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Bioethik im gesellschaftlichen Wandel

Die junge Disziplin der Bioethik wird von der Gesellschaft immer öfter um Unterstützung bei ethischen Fragen gebeten. Dies stellt das Fach vor neue Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Dienstleistung.
Adrian Ritter

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Die European Association of Centres of Medical Ethics (EACME) hat Mitte September ihre Jahreskonferenz an der Universität Zürich veranstaltet. Gastgeber war das Institut für Biomedizinische Ethik der UZH. Unipublic hat bei dessen Direktorin Prof. Nikola Biller-Andorno nachgefragt.

unipublic: Die Konferenz stand unter dem Titel «Bioethics in the Real World». Hatte die Bioethik bisher nichts mit der realen Welt zu tun?

Nikola Biller-Andorno: Die Bioethik ist eine junge Disziplin und hat sich zuerst als akademische Disziplin etablieren müssen. Seit etwa zehn Jahren ist sie aber immer stärker auch an den gesellschaftlichen Diskursen über ethische Fragen beteiligt. Bioethiker erstellen im Auftragsverhältnis Studien, wirken in Ethikkommissionen mit, beraten Regierungen oder werden als klinische Ethiker an Spitälern bei schwierigen Entscheidungen beigezogen.

Nikola Biller-Andorno: «Es ist sinnvoll, wenn angehende Ärztinnen und Ärzte wissen, welche ethischen Konflikte auf sie zukommen können.»

Die Gesellschaft scheint einen steigenden Bedarf zu haben, in ethischen Fragen beraten zu werden?

Nikola Biller-Andorno: Ja, wobei es gleichzeitig auch unser Ziel ist, bestimmte Personengruppen wie Pflegende oder Ärzte zu schulen, damit sie mit ethischen Fragen so selbstverständlich umgehen können wie mit den fachlichen Aspekten ihrer Arbeit. Entsprechend werden ethische Themen weltweit auch vermehrt ins Medizinstudium integriert.

Es ist sinnvoll, wenn angehende Ärztinnen und Ärzte wissen, welche ethischen Konflikte auf sie zukommen können, etwa betreffend lebensverlängernder Massnahmen. Auch an der Universität Zürich sind ethische Fragestellungen in den letzten Jahren verstärkt in den Lehrplan des Medizinstudiums aufgenommen worden.

Insgesamt also eine erfreuliche Entwicklung für das Fach, wenn die Bioethik mehr Gewicht hat in der Gesellschaft?

Nikola Biller-Andorno: Einerseits schon. Andererseits muss man sehen: Die Bioethik steht heute an der Grenze zwischen akademischer Disziplin und Erbringerin von Dienstleistungen. Dadurch entsteht eine gewisse Position der Macht, die Interessenkonflikte und neue Fragen aufwerfen kann: Wie gehe ich als Bioethikerin mit meinem Einfluss um? Wann kann ich ein Forschungsprojekt für ein Unternehmen durchführen, wann muss ich es ablehnen? Wenn ich für eine Pharmafirma ein gut bezahltes Gutachten erstelle, kann ich ihr dann trotzdem noch kritisch gegenüberstehen?

Je mehr Einfluss man hat, desto mehr ist man auch in Gefahr, seine Unabhängigkeit zu verlieren. Es besteht die Gefahr der Instrumentalisierung, indem ein Auftraggeber beispielsweise seine Forschungsfrage schon suggestiv formuliert und eine bestimmte Position bestärkt haben will.

Es besteht die Gefahr der Gefälligkeitsgutachten?

Nikola Biller-Andorno: Genau dies darf nicht geschehen. Die Gefahr ist unterschiedlich gross, je nachdem, in welcher Form ich Bioethik betreibe. Ein reiner Dienstleister, beispielsweise ein privates Ethikinstitut oder ein Ethiker, der von einem Unternehmen angestellt ist, ist dieser Gefahr vielleicht in grösserem Masse ausgesetzt. Es stellt sich auch die Frage, ob sich die Bioethik nur dann zu Wort meldet, wenn sie gefragt oder gar bezahlt wird. Die Bioethik als akademische Disziplin hat die Freiheit, auch ungefragt auf ethische Fragen und Probleme hinzuweisen.

Wie kann die Bioethik unabhängig bleiben?

Nikola Biller-Andorno: Vor allem gilt es, sich der Gefahr bewusst zu sein, für unterschiedliche Interessen vereinnahmt werden zu können. Die Bioethik als junge Disziplin muss sich immer wieder hinterfragen, in welche Richtung sie sich entwickelt und welche Identität sie hat.

Wichtig ist auch, transparent zu machen, dass es unterschiedliche Formen und Traditionen der ethischen Argumentation gibt. Dies gilt es beispielsweise in einer Studie auch vergleichend aufzuzeigen. Aufgrund dieser Anforderung scheint es mir auch wichtig, dass Bioethikerinnen und Bioethiker entsprechend geschult sind. An der Universität Zürich bieten wir beispielsweise gemeinsam mit den Kollegen aus Philosophie und Theologie Weiterbildungsstudiengänge in angewandter Ethik an.

Wer darf sich denn überhaupt Bioethikerin oder Bioethiker nennen?

Nikola Biller-Andorno: Dies war eines der kontrovers diskutierten Themen an der Konferenz. Die eine Meinung geht dahin, dass eine spezifische, umfassende Ausbildung unbedingt nötig ist. Andere plädieren dafür, das Feld im Sinne der Interdisziplinarität weit zu definieren: Bioethiker ist, wer sich mit den entsprechenden Fragen beschäftigt, unabhängig von seinem fachlichen Hintergrund.

Ich erachte einen Mittelweg als sinnvoll, indem eine explizite fachliche Spezialisierung als «Bioethiker» nicht unbedingt Voraussetzung sein muss, eine gezielte Weiterbildung aber nötig ist.

Wie soll die Bioethik mit Interessenkonflikten umgehen?

Nikola Biller-Andorno: Ich fände es sinnvoll, wenn es in der Disziplin eine Verständigung darüber gäbe, wie wir mit Interessenkonflikten umgehen, also beispielsweise einen «Code of Conduct». Dieser müsste beispielsweise die Rahmenbedingungen definieren, innerhalb derer Bioethikerinnen und Bioethiker einen Auftrag annehmen können. Unsere Bemühungen werden sicher weitergehen in der Richtung, solche Richtlinien zu entwickeln.