Nachwuchsförderung

Wandteppiche und Sojablätter

Der Europäische Forschungsrat hat zum zweiten Mal Gelder für Nachwuchsforschende gesprochen, darunter für zwei Wissenschaftler der Universität Zürich. Der Kunsthistoriker Tristan Weddigen zeichnet die Bedeutung von Textilien in der Geschichte der Kunst nach. Der Bioinformatiker Christian von Mering untersucht, welche Bakterien sich auf Pflanzenblättern ansiedeln.

Adrian Ritter

Tristan Weddigen: Auf dem Weg zu einer historischen Theorie des Textilen.
Rechts steht der prächtig ausstaffierte Sonnenkönig Louis XIV mit seinem Gefolge, links die altmodisch gekleideten Botschafter der Schweizer Kantone. Wir schreiben das Jahr 1663 und befinden uns in der Kathedrale von Nôtre Dame in Paris, wo gerade die Allianz zwischen der Eidgenossenschaft und Frankreich erneuert wird.

Sie haben sich ein Gemälde vorgestellt, welches diese Szene dokumentiert? Falsch, es ist ein Wandteppich. Er kann in der neuen Dauerausstellung zur Schweizer Geschichte im Landesmuseum in Zürich bestaunt werden.

Im Schatten der Malerei

Falls Sie ein Gemälde vor Augen hatten, war das kein Zufall. «Die Malerei hat sich als Leitmedium in der Kunst und auch in unseren Köpfen etabliert», sagt Tristan Weddigen, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich.

Schuld daran sei nicht zuletzt die im 20. Jahrhundert aufkommende Idee des «originalen Meisterwerkes». Während das Bild des Malers einmalig ist, wird ein reproduzierbares Werk wie ein Wandteppich nicht mehr als Kunst, sondern nur noch als Handwerk betrachtet.

«Kein Wunder, hat auch die Kunstwissenschaft dem Textilen zuwenig Beachtung geschenkt», sagt Weddigen. Mit Unterstützung eines «Starting Grants» des Europäischen Forschungsrates (ERC) will er dies ändern und in den kommenden vier Jahren unter anderem eine historische Theorie des textilen Mediums zu skizzieren beginnen.

Basis dieser Theorie werden Forschungen seiner Gruppe zu Textilem in Kunst und Architektur sein: von Kleidern im Mittelalter über die Bedeutung von Wandteppichen im 19. Jahrhundert bis zur textilen Kunst des 20. Jahrhundert, in der beispielsweise Webereien dargestellt werden, die wie gepixelte Digitalfotos aussehen.

Textile Kunst: Zuwenig beachtet neben dem Leitmedium Malerei. (Bild: Schweizerisches Landesmuseum)

«Das Textile als Material wie auch als Form ist in Kunstausstellungen immer häufiger anzutreffen», so Weddigen. Höchste Zeit also, es auch wissenschaftlich genauer zu untersuchen.

Sein mit 700'000 Euro dotierter ERC-Grant ermöglicht es Weddigen, für sein Projekt zwei Postdoktoranden und eine Doktorandin zu finanzieren: «Die europäischen Gelder sind eine einmalige Chance für uns junge Forscher. Ich möchte gerade auch Sozial- und Geisteswissenschaften ermuntern, sich darum zu bewerben.»

Riesige Datenmengen

Als zweiter Nachwuchsforscher kommt der Bioinformatiker Christian von Mering am Institut für Molekularbiologie in den Genuss von Forschungsgeldern der Europäischen Union. Er erhält einen ERC-Starting Grant in der Höhe von 1,1 Mio. Euro. Sein Forschungsteam geht unter anderem der Frage nach, welche Bakterien die Blattoberflächen von Pflanzenblättern bevölkern und warum sie sich dort aufhalten.

Von Forschern von Universität und ETH Zürich erhalten die Bioinformatiker Schnipsel von Gensequenzen und Proteinen, welche sie Bakterien auf Ackerschmalwand, Soja und Klee entlockt haben.

Blattoberfläche: Mehr als 100 Bakterienarten tummeln sich auf einer einzelnen Pflanze. (Bild: Gerd Innerebner/Julia Vorholt, ETH Zürich)

Es sind riesige Datenmengen, die von Mering zu bewältigen hat: Mehr als 100 Bakterienarten tummeln sich auf einer einzelnen Pflanze, wobei jedes Bakterium 1'000 bis 10'000 Gene enthält. «Neuartig an unserer Forschung ist, dass wir nicht nur das Genom solcher Bakteriengemeinschaften bestimmen wollen, sondern auch die Proteine, die von ihnen gebildet werden und etwas darüber aussagen, was diese Bakterien überhaupt tun», so von Mering.

Eine Hypothese der Forschenden besagt, dass die Pflanzen selber ein Interesse daran haben, dass ihre Blätter dicht besiedelt sind von Bakterien – damit es keinen Platz hat für Krankheitserreger. Bis Antworten vorliegen, ist es noch ein weiter Weg, denn bisher können erst eine Handvoll der mehr als 100 Bakterienarten benannt und weniger als ein Drittel der Proteine den sie produzierenden Genen zugeordnet werden.

Christian von Mering: Der Bioinformatiker versucht Proteine und Gene einander zuzuordnen. (Bild: Fritz Ochsenbein)

Lob für Euresearch

Von Mering ist froh, im Rahmen des Universitären Forschungs-schwerpunktes «Systembiologie/Funktionelle Genomik» der UZH über eine hervorragende Infrastruktur inklusive Hochleistungsrechner zu verfügen. Wie im Falle von Tristan Weddigen, wird es ihm der ERC-Grant erlauben, zusätzlich drei bis vier Doktorierende und Postdoktorierende anzustellen.

Die beiden Forscher freuen sich nicht nur über die Unterstützung ihrer Arbeit von europäischer Seite. Voll des Lobes sind sie auch über die Betreuung durch «Euresearch», die Beratungsstelle von Universität und ETH Zürich zu Fragen der europäischen Forschungsförderung. «Ich bekam unter anderem ein Interview-Training, bevor ich nach Brüssel fuhr, um mein Projekt vorzustellen», so von Mering. Es scheint genützt zu haben.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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