Zurück in nigerianischer Hand
Eine Schulklasse besuchte gerade die Dauerausstellung des Nationalmuseums in Lagos, während in einem anderen Teil des Gebäudes Kurator:innen Holzkisten aus der Schweiz öffneten. Alice Hertzog, Direktorin des Völkerkundemuseums der Universität Zürich (UZH), war für die Vorbereitungen der feierlichen Übergabe der restituierten «Benin-Bronzen» vor Ort. In Erinnerung geblieben ist ihr aber nicht nur das sorgfältige Auspacken der zurückgegebenen Objekte, sondern vor allem wie die Kinder den Artefakten in der Ausstellung begegneten.
Sie hörten aufmerksam zu, wie die Kuratorin die Ausstellungsobjekte mit Gegenständen und Erfahrungen aus ihrem Alltagsleben verknüpfte. «Es war so schön zu sehen, wie nigerianische Kinder den Zugang zu ihrem eigenen Kulturerbe fanden», sagt Hertzog. «Sie konnten einen viel direkteren Bezug dazu herstellen, als es europäische Schulkinder bei dieser Sammlung tun würden.»
Forschung mit weitreichender Wirkung
Die 14 «Benin-Bronzen» der UZH wurden am 29. Juni im Rahmen eines Festakts im Nationalmuseum in Lagos an die Bundesrepublik Nigeria übergeben, gemeinsam mit zwei weiteren Objekten aus dem Museum Rietberg Zürich und zwei aus dem Musée d’ethnographie de Genève (MEG). «Die Objekte wieder in nigerianischen Händen zu sehen, fühlte sich einfach richtig an», sagt Hertzog.
Begonnen hatte der Prozess mehrere Jahre zuvor: 2021 hatten acht Schweizer Museen die Benin Initiative Schweiz (BIS) gegründet. Unter der Leitung des Museum Rietberg untersuchten Schweizer und nigerianische Expert:innen gemeinsam die Provenienz von Benin-Objekten in Schweizer Sammlungen. Die Forschung zeigte, dass 14 der 18 Benin-Objekte im Völkerkundemuseum höchstwahrscheinlich nach dem britischen Angriff und der Plünderung von Benin City im Jahr 1897 über den internationalen Kunsthandel in europäische Sammlungen gelangt waren und für eine Restitution infrage kamen.
Für Hertzog, die vor ihrer Ernennung zur Direktorin des Völkerkundemuseums der Universität Zürich eine zentrale Rolle in der Forschung der BIS spielte, war die Schlussfolgerung klar. «Im Grunde ist es simpel», sagt sie. «Wenn etwas unrechtmässig weggenommen wurde, sollte man es zurückgeben.»
Die Forschungsergebnisse bildeten die Grundlage für die Restitutionsentscheide der beteiligten Schweizer Museen. Die dabei entstandenen Beziehungen wirkten auch über die Museumszusammenarbeit hinaus: An der Zeremonie in Lagos unterzeichneten Nigerias Kulturministerin Hannatu Musa Musawa und Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider ein bilaterales Abkommen gegen den illegalen Kulturgütertransfer.
Bewegende Rückkehr
Nach der offiziellen Begrüssung in Lagos wurden vier der zurückgegebenen Objekte weiter nach Benin City transportiert. Dort wurden sie in den Palast von Oba Ewuare II., dem traditionellen Herrscher des Edo-Volkes, gebracht und gemeinsam mit Objekten gesegnet, die aus den Niederlanden und Deutschland restituiert worden waren.
An der rund vierstündigen Zeremonie nahmen Mitglieder der königlichen Familie, lokale Würdenträger sowie Vertreter:innen verschiedener Institutionen und Jugendorganisationen teil. Draussen waren Zelte für die vielen hundert Menschen aufgestellt worden, die im Ballsaal des königlichen Palasts keinen Platz fanden und die Feierlichkeiten per Livestream verfolgten.
«Es war ergreifend zu sehen, wie vielen Menschen die Rückkehr der Objekte so viel bedeutet», sagt Hertzog. «Der Oba ist ein sehr zurückhaltender Mensch, aber als die Objekte ausgelegt wurden, stand er auf und tanzte.» Ein Teil der Zeremonie fand in Edo statt. «Ich verstehe die Sprache nicht, aber ich bemerkte, dass ein Satz mehrmals wiederholt wurde und das Publikum stark darauf reagierte», erinnert sich Hertzog. Ein Prinz, den sie von einem Besuch in Zürich kannte, übersetzte ihr das Sprichwort: «Man kann mit anderen Kindern spielen, aber am Ende des Tages müssen sie zu ihren Eltern zurückkehren.»
In diesem Sprichwort verdichtete sich vieles von dem, was während der Zeremonie und in den Begegnungen der folgenden Tage spürbar war, so Hertzog: Die geraubten Bronzen wurden von den Menschen in Nigeria als ein lang vermisster Teil der eigenen Geschichte empfangen.
Ein weiteres Bild blieb ihr in Erinnerung: der Oba auf dem Thron, sein jüngster Sohn sitzt zwischen seinen Beinen auf dem Boden. Während der Zeremonie streckte der König immer wieder die Hand nach ihm aus und strich ihm über die Haare. «Man spürte, dass er wollte, dass die nächste Generation anwesend ist und diesen Moment miterlebt», sagt Hertzog.
Rollenwechsel
Die Reise nach Benin City war auch ein Wiedersehen mit vielen Menschen, die an der Provenienzforschung und an der letzten Ausstellung der Bronzen im Völkerkundemuseum, «Benin verpflichtet», beteiligt gewesen waren: Forschende der University of Benin, Kunstschaffende und Bronzegiesser. An einem Abend präsentierte der Onoma Creative Circle, ein Kollektiv junger Autor:innen aus Benin City, Gedichte, mit denen sie jedes einzelne Objekt willkommen hiessen.
Im Nationalmuseum in Benin City sah Hertzog auch, wie die in Zürich geleistete Arbeit bereits Teil der dort erzählten Geschichte geworden ist. Ein Ausstellungsbereich über Benin-Objekte in der Diaspora zeigte Fotografien des Zürcher Museums und des UZH-Kurators Alexis Malefakis. «Wir waren überrascht, unsere kuratorische Arbeit und Forschung in Benin City integriert und ausgestellt zu sehen», lacht sie. «In diesem Moment hatten sich die Rollen umgekehrt.»
Auch eine neuere Zusammenarbeit weist über die Restitution hinaus: Salim Umar, ein Architekt, der als Student an der Ausstellung im Völkerkundemuseum der UZH mitgearbeitet hatte, gab im Rahmen seiner Forschung bei Phil Omodamwen eine Bronzetafel in Auftrag. Omodamwen ist ein Bronzegiesser aus Benin City, der ebenfalls an der Zürcher Ausstellung mitgewirkt hatte. Die Tafel zeigt die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula sowie ihren Gefährten Exuperantius – der mittelalterlichen Legende nach stammen sie aus Ägypten – und verbindet ornamentale Motive aus der Schweiz und Benin: die Seerose, ein Symbol für Olokun, die Edo-Gottheit des Meeres, verschmolzen mit dem Edelweiss.
Was bleibt
Es sei eine grosse Ehre gewesen, so Umar, das Werk in Benin von einem Bronzegiesser der sechsten Generation entgegenzunehmen. «Vor Ort zu sein, hat mir einen tieferen Einblick gegeben, wie die Edo in Benin City ihre Geschichte deuten, weitergeben und erzählen», sagt er. Die neue Bronzetafel reist nun zurück nach Zürich.
Für Hertzog haben die Tage in Lagos und Benin City noch einmal gezeigt, wie sehr Museumsarbeit von Beziehungen lebt – zu den Objekten, aber vor allem zu den Menschen, für die sie Bedeutung haben. Die Rückkehr der Benin-Bronzen ist für sie deshalb nicht nur der erfreuliche Abschluss eines Restitutionsverfahrens, sondern auch der Auslöser für neue Projekte – mit Nigeria, aber auch anderen Partnern.
In ihrer Inbox häufen sich bereits Anfragen aus Kamerun, Australien und Afghanistan zu Sammlungsobjekten des Völkerkundemuseums. «Restitution ist nicht das Ende der Geschichte», sagt Hertzog. «Es ist der Beginn neuer Beziehungen, die auf Respekt beruhen.»