Biologische und soziale Anthropologie

Gibt es eine Evolution der Kultur?

Carel van Schaik, Professor für Biologische Anthropologie und Peter Finke, Professor für Ethnologie, debattieren über Jäger und Sammler, über Kindstötung und über Chancen und Grenzen des interdisziplinären Dialogs. Was können Sozialwissenschafter von Biologen lernen und umgekehrt?

David Werner und Sascha Renner2 Kommentare

Der Ethnologe Peter Finke (l.) im Gespräch mit dem Anthropologen Carel van Schaik: Dialog über die Fachgrenzen hinaus seit langem gestört. (Bild: Frank Brüderli)

Anlässlich eines Darwin-Symposiums an der UZH im September bedauerte der Anthropologe Carel van Schaik, dass die Natur- und die Sozialwissenschaften bei der Erforschung der Wurzeln menschlichen Sozialverhaltens nicht stärker zusammenarbeiten: «Wenn Sozialwissenschaften menschliche Verhaltensweisen untersuchen, ohne evolutionsbiologische Erkenntnisse mit einzubeziehen, dann ist das so, als würden sie einen Elefanten im Zimmer nicht sehen», sagte er.

Das unijournal hat Ethnologieprofessor Peter Finke gebeten, aus sozialwissenschaftlicher Sicht dazu Stellung zu beziehen. Er erklärte sich spontan zu einer Debatte mit Carel van Schaik bereit.

Die beiden Wissenschaftler, die sich zuvor nie begegnet waren, fanden rasch einen Draht zueinander – und so dauerte die Diskussion in angeregter Atmosphäre mehr als doppelt so lang wie geplant. Lesen Sie hier eine stark gekürzte Fassung des Gesprächs.

Carel van Schaik: Ich finde, die biologische Anthropologie und die Sozialwissenschaften könnten untereinander mehr kooperieren. Doch mit diesem Ansinnen stosse ich selten auf Gegenliebe. Wie kommt das eigentlich?

Peter Finke: Man macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man als Ethnologe die Fachgrenzen in Richtung Naturwissenschaften überschreitet. Der Dialog ist seit langem gestört. Zum einen wird er von den Ideologien behindert, die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auf die Evolutionstheorie bezogen: Eugenik, Nazismus, Rassismus.

Zum andern wirkt immer noch nach, was der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson 1975 in seinem fatalen Buch «Sociobiology: The New Synthesis» behauptete: dass man mit dem bestehenden Wissen über die Tierwelt auch den Menschen erklären könne. Dieses Buch löste starke Abwehrreflexe gegenüber der Biologie aus. Kein Wunder: Wenn man der anderen Seite sagt, sie sei überflüssig, kann man nicht erwarten, dass diese kopfnickend in den Ruhestand geht.

Carek van Schaik: Ich gebe zu, was Wilson da schrieb, hat viel Schaden angerichtet. Das war nicht nur taktisch, sondern auch wissenschaftlich schlecht. Wilson hat es sich als Biologe zu einfach gemacht. Über die Evolution der menschlichen Kultur und Gesellschaft wissen wir längst nicht alles, und sie lässt sich nicht allein biologisch erklären.

Peter Finke: Ich habe letztes Semester ein Seminar zu Evolutionismus in der Ethnologie angeboten. Ich kenne daher einige der Versuche, Wissen aus der Evolutions­biologie in unser Fach zu übertragen. Vieles davon wirkt sehr spekulativ.

Carel van Schaik: Wenn wir davon ausgehen, dass auch die menschliche Kultur nicht einfach vom Himmel gefallen ist, dann bleibt uns doch gar nichts anderes übrig, als auch sie evolutionstheoretisch zu betrachten. Aus diesem Grund interessiere ich mich zum Beispiel sehr für Foragers, also für Jäger- und Sammlergesellschaften.

Peter Finke: «Sie setzen eine Art biologischen Nullpunkt voraus.» (Bild: Frank Brüderli)

Peter Finke: Ich verstehe dieses Interesse, aber man sollte doch vermeiden, direkte Rückschlüsse von heutigen Forager-Gesellschaften auf unsere Urahnen zu ziehen. Ob und inwiefern sie mit heute existierenden Forager-Gesellschaften vergleichbar sind, ist sehr ungewiss. Gesellschaftsstrukturen sind sehr stark vom ökologischen Umfeld abhängig. Foragers leben heute überwiegend in unwirtlichen Rückzugsgebieten, vor 15 000 Jahren aber war das mit Sicherheit ganz anders.

Neben diesem wissenschaftlichen Einwand ist übrigens auch die Political Correctness ein Grund, warum wir in der Ethnologie ungern Vergleiche zwischen den heutigen und frühgeschichtlichen Foragers anstellen: Wir wollen die Gesellschaften, die wir untersuchen, nicht fälschlicherweise als primitiv erscheinen lassen.

Carel van Schaik: Das finde ich auch richtig so. Wenn wir Biologen unsere Vergleiche zwischen Affen und Jäger-Sammler-Gesellschaften anstellen, dann auch nicht aus Gleichmacherei, sondern um die Unterschiede zu betonen. Ein interessanter Fall eines solchen Unterschieds scheint mir zum Beispiel das Phänomen der Kindstötung, das bei den meisten Tierarten vorkommt: Abwesenheit des biologischen Vaters steigert in der Natur in der Regel die Wahrscheinlichkeit, dass ein Junges von den Nebenbuhlern getötet wird. Bei Affen liegt das Risiko bei bis zu fünfzig Prozent.

Der biologische Grund dafür ist klar: Stirbt ein abhängiges Kind, ist die Mutter schneller wieder empfängnisbereit – das ist auch beim Menschen so. Trotzdem werden in unserer postindustriellen Gesellschaft die Halbwaisen in aller Regel nicht umgebracht. Es müssen sich also irgendwann kulturelle Faktoren herausgebildet haben, welche die Kindstötung verhindern. Herauszufinden, wie und warum sich diese Faktoren evolutionär etabliert haben, heisst dann nichts anderes, als die Bedeutung der Kultur zu betonen und besser verstehen zu lernen.

Carel van Schaik: «Für solch einen Nullpunkt brauchen wir natürlich empirische Daten.» (Bild: Frank Brüderli)

Peter Finke: Sie setzen in Ihrem Beispiel eine anthropologische Konstante voraus, nehmen eine Art biologischen Nullpunkt an. Der Normalfall wäre eine Population mit hoher Kindstötungsrate, alles andere ist kulturabhängig. Doch diese Nullpunkt-Setzung finde ich prekär. Zum Beispiel wäre es doch denkbar, dass Kindstötung durch Stiefväter nur im Vorstellungsraum von Gesellschaften mit kleinfamiliären Strukturen vorkommt – in Gesellschaften also, in denen die biologische Vaterschaft von besonderer Bedeutung ist.

Carel van Schaik: Für solch einen Nullpunkt brauchen wir natürlich empirische Daten möglichst vieler verschiedener Gesellschaftstypen, zum Beispiel eben auch von Jäger-Sammler-Gesellschaften. Die gibt es aber zum Thema Kindstötung nicht.

Peter Finke: Sie fehlen aus mehreren Gründen: Wie wollen Sie erstens empirisch Kindstötungsraten in verschiedenen Kulturen ermitteln? Es gibt keine Mutter, die einem Ethnologen erzählt, sie hätte ihr Kind getötet. Zweitens geht niemand mit der Absicht ins Feld, eine ganze Gesellschaft als roh und verkommen zu beschreiben. Wir leben mit den Mitgliedern der Gesellschaften, die wir untersuchen, zusammen, und wir wollen nachher nicht an die Öffentlichkeit treten mit der Botschaft, diese Menschen seien schrecklich. Es gibt deshalb Themen, die wir eher vermeiden, und dazu gehört jenes der Kindstötung.

Carel van Schaik: Da haben wir es einfacher. Bei den Orang-Utans gibt es zwar auch vieles, was wir nicht so gerne sehen, beispielsweise Vergewaltigung. Aber wir machen uns als Forscher moralisch wenigstens nicht schuldig, wenn wir solche Szenen nicht verhindern, sondern nur beobachten und beschreiben.

Peter Finke: Ihr könnt unbelasteter ans Werk gehen.

Carel van Schaik: Das wäre doch ein Grund für die Ethnologen, unsere Forschungsergebnisse stärker zu beachten.

Peter Finke: Wir Sozialwissenschaftler sollten in der Tat aufpassen, dass wir uns vom naturwissenschaftlichen Diskurs nicht zu sehr abnabeln. Wenn wir nur einfach gebetsmühlenartig predigen, alles sei sozial begründet, dann wird bald niemand mehr hinhören. Und wir nehmen uns die Möglichkeit, mitzudiskutieren.

Peter Finkeist Leiter des Ethnologischen Seminars der UZH. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sozialtheorie, Wirtschaftsanthropologie, post-sozialistische Transformationen, pastoraler Nomadismus und kognitive Anthropologie. Feldforschung betreibt er vor allem in Zentralasien und im Mittleren Osten. Carel van Schaikist Direktor des Anthropologischen Instituts der UZH. Er beschäftigt sich vor allem mit der kulturellen und sozialen Entwicklung der Primaten und deren Verhältnis zur Evolution des Menschen. Die Basis seiner Forschung ist die Beobachtung von wild lebenden Orang-Utans auf Sumatra und Borneo.

David Werner und Sascha Renner sind Redaktoren des unijournals.

2 Leserkommentare

Gabriela Etter schrieb am Interdisziplinäre Zusammenarbeit Kultur gab es schon vor dem Christentum. Sie ist untrennbar mit der Menschheit verbunden. Unsere heutige Kultur ist das Resultat eines immerwährenden Prozesses, sozusagen einer Kultur-Evolution. Mit Sicherheit können und sollen Biologen und Sozialwisschenschaftler voneinander lernen. Vorausgestzt, sie sind in der Lage, ihre Denkmuster zu verlassen und neue Denkpfade zu beschreiten. Für konstruktive Dialoge müssten allerdings noch weitere Fachkreise einbezogen werden, so z.B. Psychologen, Soziologen, Historiker usw., denn es gibt ja nicht nur 'materielle' Beobachtungsresutltate, sondern auch geistige Ursachen für Verhalten, die von Biologen meist interpretiert werden und deshalb auch falsch sein können.
Frank Jost schrieb am Von den Tieren lernen Alles, was wir heute Kultur nennen, ist wesentlich christliches Erbe, aufgebaut auf einer Moral, deren Stützpfeiler langsam zerbröckeln. Woher also sollen wir neue Werte nehmen? Aus der Natur könnten wir dies nicht, wird gerne behauptet, beispielsweise auch wegen dem mitunter gewaltsamen Paarungsverhalten der Orangs. Aber woher sonst sollten wir unser Ideal denn nehmen, wenn nicht aus der Natur? Was bleibt denn vom Menschen noch übrig, wenn man die Natur abzieht? Und wir müssen den Affen ja nicht blindlings alles nachmachen, so schwer wir uns damit vielleicht auch tun mögen...

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