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Internationalität in Studium und Lehre

Verhandeln wie im echten Leben

Studierende aus über einem Dutzend Ländern trainieren, wie Verhandlungen über kulturelle Grenzen hinweg gelingen. Die «Global Negotiation Academy» der UZH macht's möglich.
Autor: Adrian Ritter
Internationale Beziehungen sind die grosse Leidenschaft von Politologie-Studentin Serena Schurter. (Bild: Diana Ulrich)

Die Spielleitung hatte entschieden, die Rollen waren verteilt. Nigeria war also das Land, das Serena Schurter vertreten sollte. Die UZH-Studentin musste sich zuerst kundig machen: Hauptstadt Abuja, Amtssprache Englisch, 230 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Jetzt ging es darum, gemeinsam mit zwei weiteren Studierenden die Interessen des Landes bei einer internationalen Verhandlung zu vertreten. Konkret: Im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll der Anhang zum Pandemievertrag ausgehandelt werden. Damit soll verhindert werden, dass bei einer nächsten Pandemie die Länder des Globalen Südens wiederum erst spät oder nur eingeschränkt Impfstoffe und andere medizinische Hilfe erhalten. 

Das Szenario der internationalen Summer School, in der diese Verhandlung im Juli an der Universität Zürich simuliert wurde, war realistisch. Denn zum selben Zeitpunkt trafen sich in Genf tatsächlich die WHO-Delegierten, um über genau dies zu debattieren. Serena Schurter schlüpfte derweil in Zürich in die Rolle der Verhandlungsführerin für Nigeria. Sie trug im Plenum Statements vor und sprach sich mit anderen Ländern ab. Ebenfalls Teil ihres Verhandlungsteams war eine französische Studentin der Politikwissenschaft und ein deutscher Psychologiestudent. 

Lernen aus der Praxis

Insgesamt 45 Studierende nahmen an der Summer School teil – sechs davon von der UZH, die restlichen von anderen Universitäten der Schweiz und aus etwa einem Dutzend Ländern weltweit. Die fünftägige Veranstaltung war so international wie nur möglich, vom Thema über die Unterrichtssprache Englisch bis zu den Teilnehmenden. Neben den Studierenden waren das Dozierende verschiedener Hochschulen sowie Praktikerinnen und Praktiker mit Erfahrung in Verhandlungsführung – etwa ein ehemaliger Gesundheitsminister aus Afghanistan und frühere Mitarbeitende des IKRK. «Es war sehr bereichernd, von ihren Erfahrungen zu hören», sagt Schurter.

  • Zuhören, verstehen, argumentieren und Kompromisse finden: Die diesjährige «Global Negotiation Academy» fand im Juli an der UZH statt. (Bilder: Diana Ulrich)
    Zuhören, verstehen, argumentieren und Kompromisse finden: Die diesjährige «Global Negotiation Academy» fand im Juli an der UZH statt. (Bilder: Diana Ulrich)
  • Der Weg zu gemeinsamen Lösungen ist lang und kräftezehrend, auch wenn die Verhandlung an der UZH nur simuliert ist.
    Der Weg zu gemeinsamen Lösungen ist lang und kräftezehrend, auch wenn die Verhandlung an der UZH nur simuliert ist.
  • Auch die Flurdiplomatie zwischen den Plenumsdebatten trägt viel zum Verhandlungserfolg bei.
    Auch die Flurdiplomatie zwischen den Plenumsdebatten trägt viel zum Verhandlungserfolg bei.

Die 25-Jährige studiert an der UZH im Master Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Schon seit ihrer Jugend hat sie den Wunsch, beruflich in diesem Bereich tätig zu sein. Umso motivierter war sie, als an der UZH im Frühlingssemester mehrere Module zu Verhandlungsführung angeboten wurden: «Verhandlungen sind zentral, wenn es darum geht, zwischen Ländern oder innerhalb von internationalen Organisationen Verträge abzuschliessen oder Konflikte zu lösen.» Ging es in den Modulen um die Grundlagen solcher Verhandlungen, war die Summer School für Schurter das Tüpfchen auf dem i, um während fünf Tagen noch mehr zu lernen und ihr Wissen in einer ganztägigen Simulation anwenden zu können.

Für jede Fachrichtung hilfreich

Ins Leben gerufen hat die Summer School der Politikwissenschaftler Jack Williams. Er unterrichtet an der UZH und an Universitäten weltweit Verhandlungsführung und Konfliktlösung. Als Student an der Universität Bern hatte er selber eine ähnliche Simulation erlebt. Davon inspiriert gründete er 2014 einen Verein, um jährlich eine Summer School für internationale Verhandlungen anzubieten. Heute nennt sich der Verein «Institute for Global Negotiation». 

Der Kontakt von Jack Williams zu seinem ehemaligen Doktorvater Francis Cheneval vom Lehrstuhl für Politische Philosophie an der UZH führte dazu, dass die jährliche Summer School seit 2020 an der UZH stattfindet – dieses Jahr erstmals als offizielles UZH-Lehrangebot mit ECTS-Punkten in Form eines sogenannten «Blended Intensive Programmes (BIP)». BIPs werden gemeinsam von einem Konsortium mehrerer europäischer Universitäten organisiert. Als hybrides Austauschformat kombinieren sie eine physische Kurzzeitmobilität mit virtuellen Komponenten.

Williams entwickelt die Lehrveranstaltung ständig weiter, gemeinsam mit Stephanie Walter, Professorin für internationale Beziehungen am Institut für Politikwissenschaft der UZH. Unterstützt wird das Format durch die «Universitäre Lehrförderung» der UZH sowie durch das Swiss-European Mobility Programme (SEMP), das Schweizer Programm zu Erasmus+.

Verhandlungen führen und Konflikte lösen zu können, ist für jeden Menschen hilfreich – sei es am Arbeitsplatz oder im Privatleben.

Jack Williams
Politikwissenschaftler

Derzeit nehmen vor allem Studierende der Politikwissenschaft aus aller Welt daran teil. «Aber wir wollen noch mehr Studierende anderer Fachrichtungen ansprechen», sagt Williams: «Verhandlungen führen und Konflikte lösen zu können, ist für jeden Menschen hilfreich – sei es am Arbeitsplatz oder im Privatleben.» Neben der Politikwissenschaft zeigen auch Disziplinen wie Psychologie oder Recht Wege auf, wie Verhandlungen möglichst gut gelingen. Zukünftig will sich «Global Negotiation Academy» verstärkt interdisziplinär ausrichten – und dabei die breitgefächerte Expertise an der UZH nutzen.

Kultursensibel werden

Im internationalen Umfeld gilt es, genau hinzuhören. Deshalb fordert und fördert die «Global Negotiation Academy» die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Sensibilität für kulturelle Differenzen. Hinter den Aussagen von Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten können unterschiedliche Bedeutungen und Werte stehen. «Die Kompetenz, dies zu erkennen, möchten wir den Studierenden vermitteln. Denn sie wird in vielen beruflichen Kontexten in unserer globalisierten Welt immer wichtiger», sagt Williams. 

«Die Basis von Verhandlungen ist die Kommunikation», sagt Schurter: «Noch wichtiger als überzeugend zu sprechen ist es, zuhören zu können. Je besser man in Verhandlungen sein Gegenüber versteht, desto angemessener kann man darauf reagieren und gemeinsame Lösungen finden.» Dazu gehört auch, dass die Beteiligten Vertrauen zueinander entwickeln. Gelegenheit dazu boten an der Summer School verschiedene Workshops, Spaziergänge und gemeinsames Essen.

Der Kompromiss in letzter Minute

«Im Vergleich zu einem Semesterkurs ist eine Summer School viel intensiver und damit näher bei der Realität von Verhandlungen», sagt Organisator Williams. Das hat auch Teilnehmerin Serena Schurter so erlebt: «Es waren lange Tage, man ist ständig in der Gruppe und versucht, all die Aspekte des Gelernten zu beachten und anzuwenden. Das war schon eine Herausforderung. Zudem standen wir unter Zeitdruck, weil wir nach einem Tag Verhandlung ein Resultat vorweisen wollten.»

In eine fremde Rolle zu schlüpfen war eine spannende Herausforderung.

Serena Schurter
Studentin

Das hat wohl mit dazu beigetragen, dass die Delegationen in letzter Minute kompromissbereit waren und in der Simulation ein Abkommen zustande kam. Bei echten Verhandlungen ist damit nicht unbedingt zu rechnen, da Verhandlungen oft verlängert werden. So kamen die Delegierten der WHO an den parallel stattfindenden realen Verhandlungen in Genf nicht zu einem Abschluss und waren sich einig, dass weitere Treffen nötig sind. 

Derweil war die nigerianische Delegation von Schurter und ihren Mitstudierenden in Zürich zufrieden mit dem Resultat der simulierten Verhandlungen. Ihre Übereinkunft sieht vor, dass die Pharmaunternehmen während einer Pandemie einen Teil ihrer Produktion von Impfstoffen und Medikamenten kostenfrei und einen weiteren Teil vergünstigt an die Länder des Globalen Südens abgeben.

Glücklicher Abschluss intensiver Verhandlungen: Die Teilnehmenden der «Global Negotiation Academy» im Lichthof der UZH.

«Die Summer School war ein wertvoller Schritt, die Welt der internationalen Beziehungen besser kennenzulernen. In eine fremde Rolle schlüpfen zu können, war eine spannende Herausforderung. Ich musste versuchen, mich in die kulturelle und politische Perspektive eines mir unvertrauten Landes hineinzuversetzen», sagt Serena Schurter. Für sie ist ein Praktikum beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten immer noch ein Traum für ihre berufliche Zukunft. 

Jack Williams hofft derweil, das Thema «Internationale Verhandlungen» in die Lehre und Forschung an der UZH noch mehr einbringen zu können: «Wer weiss, vielleicht wird die UZH zu einem eigentlichen Kompetenzzentrum für Verhandlungsführung.»

Internationale Lehrformate an der UZH

Die Möglichkeiten, im Zusammenhang eines Studiums an der UZH internationale Erfahrungen zu sammeln, werden immer vielfältiger. Zu den wichtigsten Formaten gehören:

  • Physische Mobilitätsprogramme: Austauschsemester, Forschungsaufenthalte und Kurzprogramme (u.a. Summer/Winter Schools undBIPs) ermöglichen es Studierenden, internationale Hochschul- und Forschungskulturen kennenzulernen und ihre interkulturellen Kompetenzen zu stärken. Die Abteilung Global Student Experience berät und unterstützt Studierende umfassend bei der Planung und Organisation eines Auslandsaufenthalts.
  • Virtuelle und hybride Austauschformate: Onlineformate wie das Cooperative Online International Learning (COIL) eröffnen Studierenden interkulturelle Erfahrungen und Perspektivwechsel im digitalen oder hybriden Raum. Manche COIL-basierten Lehrveranstaltungen beinhalten zudem eine kurze Präsenzphase an einer Partnerhochschule. Auch Lehrveranstaltungen vor Ort können internationale Erfahrungen vermitteln, etwa durch die digitale Zuschaltung von Expertinnen und Experten aus dem Ausland oder durch die Arbeit mit Fallbeispielen aus anderen kulturellen Kontexten.
  • Joint- und Double-Degree-Programme: Programme wie der Una Europa Joint Bachelor of Arts in European Studies (BAES) und der Bachelor in Sustainability (BASUS) ermöglichen ein strukturiertes internationales Studium mit einem gemeinsam verliehenen Abschluss mehrerer Universitäten.

Unterstützung für Dozierende

Die UZH fördert engagierte Dozierende im Aufbau neuer Lehrformate zur Förderung interkultureller Erfahrungen bei den Studierenden. Dazu stehen den Dozierenden je nach Lehrveranstaltungsformat unterschiedliche Fördermittel zur Verfügung:

•    Universitäre Lehrförderung «global_innovation» (ULF):  Die Förderlinie global_innovation der Universitären Lehrförderung unterstützt die Umsetzung von Projekten, die Studierenden Internationalisierungserfahrungen auf Modulebene ermöglichen (Ausschreibung offen bis 15. September 2026). Entsprechende Kooperationen auf Studienprogrammebene werden durch die Förderlinie program_innovation ermöglicht. Je nach Lehrveranstaltungsformat können auch die Fördermittel der ULF-Förderlinie open_innovation beantragt werden.
•    Global Funding Scheme: Das UZH Global Funding Scheme unterstützt Fakultäten, Institute und zentrale Dienste bei der Entwicklung und Umsetzung gemeinsamer Initiativen mit internationalen Partnern.
•    BIP-Förderung durch SEMP: Blended Intensive Programmes (BIPs) sind Formate, die es Studierenden und Mitarbeitenden ermöglichen, durch einen kooperativen Lehr- und Lernaustausch internationale Erfahrungen zu sammeln. Ermöglicht werden sie durch Lehrkooperationen in einem Konsortium mehrerer europäischer Universitäten. Seit Herbstsemester 2025 können BIP-Fördermittel mit Fördergeldern der ULF global_innovation kombiniert werden. BIP-Fördergelder können über die Abteilung Global Student Experience beantragt werden.
•    Weiterbildung: Die UZH bietet didactica-Kurse  zum Thema Internationalisierung in der Lehre an, nützliche Anregungen und Hilfsmittel finden sich auf der Plattform Teaching Tools.
•    Erfahrungsaustausch unter Peers: Die UZH fördert den Erfahrungsaustausch unter Dozierenden. Zum Beispiel wird der Tag der Lehre (Mittwoch, 28. Oktober 2026) dem Thema Internationalität in der Lehre gewidmet sein.