Autos und alt-irische Syntax
Karin Stüber steht in ihrem Büro in Schlieren im 5. Stock und schaut aus dem Fenster. Unten stehen edle Schlitten auf dem Parkfeld und im Showroom, ausgestellt wie im Museum: Sie glänzen silbern, blau und anthrazit, sie haben bis zu 265 PS, sind klassisch, hybrid, elektrisch, kompakt, elegant, sportlich, markant. Alle sind mit dem Mercedes-Stern geschmückt.
Stüber lächelt. Ja, als Kind habe sie eher in Büchern gelesen als mit Autos gespielt. Schon immer war sie sprachaffin. Und doch steht sie heute hier, in den Fussstapfen des Vaters, als Verwaltungsratspräsidentin des Familienunternehmens Merbag Holding, einer der Top-5-Mercedes-Benz-Händler Europas. Zwei Milliarden Franken Umsatz. 4100 Mitarbeitende.
Von der Professorin zur VR-Präsidentin
Vor sechs Jahren hat Karin Stüber ihre Professur für Vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Würzburg aufgegeben, um ins Familienunternehmen einzusteigen. Seit 2022 ist sie Präsidentin der Handelskammer Deutschland-Schweiz. Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von strategischen und unternehmerischen Überlegungen, getaktet von Sitzungen mit Mitarbeitenden, mit der Unternehmensleitung und mit dem Verwaltungsrat.
Im Büchergestell stehen Werke über Management und Businessstrategien. Sie enthalten Zahlen und Modelle, keine indogermanischen Vokabeln. Diese stehen im Büchergestell zuhause in Zollikon oder in der Universitätsbibliothek. Und sie verstauben nicht. Karin Stüber forscht nämlich nach wie vor. Sie ist Leiterin der Celtic Studies Group am Institut für Interdisziplinäre Sprachevolutionswissenschaft ISLE der UZH, wo der Wandel und die Varietät von Sprachen untersucht werden.
Das Altirische ist spannend, weil es anders aufgebaut ist als die übrigen indogermanischen Sprachen – und wenig erforscht.
Stübers Schwerpunkt ist das Alt-Irische, eine Sprache, die ungefähr zwischen 700 und 900 n. Chr. vorwiegend in Irland gesprochen wurde. Im Rahmen eines SNF-Forschungsprojekts beschäftigt sie sich mit der Syntax des Alt-Irischen. Das Team untersucht, wie Nebensätze gebildet und verwendet werden. Bereits haben sie und ihr Mitarbeiter eine Datenbank mit fast 10000 Textstellen zusammengetragen, die nun minutiös ausgewertet werden.
Das Alt-Irische sei so spannend, weil die Sprache so anders aufgebaut ist als die übrigen indogermanischen Sprachen – und weil es bisher wenig erforscht ist. «In diesem Bereich können wir tatsächlich Originalforschung betreiben», erklärt Stüber mit leuchtenden Augen. Prompt hat die Sprachwissenschaftlerin eine Konjunktion entdeckt, die im bestehenden Wörterbuch nicht enthalten ist.
Quellen, um die alte Sprache zu erkunden, sind vereinzelt vorhanden. Es handelt sich vornehmlich um Glossen, Erläuterungen oder Übersetzungen von Handschriften in kleinster Schrift, die nur mit Lupe und viel Geduld zu entziffern sind. «Zum Glück sind die Sammlungen unterdessen digitalisiert», lacht Stüber.
Sie plant wenn möglich jede Woche einen oder mindestens einen halben Tag ein, um mit dem Forschungsprojekt voranzukommen. «Am Computer kann ich die Texte entziffern und analysieren. Früher hätte man noch mit der Lupe in die Stiftsbibliotheken reisen müssen.» Eine Handschrift liegt in St. Gallen, eine in Mailand und eine in Würzburg – wovon sie profitiert habe, als sie vor Ort noch den Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft innehatte.
Fasziniert von der Antike
Hier in Schlieren prasselt der Regen an die Fensterfront. Draussen fahren die Autos auf der Strasse schnell vorbei und ziehen spritzende Wasserfontänen hinter sich her. Es ist eine eher unwirtliche Gegend. Entlang der Hauptverkehrsachse stehen Autowaschanlage, Schnellimbiss, Möbelhaus, Tankstellen. Wie bloss schafft es die Autohändlerin, dass in dieser taffen Welt altirische Vokabeln noch einen Platz in ihrem Kopf finden?
Karin Stüber streicht eine Strähne zurück ins akkurat frisierte Haar und erzählt von ihrer Familie. Sie kommt aus einem kulturaffinen Haus. Ihr Vater Peter Stüber hatte der achtjährigen Tochter eine Jugendausgabe von Homers «Odyssee» und «Ilias» geschenkt. Sie war fasziniert von dieser antiken Welt. «Die Faszination hat mich nicht mehr losgelassen», sagt Stüber. Am Gymnasium wählte sie das altsprachliche Profil, und später an der Uni studierte sie Griechisch.
Als sie im Studium dann die Linguistik entdeckte, packte es sie vollends, als sie realisierte, dass es noch mehr von diesen rätselhaften alten Sprachen gibt. «Da tat sich mir eine Welt auf», erzählt sie begeistert. Zuhause runzelte keiner die Stirn, als sich die Tochter dem «Orchideenfach» Indogermanistik zuwandte. «Natürlich war das auch ein Privileg, ich durfte mich meiner Passion hingeben», sagt Karin Stüber.
In der Privatwirtschaft kann man etwas wagen, ohne auf akademische Sachzwänge zu achten.
Tatsächlich war es nicht so, dass es bei Stübers zuhause nach Benzin gerochen hätte. In der Unternehmervilla ging es eher schöngeistig zu und her. Vielleicht wurde Karin Stüber auch deshalb unterstützt, ihrer persönlichen Leidenschaft nachzugehen, weil dies dem Vater verwehrt war, meint sie. «Bei meinem Vater war es klar, dass er den Automobilbetrieb des Grossvaters übernehmen würde», sagt Stüber. Auch wenn er eigentlich von den schönen Künsten angezogen war.
Die Töchter sollten sich frei entfalten können. Der Vater lebte seine musische Leidenschaft, indem er in die Tonhalle ging und Musik hörte. Er war 22 Jahre lang Präsident der Tonhalle-Gesellschaft Zürich. Auch darin gleicht die Tochter dem Vater. Karin Stüber ist heute Vizepräsidentin des Freundeskreises der Tonhalle. Sie engagiert sich aber auch bei der Zürcher Sing-Akademie, bei der sie Präsidentin des Stiftungsrats ist. Karin Stüber selbst spielt Klavier und Orgel.
Klavier und Gesang
Als Stüber für ihre Dissertation in Irland war, um sich an der National University of Ireland in Maynooth in die Morphologie der keltischen Sprache zu vertiefen, sprang sie für die Organistin im Gottesdienst der lokalen Anglikanischen Kirche ein. «Als Klavierspielerin konnte ich die anglikanische Orgelliteratur gut spielen, weil diese oft ohne Pedal geschrieben ist», erzählt Stüber.
Zurück in der Schweiz nahm sie Unterricht, um das Instrument noch genauer kennenzulernen – und übernahm bald schon Einsätze ihrer Orgellehrerin, wenn diese mal eine Vertretung brauchte. Auch in der hiesigen Anglikanischen Kirche begleitete Stüber ab und zu den Gottesdienst. Zurzeit spielt sie allerdings nur für sich zuhause Klavier. Und sie singt seit Kurzem im neugegründeten Vokalensemble Klangwelt. Im Moment wird ein Programm mit deutscher und französischer Vokalmusik der Romantik einstudiert, im März ist Konzert.
Betriebskultur erhalten
Wie bloss geht so viel Feingeist zusammen mit verkabelten Motoren und gelöteten Karosserien? Wie gelang es der Professorin überhaupt, im Automobilbetrieb und in der Fahrzeugbranche glaubwürdig zu sein? Karin Stüber war der Familienbetrieb natürlich vertraut. Und man kannte sie, sassen sie und ihre Schwester doch schon lange im Verwaltungsrat.
Doch der Plan war, dass die Merbag von einer externen Person geleitet würde, wenn der Patron aussteigt. Als es konkret wurde, kam es jedoch anders. Es fühlte sich nicht richtig an, den traditionsreichen Familienbetrieb aus den Händen zu geben, erzählt Stüber: «Die Betriebskultur ist wertvoll und sie ist auch mit persönlichen Geschichten von Mitarbeitenden verbunden, die man nicht einfach so aufs Spiel setzt.»
Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden
Sie erzählt vom neuen CEO, der seine Lehre im Unternehmen machte und dessen Vater schon als Mechaniker im Betrieb gearbeitet hatte. Nach den Lehr- und Wanderjahren sei er zurückgekehrt und schliesslich zum Unternehmensleiter aufgestiegen. «Der Entscheid, die Firma in der Familie zu behalten, wurde auch aus Verantwortungsgefühl den Mitarbeitenden gegenüber gefällt», sagt Stüber.
Auch wenn sie zunächst eine akademische Laufbahn eingeschlagen hatte, fühlte sie sich dem Unternehmen verbunden. Die Schwester, die Wirtschaft studiert hatte, war mit eigener Familie zu gebunden, um so viel Verantwortung zu übernehmen. So teilten sie sich die Aufgaben: Während die Schwester nun den Firmenzweig betreut, der sich um die betriebsfremden Liegenschaften kümmert, ist Karin Stüber ins Automobilgeschäft eingestiegen. Nach der Sprachwissenschaftsprofessur in Würzburg hat sie noch einen MBA angehängt, um sich das Rüstzeug anzueignen.
Was unterscheidet das Unternehmertum vom akademischen Betrieb? Stüber sagt lachend: «Freiheit! In der Privatwirtschaft kann man etwas wagen, einen Entscheid treffen, ein Risiko eingehen, ohne auf akademische Sachzwänge, auf Hürden und wissenschaftliche Prämissen zu achten.» Natürlich kann das auch schiefgehen, ein Deal kann platzen. Man muss das Risiko kennen. Doch immerhin kann Stüber schon ein paar Erfolge für sich verbuchen. Das Unternehmen ist gewachsen und dem Ziel, grösster Mercedes-Händler Europas zu werden, nähergekommen.
Herausforderungen in der Zukunft
Allerdings sind die Zeiten für die Automobilbranche nicht rosig. Der Markt droht zu stagnieren. Wie kann eine Zukunft aussehen angesichts von Klimakrise und verändertem Kundenverhalten? Auch Mercedes-Benz hat auf die veränderten Bedürfnisse reagiert, erklärt die Unternehmerin. Die Produktion der E-Modelle steigt, die Werkstätten sind flexibel.
Und wie sieht die Zukunft der Sprachwissenschaftlerin aus? Karin Stüber lacht. Vorerst gibt es noch einiges an altirischer Syntax zu erforschen. Es sind noch viele Glossen, die in Bestandteile zerlegt werden müssen. Das SNF-Projekt ist auf vier Jahre angelegt. Und dann ist da ja noch das Vokalensemble, das im März den Frühling besingen wird. Feingeist und Elektromotoren gehen weiterhin Hand in Hand.