Bildung

Schule ohne Schubladen

Das Schweizer Bildungssystem weist zahlreiche Hürden auf. Sie erschweren Kindern aus weniger privilegierten Familien den Weg an die Hochschulen.

Roger Nickl1 Kommentar

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Heute werden nach sechs Schuljahren die Weichen in Richtung Gymnsasium gestellt – Ein späterer Zeitpunkt würde aber die Chancengleichheit erhlhen, sagen Bildungsexperten.

 

Geht es um Chancengleichheit in der Bildung, ist die Schweiz keine Musterschülerin. Im Vergleich mit skandinavischen Ländern gelingt es nur relativ wenigen Schweizer Jugendlichen aus einer Familie mit geringer Bildung, einen Hochschulabschluss zu machen. Die Chance, dass es dazu kommt, ist viermal tiefer als bei Schülerinnen und Schülern aus einem gebildeteren Elternhaus. Entsprechend ist der Anteil der Studierenden aus niedrigen Bildungsschichten «mit sechs Prozent ausgesprochen tief», wie Reto Föllmi und Isabel Martinez in ihrer Studie zur Entwicklung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz festhalten, die sie im Auftrag des UBS International Center of Economics in Society an der UZH realisiert haben. Die Autoren konstatieren, dass es in der Schweiz relativ wenig soziale Aufsteiger gibt. Den Grund sehen sie in der vergleichsweise tiefen Bildungsmobilität hierzulande.

Einflussreiches Elternhaus

Der Soziologe Joël Berger ist einer der Happy Few, die den Weg an eine Hochschule geschafft haben, obwohl es in seiner Familie weit und breit keine Akademiker gab. Wäre es nach seinen Eltern gegangen, hätte Berger wohl wie sie selbst eine Lehre gemacht und nicht das Gymnasium besucht. Dass es damals anders kam, hat er den Eltern eines Freundes zu verdanken, die sich für den talentierten Schüler einsetzten. Heute untersucht der Wissenschaftler am Soziologischen Institut der UZH unter anderem Fragen der Ungleichheit in der Bildung. Das Interesse daran habe wohl auch mit seiner eigenen Biografie zu tun, sagt er. 

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb die Chancen auf eine Bildungskarriere so unterschiedlich verteilt sind. Einflussreich ist das Elternhaus, das mehr oder weniger Anregung bietet; eine soziale Umgebung, in der gelesen und diskutiert und der Nachwuchs bei den Hausaufgaben unterstützt wird – oder eben nicht. Doch nicht nur dieses kulturelle Kapital, wie es Soziologe Pierre Bourdieu genannt hat, entscheidet, wie erfolgreich eine Schullaufbahn verläuft. 

«Im Schweizer Bildungssystem sind Hürden eingebaut, die Kindern aus bildungsferneren Schichten den Sprung ans Gymnasium erschweren», sagt Katharina Maag Merki, «dies auch, wenn sie gleich leistungsfähig sind wie Mitschülerinnen und -schüler aus besser gestellten Familien.» Maag Merki ist Professorin für Theorie und Empirie schulischer Bildungsprozesse und erforscht die Gründe für ungleiche Bildungschancen im Schulsystem. Speziell interessiert sie die Frage, ob die Schule die Ungleichheit verstärkt oder verringert. «Ich möchte wissen, inwieweit die Schule ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung ist», sagt sie, «kann sie kompensatorisch wirken oder verstärkt sie die soziale Segrega-
tion?» Ihr vorläufiges Fazit: Schule tut beides. 

Eine der Hürden, die sowohl die Bildungs-expertin Maag Merki als auch der Soziologe Joël Berger ausmachen, ist die Selektion nach sechs Jahren Primarschule. Die Schülerinnen und Schüler werden dann entsprechend ihren Leistungen auf unterschiedliche Schulniveaus verteilt – im Kanton Zürich auf die Sek A, B, C oder das Gymnasium. Dieser Zeitpunkt sei in der Schweiz zu früh angesetzt, argumentieren Maag Merki und Berger gleichermassen, die Selektion nach sechs Schuljahren verstärke die Chancenungleichheit in der Bildung. 

Denn mit der Zuteilung auf verschiedene Leistungsstufen werden entscheidende Weichen für die zukünftige Entwicklung der Schülerinnen und Schüler gestellt. Die Gleise, auf die sie dort geleitet werden und die in Richtung Berufsausbildung oder Studium gehen, verlassen die meisten nicht mehr. «Das Schweizer Bildungssystem ist zwar prinzipiell durchlässig und wir gehen davon aus, dass höhere Abschlüsse später nachgeholt werden können», sagt Katharina Maag Merki, «das ist aber reine Theorie.» Untersuchungen von Bildungsverläufen -zeigen vielmehr, dass die Selektion nach der Primarschule ausschlaggebend für die -spätere Karriere ist. Die Mobilität ist also weit weniger gross, als es das Bildungssystem eigentlich zulassen würde. «Da vergeben wir viel Potenzial», sagt die Forscherin.

Zeit und Geld verlieren

Bei der Frage, wie die Weichen für die Bildungszukunft von Schülerinnen und Schülern gestellt werden, spielen neben der Leistung auch soziale Faktoren eine wichtige Rolle. Denn für Eltern aus weniger privilegierten Schichten ist der Entscheid für das Gymnasium nach der sechsten Klasse mit schwer abzuschätzenden Risiken verbunden. Die Ausbildung belastet das Portemonnaie, die Kinder bleiben länger zuhause und es dauert länger, bis sie selbständig sind und selbst etwas verdienen. Zudem ist es ungewiss, ob die Kinder den Anforderungen im Gymnasium
standhalten. «Wenn es nicht klappt, ist man, aus diesem Blickwinkel betrachtet, schlechter dran als vorher», sagt Joël Berger, «man hat Zeit und Geld verloren.» 

Hinzu kommt, dass Eltern aus allen sozialen Schichten für ihre Kinder in der Regel den Status und den Lebensstandard erhalten wollen, den sie selbst erreicht haben. Nicht weniger, aber eben oft auch nicht mehr. Ist der Vater Schreiner, braucht es diesem Denkmuster gemäss auch einen geringeren Bildungsaufwand für die Kinder, um denselben Status zu erreichen. Aus diesen Gründen entscheiden sich viele weniger privilegierte Eltern gegen das Gymnasium, auch wenn die Tochter oder der Sohn das Zeug dazu hätte. 

Anders würde es dagegen aussehen, wenn die Selektion für die Oberstufe später, beispielsweise nach neun Schuljahren stattfinden würde. In einem Verhaltensexperiment konnte Joël Berger zeigen, dass weniger gut gestellte Eltern die Risiken eines höheren Bildungswegs zu einem späteren Selektionszeitpunkt geringer einschätzen und ihm positiver gegenüberstehen. Er bestätigte damit experimentell eine in der Bildungstheorie bereits länger verbreitete Annahme. 

«Werden Eltern später vor den Entscheid für oder gegen das Gymnasium gestellt, entscheiden sie weniger schichtabhängig», sagt Joël Berger. Sie haben dann mehr Informationen über die Schulleistungen und können eher abschätzen, ob die Kinder auf einem anforderungsreichen Niveau bestehen können. Zudem sind die Schülerinnen und Schüler selbständiger und können mehr mit-entscheiden als Ende der Primarschule: Sie werden nicht mehr so stark von den Eltern beeinflusst und orientieren sich eher an Schulfreundinnen und -freunden, die vielleicht ein Studium anstreben.

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Eltern müssen besser über die Potenziale ihrer Kinder und die Chancen einer höheren Ausbildung informiert werden, fordert UZH-Soziologe Joel Berger. (Bild: iStock)

Gleiche Leistung, schlechtere Noten

Das selektive Schweizer Schulsystem ist für Maag Merki aber nicht nur aus Sicht der Eltern, sondern auch aus dem Blickwinkel der Lehrpersonen problematisch. Denn sie müssen, insbesondere wenn es um den Übertritt von der Primarschule in die Oberstufe geht, Schülerinnen und Schüler beurteilen und gleichzeitig überlegen, ob die Sekundarschule A oder B oder das Gymnasium besser zu ihnen passt. Dabei sind häufig soziale Verzerrungen zu beobachten. «Kinder aus bildungsferneren Familien werden bei vergleichbarer Leistung unbewusst oft schlechter beurteilt als andere», sagt Maag Merki. Und Lehrerinnen und Lehrer raten immer wieder vom Gymnasium ab, weil sie davon ausgehen, dass die Familie nicht fähig ist, das Kind während der Probezeit und danach genügend zu unterstützen. 

Diese sozial beeinflussten Beurteilungen und Empfehlungen würden wegfallen, wenn die Lehrerinnen und Lehrer nach sechs Schuljahren erst gar nicht selektionieren müssten. «Ich habe manchmal den Eindruck, Lehrpersonen sind da, um zu entscheiden, in welche Schublade Kinder gehören», sagt Katharina Maag Merki, «lässt man das weg, kann man wirklich schauen, wo sie stehen und wie sie gefördert werden können.» Um mehr Chancengleichheit zu erreichen, müsste das Schweizer Schulsystem gemäss Maag Merki grundlegend reformiert werden. 

Statt zu selektionieren, rät die Bildungsexpertin, Schulen sollten sich mehr auf die Förderung konzentrieren. Denn letztlich gehe es darum, dass Kinder fachlich besser werden, dass sie lernen und eben nicht in einer Schublade landen. Der Fokus müsse deshalb mehr auf Lernprozesse und -ziele gelegt und weniger auf die Selektion, fordert Katharina Maag Merki. 

Möglich wäre das in flexiblen Klassen, in denen einzelne Fächer auf verschiedenen Leistungsniveaus unterrichtet werden und in denen in Lerngruppen zusammengearbeitet wird. Der Rahmen dafür könnten ähnlich wie in Skandinavien Gesamtschulen sein, wo sich die Karrierewege der Schülerinnen und Schüler erst nach neun Jahren trennen. «Je später die Selektion stattfindet, desto reifer sind die jungen Menschen und desto mehr Gelegenheit haben sie, ein differenziertes fachliches Potenzial zu erarbeiten», sagt Maag Merki. 

Das sei eine bessere Grundlage für den Entscheid, in welche Richtung sich die Jugendlichen weiterentwickeln wollen. «Er basiert dann auch stärker auf fachlichen Erwägungen als auf sozialen Faktoren», sagt die Bildungsforscherin. Das sei für die Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft wichtig.

Fehlende Reformdiskussion

Im Gegensatz etwa zu Deutschland werden solche Reformen in der Schweiz kaum diskutiert. «Deshalb müssen wir versuchen, aus der aktuellen Situation das Beste zu machen, um die Chancengleichheit in der Bildung zu stärken», sagt Katharina Maag Merki. Etwa indem Schülerinnen und Schülern aus bildungsferneren Familien wie im Zürcher Projekt «Future Kids» Lernförderung und Aufgabenhilfe erhalten oder Tagesschulen eingeführt werden, in denen Kinder zusätzlich unterstützt werden können. Oder indem potenzielle Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mehr Hilfe bei der Vorbereitung für die Aufnahmeprüfung und danach während der Probezeit bekommen. 

Die Eltern von Primarschülerinnen und -schülern müssten auch besser über die Chancen einer höheren Ausbildung und über die Potenziale ihrer Kinder informiert und beim Entscheid für oder gegen das Gymnasium beraten werden, meint Soziologe Joël Berger. Zudem sind sich Berger und Maag Merki darin einig, dass die relativ fixe Maturitätsquote, die in der Schweiz bei 20 bis 25 Prozent liegt, flexibilisiert und dadurch der Selektionsdruck abgebaut werden könnte.

Auch den sozialen Verzerrungen bei der Beurteilung von Schülerinnen und Schülern kann entgegengewirkt werden. Wichtig ist, dass sich Primarlehrerinnen und -lehrer zusammensetzen und ihre individuellen Einschätzungen reflektieren und diskutieren, sagt Katharina Maag Merki. So verringert sich das Risiko, dass soziale Steorotype die Beurteilung unbewusst beeinflussen. 

Letztlich müsse es darum gehen, möglichst viele zufällige Faktoren im Bildungssystem zu beseitigen, die die Ungleichheit vergrössern, sagt Joël Berger. Will die Schweiz die Quote der Studierenden aus bildungsferneren Familien und damit die Chancengleichheit erhöhen, muss dazu noch einiges getan werden. Gleich werden die Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern auch dann nicht sein. Aber vielleicht ewas gleicher.

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin.

1 Leserkommentar

Anastasia Risch schrieb am Einseitige Sichtweise Ich verstehe nicht, warum in diesem Artikel - oder vielleicht auch in den entsprechenden Studien? - der Kanton Zürich als "die Schweiz" apostrophiert wird. In vielen anderen Kantonen können die Schüler auch nach 8 oder 9 Schuljahren noch ans Gymnasium wechseln (4-Jahres-Gymnasium); im Thurgau z.B. gibt es gar keine Selektion nach 6 Schuljahren, da dort die Schüler in jedem Fall erst nach frühestens 8 Jahren aufs Gymnasium wechseln können. Die Zürcher Situation bildet nicht die komplette Schweizer Situation ab - der Artikel erweckt aber genau diesen Eindruck, wenn er ständig von "der Schweiz" spricht. Ausserdem lassen die Forscher offensichtlich einen wichtigen Aspekt aus, und zwar den Stellenwert der akad. Bildung in der Gesellschaft. In der Schweiz ist akademische Bildung allgemein nicht sehr hoch angesehen. Dies trägt dazu bei, dass sich viele Familien diesen Weg für ihre Kinder nicht wünschen.

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