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International studieren und lehren

Operieren üben in Zürich und Leipzig

Das «Brückenprojekt Herzchirurgie» der UZH und der Universität Leipzig zeigt, wie internationale Lehre gelingen kann: digital, praxisnah und überraschend persönlich.
Autor: Marita Fuchs
Medizin greifbar gemacht: Die Studenten Timothy Nwogor (Zürich) und Edon Rufati (Leipzig) mit einem Herzmodell. (Bild: Diana Ulrich)

Als der Zürcher Medizinstudent Timothy Nwogor die ersten Vorträge des Brückenprojekts Herzchirurgie verfolgte, sass er nicht im Hörsaal. Er befand sich in Brasilien und stellte sich mitten in der Nacht den Wecker, um live dabei zu sein. Einige tausend Kilometer entfernt loggten sich Studierende aus Zürich und Leipzig in dieselbe Veranstaltung ein. Sie kannten sich nicht, arbeiteten aber von Beginn an als Team.

Dass ausgerechnet die Herzchirurgie zum Schauplatz eines solchen Experiments wurde, wirkt zunächst widersprüchlich. Kaum ein Fach lebt so sehr von Präzision, Handwerk und unmittelbarer Nähe zu den Patientinnen und Patienten. Und doch entstand hier ein Lehrformat, das die Distanz nicht als Hindernis verstand, sondern zum Ausgangspunkt machte.

Bettina Pfannmüller, Initiantin des Brückenprojekts, im Austausch mit Studierenden. (Bild: Diana Ulrich)

Die Initiantin des Projekts, Professorin Bettina Pfannmüller, Leitende Ärztin und Lehrbeauftragte an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich, brachte durch ihre frühere Tätigkeit in Leipzig und ihre weiterhin enge Verbindung zur dortigen Herzklinik die beiden Hochschulen zusammen. «Den Anstoss gab die Förderlinie global_innovation der Universitären Lehrförderung (ULF), die Studierenden internationale Lernerfahrungen ermöglichen soll», sagt Pfannmüller. Unterstützt wurde das Projekt zudem durch das Swiss-European Mobility Programme (SEMP), das Schweizer Programm zu Erasmus+.

Unterschiedliche Kulturen

Eine Brücke zwischen Zürich und Leipzig zu bauen hiess, unterschiedliche Lehrkulturen, Studienordnungen und Vorstellungen davon, wie Medizin vermittelt wird, zusammenzubringen. Als ein sogenanntes «Blended Intensive Programme» (BIP) kombinierte das Format physische Kurzzeitmobilität mit virtuellen Komponenten. Während es in Zürich als Mantelstudium angeboten wurde, lief es in Leipzig als Wahlfach. 24 Studierende nahmen im Spätsommer 2026 daran teil; mit vier Gruppen, jeweils zur Hälfte aus Zürich und Leipzig. In der ersten Woche des auf zwei Wochen angelegten Kurses arbeiteten sie ausschliesslich online zusammen. Sie hörten Vorträge von Spezialist:innen des Herzzentrums und der Universität Leipzig, diskutierten Fachliteratur, bereiteten Inhalte auf und präsentierten Ergebnisse. Erst in der zweiten Woche trafen sich die Gruppen persönlich in Zürich.

  • Gruppe Herzchirurgie
    Aus virtuellen Arbeitsgruppen werden persönliche Begegnungen. (Bilder: Diana Ulrich)

Der Leipziger Medizinstudent Edon Rufati rechnete zunächst mit deutlichen Unterschieden zwischen den beiden Studienstandorten, machte dann aber eine andere Erfahrung: «Eigentlich habe ich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede festgestellt.» Trotz Bildschirm und räumlicher Distanz habe die Zusammenarbeit überraschend gut funktioniert.

Wo Medizin greifbar wird

Die Online-Veranstaltungen bildeten jedoch nur einen Teil des Projekts. Ebenso wichtig war die Frage, wie sich ein hochspezialisiertes Fachgebiet erfahrbar machen lässt. In Leipzig geschah das in der Lernklinik. Dort trainierten die Studierenden an Simulatoren, übten mit Schauspielpatient:innen Gespräche und klinische Untersuchungstechniken und durchliefen realitätsnahe Szenarien. Die Zürcher:innen schauten online zu.

Cédéric Bamert (Student in Zürich) und Eva-Maria Riedl (Studentin in Leipzig) machen chirurgische Übungen am Schweineherzen. (Bild: Bettina Pfannmüller)

In Zürich wartete ein anderer Zugang: In den Simulationsräumen der Herzchirurgie trainierten die Teilnehmenden Naht-Techniken, arbeiteten an Schweineherzen und lernten, wie die Herz-Lungen-Maschinen zum Einsatz kommen. Dazu kamen Visiten am Krankenbett, Fallbesprechungen und die Teilnahme an Operationen. «Wir durften dem Chirurgen über die Schulter schauen. Das war unglaublich spannend, dauerte aber auch sehr lang. Am Ende wussten wir, warum im OP bequemes Schuhwerk empfohlen wird», erzählte schmunzelnd ein Student an der Schlussveranstaltung, in der die Studierenden ihre Erkenntnisse als Poster vorstellten.

Für die Leipziger Studentin Eva-Maria Riedl lag in der Nähe zur Praxis die Stärke des Lehrformats: «Damit man weiss, wofür man das Studium macht.» Besonders in Erinnerung blieben vielen Studierenden die Übungen an Schweineherzen. Timothy Nwogor spricht mit Begeisterung darüber: «Das war richtig cool.» Doch gelernt wurde mehr als nur Chirurgie. Die Teilnehmenden erlebten, wie Therapieentscheide zustande kommen, wie unterschiedliche Berufsgruppen zusammenarbeiten und welche Rolle Kommunikation im klinischen Alltag spielt. 

Was bleibt

Dass das Projekt funktionierte, lag auch am Engagement der Studierenden selbst. In Zürich übernahm der Medizinstudent Cédéric Bamert organisatorische Aufgaben, auf Leipziger Seite war es Eva-Maria Riedl. Sie kümmerten sich nicht nur um Anreise und Unterkünfte, sondern sorgten auch dafür, dass aus Arbeitsgruppen Begegnungen wurden. 

In Leipzig übernahm die Medizinstudentin Eva-Maria Riedl organisatorische Aufgaben, auf Zürcher Seite war es Cédéric Bamert. (Bild: Diana Ulrich)

Gemeinsame Abende, Diskussionen und Stadtrundgänge verlängerten den Austausch über den offiziellen Stundenplan hinaus. Cédéric Bamert sah darin die Chance, «ausserhalb des eigenen Studienorts andere Studierende kennenzulernen und Freundschaften zu schliessen».

Für Professorin Bettina Pfannmüller zeigte das Projekt vor allem, worin der eigentliche Wert internationaler Lehre besteht – nämlich «nicht in Partnerschaftsabkommen oder Mobilitätsstatistiken, sondern darin, dass Menschen tatsächlich gemeinsam arbeiten, diskutieren und voneinander lernen.» Studentin Eva-Maria Riedl sagt mit Blick auf die Zukunft: «Vielleicht haben wir den Weg für weitere internationale Projekte geebnet.»

Internationale Lehrformate an der UZH

Die Möglichkeiten, im Zusammenhang eines Studiums an der UZH internationale Erfahrungen zu sammeln, werden immer vielfältiger. Zu den wichtigsten Formaten gehören:

  • Physische Mobilitätsprogramme: Austauschsemester, Forschungsaufenthalte und Kurzprogramme (u.a. Summer/Winter Schools undBIPs) ermöglichen es Studierenden, internationale Hochschul- und Forschungskulturen kennenzulernen und ihre interkulturellen Kompetenzen zu stärken. Die Abteilung Global Student Experience berät und unterstützt Studierende umfassend bei der Planung und Organisation eines Auslandsaufenthalts.
  • Virtuelle und hybride Austauschformate: Onlineformate wie das Cooperative Online International Learning (COIL) eröffnen Studierenden interkulturelle Erfahrungen und Perspektivwechsel im digitalen oder hybriden Raum. Manche COIL-basierten Lehrveranstaltungen beinhalten zudem eine kurze Präsenzphase an einer Partnerhochschule. Auch Lehrveranstaltungen vor Ort können internationale Erfahrungen vermitteln, etwa durch die digitale Zuschaltung von Expertinnen und Experten aus dem Ausland oder durch die Arbeit mit Fallbeispielen aus anderen kulturellen Kontexten.
  • Joint- und Double-Degree-Programme: Programme wie der Una Europa Joint Bachelor of Arts in European Studies (BAES) und der Bachelor in Sustainability (BASUS) ermöglichen ein strukturiertes internationales Studium mit einem gemeinsam verliehenen Abschluss mehrerer Universitäten.

Unterstützung für Dozierende

Die UZH fördert engagierte Dozierende im Aufbau neuer Lehrformate zur Förderung interkultureller Erfahrungen bei den Studierenden. Dazu stehen den Dozierenden je nach Lehrveranstaltungsformat unterschiedliche Fördermittel zur Verfügung:

•    Universitäre Lehrförderung «global_innovation» (ULF):  Die Förderlinie global_innovation der Universitären Lehrförderung unterstützt die Umsetzung von Projekten, die Studierenden Internationalisierungserfahrungen auf Modulebene ermöglichen. Entsprechende Kooperationen auf Studienprogrammebene werden durch die Förderlinie program_innovation ermöglicht. Je nach Lehrveranstaltungsformat können auch die Fördermittel der ULF-Förderlinie open_innovation beantragt werden.
•    Global Funding Scheme: Das UZH Global Funding Scheme unterstützt Fakultäten, Institute und zentrale Dienste bei der Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Initiativen mit internationalen Partnern.
•    BIP-Förderung durch SEMP: Blended Intensive Programmes (BIPs) sind Formate, die es Studierenden und Mitarbeitenden ermöglichen, durch einen kooperativen Lehr- und Lernaustausch internationale Erfahrungen zu sammeln. Ermöglicht werden sie durch Lehrkooperationen in einem Konsortium mehrerer europäischer Universitäten. Seit Herbstsemester 2025 können BIP-Fördermittel mit Fördergeldern der ULF global_innovation kombiniert werden. BIP-Fördergelder können über die Abteilung Global Student Experience beantragt werden.
•    Weiterbildung: Die UZH bietet didactica-Kurse  zum Thema Internationalisierung in der Lehre an, nützliche Anregungen und Hilfsmittel finden sich auf der Plattform Teaching Tools.
•    Erfahrungsaustausch unter Peers: Die UZH fördert den Erfahrungsaustausch unter Dozierenden. Zum Beispiel wird der Tag der Lehre (Mittwoch, 28. Oktober 2026) dem Thema Internationalität in der Lehre gewidmet sein.