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Essen im Film

Opulente Tafeln, harte Kost

Seit es Filme gibt, wird darin gegessen. Mal fröhlich, lustvoll, sorgsam, mal einsam, gierig, überbordend. Eine kulinarische Reise durch die Geschichte des Kinos.
Brigitte Blöchlinger

Nicht nur Filmemacher:innen haben eine «Vision» und eine eigene «Handschrift», sondern auch Sterneköch:innen. «Das Autorenprinzip ist eine von vielen Gemeinsamkeiten zwischen Essen und Film», erzählt der Leiter des Seminars für Filmwissenschaft Volker Pantenburg. Beides braucht zwingend eine gute Vorbereitung und Auswahl, spezielle Geräte und Technologie, ein reibungsloses Zusammenspiel der beteiligten Player und einen ansprechenden Aufführungsort.

Deshalb erstaunt es kaum, dass das Essen seit Beginn des Films eine beachtliche Rolle gespielt hat, so Pantenburg. Meist steht es für einen sozialen Ort, wo es um mehr als die Nahrungsaufnahme geht. Und schon bald wird im Kino auch harte Kost aufgetischt.

Im Film wird seit je gegessen. Schon die Brüder Lumière widmeten einen ihrer ersten Filme dem Essen. (Screenshot aus «Repas de bébé», 1895)

Doch die filmische Ur-Essszene ist noch heiter gestimmt. Die Brüder Lumière wandten sich im Juni 1895, kurz nach ihren spektakulären Erstlingen («La sortie de l’usine Lumière à Lyon» und «L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat») einem gemächlicheren Sujet zu: In «Repas de bébé» sitzen Eltern (Auguste und Marguerite Lumière) am Tisch ihrer idyllischen Gartenlaube, zwischen ihnen im Kindersitz das Töchterchen, dem der Vater einen Brei eingibt. Es herrscht eine sonnige Stimmung – das Füttern der herzigen Kleinen und wohl auch das Inszenieren der Szene bereitet den Eltern sichtlich Vergnügen.

Früh in der Filmgeschichte verliert das gemeinsame Tafeln die Unbeschwertheit und wird als Sinnbild der Dekadenz inszeniert. (Bild: Schreenshot aus «A Corner in Wheat» von D. W. Griffith, 1909)

Doch 1909 ist bereits Schluss mit dem unbeschwerten Essen im Film, weiss Filmwissenschaftler Pantenburg. Der Erfinder des amerikanischen Erzählkinos, D. W. Griffith, klagt in seinem dokumentarisch wirkenden kurzen Spielfilm «A Corner in Wheat» (1909) die Spekulation mit Weizen an, die vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Mangel an Brot für die lokale Bevölkerung führte.

Um die immensen Gewinne der Weizenbarone zu zeigen, fügt Griffith eine Essszene ein, in der die skrupellosen Kapitalisten und ihre Gattinnen an einer üppig dekorierten Tafel sitzen und sich ausgelassen zuprosten. Dass an der Tafel nicht gegessen, sondern ausschliesslich dem Rotwein zugesprochen wird, dass man sich in diesen Kreisen also von Genussmitteln «ernährt», steigert den Kontrast zu den parallel montierten Szenen, die die hungrige Bevölkerung zeigen. So verliert das Essen mit Griffiths «A Corner in Wheat» schon in der Frühzeit des Films seine Unbeschwertheit. 

Hervorholen, was unter den Tisch gekehrt wurde

Einer der ersten Autorenfilmer, die das Essen im Film klar als Gesellschaftskritik inszenieren, ist Pier Paolo Pasolini. In seinem Kurzspielfilm «La Ricotta» von 1963 offenbart die Art und Weise, wie die Filmfiguren mit dem Essen umgehen, gnadenlos die Klassenunterschiede: hier die Gier des einfachen Mannes, dessen Hunger nicht gespielt ist, dort die bessergestellten Filmemacher, die das lustig finden.

Pier Paolo Pasolini war einer der ersten Autorenfilmer, die seine Gesellschaftskritik über Essens- und Trinkszenen anbrachte. (Bild: Screenshot aus «La Ricotta», 1963).

Nach 1968 erlebt die Entlarvung bürgerlicher Dekadenz mit absurd inszenierten Tafelrunden ihren Höhepunkt. Ein berühmtes Beispiel dafür ist Luis Buñuels erfolgreicher Kinofilm «Le charme discret de la bourgeoisie» (1972). Das geplante stilvolle Dîner eines elitären Freundeskreises kommt in dieser surrealistischen Groteske wegen irrwitziger, traumhafter bis traumatischer Widrigkeiten einfach nicht zustande.

Richtig dick aufgetragen wird die Kritik an der bürgerlichen Überflussgesellschaft in der Monty-Python-Satire «The Meaning of Life» (1983). Der feiste, nimmersatte Mister Creosote frisst sich in einem Restaurant durch die Speisekarte, bis ihn das finale Pfefferminzschokolädchen explosiv ins Jenseits befördert.

Beim dänischen Dogma-Regisseur entwickelt sich Vaters Geburtstagsessen mit den erwachsenen Kindern zum familiären Showdown. (Bild: Screenshot aus «Festen», 1998)

Ein Thema im Film sind auch Familiendramen zu Tisch, sagt Pantenburg. «Die Generationen treffen aufeinander und lange unterdrückte innerfamiliäre Konflikte brechen auf.» Exemplarisch dafür steht der erste «Dogma»-Film des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg, «Festen» (1998). An der langen Tafel, an der sich die Familie zum 60. Geburtstag des Familienoberhaupts zusammenfindet, kommt es zum Showdown: Statt einer Geburtstagsrede offenbart der älteste Sohn den Missbrauch des Vaters an ihm und seiner Schwester, die sich umgebracht hat.

Essen als Augenschmaus

Auch Filme, in denen das Kochen und Essen die Hauptrolle spielt, hat das Kino im Lauf der Zeit zu bieten. Da man knusprige Wachteln an Morchelsause auf der Leinwand weder riechen noch schmecken kann, müssen die Schauspieler:innen in ihrem Spiel ausdrücken, was die Leckereien bei ihnen auslösen.

In der Romanverfilmung «Babettes gæstebud» (deutsch: «Babettes Fest», 1987) des dänischen Regisseurs Gabriel Axel bekommen pietistische Gemeindemitglieder von der aus Frankreich geflüchteten Köchin Babette ein Festessen vorgesetzt, das ihre genügsame Verstocktheit dahinschmelzen lässt, erzählt Filmwissenschaftler Jan Sahli: «Während die im kargen Alltag meist schweigenden Strenggläubigen sich die aufgetischten Delikatessen einverleiben, beginnen sie nach und nach zu reden.» 

Für die Inszenierung des Kochens und Essens werden in «Babettes Fest» alle filmischen Register gezogen: Der Veuve Clicquot prickelt, der Rotwein gluckst, das Fleisch zischt, und die Köstlichkeiten werden in satten Farben und verführerischen Nahaufnahmen auf die Leinwand gezaubert – ein wahrer Augenschmaus für die Zuschauer:innen.

Essen zeigt soziale Rolle

In japanischen (Trick-)Filmen spielen das Kochen und Essen auffallend oft eine wichtige Rolle (Bild: Studio Ghibli)

Auch im japanischen Film spielt das Essen eine wichtige Rolle. «Was eine Filmfigur kocht und isst, drückt immer auch ihre soziale Rolle aus», sagt Filmwissenschaftlerin Megumi Hayakawa, deren Spezialgebiet Animationsfilme sind.

Eine traditionsbewusste Hauptperson wird eher eine Bento-Box zusammenstellen, während der Tokioter Toilettenreiniger in Wim Wenders’ «Perfect Days» (2023) den Kaffee morgens aus dem Automaten lässt. «Automatenkaffee ist günstig, kommt geschmacklich aber nicht an frischen Kaffee heran», sagt Hayakawa. «Ein japanisches Publikum versteht die Message sofort: Er gibt sich damit zufrieden.»

Selbst in actionreichen animierten Abenteuerfilmen wird dem alltäglichen Essen Platz eingeräumt. In «Das Schloss im Himmel» etwa stärkt sich das Waisenkind Pazu mit Spiegelei auf Toastbrot – die er dann nicht etwa in Kombination, sondern je separat verspeist. Die kleine Episode verrät, wie unabhängig von gängigen Benimmregeln der Waisenjunge lebt – er isst, wie er will.

In Schweine verwandelt

«In den Produktionen des japanischen Studios Ghibli nimmt das Essen mehr Raum ein und erfüllt andere Funktionen als in amerikanischen Trickfilmen – etwa von Walt Disney oder Pixar», fügt Filmwissenschaftler Philipp Blum an, der sich mit Fantasyfilmen auskennt.

Selbst beim Pixar-Animationsfilm «Ratatouille» (2007), bei dem das entscheidende Gericht sogar den Filmtitel liefert, spielt der geschmorte Gemüseeintopf nicht die Hauptrolle. Die Küchenszenen dienen in erster Linie dazu, die Herausforderungen und Dilemmata der beiden Hauptfiguren sichtbar zu machen – des Küchengehilfen Linguini, der von der kochbegabten Ratte Rémy in einem Pariser Gourmetrestaurant heimlich zu Höchstleistungen angetrieben wird.

Chihiros Eltern verwandeln sich in einem unheimlichen Vergnügungspark in Schweine, weil sie unerlaubt vom Buffet der Götter gegessen haben. (Bild: Screenshot aus «Chihiros Reise ins Zauberland», 2001)

Obwohl es in den japanischen Ghibli-Produktionen oft unheimlich, schräg und aktionsreich zu und her geht, spielt auch das gewöhnliche Essen in den fantastischen Geschichten eine Rolle. In «Chihiros Reise ins Zauberland» (2001) etwa stürzen sich die Eltern der zehnjährigen Chihiro in einem unheimlichen, verlassenen Vergnügungspark unerlaubt auf ein ausladendes Buffet, das für die Götter bestimmt wäre, und werden zur Strafe in Schweine verwandelt. Die junge Heldin muss viele Abenteuer bestehen, bis sie die Eltern zurückverwandeln und das magische Reich verlassen kann. Doch glücklicherweise gesellt sich ihr ein Waisenknabe zur Seite, der seine freundschaftliche Gesinnung mit Onigiri, japanischen Reisbällchen, kundtut. Wie oft im japanischen Film steht hier das Essen zu zweit für zwischenmenschliche Wärme und Zugehörigkeit.

Mittlerweile holen sich immer mehr Menschen die kulinarischen Zugehörigkeitsgefühle aus der Fantasiewelt ins reale Leben. «Ghibli-Food nachzukochen, ist in Japan enorm beliebt», weiss Hayakawa. «Es gibt zigtausend Leute, die bekannte Gerichte aus den Trickfilmen nachkochen, fotografieren und auf Social Media stellen und so den Gleichgesinnten mitteilen, dass sie Teil der Fanbewegung sind.»

Fabelhafter Foodporn

In den sozialen Medien ist das Essen mittlerweile ein Ereignis, sind sich die Filmwissenschaftler:innen der UZH einig. Auf Instagram & Co. müssen die Speisen vor allem ästhetisch überzeugen, damit sie auffallen. «Es existiert eine fast schon manische Begeisterung, schöne Mahlzeiten zu fotografieren und hochzuladen», sagt Pantenburg. Damit vegane Bowls und knusprige Sauerteigbrote richtig stylish aussehen, werden sie arrangiert, beleuchtet, besprayt und manipuliert.

Schöner Essen – für Social Media angerichtet. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Ebenfalls ein grosser Hype sind Kochvideos wie «Zu Tisch», «Dinner Club» oder «Kochen wie ein Sternekoch». Die Kochshows locken Millionen von Zuschauer:innen vor den Bildschirm. Etwas wehmütig müssen sich da Fantasy-Aficionados wie Philipp Blum eingestehen, dass selbst die abgefahrensten Food-Fantasien in «Star Trek» oder «The Lord of the Rings» aktuell dem Publikum nur ein müdes Lächeln entlocken. Die klingonische Delikatesse Gagh (lebende Würmer) oder das zwiebackähnliche Cram-Gebäck sehen neben dem heutigen fabelhaften Foodporn einfach nicht gut genug aus.