Von trügerischen Erinnerungen und sinnvollem Verlernen

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir uns an die vergangenen Ferien erinnern? Und wie lernen wir nach einem Unfall neue Bewegungsabläufe? Die diesjährige BrainFair der Universität und der ETH Zürich beleuchtet in der kommenden Woche in einer Reihe von Vorträgen und Foren das Thema «Lernen und Gedächtnis».

Theo von Däniken

Uns wechselnden Gegebenheiten anzupassen, ist eine zentrale Leistung unseres Gehirns. Sie ermöglicht, dass wir uns im Alltag und in unserer Umwelt bewegen können. Die Veranstaltungen der BrainFair Zürich schlagen einen Bogen von den neurologischen und psychologischen Grundlagen von Lernen und Gedächtnis bis zum gezielten Verlernen als Therapie nach traumatischen Erlebnissen oder Unfällen.

Das Gedächtnis erlaubt uns Zeitreisen in die Vergangenheit und in die Zukunft: Wir können Vergangenes neu erleben, und wir können Zukunft planen, solange wir unsere Ziele nicht vergessen. Doch das Gedächtnis ist nicht ein starres Gebilde, sondern unterliegt wechselnden Eindrücken und Erfahrungen.

Das Plakat der diesjährigen BrainFair zum Thema «Lernen und Gedächtnis». (Bild: zVg)

Von Epilepsien lernen

An verschiedenen Vorträgen und Diskussionsforen geht die BrainFair der Frage nach, wie Erinnerungen entstehen und durch was sie beeinflusst werden. Die Gedächtnisforschung hat beispielsweise viel von Untersuchungen im Hinblick auf mögliche Gehirnoperation zur Behandlung von Epilepsien gelernt. Am Diskussionsforum «Was Epilepsien über das Gedächtnis verraten» erläutern Fachleute am Donnerstag Erkenntnisse aus der kognitiven Epileptologie und zeigen beispielsweise, wie Gehirnoperationen sicherer gemacht werden können. Am Samstag widmet sich ein weiterer Vortag der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass Epilepsie-Patienten nach einer Gehirnoperation keine lebenswichtigen Funktionen verlieren oder verlernen.

Trügerische Erinnerungen

Das Gedächtnis kann in bestimmten Fällen auch problematisch werden. Etwa, wenn es uns falsche Erinnerungen liefert. Der Frage nach Ursachen und Bedeutung solcher «Fehlfunktionen» geht das Forum «Trügerische Erinnerung: warum täuscht uns unser Gedächtnis?» am Samstag nach. Bedeutend ist die Frage der Verlässlichkeit des Gedächtnisses etwa in der Strafverfolgung, wenn es um die Beurteilung von Zeugenaussagen geht. Dieses Thema wird aus rechtspsychologischer und verfahrensrechtlicher Sicht beleuchtet. Ein weiterer Beitrag befasst sich damit, welche Bedingungen und Einflüsse dazu führen, dass Personen fest davon überzeugt sein können ein Ereignis erlebt zu haben, das so niemals stattgefunden hat.

Lernen und Verlernen

Breit angelegt sind auch die Beiträge zum Thema Lernen. So erläutert Norbert Herschkowitz in seinem Vortrag am Montag, wie sich Denken und Fühlen bei Kindern in den ersten acht Lebensjahren entwickeln. Ob Tiere die Lernbereitschaft von Kindern erhöhen, dieser Frage geht Erhard Olbrich am Samstag nach. In der aktuellen Diskussion um Schule und Lernen wird hier die These vertreten, dass das Lernen mit Tieren (die tiergestützten Pädagogik) Kindern durch eine emotionale Beteiligung einerseits den korrekten Umgang mit den klassischen Schulfächern erleichtert und damit zu einer besseren Leistung führt. Andererseits fördert es weiterhin die Entwicklung der emotionalen und sozialen Intelligenz.

Richtig kompensieren

Ebenfalls am Samstag beleuchtet ein Diskussionsforum unter dem Titel «Verlernen als Strategie», wie bewusstes Verlernen oder Umlernen zur Therapierung psychischer oder physischer Beeinträchtigungen eingesetzt werden kann. Sowohl neurologische Defizite (z.B. Schäden der Motorik oder Sensorik) als auch psychische Probleme (z.B. Ängste verbunden mit Schwindelgefühlen) werden von Patienten auf verschiedene Weise kompensiert. Die üblichen Kompensationsmechanismen sind allerdings nicht immer geeignet, die Beeinträchtigung in optimaler Weise auszugleichen. In bestimmten Fällen kommt es sogar dazu, dass die unwillkürlich gelernten Strategien zu einer Funktionsverschlechterung führen. An Beispielen soll gezeigt werden, wie moderne therapeutische Massnahmen darauf abzielen, dass Patienten ihre ungünstigen Kompensationsmechanismen wieder «verlernen» oder in Richtung hilfreicherer Strategien «umlernen».

«Das Gedächtnis gibt es gar nicht»

Speziell auf Schulen ist das Programm am Freitag Morgen ausgerichtet. Schulklassen können dort erfahren, wie Lernen bei Tieren, Menschen und Robotern funktioniert. Würmer, Bienen, Mäuse und Menschen sind gleichermassen in der Lage Neues über ihre Umgebung zu erlernen. Was diese so unterschiedlichen Gehirne dazu befähigt ist eine der grössten wissenschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Denn dieses Wissen könnte beispielsweise helfen, verletzte Gehirne zu heilen oder neue Generationen von «Denkmaschinen» zu entwickeln. Zum Nachdenken über das Gedächtnis regt ein weiterer Beitrag mit dem provokativen Titel «Das Gedächtnis gibt es gar nicht» an.

Die BrainFairist eine jährliche Veranstaltung der Universität Zürich und der ETH Zürich und findet im Rahmen der Internationalen Woche des Gehirns statt. Sie wird durch die Beteiligung von Forscherinnen und Forschern des Zentrums für Neurowissenschaften Zürich (ZNZ) ermöglicht.

Theo von Däniken ist Redaktor von unipublic

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