 2026) dem Thema Internationalität in der Lehre gewidmet sein.