Nordistik

Von der Edda bis zu Pippi Langstrumpf

Am Freitag feierten die Universitäten Zürich und Basel das 50jährige Bestehen des gemeinsamen Lehrstuhls für Nordistik. Auch der finnische, der norwegische und der schwedische Botschafter waren zu Gast.

Marita Fuchs

Lena Rohrbach, Professorin für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich
Lena Rohrbach, Professorin für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich
Markante Forschungsprofile entwickelt: Lena Rohrbach, Professorin für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich am Jubiläumsanlass in Zürich. (Foto: Monika Gradalska)

 

Mit der Einrichtung eines gemeinsamen Lehrstuhls und der Berufung von Oskar Bandle vor 50 Jahren wurde die Nordistik ein eigenständiges Fach an der UZH und der Universität Basel. Diese Kooperation mit Basel habe sich bewährt, sagte Rektor Michael Hengartner in seiner Ansprache zu Beginn der Jubiläumsfeier. Sie sei ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen in Lehre und Forschung. Die Abteilung Nordische Philologie sei aber auch ein Vorbild, weil sie international ausgerichtet sei, so der Rektor. Nordische Philologinnen und Philologen stünden in regem Austausch mit renommierten Institutionen – mit der Humboldt-Universität, mit der University of Cambridge, mit der Universität Stockholm – um nur wenige zu nennen. «Als Rektor freut mich das ganz besonders, die Nordistik stärkt so die Sichtbarkeit der UZH und der Schweiz in der allgemeinen Forschungslandschaft.»

Anhaltender Glanz

Am Vormittag referierte Klaus Müller-Wille, Professor für Nordische Philologie an der UZH, in Basel über die historische Entwicklung der Nordistik, am Nachmittag übernahm Lena Rohrbach, Professorin für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich, diesen Part in Zürich.

Die Faszination für die nordischen Länder lassen sich bis auf die Antike zurückführen, sagte Rohrbach. Der antike Geschichtsschreiber Tacitus schrieb um 100 n.Chr. in seiner Schrift Germania, dass in Skandinavien «der letzte Glanz der eben sinkenden Sonne bis zum Aufgang» anhalte, «so hell, dass er die Sterne bleicht.»

Anfang des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse der akademischen Kreise im deutschsprachigen Raum am Norden. Die Gebrüder Grimm gaben 1815 die Lieder der alten Edda heraus, die auch den Grundstein für eine sprachwissenschaftliche Beschäftigung mit den nordgermanischen Sprachen legte, sagte Lena Rohrbach.

Wagner und der «Eddamüller»

Im Vorlesungsverzeichnis der 1833 neugegründeten Universität Zürich finden sich von Beginn an regelmässig Lehrveranstaltungen  zur mittelalterlichen nordischen Überlieferung. Bereits im Sommersemester 1833 bot Ernst Moritz Ludwig Ettmüller eine Vorlesung zu «Deutschen Altertümern» an. Ettmüller, später erster Professor für Germanistik der Universität Zürich, wurde vom deutschen Komponisten Richard Wagner aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit der Edda «Eddamüller» genannt. Wagner verarbeitete in seinem Opernzyklus «Ring der Nibelungen» deutsche Sagen, so auch die nordische Edda.

Die Lehrveranstaltungen in dieser ersten Phase der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Norden zeigten überraschenderweise wenig Interesse an der skandinavischen Literatur der Gegenwart, wie etwa an den heute berühmten Schriftstellern Ibsen oder Strindberg. Erst mit Adeline Rittershaus – der zweiten Frau, die an der Universität Zürich ihre Venia Legendi erhielt und der ersten Privatdozentin der Philosophischen Fakultät – wurde um die Wende zum 20. Jahrhundert auch der neueren skandinavischen Literatur Aufmerksamkeit geschenkt.

Unrühmlich für das Fach waren die 1930er und 1940er Jahre. Die Affinität vieler Nordisten zum nationalsozialistischen System waren ein wichtiger Grund für einen zwischenzeitlichen institutionellen Einbruch des Fachs nach 1945, sagte Rohrbach.

Markante Forschungsprofile entwickelt

Unter diesen Vorzeichen musste sich die Skandinavistik als Fach in der Nachkriegszeit neu formieren. Um Mitte der 1960er Jahre wurden eine ganze Reihe von skandinavistischen Instituten in Deutschland neu- oder wiedergegründet. In diesem Zusammenhang wurde 1968 auch der neue Lehrstuhl für Nordische Philologie an den Universitäten Basel und Zürich eingerichtet.

Die Forschung an diesem Lehrstuhl ist räumlich und historisch breit ausgerichtet. Sie reicht von der Edda und den Sagas bis hin zu Hans Christian Andersen, Astrid Lindgren und der skandinavischen Gegenwartsliteratur. «Unsere Aufgabe muss es sein, die Besonderheiten und komplexen Eingebundenheiten der skandinavischen Kulturen in der Zeittiefe zu deuten und sie in Beziehung zu setzen zu anderen regionalen Entwicklungslinien in Europa und der Welt», sagte Rohrbach.

Buchvernissage «50 Jahre Skandinavistik in der Schweiz»

Fulminanter Schlusspunkt der Feierlichkeit war die Buchvernissage «50 Jahre Skandinavistik in der Schweiz». Herausgeber des Bandes ist Jürg Glauser, emeritierter Professor für Nordische Philologie. Der Band erhebe nicht den Anspruch, eine umfassende Fach- und Forschungsgeschichte der Nordistik beziehungsweise Skandinavistik zu bieten, sondern lasse möglichst viele Studierende, Assistierende, Doktorierende sowie Lektorinnen und Lektoren zu Wort kommen, sagte Glauser.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000