Scientifica 2012

«Stricken ohne Wolle geht nicht»

Die Wissenschaftsausstellung Scientifica fand am Samstag und Sonntag an der Universität Zürich und der ETH Zürich statt und erwies sich, wie bereits im letzten Jahr, als Publikumsmagnet. Am Science Talk fragte die Schauspielerin Delia Mayer den Neuropsychologen Lutz Jäncke, woher denn die Kreativität komme. Schnell war der zahlreich erschienen Zuhörerschaft klar: Sie fällt nicht vom Himmel! 

Marita Fuchs

Schauen und ausprobieren: Besucher an der Scientifica 2012. (Bild: Frank Brüderli)

Viel Betrieb herrschte am Wochenende in und um die beiden Hauptgebäude von UZH und ETH Zürich. Rund 21'000 Besucherinnen und Besucher liessen sich am Wochenende vom 1. und 2. September von der Begeisterung für die Wissenschaft anstecken. An knapp 50 Ausstellungsständen und in 40 Kurzvorlesungen gaben Forschende der ETH Zürich und der Universität Zürich auf anschauliche Weise Einblick in ihre aktuellen Projekte. Science Slams, Theater und eine Filmnacht zeigten, dass Wissenschaft auch sehr unterhaltend sein kann.

Einer der Höhepunkte war der sogenannte Science-Talk: Er ist so konzipiert, dass eine Person aus dem öffentlichen Leben einem Wissenschaftler seiner Wahl eine Frage stellt, die in einem einstündigen Gespräch vor Publikum erörtert wird.

An der diesjährigen Scientifica bat die Schauspielerin und Sängerin Delia Mayer – die kürzlich erst in dem neuen Schweizer «Tatort» als Kommissarin Liz Ritschard zu sehen war – den Neuropsychologen Lutz Jäncke um eine Antwort auf die Frage, die viele Künstler umtreibt: «Woher kommt die Kreativität?» Moderiert wurde das Gespräch vom Kommunikationsberater Rolf Probala.

Kreativität kommt nicht aus dem hohlen Bauch: Science Talk mit Lutz Jäncke, Rolf Probala und Delia Mayer (von links). (Bild: Marita Fuchs)

Eines stehe fest, sagte Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich: Kreativität komme nicht aus dem Bauch, wie viele glaubten, sondern entstehe im Gehirn. Es handle sich bei kreativen Einfällen um kurzfirstige Zustände des Denkorgans, die in der Regel nicht länger als einige Minuten dauerten. Das könne man heute an den typischen Hirnaktivierungsmustern erkennen.

Wenn das Gehirn sich mit sich selbst beschäftigt

Doch das Besondere an diesen kreativen Zuständen des Gehirns sei, dass es sich in diesen Momenten mit sich selbst beschäftige und die Kommunikation mit der Aussenwelt auf ein Minimum reduziere. Es rufe das ab, was es bereits gespeichert habe und kombiniere es neu. «Stricken ohne Wolle, das geht nicht», sagte Jäncke. Kreativ könne nur sein, wer aus bereits Vorhandenem etwas Neues entwickle. Kreativität komme also weder aus dem hohlen Bauch, noch von Gott. Es sei denn, man interpretiere mit dem Philosophen Spinoza Gott als das, was in uns allen angelegt ist.

Auch Genies leisten Vorarbeit

Kreativität sei ein weiter Begriff, so Jäncke: Es gebe ganz unterschiedliche Formen: Der Pianist, der ein Stück von Mozart neu interpretiert, ist kreativ. Eine andere Form der Kreativität blitzt auf, wenn ein Wissenschaftler ein Heureka-Erlebnis hat. Doch eins ist klar: Auch Genies und besondere Talente fallen nicht vom Himmel. «Ich habe sehr viele begabte Menschen untersucht», sagte Jäncke. «Sie alle haben sehr viel investiert und hart gearbeitet.»

Schauspielerin Delia Meyer hakte nach: «Wie kann man den Körper auf einen kreativen Prozess einstimmen?» Wenn sie Rollen wie etwa die von Tatort-Kommissarin Liz Ritschard glaubwürdig spielen müsse, sei sie oft unsicher, ob sie der Figur die richtige Sprache, die authenischen Gebärden gebe.

Jäncke konnte sie beruhigen: Das Unwohlsein im kreativen Prozess sei ganz normal. Bei der Aufgabe, eine Schauspielrolle glaubwürdig umzusetzen, müsse das Gehirn eine schwierige Aufgabe in Angriff nehmen, denn es kenne den Endzustand nicht. «Das ist wie bei einer Aufgabe mit drei Variabeln, wovon zwei Unbekannte sind».

Keine Inspiration von Lang Lang

Mayer wies darauf hin, dass besonders gute Ideen in der Zusammenarbeit mit anderen Schauspielern entstünden, man inspiriere sich gegenseitig. «Ja, das gebe es häufig», meinte Jäncke, doch müsse sie, um von der Teamarbeit profitieren zu können, bereits sehr viel Wissen und Erfahrung mitbringen, damit sie die Anregungen der Kollegen überhaupt aufnehmen könne. «Wenn ich mit dem Pianisten Lang Lang zusammenspielen müsste, könnte er mir noch so viele Trigger-Signale geben, ich könnte damit nichts anfangen, weil ich sie nicht interpretieren könnte», sagte Jäncke.

Effizient und kreativ?

Manchmal daure es lange, bis sie in einen kreativen Zustand komme, sagte Mayer und beschrieb, wie sie – um sich auf ihre Rolle vorzubereiten – zunächst um das Drehbuch schleiche, schliesslich mit dem Leuchtstift vieles ankreuze, die Titel der Kapitel in den Computer tippe und so weiter. Sie fragte den Neuropsychologen, ob man den Prozess nicht effektiver gestalten könne.

Wenn er wüsste, wie man Kreativität effizient hervorrufen könne, sagte Jäncke mit einem Augenzwinkern, sässe er jetzt nicht hier, sondern würde als reicher Mann in einer Villa in Nizza aufs Meer blicken.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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