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Forschungspreis

Pflanzenbiologin erhält Preis für Immunforschung

Die Pflanzenbiologin Dr. Jana Ordon forscht an Immunreaktionen von Pflanzen. Dafür wird sie von «Swiss L’Oréal – UNESCO For Women in Science» ausgezeichnet. Im Interview spricht die Postdoktorandin über ihre Forschung und darüber, was ihr der Preis bedeutet.
Interview: Carole Scheidegger
Jana Ordon erforscht, wie Pflanzen Angriffe durch Krankheitserreger erkennen. (Bild zvg)

Das «Swiss L'Oréal – UNESCO For Women in Science Program» wird dieses Jahr erstmals durchgeführt. Mit welchem Projekt haben Sie sich dafür beworben?

Jana Ordon: Das Projekt lautet «Breaking walls, sensing threats: elucidating oligogalacturonide perception in plant immunity». Es geht also darum, wie Pflanzen Angriffe durch Krankheitserreger erkennen.

Können Sie kurz erklären, worum es geht?

Ordon: Anders als Tiere oder Menschen verfügen Pflanzen nicht über spezifische Immunzellen. Jede Zelle kann grundsätzlich eine Immunantwort auslösen. Bei einem Angriff erkennen Rezeptoren auf der Zelloberfläche einerseits Muster von Krankheitserregern. Andererseits reagieren Pflanzen auf Bruchstücke der eigenen Zellwand, die vermutlich bei einem solchen Angriff durch krankheitserregende Bakterien oder Pilze entstehen. Das ist schon seit gut vierzig Jahren bekannt. Noch weiss man aber nicht, welche Rezeptoren notwendig sind, um diese Immunreaktionen auszulösen. Ziel des Projekts ist es, diese Rezeptoren zu identifizieren und die Signalweiterleitung nach Bindung der Zellwandbruchstücke an den Rezeptor besser zu verstehen.

Könnte diese Forschung dazu beitragen, Pflanzen immun zu machen, so dass weniger Pestizide eingesetzt werden müssen?

Ordon: Bei meinem Projekt handelt es sich um Grundlagenforschung. Aber langfristig könnten solche Rezeptoren ein Ziel sein, um Immunantworten gegen verschiedene Krankheitserreger gezielt auszulösen. Dann könnte man Pflanzen so züchten, dass sie gegen diese Krankheitserreger immun sind.

Zur Person: Jana Ordon

Jana Ordon hat an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihr Bachelor- und Masterstudium in Biologie absolviert. Anschliessend promovierte sie am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln. Seit Februar 2024 arbeitet sie am Institut für Pflanzen- und Mikrobiologie der Universität Zürich. Dafür hat sie ein Stipendium der European Molecular Biology Organization (EMBO) erhalten.

Was gefällt Ihnen an diesem Projekt besonders?

Ordon: Dazu muss ich etwas ausholen: Ich war schon während des Studiums an Genetik und molekularen Interaktionen zwischen Pflanzen und krankheitserregenden Bakterien interessiert. Im Bachelorstudium begann ich, an Genomeditierung zu arbeiten, also spezifische Gene aus dem pflanzlichen Erbgut herauszuschneiden. In der Masterarbeit forschte ich an Immunrezeptoren, die innerhalb der Pflanzenzelle wirken. In der Doktorarbeit habe ich weiter an pflanzlichen Immunantworten gearbeitet, aber den Fokus von den Krankheitserregern weg hin zu Bakterien gelegt, die neutrale oder sogar positive Interaktionen mit Pflanzen haben, sogenannte Kommensalen. Ich will eine Rundumsicht über das pflanzliche Immunsystem innerhalb der Zelle und an der Zelloberfläche gewinnen, um langfristig zu erforschen, wie nicht nur krankheitserregende, sondern auch kommensale Bakterien mit dem pflanzlichen Immunsystem interagieren. Und dazu passt dieses Projekt sehr gut.

Gibt es weitere Aspekte, die Sie an diesem Projekt begeistern?

Ordon: Mir gefällt sehr, dass es eine gute Zusammenarbeit mit Forschungsteams in Lausanne und Madrid beinhaltet. Wir haben ein geteiltes Interesse an diesem Rezeptor und versuchen gemeinsam, möglichst viel zu erreichen. Die drei Labore haben je eigene Stärken, die wir zusammenbringen können.

Sie erhalten für Ihr Projekt einen Preis von «For Women in Science». Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ordon: Ich fühle mich natürlich sehr geehrt, dass ich diesen Award erhalte. Gerade auch, weil er nicht auf die Biologie beschränkt ist, sondern Frauen aus verschiedenen MINT-Fächern teilgenommen haben. Ich habe mich also anscheinend in einem breiteren Spektrum durchgesetzt. Dies zeigt mir, dass meine Arbeiten auf Interesse stossen. Darüber hinaus erhalte ich mit dem Award Geld für meine Forschung, was mir etwas mehr Freiheit gibt. Weiterhin gibt mir der Award Vertrauen im Hinblick auf eine akademische Karriere.

For Women in Science Program

Die Schweizerische UNESCO-Kommission, L'Oréal Schweiz und die Schweizerische Akademie der Technischen Wissenschaften (SATW) organisieren gemeinsam das Programm «Swiss L'Oréal – UNESCO For Women in Science 2025». Es würdigt und unterstützt Postdoktorandinnen in der Schweiz, die herausragende Arbeiten in den MINT-Fächern leisten. Dieses Jahr werden in der Schweiz erstmals vier Stipendien in Höhe von je 25’000 Franken vergeben.

Auf weltweiter Ebene besteht das Programm «For Women in Science» von L'Oréal und der UNESCO seit 1998. Im Rahmen dieser Partnerschaft wurden seither rund 4’400 Frauen für ihren Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung gewürdigt.
 

Braucht es überhaupt einen eigenen Preis für Frauen in der Wissenschaft?

Ordon: Das ist eine grosse Frage! Ich glaube, in den letzten Jahren hat sich schon viel getan. Aber es gibt nach wie vor die Leaky Pipeline, auch bei uns in der Biologie: Unter den Studierenden machen Frauen über 50 Prozent aus, aber je höher man in der Karriereleiter geht, desto kleiner ist der Frauenanteil. Auf diesen Umstand kann ein solcher Preis hinweisen. Ausserdem glaube ich, dass es nach wie vor unbewusste Vorurteile gibt, Männern mehr Kompetenz zuzuschreiben. Das haben viele von uns wohl internalisiert, weil Männer noch immer den grössten Teil der Führungskräfte stellen. Wenn man Kindern die Aufgabe gibt, eine Person in einem Laborkittel zu malen, dann wäre es schön, wenn irgendwann in der Zukunft Kinder genauso oft eine Frau malen wie einen Mann. Da darf sich noch etwas verändern.

Würden Sie Mädchen und junge Frauen trotzdem zu einem Studium der Naturwissenschaften ermutigen?

Ordon: Auf alle Fälle! Mich selbst freut es, junge Wissenschaftlerinnen zu sehen, die sich für ähnliche Dinge interessieren wie ich, und ich versuche, diese Begeisterung zu fördern. In einem anderen Projekt, an dem ich gerade arbeite, betreue ich eine Masterstudentin, das macht mir Spass.

Wagen wir einen Blick voraus: Wo sehen Sie sich in Zukunft?

Ordon: An meiner aktuellen Position schätze ich den Fokus auf biochemische Prozesse des pflanzlichen Immunsystems. Mit meiner Expertise aus früheren und aktuellen Projekten würde ich mich gerne langfristig an der Schnittstelle zwischen Pflanzen-Immunantworten und Pflanzen-Mikrobiota etablieren. Von der Darmflora des Menschen haben wohl schon viele gehört. Pflanzen haben auch eine solche Flora, sie ist aber hauptsächlich aussen an der Pflanze angesiedelt und besteht aus den zuvor erwähnten Kommensalen. Wie das pflanzliche Immunsystem mit der Mikrobiota und Krankheitserregern interagiert und kommuniziert, interessiert mich sehr und ich habe weiterhin sehr viel Lust auf Wissenschaft.

Video: L’Oréal Groupe