Sprachforschung

Actionfilme für Affen

Unser Hirn neigt dazu, Ereignisse als Kausalitäten wahrzunehmen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des NFS «Evolving Language» erforschen nun im Basler Zoo, ob das bei Menschenaffen auch der Fall ist. In dieser Fähigkeit könnte der Ursprung der Grammatik liegen.

Roger Nickl

Affe mit Banane
Affe mit Banane
Sind Affenhirne bereit für Grammatik? Forschende des NFS «Evolving Language» wollen dies herausfinden. (Illustration: Anne Sommer)

 

Nicht nur wir Menschen, sondern auch Affen lieben Actionfilme. Filmszenen, in denen etwas Spannendes passiert – etwa wenn ein Artgenosse einen anderen angreift oder zwei miteinander streiten. Im Basler Zoo werden Schimpansen, Gorillas und Oran-Utangs interessante Szenen aus dem Affenalltag auf einem Videoscreen vorgespielt. Um die Tiere zum freiwilligen Zuschauen zu animieren, sind vor dem Bildschirm eine Plexiglasscheibe und eine Saugvorrichtung mit einer Art Schnuller angebracht, aus dem sie zuckerfreien Sirup nuckeln können, den sie so sehr lieben. So nippen die Affen also den süssen Saft und betrachten die kurze Filmsequenz, die ihnen per Video vorgespielt wird. Dabei verfolgt ein mit einer Infrarot-Lichtquelle ausgerüsteter Eyetracker jede kleinste Bewegung ihrer Augen.

Unkonventionelle Experimente

Mit unkonventionellen Experimenten erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Neuenburg und Zürich im Zoo Basel gemeinsam die Grundlagen der Grammatik. «Unsere Hypothese ist, dass der Ursprung der Grammatik in der Fähigkeit liegt, Geschehnisse in der Welt strukturiert wahrzunehmen», sagt der Biologe, Kognitionswissenschaftler und Professor an der Universität Neuenburg Klaus Zuberbühler, der die Forschung im Basler Zoo leitet.

Wir Menschen tun dies in einer ganz bestimmten Weise: Wir verstehen Ereignisse – beispielsweise «ein Brot essen» oder «eine Flasche vom Boden aufheben» – immer so, dass jemand – ein Agens, wie die Forschenden sagen – etwas tut und so auf etwas anderes – ein Patiens – auf eine bestimmte Art und Weise einwirkt. In Experimenten mit Eyetracker manifestiert sich das folgendermassen: Beobachten wir eine Szene, schauen wir zuerst auf das Agens, dann auf das Patiens und schliesslich zwischen beiden hin und her – und das alles innerhalb einiger weniger Millisekunden.

Kausal-Detektoren im Kopf

Dieses Wahrnehmungsmuster widerspiegelt sich in der Sprache. So sagen wir deutsch etwa «Die Frau isst ein Brot» oder «Das Kind hebt die Flasche auf». Das Grundprinzip von Agens und Patiens zeigt sich in allen Sprachen weltweit. «Sie konstruieren Ereignisse alle auf sehr ähnliche Weise, auch wenn sie das Agens unterschiedlich stark betonen», sagt UZH-Sprachwissenschaftler Balthasar Bickel, der an der Forschung beteiligt ist, «die Asymmetrie von Agens und Patiens steuert unglaublich viel bis in die Details der Grammatik.»

Deshalb könnte dieses Prinzip am evolutionären Ursprung der Grammatik stehen. Es könnte das Fundament sein, auf dem die Sätze der Sprachen dieser Welt aufbauen. «Wir vermuten, dass das alles bereits in unserer vorsprachlichen Wahrnehmung verankert ist», sagt Bickel, «wir nehmen die Welt in den Kategorien von Agens und Patiens wahr.» So haben Experimente gezeigt, dass bereits Kinder, denen auf einem Bildschirm zwei sich zufällig bewegende Punkte gezeigt wurden, das Verhalten dieser Punkte so deuteten, dass der eine den anderen jagt. «Unser Gehirn neigt dazu, Kausalitäten zu sehen», sagt Klaus Zuberbühler, «wir haben sozusagen Kausal-Detektoren in unserem Kopf.»

Schimpansen im Kino

Die Forschenden gehen im Basler Zoo nun der Frage nach, ob es solche «Detektoren» auch in den Köpfen unserer nächsten Verwandten im Tierreich gibt. Nehmen die Menschenaffen Ereignisse ähnlich strukturiert wahr wie wir oder ganz anders? Wäre Ersteres der Fall müssten sich die mit dem Eyetracker analysierten Wahrnehmungsmuster von Menschen und Affen gleichen. Damit die Forscherinnen und Forscher diese Fragen untersuchen können, gehen die Schimpansen, Gorillas und Orang-Utangs im Basler Zoo nun zuweilen ins Kino.

Diesselben Videosequenzen haben die Sprach- und Kognitionswissenschaftler aber auch Studierenden der UZH vorgespielt und dabei ihre Augenbewegungen mit Eyetracker analysiert. Nun werden die Daten aus dem Basler Zoo mit denen der Studierenden verglichen. Resultate stehen noch aus. «Sollte sich aber zeigen, dass die Wahrnehmungsmuster ähnlich sind, liesse sich daraus schliessen, dass das Affenhirn prinzipiell bereit wäre für Grammatik», sagt Klaus Zuberbühler. Weshalb dieses Potenzial ungenutzt geblieben ist, wäre dann die nächste Frage, die geklärt werden muss.

 

Dieser Artikel erschien als Teil des Schwerpunktthemas «Sprachforschung» in der aktuellen Ausgabe des UZH Magazins.

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin

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