Homeoffice und Nachhaltigkeit

«Wir dürfen die Chance nicht verpassen»

Kann dauerhafte Homeoffice-Arbeit beim Klimaschutz helfen? Jan Bieser, UZH-Nachhaltigkeitsforscher, hat sich in seiner jüngst veröffentlichten Dissertation mit dieser Frage befasst. Im Interview gibt er Antworten.

Marita Fuchs

Arbeit im Home-Office
Arbeit im Home-Office
Homeoffice-Arbeit kann beim Klimaschutz helfen. (Bild: iStock / borchee)

 

Jan Bieser, Sie sind gerade in Stockholm im Homeoffice, ich in Zürich. Noch vor zwei Jahren hätte ich mir so einen selbstverständlichen Austausch via Teams von Wohnzimmer zu Wohnzimmer nicht vorstellen können. Und schon sind wir beim Thema.

Sie haben sich wissenschaftlich mit den Auswirkungen von Homeoffice auf die CO2-Bilanz befasst. Dazu werteten Sie die Daten einer wissenschaftlichen Studie der KTH Stockholm aus. Sollten wir aus Gründen der Nachhaltigkeit auch in der Schweiz vermehrt aufs Homeoffice setzen?

Jan Bieser: Auf jeden Fall. In der Schweiz haben die Anzahl der Pendelnden und die gefahrenen Kilometer auf dem Weg zur Arbeit vor der Corona-Pandemie stetig zugenommen. Daraus resultieren erhebliche Treibhausgasemissionen, vor allem wenn der Pendelweg mit dem Auto zurückgelegt wird. Zusätzlich verursacht das Pendeln einen hohen Zeitaufwand und eine hohe Belastung für die Pendelnden. Auch wenn das Homeoffice für viele Personen auf Dauer nicht der alleinige Arbeitsplatz sein wird, kann zumindest an ein paar Tagen in der Woche das Pendeln vermieden werden.

Wie viel klimaschädliche CO2-Emissionen liessen sich einsparen, wenn mehr Menschen dauerhaft im Homeoffice arbeiten würden?

In einer Studie haben wir geschätzt, dass der Pendelverkehr in 2030 in der Schweiz etwa vier Megatonnen CO2-Äquivalente verursacht. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass das Auto das beliebteste Verkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit ist. Wer mit dem Fahrrad oder zu Fuss zur Arbeit kommt, verursacht durch das Pendeln deutlich weniger Treibhausgasemissionen. Wird auf das Auto verzichtet, weil im Homeoffice gearbeitet wird, ist das vorteilhaft fürs Klima.

Der gesunkene Energieverbrauch durch reduziert betriebene Büros hat einen sogenannten Rebound-Effekte zur Folge, also den gleichzeitigen erhöhten Energieverbrauch zu Hause. Wie sieht hier die Energiebilanz aus?

Arbeiten im Homeoffice zieht eine Verlagerung von Energieverbräuchen von Büros zu den Haushalten mit sich. Beispielsweise haben die Haushalte in Zürich im Jahr 2020 etwa sechs Prozent mehr Strom verbraucht als im Jahr 2019.

Hinzu kommt: Wenn wir auch in Zukunft vermehrt zu Hause arbeiten, werden wir zusätzlichen Arbeitsplatz zu Hause benötigen, der beleuchtet, geheizt und in Zukunft auch vermehrt gekühlt werden muss. Daher ist es wichtig, im Gegenzug die Büroflächen zu reduzieren.

 

Jan Bieser
Jan Bieser
«In einer Studie haben wir geschätzt, dass der Pendelverkehr in 2030 in der Schweiz etwa vier Megatonnen CO2-Äquivalente verursacht». Jan Bieser, Nachhaltigkeitsforscher. (Bild: zVg.)

 

Das hat aber Auswirkungen auf diejenigen, die weiterhin im Büro arbeiten möchten.

Ja, die Reduktion von Büroflächen erfordert neue Bürokonzepte. Weg von Einzelbüros hin zu geteilten Arbeitsplätzen. Wenn das gut funktionieren soll, benötigen wir geeignete Konzepte.

Wie könnte das konkret aussehen?

Mitarbeitende könnten beispielsweise ein Reservationssystem nutzen, um zu vermeiden, dass sie zur Arbeit kommen und kein Platz mehr frei ist.

Sind also Co-Working-Arbeitsplätze das Modell der Zukunft?

Co-Working ist ein vielversprechendes Konzept, das die Möglichkeit bietet, weniger zu pendeln. Wenn Firmen Co-Working-Spaces in der Nähe der Wohnungen ihrer Mitarbeitenden einrichten, werden die Pendelwege kürzer. Gleichzeitig bietet ein Co-Working-Space auch Vorteile gegenüber dem Homeoffice, da er für die Arbeit besser ausgestattet ist und man hier ausserdem soziale Kontakte pflegen kann. Für Teams ist der persönliche Austausch Face-to-Face wichtig. Durch die Einrichtung von Co-Working-Spaces können auch persönliche Arbeitsplätze im Büro reduziert werden.

Durch die Pandemie haben wir rasch neue Arbeitsformen ausprobieren können. Wie sollten wir jetzt die Erfahrungen nutzen, um die Chance für nachhaltigere Arbeitsmodelle nicht zu verpassen?

Wir haben aus der Corona-Pandemie gelernt, dass das Arbeiten im Homeoffice nicht nur funktionieren kann, sondern auch viele Vorteile bietet. Jetzt gilt es, die Chance nicht zu verpassen und für die Zeit nach der Pandemie zu planen, indem wir Konzepte entwickeln, welche die Vorteile beider Welten vereinen. Darin sollten unbedingt auch die Auswirkungen auf Energieverbräuche und Treibhausgasemissionen berücksichtigt werden.

Besonders wirkungsvoll ist, wenn Arbeitgebende Büroflächen reduzieren und Mitarbeitende dabei zu unterstützen, beim Pendeln umweltfreundliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Zur Person

Jan Bieser forscht und lehrt in der Forschungsgruppe Informatik und Nachhaltigkeit am Institut für Informatik der Universität Zürich und an der KTH Stockholm.

«Klimaplattform der Wirtschaft Zürich»

An der Veranstaltung «Klimaplattform der Wirtschaft Zürich», 23. Juni 2021, wird Jan Bieser, zu dem Thema «Homeoffice: Chancen und Risiken für den Klimaschutz» einen Vortrag halten.

Danach spricht der Arbeits- und Organisationspsychologie UZH-Professor Martin Kleinmann, in einem Kurzreferat über «Homeoffice: Fluch oder Segen?»

Save-the-date.

 

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000