Theologie

World News vom Reformator

Wer Zwingli sagt, müsste auch Bullinger sagen. Doch Zürichs zweiter grosser Reformator ist unbekannt geblieben. Dies wird sich dank dem Einsatz von UZH-Forschenden bald ändern: Denn seine Schriften sind wichtig für die Deutung damaliger Ereignisse, wie auch eine Ausstellung an der UZH zeigt.

Michael T. Ganz

Statue des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger am Portal der Zürcher Paulus-Kirche. (Bild: Ursula Meissner)
Statue des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger am Portal der Zürcher Paulus-Kirche. (Bild: Ursula Meissner)

 

Mit zwanzig begann Heinrich Bullinger zu korrespondieren. Bis zu seinem Tod ein halbes Jahrhundert später soll er rund 14000 Briefe geschrieben haben, durchschnittlich fünf pro Woche. «Das ist gar nicht so viel, denkt man an all die Mails, die wir heute verschicken», sagt Reinhard Bodenmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte. Nur waren die Briefe im 16. Jahrhundert freilich etwas länger und sorgfältiger als die elektronische Post der Gegenwart.

Reinhard Bodenmann ist Kirchenhistoriker und leitet die Edition der Bullinger’schen Korrespondenz. Seit neun Jahren ediert und kommentiert er zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen handgeschriebene Briefe – sowohl jene des Zürcher Reformators als auch jene, die Bullinger von seinen rund 1200 Korrespondenten in Deutschland, Frankreich, England, Skandinavien, Osteuropa und auch in der Eidgenossenschaft empfing. Vor Bodenmann hatten sich schon andere mit dieser Aufgabe abgemüht. 1904 begannen Mitglieder des Zürcher Zwinglivereins mit der Abschrift einzelner Bullinger-Briefe. 1964 wurde die Arbeit im Rahmen des neugegründeten Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte professionalisiert. 1973 erschien der erste Band der Briefedition, mittlerweile liegen 19 Bände vor. Ein Ende ist kaum abzusehen: Von den 12000 noch erhaltenen Dokumenten – sie lagern zur Hauptsache im Zürcher Staatsarchiv – sind bislang knapp 3000 ediert. Über 9000 warten noch auf Bearbeitung.

Kein Wunder. Denn jeder der 1200 Menschen, mit denen Bullinger korrespondierte, hatte seine eigene Handschrift, die es vorerst zu entziffern gilt. Verfasst sind die Briefe in Latein oder Frühneuhochdeutsch, was neben der blossen Transkription und zahlreichen Fussnoten zur Textkommentierung auch eine ausführliche Zusammenfassung in moderner deutscher Sprache verlangt.

Intime Einblicke in die Epoche

Lohnt sich der Aufwand? Für Bodenmann gibt es nur eine Antwort: «Unbedingt. Denn Briefe sind wichtige historische Quellen, oft wichtiger als gedruckte Bücher. Sie gewähren einen intimeren Einblick in die Epoche.» In Bullingers Korrespondenz diskutieren unterschiedlichste Menschen aus verschiedensten Ecken Europas die wichtigsten Fragen der Zeit – und nicht nur religiöse. Die Briefe von und an Bullinger sind laut Bodenmann zu etwa 80 Prozent politischen, gesellschaftlichen und biografischen Inhalts.

Nach Zwinglis Tod übernahm Heinrich Bullinger dessen Stelle als Grossmünsterpfarrer und Zürcher Kirchenoberhaupt. In dieser Funktion flocht er ein dichtes Kommunikationsnetz, um die reformatorischen Ideen in die Welt hinauszutragen und sie sowohl mit Gleich- als auch mit Andersgesinnten zu diskutieren. Neben Calvin und Luther gehörten auch Philipp von Hessen, Franz II. von Frankreich, Heinrich VIII. von England und Christian II. von Dänemark zu Bullingers Korrespondenten.

«Heinrich Bullinger war gewissermassen das Radio seiner Zeit», sagt Reinhard Bodenmann. «Jede Woche erfuhr er über seine Briefpartner von den neusten Ereignissen und Entwicklungen in den Nachbarländern.» Zürichs Bürgermeister und die Räte liessen sich regelmässig von Bullinger rapportieren, was ennet der Zürcher Grenzen geschah. Das politische Zürich war auf Bullinger und dessen Informationen angewiesen; Bullingers Rolle als Kirchenchef war damit mindestens so bedeutend wie die des offiziellen Stadtoberhaupts.

Warum kennen wir den Mann denn nicht? Warum blieb er in Zwinglis Schatten? «Bullinger stand nicht eigentlich in Zwinglis Schatten. Er ging vielmehr in der Geschichte nach Zwingli vergessen», sagt Theologieprofessor Peter Opitz, der sich als Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte mit der Edition von Bullingers Gesamtwerk befasst. Und er gesteht: «Auch ich wusste vorerst wenig von Bullinger, obwohl ich als reformierter Theologe promoviert hatte.»

Zwinglis Saat

Ulrich Zwingli war der Pionier, der die Reformation säte. 1531 starb er 47-jährig im Zweiten Kappelerkrieg, als er noch mitten im Leben stand. Heinrich Bullinger führte Zwinglis Werk zu Ende. Er war der Konsolidator, der Zwinglis Saat zum Blühen brachte. Und Bullinger tat es mit Bedacht, Geschick und Ausdauer.

Die beiden Zürcher Reformatoren kannten und schätzten sich. 1528 begleitete Bullinger den um 20 Jahre älteren Zwingli zur Berner Disputation, in deren Folge sich die Aarestadt zur Reformation bekannte. Bullinger und Zwingli waren in vielen, aber nicht in allen Fragen gleicher Meinung. Auch wenn Bullinger seinen berühmten Vordenker nach dessen Tod stets verteidigte: «Heinrich Bullinger war nicht einfach ein Zwingli-Schüler», sagt Opitz. «Er war ein selbständiger Denker mit eigenem Profil.»

Stärker als Zwingli, Calvin und Luther war Bullinger auf Frieden zwischen den Konfessionen bedacht – ein früher Verfechter dessen, was wir heute Ökumene nennen. Den scharfzüngigen Angriffen Luthers auf die Zürcher Reformation begegnete Bullinger stets mit Sachlichkeit und Milde. Peter Opitz: «Im Unterschied zu den meisten seiner theologischen Zeitgenossen stellte Bullinger das gemeinsame Christliche in den Vordergrund. Das machte seinen Namen im Zeitalter der religiösen Polemik und Abgrenzung wenig brauchbar für eine Konfessionsetikette.»

Trotz seiner Zurückhaltung hat Heinrich Bullinger das reformierte Leben in ganz Europa mitgeprägt. Wie er sich in seinem Briefwechsel nicht nur religiöser, sondern auch politischer Fragen annahm, so behandelten auch viele seiner anderen Schriften alltägliche Themen. Wie verhält sich ein reformierter Christ in der Ehe, wie, wenn er krank ist, wie, wenn er vor dem Richter steht? Fragen, die die damals frischgebackenen Reformierten in Zürich, aber auch etwa in den Niederlanden, in England oder in Ungarn beschäftigten. Bullinger schrieb Ratgeber zum Thema. Sein «Hausbuch» mit 50 Predigten über Glaubensinhalte war nicht nur Pflichtlektüre für englische Pfarrer, es musste auch auf Handelsschiffen mitgeführt werden und gelangte so schon im 17. Jahrhundert nach Ostindien und Amerika.

Zeitgeist gefährdet Bullinger-Edition

Kaum bekannt ist, dass Heinrich Bullinger zu den grossen Historikern seiner Zeit gehörte. Ende Mai erscheint seine «Tigurinerchronik» erstmals im Druck – auch dies ein Projekt des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte. Auf 1800 handgeschriebenen Blättern im A4-ähnlichen Folio-Format beschreibt Bullinger unter Einbezug zahlreicher Quellen die Geschichte Europas und Zürichs vom Römerreich bis zu seiner Zeit.

Und die Briefe? Das Unterfangen ist ins Stocken geraten. Der Nationalfonds, der die Edition des Bullinger’schen Briefwechsels bislang gemeinsam mit der Landeskirche finanzierte, unterstützt keine derart langfristigen Projekte mehr. «Der Zeitgeist gefährdet unsere Pläne», sagt Reinhard Bodenmann. «Für ein Projekt wie dieses bräuchte es die Haltung und die Ausdauer der Menschen, die einst die Kathedralen gebaut haben.»

Zum Glück ist für den Notfall vorgesorgt. Vor Jahren schon haben sich die Briefeditoren der Open-Access-Politik verschrieben. Statt gedruckt sollen die restlichen Bullinger-Briefe nun nur noch elektronisch erscheinen; ein digitaler Suchmechanismus ersetzt das analoge Register. So lässt sich der Aufwand verringern, lassen sich auch Produktionskosten sparen. «In einem Jahr könnten wir auf diese Weise 140 Briefe zugänglich machen», schätzt Bodenmann.

Doch auch eine digitale Version kostet Geld. Zurzeit sind Bestrebungen im Gang, unter dem Dach der UZH Foundation Gönner zu suchen (siehe unten). Unterstützung verspricht auch Christoph Sigrist, Pfarrer am Zürcher Grossmünster, Heinrich Bullingers früherer Wirkungstätte. «Christoph Sigrist ist sehr gut vernetzt», sagt Reinhard Bodenmann. Genau wie sein Vorgänger im 16. Jahrhundert.

 

Ein historischer Schatz für Zürich

Der Briefwechsel des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger ist von ausserordentlicher Bedeutung. Mit rund 12000 Briefen ist er wohl die umfangreichste erhaltene Briefkorrespondenz des 16. Jahrhunderts. Er gibt in einzigartiger Weise Einblick in die Zeit der Reformation. Darüber hinaus dokumentiert er die zentrale Stellung Zürichs im damaligen Europa. Etwa ein Viertel von Bullingers Briefen wurde in den letzten Jahren durch das Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der UZH veröffentlicht.

Ziel ist, weitere Briefe zu edieren, sowie die gesamte Korrespondenz zu digitalisieren und zu veröffentlichen, damit sie weltweit genutzt werden kann. Die UZH Foundation unterstützt dieses Projekt mittels einer Fundraising-Kampagne.

Kontakt
Isabel Probst – isabel.probst@uzhfoundation.ch
www.uzhfoundation.ch

Ausstellung – Florian Germann: Die Stral/Nachrichten von Heinrich Bullinger

Der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger korrespondierte mit ganze Europa, seine Briefe dokumentierten die Geschichte und Kultur während der Reformation. Eine Ausstellung an der Universität Zürich samt Publikation und Rahmenprogramm zeigt, welchen Einfluss Zwinglis Nachfolger auf die Deutung von Ereignissen seiner Zeit hatte.


Die Ausstellung «Florian Germann: Die Stral/Nachrichten von Heinrich Bullinger» ist noch bis zum 24. Juni im Foyer West des UZH-Hauptgebäudes zu sehen. Programm unter www.diestral.ch

Michael T. Ganz ist freier Journalist.

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