cogito-Preis an Ernst Fehr

Den Homo oeconomicus auf den Kopf gestellt

Menschen handeln gar nicht so eigennützig, wie bisher angenommen. Egoisten werden in der Gruppe sogar eher bestraft. Zu diesen revolutionären Erkenntnissen führte die interdisziplinäre Forschung des Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Fehr von der Universität Zürich. Er erhielt, zusammen mit dem Oxforder Zoologe Alex Kacelnik, nun den «cogito-Preis 2004».

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Für seine wirtschaftswissenschaftliche Forschung ausgezeichnet: Der cogito-Preisträger 2004, Prof. Ernst Fehr von der Universität Zürich. (Bild: zvg)

Dass Menschen mehrheitlich kooperationsbereit sind, in der Gruppe Nachteile für sich selbst in Kauf nehmen und Egoisten sogar bestrafen, istdie Erkenntnis eines neuen wirtschaftswissenschaftlichen Denkens. Es stellt das bisherige Bild des Homo oeconomicus, der allein auf die Maximierung seines Eigennutzes bedacht ist, auf den Kopf. Einer der prominentesten Vertreter dieser neuen ökonomischen Schule ist Ernst Fehr, Professor für Arbeitsökonomik und Sozialpolitik an der Universität Zürich.

Inszenierte Spiele

In empirischen Studien – oft in inszenierten Spielen – hat er das menschliche Verhalten, etwa Kooperation und Reziprozität, analysiert. Er konnte nachweisen, dass altruistisches Bestrafen und Belohnen eine grosse Rolle beim Herausbilden sozialer Normen spielt. Die Erkenntnis, dass der neue Homo oeconomicus eben nicht nur von Rationalität und Eigennutz gesteuert sei, sondern auch von Emotionalität, werde, so Fehr, Konsequenzen für die Funktionsweise von Unternehmen, Märkten und Politik zeitigen.

Kooperation im Selbstversuch

Als Kooperationsforscher gibt Ernst Fehr zugleich das beste Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ab. Bei seinem Forschungsaufenthalt am Wissenschaftskolleg in Berlin tauschte er sich intensiv mit dem Oxforder Zoologen Alex Kacelnik und dem Anthropologen Robert Boyd aus Los Angeles über evolutionsbiologische Probleme aus. Die Impulse aus den gemeinsamen Diskussionen haben sich in den jüngsten Arbeiten des Ökonomen niedergeschlagen. Darin hat er sich der Rolle beschränkt rationalen Verhaltens in strategischen Interaktionen sowie den neurobiologischen Grundlagen des Sozialverhaltens zugewandt.

Seine Forschungsergebnisse publizierte der Zürcher Professor in der führenden Wissenschaftszeitschrift «Nature» (13. 2. 2003, 23. 10. 2003), wodurch sie eine breite Diskussion ausgelöst haben. Fehrs Publikationen wurden zudem in allen grösseren Printmedien im In- und Ausland besprochen.

Interdisziplinäre Forschung

Am 20. Oktober 2004 erhalten Ernst Fehr und Alex Kacelnik in Zürich den «cogito-Preis 2004». Die an der Universität Zürich angesiedelte cogito foundation würdigt mit der Preisverleihung die Verdienste der beiden Forscher, Disziplinen übergreifend zu forschen. Ernst Fehr verbinde in seinen Arbeiten Erkenntnisse aus Ökonomie, Biologie und Neurowissenschaften und verwende dabei Einsichten aus der Spieltheorie und Sozialpsychologie. Alex Kacelnik wird ausgezeichnet, weil erbei der Untersuchung der Grenzen rationalen Verhaltens bei Tier und Mensch die Evolutionsbiologie, experimentelle Psychologie und Ökonomie kombiniere.