Im Rampenlicht

Der Senkrechtstarter

Der Politologe Fabrizio Gilardi hat mit Kolleginnen und Kollegen das Digital Democracy Lab aufgebaut. Ein Porträt.

Stefan Stöcklin

Fabrizio Gilardi
Hat sich schon als Schüler für politische und gesellschaftliche Fragen interessiert: Fabrizio Gilardi. (Bild: Frank Brüderli)

 

Wenige Tage vor den Wahlen des nationalen Parlaments ist Fabrizio Gilardi zwar leicht erschöpft – aber sehr zufrieden. «Unsere Rechnung ist aufgegangen, die Medien haben uns wahrgenommen», sagt der Professor für Politikanalysen an der UZH. Als Leiter des Digital Democracy Lab hatte er Auftritte in der SRF-Informationssendung «10vor10», lieferte Inputs für die «Tagesschau» und war beliebter Interviewpartner in diversen Printmedien. Dabei ging es fast immer um ein Thema: die Nutzung der Social-Media-Kanäle durch die Kandidatinnen und Kandidaten. Dank des Labs können Gilardi und sein Team auf einzigartige Daten zurückgreifen und die digitalen Aktivitäten des Wahlkampfs in Echtzeit und bisher unerreichter Genauigkeit analysieren.

Ungenutztes Potenzial auf Social Media

Dazu hatte das Team alle Social-Media- und Web-Adressen der 4600 potenziellen Parlamentarierinnen und Parlamentarier gesammelt. Die Datenbank erlaubt es, alle Kommentare und Posts mithilfe von Computerprogrammen abzugreifen und zu analysieren. Gilardis Befund nach einer ersten schnellen Kurzanalyse: «Die Mehrheit der Kandidierenden ist zwar auf Social Media präsent, wobei Facebook deutlich beliebter ist als Twitter. Aber die Kanäle werden nicht sehr professionell genutzt.» Überraschend sei zudem, dass kaum ein Graben zwischen jüngeren und älteren Kandidierenden sichtbar sei; Jungpolitiker sind nicht unbedingt aktiver bei der Nutzung digitaler Kanäle. «Angesichts dieser Ergebnisse würde ich die Bedeutung des digitalen Wahlkampfes stark relativieren», bilanziert Gilardi. Ausführliche Untersuchungen zum digitalen Wahlkampf werden Anfang 2020 vorliegen.

Das Digital Democracy Lab ist das jüngste Kind des umtriebigen Politprofessors. Mit dem Lab erforschen Gilardi und seine Kolleginnen und Kollegen den Einfluss der Digitalisierung auf verschiedene Aspekte der direkten Demokratie mithilfe neuester Technologien. Dazu wurden im vergangenen Jahr in der Science Cloud der UZH (Zentrale Informatik) Computerserver für die rechenintensiven Arbeiten in Betrieb genommen. Spezielle Programme dienen der Erhebung und Analyse der riesigen Datenberge. Möglich geworden sei alles nur dank der Digital Society Initative, betont Gilardi. Ohne dieses Netzwerk, so der Politologe, wäre das Digital Democracy Lab nicht entstanden.

Obwohl erst 44-jährig, leitet Fabrizio Gilardi das Institut für Politikwissenschaft an der UZH bereits seit über sieben Jahren. Der Tessiner hat eine akademische Blitzkarriere hinter sich, die mit dem Studium der Politikwissenschaften in Genf begann. Zur Studienwahl sagt er: «Ich habe mich schon immer für Politik und Internationale Beziehungen interessiert. Ich wollte wissen, wie die Gesellschaft funktioniert.» Also verliess er nach der Matur seinen Wohnort nahe Lugano und schrieb sich an der Universität Genf für Politikwissenschaften ein. Die Hochschulen in der Genferseeregion hätten einen hervorragenden Ruf in dieser Disziplin, und als Tessiner sei es sowieso üblich, ausserhalb des Kantons zu studieren. Das Studium hielt, was sich Gilardi erhoffte, und als talentierter Student schob er gleich eine Dissertation an der Uni Lausanne nach. In dieser Arbeit beschäftigte er sich mit unabhängigen Regulierungsbehörden.

Um die Jahrtausendwende, erläutert der Politologe, bildeten sich immer mehr unabhängige Stellen zur Regulierung verschiedener Politikbereiche, zum Beispiel im Telekom- und Energiebereich oder in der Lebensmittelsicherheit. Diese von der Politik unabhängigen Behörden waren eine Antwort auf den Liberalisierungs- und Privatisierungsschub der freien Märkte. Gilardi befasste sich einerseits mit der Frage, wieso Regierungen diese Aufgaben an aussenstehende Behörden abgeben, und andererseits mit der Frage, wie sich diese neuen Institutionen in verschiedenen Ländern entwickelten oder «diffundierten», wie er sagt. Der Politologe entwickelte theoretische Modelle, die er mit empirischen Daten aus der Schweiz und europäischen Ländern unterlegte. 2004 erhielt Fabrizio Gilardi seinen Doktortitel, danach schloss er einen Post-Doc an der Harvard University in Massachusetts an.

Bewerbung auf den letzten Drücker

«Der Ruf an die UZH kam unerwartet rasch», sagt Gilardi und erinnert sich an eine Sitzung in Bern kurz nach seiner Rückkehr aus den USA 2008. Dort erfuhr er am letzten Tag der Bewerbungsfrist von der Professorenstelle an der Universität Zürich, verfasste noch im Zug ein Schreiben und schickte das Dossier ein. «Offenbar habe ich überzeugt, trotz meines jugendlichen Alters von 34 Jahren», sagt er lachend. Nach der Zusage zog er nach Zürich, wo er mit der Familie wohnt und sich ausgesprochen wohlfühlt.

Unterdessen sind elf Jahre vergangen, seit 2012 steht er dem Institut als Leiter vor. «Die Politikwissenschaft an der Universität Zürich ist gut positioniert, wir sind international sichtbar und figurieren unter den Besten weltweit», sagt Gilardi. Im Schanghai-Ranking rangiert das Institut auf dem hervorragenden 31. Platz. Ende Jahr gibt er sein Amt an die Kollegin Silja Häusermann weiter; er freut sich auf mehr Zeit für die eigene Forschung. Das Digital Democracy Lab wird ein Schwerpunkt bleiben. «Es gibt unzählige Fragen, die wir zur Digitalisierung und Demokratie untersuchen werden – nicht nur die Wahlen.»

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und UZH Journal

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