Junge Forschende beantworten zentrale Fragen zur Tierforschung
Eine Serie von fünf Videos ist es geworden, zu einem Thema, das in Medien und Öffentlichkeit meist kontrovers diskutiert wird: Tierversuche. Die häufigsten und lautesten Stimmen in der Debatte äussern regelmässig Bedenken und Kritik, manche fordern Verbote. Doch was denken und sagen jene, die selbst mit oder zu Versuchstieren arbeiten?
Tosca Dalessi und Simona Doneva haben sich in den letzten Jahren nicht nur mit ihrem PhD beschäftigt, sie haben auch einen fundierten Beitrag für die öffentliche Diskussion zu Tierversuchen produziert. Im Projekt «Forschung mit Tieren in der Schweiz» verleihen sie mehreren, zumeist jungen Stimmen aus der Schweizer Forschung Gehör. Im Interview erklären sie, wie es dazu kam, und was sie damit erreichen möchten.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Videoserie zu Tierversuchen zu produzieren?
Tosca Dalessi: Ich habe vor einiger Zeit gehört, dass eine neue Volksinitiative gegen Tierversuche zur Abstimmung kommt. Zugleich hatte ich das Gefühl, dass man die Position der Forschenden zu wenig wahrnimmt. Sie sind in der Diskussion weniger präsent. Also habe ich Simona gefragt, ob sie gemeinsam mit mir eine Idee entwickeln würde.
Und dann?
Tosca Dalessi: Videos erschienen uns ein sehr zugängliches Mittel. Zudem war es uns wichtig, die Fragen aus der Bevölkerung einzubeziehen. Deshalb haben wir eine Umfrage entwickelt, mit der wir die Fragen von knapp 400 Teilnehmenden gesammelt haben. Die meistgenannten Fragen haben wir dann fünf Themenbereichen zugeordnet.
Simona Doneva: Gut war, dass wir das Projekt zu zweit durchführen konnten und uns gut ergänzt haben. Tosca brachte ihr Fachwissen und ein gutes Gespür für die Themen ein, während ich meine Programmierkenntnisse bei der Auswertung der Umfrage einsetzen konnte. Das Projekt ist jedenfalls viel grösser geworden als ich am Anfang gedacht hatte. Und auch viel professioneller, was natürlich toll ist.
Wie findet ihr das Resultat?
Simona Doneva: Es fühlt sich gut an! Meine Doktorarbeit wird vielleicht von vier Leuten gelesen, aber diese Videos erreichen sehr viel mehr Menschen. So konnten Tosca und ich etwas realisieren, das einen Impact hat. Wir hätten dies nicht machen können ohne Unterstützung weiterer Personen oder das an der UZH vorhandene Wissen für Videoproduktionen.
Neben euch treten weitere Forschende von Institutionen aus drei Regionen auf. Wie kam es zu dieser Auswahl?
Tosca Dalessi: Nachdem wir die wichtigsten Themen identifiziert hatten, haben wir uns überlegt, wer von den Personen, die wir kennen, diese Fragen beantworten könnte. Zudem hat uns Paulin Jirkof, 3R-Koordinatorin der UZH, mit ihrem grossen Netzwerk unterstützt. So haben wir die zwölf Forschenden von vier Institutionen gefunden: die Universitäten Zürich, Basel und Fribourg sowie das Universitätsspital Zürich.
Simona Doneva: Mit vielen von ihnen hatten wir bereits zuvor zusammengearbeitet, etwa bei Projekten wie «Pint of Science» oder Kursen zu Wissenschaftskommunikation. Andere Forschende kannten wir von Weiterbildungen in Labortierkunde und vom Nationalen Forschungsprogramms (NFP79) «Advancing 3R – Gesellschaft, Forschung und Tiere».
Hattet ihr nie Bedenken, euch bei diesem umstrittenen Thema öffentlich zu exponieren?
Tosca Dalessi: Ich unterhalte mich zu diesem Thema oft mit Leuten, die nicht in der Forschung arbeiten. Damit habe ich bisher gute Erfahrungen gemacht, es waren durchwegs respektvolle Gespräche. Das hat mich dazu ermutigt, diese Diskussion zu erweitern.
Simona Doneva: Als wir das Projekt starteten, war ich mir der Komplexität des Themas nicht so bewusst, da ich selbst nie Tierversuche durchgeführt habe. Mir wurde erst mit der Zeit klar, wie polarisiert und komplex das Thema ist. Ich habe immer gedacht, Wissenschaft könne neutral sein. Aber bei einem Thema, dass moralisch so stark aufgeladen ist, funktioniert das nicht.
Was wollt ihr mit diesem Projekt erreichen?
Simona Doneva: Unser Ziel ist zu zeigen, wie die Personen denken, die sich täglich mit Tieren in der Forschung befassen. Man hört und sieht sie in der öffentlichen Diskussion zu wenig. Es sind ja diese jungen Nachwuchsforschenden, die mit den Tieren im Labor arbeiten, während der Professor oder die Professorin oft seit Jahren keinen Versuch mehr durchgeführt hat. Die Transparenz sollte vor allem von jenen kommen, die selbst Tierversuche durchführen.
Tosca Dalessi: Genau, denn das Tierwohl ist in der Forschung zentral. Im Umgang mit den Versuchstieren hat sich in den letzten Jahren sehr viel verändert. So ist etwa das «Gentle Handling», die schonende Behandlung der Tiere, heute Standard. Junge Forschende kennen aus ihrer Ausbildung gar nichts anderes.
Was würdet ihr euch für die aktuelle Diskussion in Medien, Öffentlichkeit und Politik wünschen?
Tosca Dalessi: Dass unsere Videos junge Forschende inspirieren, mehr über Tierversuche zu sprechen und sich auf die Diskussion dazu einzulassen. Dass sie dies als ihre Verantwortung sehen und ihre Stimmen auch ausserhalb der akademischen »Bubble» wahrgenommen werden.
Simona Doneva: Es wäre gut, wenn die Diskussion weniger von Schwarz-Weiss-Denken geprägt wäre: Entweder man macht Tierversuche – und die sind schlimm – oder man macht keine. Dabei gibt es viele Grautöne dazwischen: Bereiche, in denen Tierversuche weiterhin notwendig sind, andere, in denen Tierversuche und alternative Methoden komplementär eingesetzt werden und wieder andere, in denen tierfreie Methoden bereits der Standard sind. Denn das, was heute schon ohne Tierversuchen möglich ist, machen wir auch ohne.
Es gibt Initiativen, um aus Tierversuchen auszusteigen. Wie realistisch ist das?
Tosca Dalessi: In meinem Forschungsgebiet vergehen teilweise 15 Jahre, bis Ergebnisse, die mit etablierten Methoden gewonnen wurden, medizinisch angewendet werden. Ich glaube daher nicht, dass es so schnell gehen wird, bis wir in der Forschung keine Tiere mehr brauchen – Jahrzehnte eher als Jahre. Gleichzeitig finde ich das Ziel gut. Wenn wir eines Tages keine Tierversuche mehr benötigen, bin ich dabei.
Simona Doneva: Ein Ausstieg hängt auch stark vom Bereich ab. In einigen Gebieten sind alternative Methoden zu Tierversuchen wie Zellkulturen und Organoide einfacher zu etablieren, etwa in der Kosmetikindustrie oder auch in der Haut- oder Darmforschung. In den Neurowissenschaften dürfte ein Ausstieg noch länger dauern. Das Gehirn ist enorm komplex.
Zu den Personen und ihrer Forschung
Tosca Dalessi promovierte am Institut für Molekulare Biologie der UZH. In ihrem PhD untersuchte sie einerseits Darmkrebszellen und zeigte, dass diese mehrere Merkmale embryonaler Zellen aufweisen, die sie aggressiver, therapieresistenter und metastasenfreudiger machen.
Andererseits arbeitete sie an einem vom Schweizer 3R-Kompetenzzentrum 3RCC geförderten Refinement-Projekt: Sie testete eine neue Methode, um Labormäuse genetisch zu verändern, die weniger Nebenwirkungen verursacht und eine schonendere Behandlung der Tiere ermöglicht. So können etwa Substanzen statt via Injektion oral und damit weniger belastend verabreicht werden. Für Dalessi unterstreicht dies, wie wichtig es ist, etablierte Methoden zugunsten des Tierwohls zu hinterfragen.
Dalessi bleibt in der Grundlagenforschung und beginnt dieses Jahr ein Postdoc am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, wo sie zur Zellplastizität bei Krebs sowie bei Alters- und neurodegenerativen Erkrankungen forschen wird.
Simona Doneva's Dissertationsprojekt war Teil des Nationalen Forschungsprogramms NFP79 «Advancing 3R – Gesellschaft, Forschung und Tiere» am UZH-Center for Reproducible Science. Sie untersuchte, weshalb Ergebnisse aus Tierversuchen nicht immer erfolgreich auf Studien am Menschen übertragbar sind.
Dazu analysierte Doneva mithilfe von KI-Tools mehr als 500'000 neurowissenschaftliche Studien und entwickelte ein System, das Evidenz aus Tierstudien und klinischen Studien systematisch zusammenführt. Damit lässt sich sichtbar machen, wie sich Forschungsansätze und neue Wirkstoffe vom Tiermodell bis hin zu Studien am Menschen entwickeln, und welche Studiendesigns in der Präklinik den Übergang in die Klinik besonders gut unterstützen. Die untersuchten Ergebnisse sind nun über ein interaktives Dashboard für die Forschung zugänglich.
Doneva bleibt im NFP79-Projekt involviert; derzeit bewirbt sich die Gruppe um einen «Implementation Grant», um das Tool zusammen mit weiteren Fachpersonen zu evaluieren, weiterzuentwickeln und stärker in die Praxis zu bringen. Zudem ist eine Postdoc-Stelle offen, in der sie sich ebenfalls mit KI-gestützter Evidenzsynthese beschäftigen würde.