Kreativität in den Geisteswissenschaften

Wie Nobelpreise entstehen

Unter welchen Umständen entstehen wissenschaftliche Durchbrüche, die beispielsweise mit einem Nobelpreis ausgezeichnet werden? Dazu braucht es zwar intensiven Austausch in Netzwerken, entscheidend ist aber in den meisten Fällen die Einzelleistung.

Theo von Däniken

Warum ist unter den bisherigen 62 Nobelpreisträgern für Wirtschaft nur ein Deutscher (und kein einziger Schweizer)? Dies hat nicht mit der mangelnden Kreativität hiesiger Forschender zu tun, sondern mit der Art, wie die Forschung an den Universitäten organisiert ist. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Soziologieprofessor Horst Kern, Alt-Präsident der Georg-August-Universität in Göttingen, der am Freitag einen Einblick in seine Untersuchungen zu den soziologischen und organisatorischen Voraussetzungen für kreative Leistungen in den Geisteswissenschaften bot.

Jung, eigenwillig und gut vernetzt

Ein Blick auf die bisherigen Nobelpreisträger in Wirtschaftswissenschaften seit 1969 zeigt eine grosse Dominanz der USA, gefolgt von den englischen Universitäten. Zusammen stellen die beiden Länder 51 der bisher 62 Preisträger. Was aber ist das Erfolgsgeheimnis? Jugend, Eigenwilligkeit und Einbettung in ein hochkarätiges Netzwerk: Diese drei Merkmale stellte Kern als charakteristisch für die Nobelpreisträger fest.

In Netzwerken können auch ausserfachliche Fähigkeiten wie etwa Argumentationsstärke oder Durchsetzungsvermögen erworben und trainiert werden, erläuterte Horst Kern. (Bild: Theo von Däniken)

So liegt das Durchschnittsalter in welchem die Preisträger ihre später ausgezeichneten Arbeiten schrieben, bei 33 Jahren und damit deutlich tiefer als etwa bei den Nobelpreisträgern in den Naturwissenschaften. Und trotz des anhaltenden Trends zu Ko-Autorschaften wurden in der überwiegenden Mehrheit Einzelarbeiten ausgezeichnet. Die Preisträger lassen sich zudem ganz wenigen wissenschaftlichen Clustern zuordnen – die wichtigsten die Universität Chicago, das MIT und Harvard. Dort arbeiteten sie häufig mit anderen bereits ausgezeichneten oder künftigen Nobelpreisträgern zusammen.

Untypische Netzwerke

Anhand der Biographien der Preisträger untersuchte Kern deshalb die Organisation und Arbeitsstruktur in diesen Clustern und kam dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Denn die Netzwerke, in denen sich die kreativen Wissenschaftler bewegen, lassen sich nicht den bekannten Typologien von starken oder schwachen Netzwerken zuordnen. Sie sind nämlich beides zugleich.

Die Netzwerke sind insofern stark, weil sie jeweils relativ klein sind und einige wenige etablierte Forschende mit einer überschaubaren Zahl von jüngeren Forschenden umfassen. Dies ermöglicht häufigen und direkten Kontakt unter den Gruppenmitgliedern. Am MIT etwa war beim Mittagessen der ganze Lehrkörper an einem Tisch versammelt. So boten sich Gelegenheiten für Diskussionen und informellen Austausch.

Die jüngeren Wissenschaftler lernen dabei von ihren Lehrern nicht nur Fachwissen, wie Kern betonte, sondern auch weitere Fähigkeiten. So etwa Sinn für Relevanz, die Schärfung der Argumentation, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen und auch den Willen, sich mit eigenen Ideen abgrenzen zu wollen.

Trotz der engen Einbettung ist es am Ende aber nicht das Netzwerk, das die kreative Leistung hervorbringt, sondern der Einzelne. So gesehen müssten die Netzwerke auch Distanzierung und Abgrenzung zulassen und seien zwiespältige Organisationen, so Kern. Denn in den Netzwerken gebe es auch starke Konkurrenzkämpfe, weil die Plätze an der Spitze beschränkt seien.

Trotz der Einbettung in Netzwerke bringt am Ende der Einzelne die herausragende kreative Leistung hervor. (Bild: Theo von Däniken)

Wer weiss was?

Wie lassen sich aber die Erkenntnisse zu den Wirtschaftswissenschaften auf die übrigen Geisteswissenschaften übertragen und was können die Institutionen tun, um die wissenschaftliche Kreativität zu fördern? Entscheidend für die kreativen Leistungen ist nach Kerns Ansicht der Zugang zu wissenschaftlichen Ressourcen, also zu Kolleginnen und Kollegen innerhalb und ausserhalb des eigenen Fachbereichs, die Expertenwissen zu bestimmten Problemen haben. An den Universitäten sei dieses Expertenwissen meist ausreichend und in hoher Qualität vorhanden. Die Schwierigkeit sei jedoch, es rasch und effizient anzapfen zu können.

Limitierende Faktoren sind zum einen die Zeit, da die Forschenden mit ihren Aufgaben ausgelastet sind und kaum Gelegenheit finden für einen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachbereichen. Andererseits fehlt oft auch das Wissen, wer in anderen Fachbereichen zu welchen Fragestellungen forscht. Was es also braucht, sind Zeit und Gelegenheiten zum Austausch.

Zwiespältige Interdisziplinarität

Kern mahnte aber zur Vorsicht, diesen Austausch etwa in interdisziplinären Zentren allzu stark zu institutionalisieren: «Es sollen nicht alle Interdisziplinaristen werden.» Nach wie vor brauche es «hochgezüchtete» Spezialistinnen und Spezialisten in ihren Fächern, die aber miteinander kommunizieren könnten. Denn wie die Wirtschaftsnobelpreise zeigten, brauche es für die bahnbrechende kreative Leistung das beharrliche Verfolgen eigener Fragen und nicht deren Einbettung in bereits formulierte Forschungsthemen.

Wer wann welche Ressourcen von wem benötigt, lasse sich schlecht planen, erklärte Kern, denn das Bedürfnis entstehe aus der Arbeit an der eigenen Fragestellung. Wichtig seien deshalb Freiräume, die den spontanen Austausch ermöglichten.

Der Vortrag ist der Auftakt zu einer losen Reihe von Veranstaltungen zum Thema Qualität in den Geisteswissenschaften. Sie steht im Rahmen eines Projekts zur Entwicklung von Qualitätskriterien für die Forschung in den Geisteswissenschaften, das die Universitäten Zürich und Basel im vergangenen Jahr lanciert haben.

Theo von Däniken ist Redaktor von UZH News

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