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Leidenschaft im Multipack

Um aus einer zündenden Idee eine erfolgreiche Startup-Firma zu gründen, braucht es eine Vision, viel Knowhow und eine gute Planung. Doch vor allem braucht es unterschiedliche Menschen, die sehr gut zusammenarbeiten.
Brigitte Blöchlinger, Recherche: Stéphanie Hegelbach
Team AskEarth
Gemeinsame Passion für den Weltraum: Das Team des UZH-Startups askEarth. (Bild: Sprecher/Cortellini)

«Ich stehe am Morgen auf und freue mich auf den Tag.» Der 29-jährige Mathematiker Simon Grüning ist Chief Technology Officer des Anfang Jahr mit Kollegen gegründeten UZH-Startups askEarth und noch immer «passionate», wie er sagt. «Ich liebe, was ich tue.» Die Gründer von askEarth haben eine Onlineplattform entwickelt, mit der man gratis eine Luftaufnahme von irgendeinem Punkt auf der Erde auf seinen Laptop laden kann. Die Technologie dahinter ist hochkomplex. Sie basiert auf der Erdbeobachtung durch Satelliten. Die Daten stammen von der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Die Nutzung jedoch wollen die vier Startup-Gründer bewusst einfach halten – jede und jeder soll Bilder von der Welt aus der Vogelperspektive anfragen können.

Die Idee ist vielversprechend und neu. Und die Jungunternehmer Simon Grüning, David Berger, Manuel Gerold und Gaetan Petit sind intrinsisch motiviert. Damit sind schon einmal zwei wichtige Voraussetzungen für den zukünftigen Erfolg des jungen UZH-Startups erfüllt. «Nun braucht es noch einen Need, also ein Bedürfnis in der Gesellschaft, das Tool zu nutzen», sagt Manuel Merki, Community & Program Manager im UZH Innovation Office, der Studierende und Forschende der UZH bei der Firmengründung unterstützt. Ob ein Markt für askEarth vorhanden ist oder sich entwickeln lässt, das untersuchen die Jungunternehmer derzeit. Sie zeigen ihre innovative Plattform möglichst vielen Leuten, um herauszufinden, «wer am meisten Spass daran hat», wie es Grüning formuliert.

Gute Ideen fördern

«Innovative, risikobereite Gründer:innen können neue Lösungswege für gesellschaftliche Herausforderungen aufzeigen», sagt Manuel Merki, der mit diversen UZH-Startups in Kontakt steht. Gesellschaftliche Anerkennung schätzt er als wichtigen Anreiz für Firmengründungen ein. Denn «gut ausgebildete Spezialist:innen im Technologiesektor könnten in renommierten Firmen bestens bezahlte Jobs ergattern. Mit der Gründung eines Startups gehen sie dagegen ein beachtliches Risiko ein», so Merki. Deshalb sei es wichtig, dass ihr Engagement wertgeschätzt und Ideen trotz Risiko gefördert werden. Das sei ein enormer Anreiz, vollen Einsatz zu geben. Simon Grüning kann das nur bestätigen: «Dass an uns geglaubt wird, ist schlicht grossartig.» Grüning wird derzeit mit einem UZH Entrepreneur Fellowship gefördert.

Auch die erfolgreiche Firmengründerin Deana Mohr, CEO und Co-Founder von MUVON Therapeutics, erinnert sich noch gut an die Begeisterung, die sie empfand, als ihr die EU vor nunmehr sieben Jahren einen der begehrten Finanzzuschüsse für Konsortien erteilte. Sie hatte sich zusammen mit vier Partnern am Schluss ihrer Doktorarbeit an der ETH in Radiopharmazie und Spezialisierung in Regenerativer Medizin an der UZH um einen Horizon 2020-Grant der Europäischen Kommission beworben. Der Erfolg katapultierte die Idee, eine Therapie gegen Belastungsinkontinenz bei Frauen zu entwickeln, in den Bereich des Möglichen.

Mit dem EU-Grant konnte Deana Mohr während fünf Jahren intensiv daran arbeiten, die Therapie, die im Labor funktionierte, näher an die Praxis zu bringen. Und sie stellte die erste Mitarbeiterin an, Jenny Prange, heute CTO bei MUVON Therapeutics. Zusammen beschäftigten sich die beiden intensiv mit den nächsten Schritten, die Therapie vom Labor in die Praxis zu bringen. Mohr besuchte verschiedene Kurse zu Entrepreneurship an der UZH. Im Innovators Camp lernte sie den Wirtschaftswissenschaftler Steve Kappenthuler kennen, den sie dank eines UZH Entrepreneur Fellowship anstellen konnte; er wurde Co-Founder und ist heute Chief Business Officer. Und sie gewann in dieser Zeit auch ihren Mentor, den Urologen Daniel Eberli, Chefarzt am USZ, als wichtiges Mitglied des wissenschaftlichen Beirats von MUVON Therapeutics.

Hire slow, fire fast

«Vor der Startup-Gründung habe ich eine Matrix gemacht», erzählt Deana Mohr. «Welche Co-Founder will ich haben? Welche Qualitäten, welches Knowhow und welche Persönlichkeitsmerkmale sollten sie mitbringen?» Das ist nun fünf Jahre her. Derzeit ist das Startup erneut an einem Punkt, an dem es wachsen muss, um die nächste Hürde – die Erfüllung der weiteren internationalen regulatorischen Anforderungen – nehmen zu können. Deana Mohr hat den Personalausbau sorgfältig geplant, hat die Kernwerte des Startups definiert und kommuniziert sie klar bei Anstellungsgesprächen. «Hire slow, fire fast» ist ihre Devise. Denn auch ein erfolgreiches Startup wie MUVON Therapeutics kann sich keine Fehlbesetzung leisten. Wer neu dazustösst, muss es bringen.

Ganz wichtig ist auch, dass die neuen Fachkräfte gut ins Team passen. Diesbezüglich kann sich Mohr auf ihr Bauchgefühl verlassen. «Meist merke ich beim Interview schon nach wenigen Minuten, ob sich jemand eignet.» In der Probezeit führt sie viele Gespräche mit den Neuen; gemeinsam wird analysiert, wo es passt und wo noch nicht. Wenn sie merkt, dass jemand beispielsweise nicht flexibel genug auf die spezifischen Anforderungen bei MUVON Therapeutics eingehen kann und vom bestehenden Team auch noch «negative Signale» kommen, dann beendet sie in nützlicher Frist das Arbeitsverhältnis. Zum Glück passiert das eher selten. «Ein Hochleistungsteam kann nur auf gesundem Boden wachsen», betont Mohr.

Noch kein Geld für Angestellte

Doch Neuangestellte müssen nicht etwa gleich ticken wie die Chefin – im Gegenteil. «Ich brauche nicht noch eine Deana, ich weiss ja, was ich weiss. Ich brauche jemanden, der meine Stärken ergänzt, der das nächste Puzzlestück mitbringt für die Herausforderungen, die ich nicht kenne oder die ich nicht angehen mag.» Obwohl sie noch bei vielem direkt involviert ist, sind die Hauptaufgaben im Management definiert und verteilt. Deana Mohr hat die Produktion ganz an Jenny Prange übertragen und die Business- und Kommerzialisierungsstrategie an Steve Kappenthuler. Sie selbst kümmert sich schwerpunktmässig um die Finanzierung: «Ab einem bestimmten Punkt brauchten wir Kapitalsummen mit ein paar Nullen mehr hinten.»

Das Startup askEarth kann sich Löhne für Angestellte noch nicht leisten. Die vier Gründer hätten gern die erfahrene Innovation-Managerin Nina Walker ins Gründungsteam aufgenommen. Sie entschied sich dann aber für eine Anstellung, die mehr finanzielle Sicherheit bietet. Nach der langjährigen Zusammenarbeit erkunden das askEarth-Team und Walker nun den besten Weg, um sich gegenseitig zu unterstützen. «Wir Gründer sind alle sehr jung und haben weniger private Verpflichtungen», ist sich Simon Grüning bewusst, «deshalb ist für uns jetzt der beste Zeitpunkt, um zu sagen: ja voll!»

So viel wie möglich selber machen

«Ein funktionierendes Team aufzubauen, ist in fast jedem Startup anspruchsvoll», sagt Manuel Merki vom UZH Innovation Office. askEarth und Muvon Therapeutics haben diese Herausforderung gut gemeistert. «Viele machen bei der Teambildung den Fehler, dass sie ähnliche Leute suchen.» Oder sie stellen Leute ein, die ihnen nicht das Wasser reichen können. Damit erweisen sie sich einen Bärendienst. Das erfolgreichste Modell ist gemäss Merki, dass «ein Team aus mehreren Gründer:innen Mitarbeitende einstellt, die in einer Tätigkeit besser sind als alle anderen und an das Potenzial der Firma glauben». So wie es Muvon Therapeutics getan hat.

Steht etwas Grosses, Neues, Unbekanntes an, reicht das Knowhow des Kernteams meist nicht. «Dann holen wir uns die teuren Experten», sagt CEO Deana Mohr. Nach jeder Hürde, die MUVON Therapeutics bei der Entwicklung ihrer Therapie zur Regeneration von Muskeln mit erster Indikation Belastungsinkontinenz nimmt, werden die regulatorischen Anforderungen strenger. Da muss man investieren und Spezialist:innen beiziehen. Doch generell ist die Devise: so viel wie möglich selber machen.

Netzwerke aufbauen und pflegen

Auch beim askEarth-Team, das noch am Anfang steht, tauchen ab und zu Fragen auf, die sich keiner der vier Gründer bislang gestellt hat. Dann wird auf das breite Netzwerk zurückgegriffen. Gaetan Petit und Manuel Gerold sind die Networker im Team und können ihre Beziehungsnetze anzapfen: Coaches und Fachexpert:innen des UZH Innovation Hub, Mitarbeitende des Swiss Space Center, der European Space Agency oder Kollegen von ARIS, der Academic Space Initiative Switzerland. Ein grosses Netzwerk ist enorm hilfreich, findet auch Deana Mohr, und es will gepflegt werden. Es reicht nicht, auf Events, Kongressen oder in den Entrepreneurship-Kursen der UZH mal mit jemandem einen Kaffee zu trinken und sich danach nicht weiter um den Kontakt zu bemühen. Es braucht Zeit und Energie, die zu investieren sich absolut lohnt. «So kommt man plötzlich auch an den richtigen Investor», so Mohr. Für ihren Bereich, die regenerative Medizin, sucht MUVON Therapeutics auch proaktiv nach Netzwerken, um ganz vorne im Informationsaustausch zu bleiben. Zum Beispiel auf LinkedIn, wo man sich auch als Gruppe austauschen kann. So kommt man zu Kontakten, die vielleicht nicht sofort, aber in der Zukunft interessant werden können.

Bei jedem Startup gibt es Phasen, wo rasch gehandelt werden muss. Da ist es normal, dass auch mal Fehler passieren. «Dann ist es wichtig, die eigenen Annahmen so bald wie möglich zu testen», sagt Manuel Merki vom UZH Innovation Office, «man muss die Gründe für den Fehler ohne persönliche Wertung ansehen und für die nächste Situation daraus lernen.» Er bezeichnet diese Strategie als «failing forward», will heissen: den Fehler möglichst rasch erkennen, offen besprechen und mit der neuen Erkenntnis voranschreiten. Kontinuierliche Verbesserung ist der Weg, um trotz Fehlern vorwärtszukommen.

Miteinander reden ist Gold wert

Herauszufinden, ob die Richtung noch stimmt und ob man allenfalls mehr als Details ändern müsste, sei anspruchsvoll, findet CTO Grüning von askEarth. Da sich beim Startup auch ein halbes Jahr nach der Firmengründung niemand als CEO versteht, der den Weg vorgibt, haben die vier Gründer, die aus ganz unterschiedlichen Forschungsbereichen kommen, eine eigene Austauschkultur etabliert. Mindestens einmal wöchentlich sitzen sie live zusammen und reden miteinander. Gibt es unterschiedliche Einschätzungen oder driften die Ansichten auseinander, «dann reden wir so lange, bis wir die Ansicht der anderen verstehen und alle wieder im Einklang sind», sagt Grüning. «Sich diese Zeit zu nehmen, ist Gold wert. Und macht es am Schluss eigentlich immer einfacher, die gemeinsame Vision lebendig zu halten.»

«Befreiende Strukturen» nennt Manuel Merki das Konzept, das es einem Team ermöglicht, sich auf sein Kernanliegen zu fokussieren. Regelmässige kurze Check-ins oder klare Entscheidungsmechanismen wirken nicht etwa einengend, sondern befreiend, hat die Forschung herausgefunden. Vorausgesetzt, ein Startup pflegt eine offene Kommunikation und eine gute Feedbackkultur. In diesem Fall sind Strukturen ähnlich hilfreich wie schöne Rituale, deren Ablauf man kennt und schätzen lernt. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Herangehensweisen im Team spielt sich ein, und die Teammitglieder lernen kontroverse Diskussionen konstruktiv zu nutzen, statt Meinungen aggressiv oder abwertend gegeneinander auszuspielen. Ganz nach dem Slogan: «It’s not either or – it’s both and more.»

«Am Anfang hatten wir alle etwa zwanzig Hüte auf», erinnert sich askEarth-Co-Gründer Grüning. Nun, nach gut einem Jahr, hat sich im Team eine Aufgabenteilung herauskristallisiert. Die vier sind sich ihrer Stärken und Schwächen bewusst und unterstützen sich gegenseitig. «Ich bin sehr passionate, aber auch ein wenig impulsiv», beschreibt sich Grüning, «ich habe tausend Ideen, bin immer ein bisschen überall. Networking ist nicht so mein Ding.»

Dass die anderen anders ticken, findet er bestens. «Manuel Gerold, der Business Manager, zum Beispiel hat einen Plan, eine Timeline, definiert Milestones und bringt Ruhe und Struktur in das Ganze.» Gaetan Petit ist der Stratege mit Erfahrung und einem umfangreichen Beziehungsnetz. Die Rollenverteilung entwickelte sich «sehr organisch. So, wie es für uns stimmt», sagt Grüning. Dabei geholfen haben «sehr viel Kommunikation und Soft Skills, um die andere Person zu empowern». Dazu gehört auch, «dass man aufeinander schaut», betont er. So achten die Kollegen darauf, dass ihr passionierter CTO ab und zu in die Ferien geht.

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