Header

Suche
Explore-Programm

Fenster in die Zukunft

Geflüchtete besuchen im Rahmen des Explore-Programms der Universität Zürich Deutschkurse und ausgewählte Vorlesungen in vielen Fachbereichen. So erhalten sie einen Einblick ins studentische Leben. Neben der Orientierung schätzen die Teilnehmenden vor allem den geregelten Alltag.
Barbara Simpson
Ein fast normaler Studentinnenalltag: Farzana aus Afghanistan bereitet sich auf ihre Deutschprüfung vor. (Bild: Markus Forte)

Jeden Morgen blickt Farzana* von der Polyterrasse über die Stadt und macht ein Foto. Danach geht es weiter zur Uni: Vorlesungen, Freundinnen treffen, im Lichthof einen Kaffee trinken, in die Bibliothek – wenn sie einen Platz ergattert, am liebsten in der Calatrava-Bibliothek. Ein fast normaler Studentinnenalltag.

Für die 25-jährige Afghanin ist er jedoch alles andere als selbstverständlich. Vor der erneuten Machtergreifung der Taliban hatte sie an der Universität Kabul Deutsch studiert und als Englischlehrerin gearbeitet. Ihre ehemaligen Schülerinnen können heute nur noch online lernen, sie dürfen das Haus nicht mehr verlassen.

Den Weg gefunden

Farzana schätzt sich glücklich, dass sie wieder lernen kann. «Ich habe jetzt einen Alltag wie andere Studentinnen auch. Dieses Gefühl hatte ich verloren», sagt sie. «Ich habe mein Studentenleben zurückbekommen und meinen Weg gefunden.» Sie möchte in Zukunft Betriebswirtschaftslehre studieren. Vor allem aber lernt sie Deutsch, von morgens bis abends, wie sie betont.

Farzana ist eine der 28 Teilnehmenden des zweisemestrigen Explore-Programms, das Geflüchteten einen Einblick in das Studium an der Universität Zürich (UZH) gibt. An zwei Tagen pro Woche steht ein mit dem Sprachenzentrum der UZH und ETH Zürich spezifisch konzipierter Deutschkurs auf dem Programm, zusätzlich besucht sie drei reguläre Vorlesungen in Betriebswirtschaftslehre und eine in Literaturwissenschaft. «In den Vorlesungen habe ich viele Freundinnen gefunden, die mir beim Lernen und bei der Prüfungsvorbereitung helfen», sagt Farzana, die alleine in die Schweiz gekommen ist. Der strukturierte Alltag helfe ihr sehr bei der Integration.

Ich habe mein Studentenleben zurückbekommen und meinen Weg gefunden.

Farzana
Teilnehmerin am Explore-Programm

Jeden Tag spricht Farzana auch mit ihren jüngeren Geschwistern in Afghanistan. «Meine kleine Schwester hat früher Taekwondo gemacht und viele Gürtelprüfungen abgelegt. Jetzt sitzt sie den ganzen Tag zu Hause. Die andere Schwester interessiert sich sehr für Sprachen.» Eine weitere Schwester versucht, sich in China ein neues Leben aufzubauen. Mandarin zu lernen, scherzt Farzana, sei wohl einfacher als die deutsche Grammatik.

Akademisches Orientierungsangebot für Geflüchtete an der UZH

Teilnehmende am Explore-Programm bei einem Deutschkurs

Auf dem Weg zum Niveau C1: Dozentin Corinna Viviani gibt den Kursteilnehmenden Hilfestellungen. (Bild: Markus Forte)

Explore ist ein Programm an der UZH und richtet sich an qualifizierte Geflüchtete, die ihre Deutschkenntnisse auf akademischem Niveau erweitern und die Inhalte und Anforderungen eines Studiums kennenlernen möchten. Während zwei Semestern besuchen Teilnehmende von Explore einen intensiven Deutschkurs, der über das Sprachenzentrum angeboten wird und in zwei unterschiedlichen Niveauklassen zwischen B1 und C1 stattfindet, sowie akademische Module und verschiedene Informationsveranstaltungen zu studien- und ausbildungsrelevanten Themen an der UZH. Pro Jahrgang können bis zu 30 Teilnehmende aufgenommen werden.

Die Teilnahme am Programm berechtigt nicht zu einer erleichterten Zulassung zum Studium an der UZH. Neben dem Nachweis von Deutschkenntnissen auf Niveau C1 sind für ein reguläres Studium je nach Herkunft der Geflüchteten Zusatzprüfungen nötig, wie die ECUS Prüfung.

Jede kleine Chance

Mit der deutschen Grammatik müssen sich an diesem Tag auch Altaf* aus Afghanistan und Snizhana* aus der Ukraine befassen. Es ist eine der letzten Stunden des Semesters und gemeinsam mit zwölf weiteren Teilnehmenden des Deutschkurses Deutsch im akademischen Kontext B1-B2 machen sie ein Lernspiel zur Prüfungsvorbereitung. «Wie streng ihr die Regeln auslegt, müsst ihr untereinander aushandeln», sagt Corinna Viviani, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache am Sprachenzentrum. Gelöst, aber konzentriert arbeitet sich die Gruppe unter anderem durch Verben und die dazugehörigen Präpositionen.

  • Kreative Prüfungsvorbereitung: Corinna Viviani, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, erklärt Snizhana (rechts) und ihrer Arbeitsgruppe die Spielregeln.
    Kreative Prüfungsvorbereitung: Corinna Viviani, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, erklärt Snizhana (rechts) und ihrer Arbeitsgruppe die Spielregeln.
  • Die Deutschkurse finden auf zwei Niveaus statt. Das Ziel ist für alle die C1-Prüfung, die für ein Studium an der UZH erforderlich ist.
    Die Deutschkurse finden auf zwei Niveaus statt. Das Ziel ist für alle die C1-Prüfung, die für ein Studium an der UZH erforderlich ist.
  • Altaf (links) ist konzentriert bei der Sache. Er nutzt neben dem Sprachkurs weitere Angebote, um möglichst schnell Deutsch zu lernen.
    Altaf (links) ist konzentriert bei der Sache. Er nutzt neben dem Sprachkurs weitere Angebote, um möglichst schnell Deutsch zu lernen.
  • Das Tattoo auf Altafs Handgelenk erinnert ihn an die tiefe Bindung zu seiner Mutter in Afghanistan. «Landschaft des Todes» lautet das andere Tattoo auf seinem Handrücken. «Ich stand mehrfach dem sicheren Tod gegenüber – und habe doch überlebt», sagt er.
    Das Tattoo auf Altafs Handgelenk erinnert ihn an die tiefe Bindung zu seiner Mutter in Afghanistan. «Landschaft des Todes» lautet das andere Tattoo auf seinem Handrücken. «Ich stand mehrfach dem sicheren Tod gegenüber – und habe doch überlebt», sagt er.
  • Die Teilnahme am Explore-Programm gibt ihm Halt in einer Situation, die von Unsicherheit geprägt ist.
    Die Teilnahme am Explore-Programm gibt ihm Halt in einer Situation, die von Unsicherheit geprägt ist.
  • Schritt für Schritt zum Ziel: Für jede richtige Antwort dürfen die Teilnehmenden ihre Spielfiguren weiterziehen. Die Antworten werden notiert und anschliessend korrigiert.
    Schritt für Schritt zum Ziel: Für jede richtige Antwort dürfen die Teilnehmenden ihre Spielfiguren weiterziehen. Die Antworten werden notiert und anschliessend korrigiert.
  • Das Explore-Programm bietet den Teilnehmenden Orientierung und Unterstützung. Mit seinen Informationen zu Studienzulassung und -finanzierung öffnet es ihnen ein Fenster in die Zukunft und schafft ein motivierendes Umfeld, in dem sie aufblühen können. (Bilder: Markus Forte)
    Das Explore-Programm bietet den Teilnehmenden Orientierung und Unterstützung. Mit seinen Informationen zu Studienzulassung und -finanzierung öffnet es ihnen ein Fenster in die Zukunft und schafft ein motivierendes Umfeld, in dem sie aufblühen können. (Bilder: Markus Forte)

Der 26-jährige Altaf schätzt die Orientierung, die das Programm bietet, und die Möglichkeit, in verschiedene Studienrichtungen hineinzuschnuppern. «Ich besuche die Vorlesung in Zellbiologie, die aber viele schwierige Wörter beinhaltet. Meine zweite Vorlesung ist Arbeitsökonomie», erzählt er. Vorrang hat jedoch derzeit der Spracherwerb. Zusätzlich zu den Deutschkursen des Explore-Programms besucht er den Sprachtreff im Selbstlernzentrum und das kostenlose Angebot der Autonomen Schule. «Ich nutze jede kleine Chance», sagt er.

Begeisterung fürs Fach

Die Orientierungshilfe, die das Explore-Programm bietet, war auch für Snizhana wichtig: «Ich fühle mich nun viel besser integriert und bin mir sicher, was ich studieren möchte: Kunstgeschichte», erzählt die 27-jährige Ukrainerin, die in ihrer Heimat Business Management studierte. Schon jetzt stellt sie für den Gruppenchat ein wöchentliches Kulturprogramm zusammen. Und ihre Augen leuchten, wenn sie vom Modul «Digitale Kunstgeschichte» erzählt, und von der Unterstützung, die sie durch ihre Dozentin erfährt. «Ich habe letztes Jahr schon einige Veranstaltungen an der UZH als Auditorin besucht, aber ohne die Einbindung in das Programm war die Hemmschwelle, mich aktiv einzubringen, zu gross. Ausserdem war mein Deutsch noch nicht gut genug.»

Snizhana, Teilnehmerin am Explore-Programm der UZH

Ich fühle mich nun viel besser integriert und bin mir sicher, was ich studieren möchte: Kunstgeschichte.

Snizhana
Teilnehmerin am Explore-Programm

Ihre Sprachfertigkeit verbessert Snizhana gemeinsam mit einer Tandempartnerin, die Sinologie studiert und mit der sie die Leidenschaft für ostasiatische Kunst teilt. Letztere ist eine der vielen Freiwilligen der Studiumsintegrationskommission des VSUZH, die den Teilnehmenden des Explore-Programms als Sprachtandem zur Seite stehen. Wenn sie nicht mit ihrer Tandempartnerin und ihren Freundinnen im Asien-Orient-Institut Uniluft schnuppert, ist Snizhanas Lieblingsort das Selbstlernzentrum des Sprachenzentrums. Dort nimmt sie regelmässig an Sprachtreffs oder Spielevents teil – und lernt immer nette Leute kennen, wie sie betont. Mit ihrem klaren Wochenrhythmus hat sie sich ein verlässliches soziales Netz aufgebaut.

Zukunftsorientiertes Programm

Zaher Ahmadi weiss aus eigener Erfahrung, wie zentral dieser Rhythmus ist. Der Afghane hat 2017 das Vorgängerprogramm von Explore absolviert, und kennt die lähmende Unsicherheit, die ein vorläufiger Aufenthaltsstatus mit sich bringt. Für viele Geflüchtete kommen erschwerend die Trennung von ihren Familien und die schlechten Bedingungen in den Kollektivunterkünften hinzu. «Das Wichtigste für mich waren in dieser Zeit eine Tagesstruktur und verlässliche Informationen über das Schweizer Bildungssystem», erzählt er. Ahmadi, der an der Universität Kabul bereits ein Studium begonnen hatte, schaffte den Schritt an die UZH und studiert heute Politikwissenschaften. Gleichzeitig arbeitet er Teilzeit bei der Abteilung Global Affairs als Projektmitarbeiter für das Explore-Programm, wo er seine wertvollen Erfahrungen einbringen kann.

«Die meisten Geflüchteten brauchen schnell einen Job. Ohne weitere Ausbildung verpassen sie aber die Chance auf eine Arbeit, die ihrem Potenzial entspricht», sagt Ahmadi. Das Explore-Programm öffnet ihnen mit seinen Informationen zu Studienzulassung und -finanzierung ein Fenster in die Zukunft und schafft ein motivierendes Umfeld, in dem sie aufblühen können, davon ist er überzeugt. «Es ist sehr wertvoll, dass die UZH hier einen Beitrag zur Integration der gut ausgebildeten Geflüchteten leistet.» Er hebt auch die freiwillige Unterstützung durch die Studierenden hervor. Diese engagierten sich nicht nur im Sprachaustausch mit den Teilnehmenden, sondern organisierten auch ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm mit Stammtisch, Ausflügen und anderen Events.

Zeit und Disziplin

Nach seinem Deutschkurs B2-C1, den er gemeinsam mit Farzana besucht, stösst Dmytro* zum gemeinsamen Interview während der Mittagspause hinzu. Der 41-jährige Anwalt aus der Ukraine sitzt im Rollstuhl, doch das sei kein Hindernis für seinen Alltag an der UZH. Dank der barrierefreien Infrastruktur komme er auf dem Campus gut zurecht. «Die Bibliothek der Rechtwissenschaft ist gut zugänglich und die Studierenden in den Vorlesungen sind immer sehr hilfsbereit. Sie rücken die Stühle und Tische so, dass ich besser hinkomme, sobald sie mich sehen.» Das grösste Problem seien anfangs seine Deutschkenntnisse gewesen.

Für Dmytro ist die Teilnahme am Explore-Programm verbunden mit einem klaren Ziel: weiterstudieren, wieder als Anwalt arbeiten und selbständig sein. «Es ist ein grosser Schritt für uns», sagt er. (Bild: Markus Forte)

«Vom Explore-Programm habe ich direkt nach meiner Ankunft in der Schweiz erfahren, das war kurz nachdem Russland die Ukraine angegriffen hatte. Aber meine Deutschkenntnisse waren damals noch auf drei Ausdrücke beschränkt: ‹Guten Tag›, ‹vielen Dank› und ‹kaputt›.» Heute besucht er Jus-Vorlesungen und schätzt die exzellente Lehre und die unkomplizierte Unterstützung durch die Dozierenden.

Dazwischen liegen Jahre des intensiven, teils ungeduldigen Spracherwerbs. «Ich wollte gleich zwei Sprachstufen auf einmal schaffen, doch alles braucht seine Zeit und viel Disziplin.» Geholfen haben auch die vielen Gespräche in seiner ehemaligen WG mit Schweizern, die auf Hochdeutsch wechselten, damit er sie verstehen konnte, sowie der Austausch mit Nachbarn und Freunden. «Ich möchte gut Deutsch sprechen, auch um Respekt zu zeigen dafür, dass wir hier so gut aufgenommen wurden», betont er.

Ein neues Leben …

Dmytro ist dankbar für die neu gewonnene Zukunftsperspektive. «Wir alle hatten nicht damit gerechnet, dass wir ein neues Leben haben können und hier ein neues Fach ausprobieren und eine neue Sprache lernen dürfen», sagt er. «Es ist ein grosser Schritt für uns.» Für ihn ist dieser Schritt verbunden mit einem klaren Ziel: weiterstudieren und wieder als Anwalt arbeiten und selbständig sein.

Doch er weiss auch, wie lang der Weg dorthin ist. «Jeden Tag kannst du einer neuen Herausforderung begegnen, du musst wirklich einen Marathon rennen, keinen Sprint. Es kann auch demotivierend und ermüdend sein.» Umso wichtiger sei die Unterstützung, die sie im Explore-Programm erfahren. Etwas Erholung vom täglichen Marathon findet Dmytro in der bQm Bar, und Altaf nickt: «Das ist auch mein Lieblingsort.» Snizhana hingegen taucht lieber ins Zürcher Kulturleben ein.

Dmytro, Teilnehmer am Explore-Programm der UZN

Jeden Tag kannst du einer neuen Herausforderung begegnen, du musst wirklich einen Marathon rennen, keinen Sprint. Es kann auch demotivierend und ermüdend sein.

Dmytro
Teilnehmer am Explore-Programm

Zwischen den Anforderungen des Alltags und den Zukunftsplänen liegen bei den Teilnehmenden oft ganz praktische Fragen: Welche Prüfungen brauche ich? Wie bereite ich mich vor? Wie organisiere ich den Einstieg in ein Studium? Antworten darauf liefern auch die Alumni des Programms. «Sie geben uns sehr wertvolle Tipps, zum Beispiel zur Vorbereitung auf die C1-Prüfung, oder dazu, wie viele Vorlesungen man im Studium belegen sollte», sagt Dmytro.

Farzana lobt auch die Unterstützung durch die Programmverantwortlichen: «Wir können E-Mails schicken und sie antworten sofort.» Selbst bei alltäglichen Hürden sind sie gleich zur Stelle: «Anfangs hatte ich Probleme, überhaupt die Räume zu finden, und da haben die Leute vom Explore-Programm immer geholfen.» Dieser Rückhalt helfe ihr, sagt Farzana, trotz der Flucht und des Kriegs in ihrem Heimatland ihren Weg weiterzugehen und nicht aufzugeben.

… und ein Plan A, B und C

Bei Altaf, der den Aufenthaltsstatus F hat, klingt der Optimismus etwas verhaltener. «Es wird traurig sein, wenn ich hier keine Zukunft habe», sagt Altaf und ringt sich dennoch ein Lächeln ab. Das Explore-Programm gibt ihm Halt in einer Situation, die von Unsicherheit geprägt ist: «Vor drei Jahren war ich noch in Afghanistan, hatte ein Restaurant und wusste nicht, dass ich eines Tages an der UZH lernen würde. Jetzt möchte ich hier studieren. Wenn ich das machen kann, dann ist es eine gute Chance.» Gleichzeitig belastet ihn seine Situation schwer. «Wenn ich etwas Negatives höre, bin ich demotiviert. Ich hoffe auf eine gute Zukunft.»

Altaf, Teilnehmer am Explore-Programm

Vor drei Jahren war ich noch in Afghanistan und wusste nicht, dass ich eines Tages an der UZH lernen würde. Jetzt möchte ich hier studieren. Wenn ich das machen kann, dann ist es eine gute Chance.

Altaf
Teilnehmer am Explore-Programm

Farzana ist überzeugt, dass sich aus den Erfahrungen im Explore-Programm verschiedene Perspektiven für die Zukunft ergeben können: «Man muss viele Pläne haben. Plan A, Plan B, Plan C… Erste Priorität ist, ab Herbst an der UZH zu studieren, darauf bin ich ganz fokussiert. Aber wenn das nicht geht, dann versuche ich es an der Fachhochschule.» Dmytro lacht und stellt anerkennend fest: «Farzana lässt alles einfach aussehen!»