Forschung auf Augenhöhe im Amazonas
«Jedes Mal, wenn wir zusammen in den Urwald gehen, kommen wir mit etwas Neuem raus», sagt Rodrigo Cámara-Leret, Professor am Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik an der Universität Zürich. Er grinst seinen PhD-Studenten Juan Carlos Copete an. Die beiden sind ein eingespieltes Team: Vor 14 Jahren haben sie auf der Suche nach neuen Palmenarten erstmals zusammen Feldforschung betrieben, seit 2023 arbeiten sie am gleichen Institut.
Auch letztes Jahr kamen die beiden mit einem Schatz aus dem kolumbianischen Urwald zurück: eine neue Palmenart, die bisher noch nie beschrieben wurde. Sie trägt den Namen «Attalea táam» und wächst rund um das Gebiet der indigenen Cacua-Gemeinschaft bei Wacará im Departement Vaupés im Südosten Kolumbiens. Die Region ist nur über eine lange Bootsfahrt und einen rund zweistündigen Fussmarsch erreichbar.
Ein Zufallsfund
«Es ist purer Zufall, dass wir die neue Palmenart entdeckt haben», lacht Copete. «Dank des Hinweises eines lokalen Professors wurden wir auf die Cacua-Gemeinschaft aufmerksam und reisten dorthin.» Die Cacua lebten mitten im Urwald nahe der Grenze zu Brasilien. Die rund 200 Personen haben wenig Kontakt zur Aussenwelt und sprechen ihre eigene Sprache.
Die beiden Forschenden wurden von den Indigenen mit einem Imbiss empfangen, an dem ihnen unbekannte Palmenfrüchte serviert wurden. Auf ihre Nachfrage meinte jemand, dass die Pflanzen wohl angebaut würden. Erst der direkte Kontakt mit den Cacua ergab später, dass die Palmen, die diese Früchte hervorbrachten, in der Umgebung wild wuchsen.
Enge Zusammenarbeit mit indigener Bevölkerung
Von da an war die wissenschaftliche Neugier der beiden Forscher nicht mehr zu bremsen: Zusammen mit Cacua-Ältesten und einem jungen Jäger lokalisierten sie die wild wachsenden Bestände der Palme im Wald, Pflanzenmaterial wurde gesammelt und dokumentiert. «Für die Cacua ist die Palmfrucht ein wichtiges Nahrungsmittel, mit den Blättern decken sie ihre Scheunen. Sie wussten genau, wo die einzelnen Bäume standen und wie viele Früchte sie ernten durften, um den Bestand nicht zu gefährden», erklärt Cámara-Leret.
Zurück in Zürich analysierten die Forscher die morphologischen Merkmale der Palmen und ihrer Früchte im Detail, untersuchten die Blüten mithilfe digitaler Mikroskopie und zogen wissenschaftliche Literatur zu Rate. Die Cacua arbeiten derweil vor Ort weiter: Sie kartierten eigenständig das Vorkommen der Bäume, fotografierten Standorte und dokumentierten Bodenbedingungen.
Häufigste Baumkronenpalme im Amazonas
Die Gattung Attalea ist eine der am häufigsten vorkommenden Baumkronenpalmen im tropischen Tieflandregenwald des Amazonas. Die verschiedenen Arten sind jedoch schwierig zu identifizieren, da sie erhebliche morphologische Unterschiede innerhalb einer Art aufweisen und meist männliche und weibliche, aber auch hybride Blütenstände haben.
Die neue Art «Attalea táam», benannt nach ihrer Cacua-Bezeichnung, ist an ihrem Stamm mit deutlich ausgeprägten orange-braunen ringförmigen Blattnarben zu erkennen. Die Palmen können bis zu 23 Meter hoch werden. Die Krone hat aufrechte, bis zu 12 Meter lange Blätter. Die eiförmigen Früchte sind gelblich-braun mit brauner Spitze und müssen etwa ein Jahr lang reifen, um essbar zu sein.
Lokaler Peer-Review
Die beiden Forscher unterstreichen, dass sie die Artenvielfalt der Region dank der interkulturellen Zusammenarbeit mit den Cacua viel schneller erfassen konnten. «Für uns war dies ein Meilenstein. Wir hatten die einmalige Gelegenheit, eine andere Art von Wissenschaft zu machen und die lokale Bevölkerung aktiv zu integrieren», sagt Cámara-Leret. Die Cacua schätzten diese Kooperation ebenfalls und engagierten sich aktiv. «Sie waren stolz, dass sie uns ihr Wissen weitergeben konnten. Gleichzeitig wollten sie von uns lernen», fügt Copete an.
Daher war es den Forschenden wichtig, die Einheimischen auch am Ergebnis teilhaben zu lassen. Wieder zurück in Kolumbien, erstellten sie zusammen mit den Cacua und einer kolumbianischen Künstlerin eine Karte der gesamten Region und liessen die einzelnen Symbole von dortigen Schulkindern malen. Sowohl die Karte als auch die auf Cacua übersetzte Studie wurden der Gemeinschaft präsentiert. «Wir bestanden auf einem lokalen Peer-review, um den Cacua zu zeigen, wie wertvoll ihr Input und ihr Feedback sind», sagt Camara-Leret. «Wir wollten nicht wie zu Zeiten Humboldts indigenes Wissen anzapfen, ohne etwas zurückzugeben.» Ein solches gemeinsames Ergebnis ist die erstellte Karte, auf der die Cacua die Namen ihrer Flüsse, Hügel und Pflanzenarten zum ersten Mal geschrieben sehen.
Satelliten-Bilder als Zukunftsprojekt
Auch als Forschender lerne man viel über die andere Kultur und die Lebensumstände der Einheimischen, wachse am gemeinsamen Austausch. Der Professor und sein PhD-Student wollen den eingeschlagenen Weg zusammen mit den Einheimischen weitergehen. Im nächsten Projekt sollen Satelliten-Bilder der Region entstehen, damit die Cacua ihre Umgebung von oben sehen können. «Das ist das Schöne an Wissenschaft: Wenn man offen für das Unerwartete ist und sich die nötige Zeit nimmt, wird man reich beschenkt», fasst Cámara-Leret zusammen.