Nationaler Forschungsschwerpunkt

Die Macht der Sprache

Die Universität Zürich erhält den neuen Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) «Evolving Language». Damit werden die Ursprünge und die Zukunft von Sprache erforscht. UZH-Sprachwissenschaftler Balthasar Bickel leitet gemeinsam mit Co-Direktorin Anne-Lise Giraud der Universität Genf den Forschungsschwerpunkt. Beteiligt sind zahlreiche Universitäten und Forschungsinstitute aus der Schweiz.

Marita Fuchs1 Kommentar

Menschen stehen in einer Sprechblase zusammen
Menschen stehen in einer Sprechblase zusammen
Sprache vereint uns Menschen, und sie ist das Alleinstellungsmerkmal unserer Spezies. Doch ihr Ursprung ist längst nicht abschliessend geklärt. (Bild: iStock / Orbon Alija)


Die Sprache unterscheidet uns Menschen von allen anderen Lebewesen und sie ist es auch, die unseren Erfolg ausmacht. Wie der Mensch zur Sprache kam, ist jedoch bei Weitem nicht geklärt. Noch gibt es grosse Wissenslücken über die evolutionären Ursprünge und die biologischen Voraussetzungen von Sprache und ihrer Entwicklung. Und nicht nur deren Ursprünge, auch die Zukunft der Sprache ist ungewiss.

Sprache durchläuft aufgrund technologischer Fortschritte und der Digitalisierung derzeit einen grundlegenden Wandel. Dies hat gesellschaftliche, psychologische und evolutionäre Konsequenzen, die noch kaum verstanden werden. Neue allgegenwärtige Online-Wissensdatenbanken oder Weiterentwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und des Neuro-Engineering verändern die Art und Weise, wie Sprache verwendet, gelernt und künftig weiterentwickelt wird.

Bis jetzt war Forschung zu diesen Themen weitgehend isoliert. Um sie zu bündeln und der Sprachentstehung und Sprachentwicklung auf die Spur zu kommen, hat der Bund jetzt 17 Mio. CHF für den neuen Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) «Evolving Language» gesprochen. Das gilt für den Zeitraum von 2020 bis 2023.

UZH als Leading-House

Am Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) «Evolving Language» untersuchen Forschende aus der Schweiz gemeinsam die Evolution von Sprache so breit wie noch niemals zuvor. Dabei verfolgt der NFS einen interdisziplinären Ansatz und vereint Forschungsgruppen aus den Geisteswissenschaften (Sprachwissenschaft, Philosophie), der Biologie, den Neurowissenschaften, der Psychologie und den Computerwissenschaften.

Der NFS ist an der Universität Zürich (1. Heiminstitution; 17 Forschungsgruppen) und an der Universität Genf (2. Heiminstitution; zehn Forschungsgruppen) angesiedelt. Das nationale Netzwerk umfasst ausserdem drei Forschungsgruppen der Universität Neuenburg, zwei Forschungsgruppen der ETH Zürich und der EPF Lausanne sowie jeweils eine Forschungsgruppe der Universitäten Basel, Freiburg und Lausanne. Weiter ist das IDIAP (Institut Dalle Molle d’intelligence artificielle perceptive, Martigny) mit zwei Forschungsgruppen am Vorhaben beteiligt.

 

UZH-Forscher Balthasar Bickel, Direktor des neuen Forschungsschwerpunktes «Evolving Language» äussert sich im Interview zu den Forschungsinhalten des NFS:

Balthasar Bickel
Balthasar Bickel
Balthasar Bickel: «Gelingt es uns, möglichst viele Puzzlesteine der Evolutionsgeschichte zusammenzufügen, entsteht früher oder später einmal das grosse Bild, das erklärt, wie das Wunder der Sprache entstanden ist.» (Bild: Frank Brüderli)


Herr Bickel, herzlichen Glückwunsch! Es ist ein grosser Erfolg für die UZH, Leading-House für den neuen Forschungsschwerpunkt «Evolving Language» zu sein. Was bedeutet die Zusage für Sie?

Ich bin sehr zufrieden und freue mich, dass unsere langjährige Forschungsvorbereitung nun Früchte getragen hat. Zusammen können wir unsere Visionen umsetzen.

Was sind die nächsten Schritte?

Wir werden im Schwerpunkt drei Themen angehen: Zunächst auf die Dynamik sprachlicher Strukturen und deren Evolution. Zweitens die biologischen Voraussetzungen für Sprache und damit verbunden die Frage, ob und wie mit Neurotechnologien auf Sprachfunktionen Einfluss genommen werden kann und soll. Drittens werden auch die sozialen Bedingungen von Sprache erforscht und wie sich diese mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten verändern wird.

Sie bringen im neuen Forschungsschwerpunkt unterschiedliche Disziplinen zusammen. Wie fruchtbar ist zum Beispiel die wissenschaftliche Verbindung von Biologie und Linguistik?

Die Zusammenarbeit von Biologie und Sprachwissenschaft hat schon während der Vorbereitung des NCCRs viele neue Entdeckungen und innovative Studien erlaubt. Spannen Natur- und Geisteswissenschaftler zusammen, wird ein ganz neuer Blick auf die Entwicklung der menschlichen Sprache möglich. Vielleicht kann durch den Vergleich von menschlicher und tierischer Kommunikation und Kognition auch das grosse Rätsel gelöst werden, wie die menschliche Sprache im Lauf der Evolution entstanden ist. Denn schon lange ist klar, dass die Sprache nicht vom Himmel gefallen ist. Sie hat sich vielmehr in kleinen Evolutionsschritten allmählich entwickelt. Gelingt es uns, möglichst viele Puzzlesteine der Evolutionsgeschichte zusammenzufügen, entsteht früher oder später einmal das grosse Bild, das erklärt, wie das «Wunder» der Sprache entstanden ist.

Sind auch Transferleistungen in medizinische Bereiche, wie zum Beispiel die Diagnose und Behandlung von Sprachstörungen Gegenstand der Forschung?

Ja, da gibt es viele Beispiele. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Sprache einen verblüffenden Einfluss auf das Denken hat. Unsere Forschung richtet sich im medizinischen Bereich etwa auf die Diagnose und Behandlung von Sprachstörungen. Ein anderes Beispiel ist der Hörverlust im Alter. Selbst mit einem Hörgerät werden bestimmte Areale im Gehirn nicht mehr angesprochen. Wir könnten dazu beitragen, dass das Gehirn das richtige Training bekommt. Und auch bei Aphasie, die durch einen Unfall oder eine erworbene Störung der Sprachregion verursacht wurde, gibt es heute vielversprechende Techniken im Bereich des Neuroengineering, die Menschen helfen können, ihre Sprache wiederzufinden.

Sie sprechen die neuen technischen Möglichkeiten an. Welche Fragen sind da zentral?

Unter digitaler Kommunikation stellt man sich schnell einmal den Umgang mit dem Handy vor und dessen Auswirkungen auf die Sprache. Allerdings gehen die heutigen Möglichkeiten vor allem im Bereich des Neuroengineering viel weiter. Forschende sind daran herauszulesen, was ein Mensch sagen will, ohne dass er oder sie den Satz ausgesprochen hat. Es ist quasi der Blick in den Kopf, der uns auch vor enorme ethische Probleme stellt. In diesen Forschungsfeldern ist es ganz wichtig, den Anschluss nicht zu verpassen und zu verstehen, was passiert, damit man rechtzeitig eingreifen kann.

An dem Projekt sind 17 Forschungsgruppen beteiligt, wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Alle Forschungsgruppen sind multidisziplinär organisiert. Es war uns sehr wichtig, dass Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftler zusammen an dem Phänomen Sprache arbeiten, dass ihre unterschiedlichen Methoden und Herangehensweisen sich gegenseitig ergänzen und befruchten.

Was wollen Sie nach Ablauf des Projekts erreicht haben?

Wir würden gern ein grosses Forschungszentrum etablieren, das sich interdisziplinär mit Sprache befasst, und wir wollen die Forschungslandschaft im Bereich Sprache umgestalten. Wir müssen uns vor Augen halten, wie wichtig Sprache für uns Menschen ist, denn sie rührt an grundlegende Fragen nach dem Wesen des Menschen, seiner Wahrnehmung und seines sozialen Verhaltens. Sprache ist derart fundamental, dass wir den Blick vieler verschiedener Disziplinen brauchen. Dafür müssen wir die traditionelle Mauer zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften einreissen.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

1 Leserkommentar

Kathrin Cooper schrieb am In der Forschung Mauern einreissen Es freut mich, dass sich die Schweiz unter der Führung von Balthasar Bickel und Co zu diesem Forschungsschwerpunkt entschliessen konnte und dass dadurch für einige Zeit einige interessante Arbeitsstellen finanziert werden können. Ob irgendetwas Wesentliches zum Ursprung oder gar zur Zukunft der Sprache herausgefunden werden kann, bleibe dahingestellt. Dass die Sprache das Alleinstellungsmerkmal der Spezies Mensch sein soll, finde ich allerdings wenig plausibel. Tiere haben auch ihre Sprachen, obwohl der Mensch in seiner Überheblichkeit noch kaum etwas darüber weiss. Vielmehr könnte man von der Schrift als Alleinstellungsmerkmal sprechen. Die angesprochenen traditionellen Mauern zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sind in andern Ländern schon vor Jahrzehnten eingerissen worden. Endlich schliesst sich nun auch die Schweiz der modernen kognitionswissenschaftlichen und - hoffentlich - speziesübergreifenden Forschung an. Wir dürfen gespannt sein!

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