Innovationskraft aus der Grundlagenforschung
Die UZH verzeichnete im vergangenen Jahr 57 Erfindungsmeldungen und 27 Patent- und Markenanmeldungen. Damit hält sie ihr hohes Niveau: Kumuliert konnten in letzten zehn Jahren an der UZH 722 Erfindungsmeldungen und 353 Patentanmeldungen registriert werden. Zu den vielfältigen Anwendungsbereichen gehören zum Beispiel Onkologie, Diagnostik, Künstliche Intelligenz, Bildgebung, Agrarwissenschaften und Veterinärmedizin.
Ein weiteres Indiz für die Innovationskraft der UZH sind Firmengründungen: Vier neue Spin-offs sind letztes Jahr aus der UZH-Forschung hervorgegangen. Sie beschäftigen sich damit, die passende Therapie für individuelle Patientinnen und Patienten zu finden, hervorstehende Augen mit dem Smartphone zu messen, seltene Erbkrankeiten zu bekämpfen und die Auswertung neuropsychologischer Untersuchungen effizienter zu machen.
Wir stellen die vier neuen Spin-offs Eviive, EX3D, Nerai und neurodAIgnostics vor:
Eviive: Entscheidungshilfen für Therapien gegen Krebs
Das Spin-off Eviive hat komplizierte Partikel im Visier: Extrazelluläre Vesikel sind schwierig nachzuweisen, winzig – und zugleich grosse Hoffnungsträger für Menschen, die unter Krebserkrankungen leiden. Sie werden als Botenstoffe von Zellen ausgesandt, um biologische «Nachrichten» zu übermitteln. Für Therapien gegen unterschiedliche Krebs- oder Tumorerkrankungen sind diese Informationen wertvoll, weil sie die Kommunikation zwischen Immunzellen untereinander oder zwischen Immun- und Krebszellen offenlegen können.
Das Team von Fachleuten unter Leitung der Eviive-Gründer und Immunologen Kevin Yim und Richard Chahwan entwickelt ein neues Verfahren, das dieses Vorgehen präzisieren und zugleich beschleunigen soll – auf der Basis von Forschungsarbeiten an der UZH und Erfahrungen, die während jahrelanger Kooperation mit dem Universitätsspital Zürich gesammelt wurden. Die Idee: Die Botschaften zwischen dem Immunsystem und Krebszellen zu entschlüsseln, soll dazu beitragen, die passendste Therapie für jeden Patienten zu finden – oder auch eine Antwort auf die Frage, ob eine einzelne Behandlung oder eine Kombination aus mehreren Therapien die beste Wahl ist.
Als Beispiel nennt Yim eine Studie zu Melanomen, die Anfang 2026 fertiggestellt wurde. Anhand der Blutproben von 125 Betroffenen mit dieser Hautkrebserkrankung zeigten die Entwickler, dass sie den Erfolg von Therapien mit einer Zuverlässigkeit von über 90 Prozent der Erkrankten treffend prognostizieren konnten. Nach diesen und weiteren ermutigenden Erfolgen arbeitet das Team des jungen Spin-offs Eviive nun daran, diese innovative Analytik zu «skalieren». «Wir validieren die Analyse gleichzeitig mit externen klinischen Netzwerken in der EU und den USA und Pharmapartnern», erklärt Yim, «mit den robusten Nachweisen zur Anwendbarkeit, die in der modernen Präzisionsmedizin erforderlich sind.»
EX3D: Hervortreten der Augen mit Smartphone messen
Die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow und andere Erkrankungen wie Tumore oder Gefässfehlbildungen können dazu führen, dass die Augäpfel hervortreten. Die Messung dieses Hervortretens ist wichtig für die Diagnose und Verlaufsmessung unter Therapie. Dafür wird in der Augenheilkunde seit über einem Jahrhundert auf der ganzen Welt das sogenannte Hertel-Exophthalmometer verwendet. Doch das klassische Gerät hat einen entscheidenden Nachteil: Es garantiert keine einheitlichen Messergebnisse. Die Resultate sind stark Untersucher-abhängig.
Hier setzt das Spin-off EX3D an: Es entwickelt eine App, die mithilfe von Smartphone-Kameras ein dreidimensionales Modell des Gesichts erstellt und daraus präzise Messwerte der Augäpfel ableitet. Konrad Weber, UZH-Professor für Neuro-Ophthalmologie und Leitender Oberarzt am Universitätsspital Zürich, hat das Verfahren in einer Studie mit einem professionellen 3D-Scanner verglichen. Das Ergebnis: Die Smartphone-Lösung erwies sich als ebenso präzise wie der rund 25’000 Franken teure Scanner und genauer als Messungen mit dem historischen Hertel-Exophthalmometer.
Weber initiierte das Projekt, entwickelte die Idee und leitete die entsprechenden Studien gemeinsam mit seinem Forschungsteam. Eine erste Version von EX3D existiert bereits. Bevor die App auf dem Markt lanciert werden kann, müssen aber noch einige Hürden wie die CE-Zertifizierung als Medizinprodukt sowie die Zulassung im App Store genommen werden.
Weber hat mit EX3D globale Ambitionen: Er möchte, dass Augenärztinnen und Augenärzte weltweit ihre Messungen künftig digital mit Smartphones durchführen. Da die entsprechende Kameratechnologie in Millionen Geräten bereits vorhanden ist, könnte sich die Methode schnell verbreiten – und eine über hundert Jahre alte Messmethode grundlegend modernisieren.
Nerai: Genetische Heilung mit Hightech-Verfahren
Die «Genschere», wie die CRISPR/Cas-Methode umgangssprachlich genannt wird, ist ein grosser Hoffnungsträger in der Medizin, unter anderem bei der Behandlung von seltenen Erbkrankheiten. Doch die Möglichkeiten dieses Verfahrens sind heute noch begrenzt – unter anderem, weil es nicht auf sämtliche DNA-Sequenzen zugreifen kann. Dieses Manko möchte das UZH-Spin-off Nerai Bioscience AG in absehbarer Zukunft beseitigen.
Das junge Unternehmen entstand, wie CEO Vincent Forster formuliert, «aus dem glücklichen Zusammentreffen» von Knowhow aus drei modernen Disziplinen, das die Spezialisten aus dem Labor von Gerald Schwank, UZH-Professor am Institut für Pharmakologie und Toxikologie, mitbrachten: Zum einen die «gerichtete» Evolution des sogenannten «CRISPR»-Editors mit hohem Durchsatz für eine massgeschneiderte Gentherapie, zum zweiten maschinelles Lernen und KI, um Editoren weiter zu verbessern. Und drittens Technologien, mit denen sie gleichzeitig für mehrere Krankheiten getestet werden können. Die Editoren von Nerai sind laut Foster nämlich so konzipiert, dass sie für mehrere Erkrankungen verwendbar sind – eine Strategie, die individuelle Therapien dereinst leichter zugänglicher machen könnte.
Als Beispiel für diesen innovativen Ansatz nennt der CEO das Ziel, eine Therapie gegen den genetischen Defekt zu entwickeln, der die Zitrullinämie Typ 1 verursacht: eine angeborene Stoffwechselerkrankung und Störung des Harnstoffzyklus bei Neugeborenen, die zu Hirnschäden und schweren kognitiven Beeinträchtigen führen kann.
Aktuell ist das Spin-off auf dem Weg, die präklinische Entwicklung voranzutreiben und Startkapital zu sammeln, um seine gentherapeutische Plattform in Richtung medizinischer Umsetzung voranzutreiben. Die Vielzahl seltener und noch unheilbarer Erbkrankheiten, die häufig Kinder betreffen, motivieren das Team auf seinem Weg. Forster hofft, dass solche Therapien eines Tages so effizient und zugänglich werden, dass keine Erkrankung mehr als «zu selten, um geheilt zu werden» gilt.
neurodAIgnostics: Kognitive Tests mit KI beschleunigen
Wie andere Zweige des Gesundheitssystems sind auch Psychiatrie und Psychologie überlastet. Betrug die Wartezeit für eine neuropsychologische Untersuchung im Jahr 2018 etwa vier Wochen, sind es heute oft schon Monate, die sich Betroffene gedulden müssen – einerseits wegen Mangels an Fachleuten und andererseits wegen zeitraubender Routinearbeiten. An diesem Punkt setzt das UZH-Spin-off neurodAIgnostics an, das im August 2025 gegründet wurde: Als Alternative zu weit verbreiteten kognitiven Tests mit Stift und Papier, die zum Beispiel häufig bei Demenz-Diagnosen verwendet werden, entwickelt das Team unter der Leitung von Nicolas Langer, Professor am Psychologischen Institut der UZH und Mitgründer von neurodAIgnostics, eine digitale Plattform, die solche Untersuchungen effizienter gestaltet.
Eigens entwickelte KI-Algorithmen helfen dabei, bewährte Arbeitsabläufe zu beschleunigen – eingebettet in intuitive mobile Anwendungen. Die Vorteile des Systems: Die Automatisierung der Bewertungen und der Berichte zu solchen Tests mindert den Zeitaufwand um mehr als die Hälfte und erschliesst zugleich neue diagnostische Möglichkeiten durch moderne Sensortechnologien.
Ein Beispiel aus der Praxis: Tests mit Stift auf Papier liefern wertvolle, aber bislang ungenutzte Daten der Teilnehmenden – etwa die Reihenfolge von einzelnen Strichen oder den Druck des Stiftes auf das Papier. Ein digitaler Stift kann auch solche Signale registrieren: die Basis für neue diagnostische Kriterien, um die Früherkennung kognitiver Beeinträchtigungen zu verbessern.
Derzeit arbeitet das Team daran, die erste Version der digitalen Plattform, die auf Forschungsarbeiten an der UZH mit Partnern an der ETH Zürich basiert, medizinisch zertifizieren lassen. Im Anschluss wollen die Fachleute ihr Produkt im deutschsprachigen Raum auf den Markt bringen. Bedarf sieht Perrine Lhuillier, Mitgründerin des Spin-offs, allemal: Mehr als 30 Kliniken haben bereits Interesse an einer Zusammenarbeit mit neurodAIgnostics bekundet; zum Teil wirken sie als Pilotpartner mit. Zu den führenden Partnern zählt auch das Universitätsspital Zürich.
Erfolge bestehender Spin-offs der UZH
Seit 1999 sind 165 Spin-offs aus der UZH hervorgegangen. Viele davon zeichneten sich 2025 durch besondere Erfolge aus:
- Sieben UZH Spin-offs wurden im TOP 100 Swiss Startup Ranking 2025 gelistet.
Mehr Informationen - Die UZH-Ausgründung CUTISS warb in einer Finanzierungsrunde 56 Mio. CHF ein. Die Firma stellt lebende Haut aus körpereigenen Zellen her, die bei Brandopfern eingesetzt werden kann.
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Artikel: «Neue Haut für Brandopfer» - Reconnect Labs ist auf dem besten Weg, seine bahnbrechenden Therapien für neuropsychiatrische Erkrankungen auf den Markt zu bringen – zwei Medikamente sind in Validierungsphase 2.
Mehr Informationen - Mit einer intuitiven Suchmaschine für Satellitendaten macht das Spin-off askEarth die Erdbeobachtung für die Öffentlichkeit zugänglich – und erhielt in einer grösseren Finanzierungsrunde 2,26 Mio. CHF für den Ausbau seiner Aktivitäten.
Mehr Informationen - Die Firma metaLead erhielt eine Förderung durch den UZH Life Science Fund. Das Spin-off leistet Pionierarbeit bei der Entwicklung neuartiger Medikamente zur Behandlung metallbedingter Krankheiten wie der Wilson-Krankheit und Bleivergiftung.
Mehr Informationen - Die Firma Oncobit AG konnte in einer neuen Finanzierungsrunde über 1,9 Mio. CHF sichern. Das zusätzliche Kapital wird die klinischen Entwicklungen des Unternehmens unterstützen und dessen Reichweite auf neue Märkte ausweiten.
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