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Integrative Humanphysiologie und die Geschichte des Wissens

Vernetztes Denken und Forschen zu ermöglichen – dies ist der Zweck von Kompetenzzentren. Gleich zwei von ihnen wurden an der Universität Zürich neu ins Leben gerufen: Eines zur «Integrativen Humanphysiologie» und eines zur «Geschichte des Wissens».
Felix Straumann und Roger Nickl

Beim Blick auf das einzelne Detail den grösseren Zusammenhang berücksichtigen will das neue Kompetenzzentrum Integrative Humanphysiologie.

«Erfahrene Forschende verfügen zwar noch über integratives Wissen – mit der jungen Generation droht dieses jedoch verloren zu gehen», sagt Dr. Magdalena Seebauer. Sie ist die Geschäftsführerin des Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP), dem einen neuen Kompetenzzentrum der Universität Zürich.Das Zentrum will diesen drohenden Wissensverlust verhindern und den Fokus auf die systemorientierte, integrative Humanforschung legen will.

Einzelbefunde vereinen

In praktisch allen Disziplinen der Biologie und Medizin wird heute vorwiegend auf der Ebene voneinzelnen Zellen, Rezeptormolekülen, Transportsystemen und den entsprechenden Genen geforscht. Forscherinnen und Forscher, die Organsysteme oder den ganzen Organismus untersuchen, haben es hingegen schwer. Entsprechend gibt es immer weniger von ihnen. Die Einzelbefunde aus der Forschung auf molekularer und zellulärer Ebene sollen nun zusammengefügt werden.

«Zum Beispiel weiss man heute relativ viel über die molekularen Mechanismen der Regulation des Sauerstoffbedarfs einzelner Zellen», erklärt Heini Murer, Physiologieprofessor und Vorsitzender des ZIHP-Leitungsausschusses. «Es ist jedoch wichtig, dass die Bedeutung solcher Einzelbefunde für Organe und den ganzen Menschen untersucht wird. Es reicht nicht, den Aufbau eines Rezeptor- oder Sensorproteins zu kennen, ohne zu wissen, was dessen Funktion für den ganzen Körper ist», so Murer.

Beim Beispiel der Regulation des Sauerstoffbedarfs interessieren also neben molekularen Mechanismen etwa auch die Auswirkungen von körperlicher Anstrengung oder Sauerstoffmangel auf einzelne Organe und den Gesamtorganismus.

Formal an der Medizinischen Fakultät

Im neuen Kompetenzzentrum sollen die verschiedenen bestehenden Forschungsgruppen der Universität Zürich, die bereits integrative Forschung betreiben, miteinander vernetzt werden. Obwohl formal an der Medizinischen Fakultät angesiedelt, arbeitet das Kompetenzzentrum dabei interdisziplinär mit der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, der Vetsuisse- und weiteren Fakultäten der Universität Zürich zusammen.

In Zukunft wird auch mit der ETH Zürich eine Kooperation angestrebt. Zur Stärkung der Verknüpfungen werden zusätzlich zwei neue Forschungsgruppen mit jeweils einer Assistenzprofessur ausgeschrieben. Diese sollen in erster Linie auf der systemischen Ebene forschen.

Göttin Athene steht ein für einen weisen Umgang mit dem Wissen – das Kompetenzzentrum Geschichte des Wissens erforscht die sich wandelnden Bedingungen in der Wissenschaft.

Kompetenzzentrum «Geschichte des Wissens»

Das Kompetenzzentrum «Geschichte des Wissens» ist ein Zusammenschluss von Historikern, Philosophen und Wissenschaftsforschern der Universität Zürich und der ETH. Es beschäftigt sich mit den sich verändernden Bedingungen in der Wissenschaft. Die Forscherinnen und Forscher wollen disziplinenübergreifend und mit neuen methodischen Ansätzen die Wechselwirkungen von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft durchleuchten und kritisch hinterfragen.

«Der Vertrauensvorschuss, der neuen wissenschaftlichen Entwicklungen und Technologien noch vor fünfzig Jahren entgegengebracht worden ist, ist heute abhanden gekommen», sagt die Geschäftsführerin des zweiten neu gegründeten Kompetenzzentrums, die Historikerin Barbara Orland, «der Legitimationsdruck ist gestiegen».

So untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler etwa die Entstehung der modernen Selbst- und Körperwahrnehmung oder die Bedingungen der digitalisierten Kommunikation. Sie analysieren den Wandel von zentralen Begriffen, wie beispielsweise dem des «Lebens». Oder sie erforschen den Einfluss moderner Visualisierungstechniken auf die Produktion von Wissen und nehmen das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit unter die Lupe. Das Besondere daran: In die Analyse werden auch solche Wissenstraditionen aufgenommen, die das von den Wissenschaften produzierte Wissen ergänzen und konkurrenzieren.

Die Zusammenarbeit in der Wissenschafts- und Technikgeschichte zwischen der Universität und der ETH hat Tradition. «Mit der Schaffung des Kompetenzzentrums wollten wir die schon länger existierende Kooperation verstärken und nach aussen hin sichtbar machen», sagt Barbara Orland. Vonseiten der Universität sind am Netzwerk die Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, das Philosophische Seminar und das Kunsthistorische Institutbeteiligt, vonseiten der ETH die Lehrstühle für Technikgeschichte, Wissenschaftsforschung und Philosophie. Gemeinsam ist den beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern das Interesse an transdisziplinären Fragestellungen und kulturwissenschaftlichen Forschungsansätzen.