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Digital Society Initiative

«Wichtiger Player für Fragen der digitalen Transformation»

Mit der Digital Society Initiative DSI hat die UZH eines der grössten interdisziplinären Netzwerke zur digitalen Transformation der Gesellschaft geschaffen – mit spürbarer Wirkung innerhalb der UZH und gegen aussen.
Autor: Interview: Theo von Däniken

Vor genau zehn Jahren, am 14. September 2016, hat die UZH die Digital Society Initiative (DSI) gegründet. Das Ziel: Die UZH als Kompetenzzentrum zu etablieren, das die digitale Transformation der Gesellschaft mitgestaltet und begleitet. Ob dies gelungen ist und weshalb vor zehn Jahren KI noch kaum ein Thema war, erklärt Informatik-Professor und DSI-Direktor Abraham Bernstein, der den Anstoss zur Gründung der DSI gegeben hat.

Mit der Gründung der Digital Society Initiative (DSI) vor zehn Jahren setzte sich die UZH das Ziel, das Kompetenzzentrum für digitale Transformation in der Schweiz zu werden. Abraham Bernstein, ist die DSI nach zehn Jahren dort angelangt?

Abraham Bernstein: Ja, wir sind sogar viel weiter gekommen, als ich mir je vorstellen konnte. Vor zehn Jahren begannen wir in einer kleinen Gruppe uns Gedanken zu machen, wie wir mit dem Umbruch der Digitalisierung umgehen sollen. Aktuell ist die DSI ein Netzwerk von über 1600 Forschenden, mehr als 300 davon sind Professorinnen. Nach innen gibt es, glaube ich, kein Thema an der UZH, das so viele Forscher:innen zusammenbringt.

Portraitbild Abraham Bernstein

Die meisten Chancen der Digitalisierung kann man nur verwirklichen, wenn man mehrere unterschiedlichste Sichtweisen einbezieht.

Abraham Bernstein
Direktor UZH Digital Society Initiative

Ist das nicht ein Zeichen dafür, wie stark die Digitalisierung mittlerweile alle Bereiche durchdringt? Welche Rolle spielte und spielt die DSI dabei, mit dieser Entwicklung umzugehen?

Wir haben die DSI von Anfang an als Katalysator und als Koordinationsstelle konzipiert. Ein zentraler Aspekt der Digitalisierung ist, dass viele Chancen, aber auch Risiken, nicht in einer einzelnen Disziplin betrachtet werden können. Es kommen stets verschiedene Elemente zusammen, die unterschiedliche Sichtweisen benötigen. Es gibt technische, juristische psychologische oder soziologische Elemente, die man berücksichtigen muss. Die meisten Chancen der Digitalisierung kann man nur verwirklichen, wenn man mehrere unterschiedlichste Sichtweisen einbezieht.

Alle Universitäten waren gezwungen, auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu reagieren. Was ist besonders an der DSI?

Das Besondere ist meines Erachtens, dass wir es geschafft haben, so viele Forschende unterschiedlichster Richtungen zusammenzubringen. Es gibt ähnliche Initiativen, beispielsweise in Holland, die eher wie ein NCCR aufgestellt sind, oder in Deutschland, wo das Weizenbaum-Institut gegründet wurde. Aber das sind letztlich eine Handvoll von hervorragenden Wissenschaftler:innen, die in diesem Bereich Forschung machen. In der Art und Weise, wie die DSI die ganze Struktur und alle Fachbereiche durchdringt, von der Religionswissenschaft bis zur Veterinärmedizin, ist mir nichts Vergleichbares bekannt. Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal.

  • DSI-Gründungsdirektor Abraham Bernstein im Gespräch mit Bundesrat Johann Schneider Ammann am ersten Digitaltag 2017. «Damals war vielen Menschen noch nicht klar, wie tiefgreifend die Digitalisierung die Gesellschaft verändern wird», sagt Bernstein heute. (Bild: Frank Brüderli)
    DSI-Gründungsdirektor Abraham Bernstein im Gespräch mit Bundesrat Johann Schneider Ammann am ersten Digitaltag 2017. «Damals war vielen Menschen noch nicht klar, wie tiefgreifend die Digitalisierung die Gesellschaft verändern wird», sagt Bernstein heute. (Bild: Frank Brüderli)
  • Grosses Interesse am UZH Digital Forum 2019, das sich in mehreren Veranstaltungen mit Fragen zu Big Data und Künstlicher Intelligenz befasste. (Bild: zVg)
    Grosses Interesse am UZH Digital Forum 2019, das sich in mehreren Veranstaltungen mit Fragen zu Big Data und Künstlicher Intelligenz befasste. (Bild: zVg)
  • Mitten in die Corona-Zeit fiel die erste Digital MasterClass im Bundeshaus in Bern. «Wir haben es geschafft, regelmässig mit Parlamentarier:innen ins Gespräch zu kommen, und mit ihnen über technische Entwicklungen und gesellschaftliche Folgen zu reden», so Bernstein. (Bild: Video-Still, Brigitte Blöchlinger)
    Mitten in die Corona-Zeit fiel die erste Digital MasterClass im Bundeshaus in Bern. «Wir haben es geschafft, regelmässig mit Parlamentarier:innen ins Gespräch zu kommen, und mit ihnen über technische Entwicklungen und gesellschaftliche Folgen zu reden», so Bernstein. (Bild: Video-Still, Brigitte Blöchlinger)
  • Austausch im Netzwerk ist ein wichtiger Teil der DSI, auch im informellen Rahmen, wie hier an der Sommerparty 2023. (Bild: zVg)
    Austausch im Netzwerk ist ein wichtiger Teil der DSI, auch im informellen Rahmen, wie hier an der Sommerparty 2023. (Bild: zVg)
  • An der AI-X-Konferenz 2024 hatte die DSI einen vielbeachteten Auftritt zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). «Das Strategiepapier der DSI zur Regulierung von KI in der Schweiz hatte Einfluss darauf, wie die Schweiz jetzt die KI regulieren will», sagt Bernstein. (Bild: zVg)
    An der AI-X-Konferenz 2024 hatte die DSI einen vielbeachteten Auftritt zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). «Das Strategiepapier der DSI zur Regulierung von KI in der Schweiz hatte Einfluss darauf, wie die Schweiz jetzt die KI regulieren will», sagt Bernstein. (Bild: zVg)
  • Mitglieder der DSI an einem Workshop im Rahmen des Strategy-Labs 2025: «Die Stellungnahmen und Empfehlungen in den White Papers hatten eine spürbare Wirkung bei Regulatoren oder Politiker:innen.» (Bild: zVg)
    Mitglieder der DSI an einem Workshop im Rahmen des Strategy-Labs 2025: «Die Stellungnahmen und Empfehlungen in den White Papers hatten eine spürbare Wirkung bei Regulatoren oder Politiker:innen.» (Bild: zVg)

Wird das auch von aussen wahrgenommen?

Ja, wir erhalten Anfragen von Behörden, Firmen, Verbänden, etc. Die UZH wird als ein wichtiger Player für Fragen der Digitalisierung wahrgenommen. Insbesondere dort, wo unsere Expertise gross ist, sei es zu juristischen oder sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Aber auch bei technischen Themen, in denen die UZH eine grosse Expertise hat und digitale Technologien weiterentwickelt.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Einerseits hat die UZH mit Davide Scaramuzza im Bereich der autonomen Drohnen die technische Entwicklung stark vorangetrieben. Ein Bereich übrigens, in dem man auch stets die gesellschaftlichen Folgen im Auge halten muss. Ein zweites Beispiel ist die so genannte Post-Quantum Encryption. Man geht davon aus, dass Quantencomputer dereinst so leistungsfähig sein werden, dass die meisten heute verwendeten Verschlüsselungstechniken nicht mehr funktionieren werden. Hier braucht es neue Lösungen, an denen Mathematiker:innen der UZH arbeiten. Zudem gibt es verschiedene Anwendungen etwa in der Medizin oder Zahnmedizin, die in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, wie der Universitätsklinik Balgrist entwickelt wurden.

Hätte ich vor zehn Jahren gesagt, dass die KI einen schlechten Einfluss auf das Leben der Menschen haben wird, hätte man mich wohl belächelt.

Abraham Bernstein

Neben dem umfassenden Netzwerk, das Sie angesprochen haben, wurden in den vergangenen zehn Jahren im Rahmen der DSI in allen Fakultäten gezielt neue Professuren geschaffen: über 35. Das ist einerseits eindrücklich, doch reicht das angesichts der Breite der Themen in der Digitalisierung?

Ich glaube, es sind an der UZH in dieser Zeit bedeutend mehr als die genannten Professuren geschaffen oder besetzt worden, die etwas mit Digitalisierung zu tun haben. Man kann sich in den wenigsten Fächern heutzutage die Digitalisierung wegdenken. Seien es die Medienwissenschaften, die Ökonomie, Medizin oder irgendeine andere Disziplin. Wird heute jemand berufen, so wird sich diese Person mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit auch mit Fragen der digitalen Transformation befassen. Viele dieser Personen kommen früher oder später zur DSI, weil sie sehen, dass sie eine wertvolle Ressource ist. Die DSI bringt Personen zusammen, die komplementäre Fähigkeiten haben, und die gemeinsam Projekte machen können.

Bei der Gründung der DSI von zehn Jahren war die Künstliche Intelligenz KI kaum ein Thema. Heute dreht sich die Diskussion zur digitalen Transformation fast nur noch darum. Wurden Sie und die DSI von der Entwicklung überrascht?

Die meisten Leute erwarten, dass ich diese Frage mit Ja beantworte. Ich mache jedoch seit knapp 30 Jahren Forschung, mit und über KI. Das waren keine Large Language Models aber andere Formen von KI. Wir alle brauchen KI schon sehr, sehr lange – zum Beispiel die Sprachassistent:innen im Smartphone. Diese Technologien haben sich im Laufe der Zeit stark verbessert und es war absehbar, dass es einen «Tipping Point» gibt, an dem eine Anwendung so gut ist, dass sie auf einmal Mainstream wird. Was mich deshalb eher erstaunt hat, ist, wie stark die Leute überrascht waren, dass dieser Punkt jetzt kommt.

Zehn Jahre DSI in Zahlen

  • Über 1600 Forschende sind Teil des Netzwerks, davon über 300 Professor:innen der UZH
  • 40 Professuren (Assistenzprofessuren mit/ohne Tenure Track, ad Personam Professuren, volle Professuren, DIZH-Brückenprofessuren, Assoziierte Professuren) in sechs Fakultäten wurden insgesamt geschaffen (inkl. Alumni), davon sind aktuell 35 besetzt 
  • 13 DSI Communities arbeiten aktuell an spezifischen Themen der digitalen Transformation
  • 12 Postdoc-Stellen wurden im Rahmen des DSI Brückenpostdoc-Programms geschaffen
  • 3 Bildungsangebote mit diversen Modulen auf allen Stufen der UZH (Bachelor, Master & PhD)
  • 105 Doktorierende in sieben Kohorten haben bislang am DSI Excellence Programm (PhD) teilgenommen
  • 21 Projekte wurden im Rahmen des DSI Infrastrukturen & Labs-Programms finanziert, davon sind aktuell noch sieben aktiv.
  • 6 Positionspapiere sind im Rahmen des Thinktanks DSI Strategy Lab bislang erschienen.
  • Über 20 Veranstaltungen mit Mitgliedern des nationalen und kantonaler Parlamente haben im Rahmen der Reihe Digital MasterClass bislang stattgefunden.

 

Abgesehen von der KI. Wie hat sich die Wahrnehmung der Digitalisierung in den vergangenen zehn Jahren geändert?

Ich glaube, vor zehn Jahren war vielen Menschen noch nicht klar, wie tiefgreifend die Digitalisierung die Gesellschaft verändern wird. Man dachte, nun ja, es gibt halt immer schnellere Computer. Hätte ich damals gesagt, dass die KI einen schlechten Einfluss auf das Leben der Menschen haben wird, hätte man mich wohl belächelt. Heute glauben das gemäss einer Umfrage in den USA 50 Prozent der Jugendlichen. Niemand zweifelt mehr daran, dass die Digitalisierung grosse Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Was passiert mit meinem Job? Führen die Sozialen Medien zu einer Polarisierung? Spaltet das letztlich die Gesellschaft? Diese Fragen beschäftigen heute viele Menschen.

Damit sprechen sie vor allem Ängste angesichts der Digitalisierung an. Die DSI ist angetreten, einerseits diese Gefahren aufzuzeigen und Lösungen zu erarbeiten, andererseits hat sich die DSI auch zum Ziel gesetzt, Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Wie sieht es damit aus?

Ich glaube, dass es uns gelungen ist, Chancen in verschiedensten Bereichen aufzuzeigen. Ein konkretes Beispiel zur Polarisierung: In einem in der DSI entstandenen gemeinsamen Projekt von Informatik und Medienwissenschaft ist es uns gelungen aufzuzeigen, dass die Polarisierung abgeschwächt werden kann, wenn die Medien-Konsument:innen möglichst viele diverse News erhalten und lesen. Das wäre ein Ansatz, den man verfolgen könnte, aber dazu braucht es Strukturveränderung in der Medienlandschaft. Auch im Gesundheitsbereich gibt es heute Lösungen, die von zehn Jahren noch nicht möglich waren.

Dennoch haben viele Menschen Grundängste, wie etwa den Job zu verlieren oder permanent überwacht zu werden. Wir müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen und wie wir als Gesellschaft darauf reagieren.

In den Digital MasterClasses können wir ungestört vom politischen Tagesgeschäft Themen diskutieren, die den Parlamentarier:innen unter den Nägeln brennen.

Abraham Bernstein

Was kann die Wissenschaft und konkret die DSI dafür tun?

Wir erarbeiten im Rahmen des DSI Strategy Labs einmal pro Jahr ein White Paper, also ein Manifest, genau zu einem solchen gesellschaftlich relevanten Thema. Diese Stellungnahmen und Empfehlungen hatten eine spürbare Wirkung bei Regulatoren oder Politiker:innen, die sich konkret damit befassen, wie gewisse Bereiche reguliert werden sollten. Unser erstes White Paper haben wir 2021 zur Regulation von KI verfasst. Das haben wir im Bundeshaus vorgestellt und es hatte einen Einfluss darauf gehabt, wie die Schweiz jetzt die KI regulieren will.

Neben den White Paper führt die DSI seit einigen Jahren auch so genannte Digital MasterClasses für nationale und kantonale Parlamentarier:innen zu Themen der Digitalisierung durch. Erreichen diese Wirkung?

Die MasterClasses sind für mich ein grosser Erfolg. Wir haben es geschafft, regelmässig mit Parlamentarier:innen ins Gespräch zu kommen, mit ihnen über technische Entwicklungen und gesellschaftliche Folgen zu reden. In den MasterClasses können wir ungestört vom politischen Tagesgeschäft Themen diskutieren, die den Parlamentarier:innen und unter den Nägeln brennen, sei das Datenschutz, künstliche Intelligenz, Medien etc. Was dabei nicht zu unterschätzen ist: Man lernt sich gegenseitig kennen und schafft Kontakte. So kommen Politiker:innen auch später auf uns zu, wenn sie zu einem Thema die Meinung von Expertinnen oder Experten benötigen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Die Digitalisierung ist, wie Sie vorhin gesagt haben, in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Allen ist klar, dass sie die Gesellschaft verändert. Braucht es eine DSI als Katalysator für Fragen der Digitalisierung trotzdem noch?

Wir haben es mit der DSI geschafft, interdisziplinäre Forschung an dieser UZH massiv zu unterstützen und weiterzubringen. Ein Katalysator in dieser Breite ist sehr speziell. Man könnte sagen, wir haben jetzt zehn Jahre Digitalisierung gemacht, nun ist es irgendwann auch mal genug. Ich glaube aber, dass der gesellschaftlichen Wandel noch nicht vorbei ist. Sei es die Art, wie wir arbeiten, sei es die Weise, wie wir kommunizieren. Wir wissen noch nicht, wie Arbeit in 10, 20 Jahren aussehen wird. Deshalb denke ich schon, es ist weiterhin die Pflicht der UZH, darauf Antworten zu liefern.

Was braucht es dazu? Wie müsste sich die DSI weiterentwickeln damit die UZH diese Rolle auch wahrnehmen kann?

Für mich persönlich ist es wichtig, dass man weiterhin Freiräume schaffen kann, damit Leute aus verschiedensten Disziplinen miteinander zusammenarbeiten können. Freiräume heisst auf der einen Seite tatsächlich Räumlichkeiten, aber es bedeutet auch eine Finanzierung, die disziplinübergreifend zur Verfügung steht, um die gemeinsame Forschung zu ermöglichen. Eine drängende Frage ist zum Beispiel: Wie arbeiten wir in Zukunft mit KI als Instrument und wie arbeiten wir mit ihr zusammen, sozusagen als virtueller Kollegin? Darauf gibt es noch keine Antwort. Um diese zu finden, braucht es Expert:innen aus der Betriebswirtschaft, aus der Informatik, aus der Ökonomie, aus der Soziologie, aus der Psychologie, die sich zusammensetzen und gemeinsam an einem Thema arbeiten.