Beziehung statt Besitz
Das Völkerkundemuseum der Universität Zürich (UZH) liegt im Eingangsbereich des Alten Botanischen Gartens, eine kleine Oase mitten in der Zürcher Innenstadt. Für Alice Hertzog ist es der neue – und doch alte – Arbeitsplatz. Bereits als Provenienzforscherin arbeitete sie hier, seit Herbst 2025 steht sie als Direktorin an der Spitze des Hauses. «Da draussen ist die Bahnhofstrasse, hinter uns das Hallenbad City», sagt sie und zeigt aus dem Fenster ihres Büros im ersten Stock. «Wir sind zentral in der Stadt positioniert, das ist eine gigantische Chance.» Für Alice Hertzog ist es ein Standort mit besonderem Potenzial – ein Ort, an dem gesellschaftliche Fragen anhand von konkreten Anschauungsobjekten verhandelt werden können.
Für die ersten Jahre ihrer Amtszeit hat sich Alice Hertzog drei Schwerpunkte gesetzt: die Umbenennung des Hauses, die Restitution von Kulturgütern und mehr Transparenz durch die Digitalisierung der Sammlung. Diese drei Vorhaben verbindet die zentrale Idee, dass das Museum einladend und offen sein soll – für neue Besucher:innen aus verschiedenen Gemeinschaften; für neue Beziehungen zu den Objekten; und für die Forschung von Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Bereichen.
Völkerkunde mit Fragezeichen
Zürich ist heute vielfältiger als zur Zeit der Gründung der ethnographischen Sammlung. Das, so Hertzog, verändert auch die Rolle des Museums grundlegend. Es sei «ein Ort, an dem Themen der Dekolonialisierung diskutiert werden müssen», gerade weil Stadt, Sammlung und koloniale Geschichte eng miteinander verflochten seien.
Vor diesem Hintergrund will Hertzog auch die Umbenennung des Hauses weiterführen. Hinter dem Begriff «Völkerkunde» stecke die koloniale Vorstellung, andere Kulturen in klar umrissene «Völker» einteilen und beschreiben zu können – eine Denkweise, die heute zurecht problematisch gesehen werde. Schon seit drei Jahren prangt auf dem Schriftzug über dem Eingang deshalb ein Fragezeichen: «Völkerkunde?museum».
«Völkerkunde beschreibt nicht mehr, was wir machen», erklärt Hertzog. Ein Teil des Publikums fühle sich von dieser Bezeichnung nicht angesprochen. Auch sie selbst sehe sich als Anthropologin oder Ethnologin, nicht als «Völkerkundlerin». Anstatt eine Agentur mit der Namensfindung zu beauftragen, will Hertzog den Prozess der Umbenennung ethnologisch und partizipativ gestalten. Gemeinsam mit dem Museumsteam, Studierenden und Kolleg:innen aus verschiedenen Fächern will sie der Frage nachgehen, was es kulturell, historisch oder literarisch bedeutet, einen Ort umzubenennen; im September folgt eine Ausstellung zum Thema, in der auch die Besucher:innen eingeladen sind, sich einzubringen.
Leidenschaft für materielle Kultur
Hertzogs Verständnis des Museums hat auch mit ihrem eigenen Weg in die Anthropologie zu tun. Sie studierte in Cambridge – «theoretisch gut fundiert, aber im Elfenbeinturm, so wie man es sich vorstellt» – und entdeckte bei ihren Ausflügen ins Museum of Archaeology and Anthropology ihre Leidenschaft für materielle Kultur. Ein Praktikum in der Forschungsabteilung des Musée Quai Branly in Paris prägte ihren Blick auf das Museum als Ort der öffentlichen Debatte und brachte die Erkenntnis: Man kann sich als Ethnologin nicht nur über wissenschaftliche Artikel mitteilen, sondern auch in einem Museum arbeiten und mit dem Publikum in Kontakt treten. «Das ist eine Frage, mit der ich mich seitdem auseinandersetze: Was bedeutet es, ‹public anthropologist› zu sein?»
Später promovierte sie an der ETH Zürich zu Urbanisierung und Migration in Westafrika. Die Frage, wie Menschen zirkulieren, ergänzte sie mit der Zeit um die Perspektive, wie auch Objekte zirkulieren – wo sie herkommen, unter welchen Umständen sie in die westlichen Museen gelangt sind und welche Verantwortung aus diesem Wissen entsteht. So hat sie eine zentrale Rolle gespielt bei der Provenienzforschung in der ersten Phase der Benin Initiative Schweiz (BIS), bei der acht Schweizer Museen die Herkunft ihrer Sammlungen aus dem ehemaligen Königreich Benin im heutigen Nigeria prüften.
Objekte wieder in Umlauf bringen
Ein erster Meilenstein dieser Initiative ist inzwischen erreicht. Am 20. März 2026 informierte die UZH gemeinsam mit dem Museum Rietberg und dem Musée d’ethnographie de Genève über den Beschluss zur Eigentumsübertragung von Benin-Bronzen aus ihren Sammlungen. Die UZH gibt 14 Objekte aus dem Völkerkundemuseum an die Bundesrepublik Nigeria zurück. Sie gelangten nach dem britischen Angriff von 1897 über Plünderung und internationalen Kunsthandel nach Europa. Die Provenienzforschung der BIS kam zum Schluss, dass 14 der 18 Artefakte im Völkerkundemuseum mit hoher Wahrscheinlichkeit geplündert wurden und restitutionswürdig sind. («Die vier anderen Objekte hatten sich als moderne Kopien herausgestellt», merkt Hertzog im Gespräch an.) In den nächsten Monaten sollen sie an das Nigerian National Museum in Lagos überführt werden.
Für Hertzog markiert diese Restitution einen Perspektivenwechsel. Lange definierten sich Museumsleitungen darüber, welche Sammlungen neu erworben wurden. Heute richtet sich der Blick auf den Umgang mit den vorhandenen Beständen. «Es ist ein Wandel von der Aneignung neuer Sammlungen hin zur Umverteilung», sagt sie. Zugleich weist sie darauf hin, dass die Rückgabe von 14 Objekten die Sammlung des Völkerkundemuseums mitnichten schmälere. Diese umfasst insgesamt rund 60’000 Objekte. Indem der Fokus der Sammlung auf Beziehungen statt Besitz gelegt werde, entstehe neues Wissen.
Beziehungen neu «giessen»
Was das konkret bedeuten kann, zeigt eine Geschichte aus der Provenienzforschung zu den Benin-Bronzen, die Hertzog besonders geprägt hat. Bei einem Besuch im Depot des Völkerkundemuseums war auch Phil Omodamwen dabei, ein Bronzegiesser in fünfter Generation aus Benin City. Dabei hielt er zum ersten Mal das Original einer Glocke in den Händen, die heute noch auf Altären zur Anrufung der Ahnen verwendet wird. Mit Bestürzung stelle er fest, dass die Rückseite ganz anders aussah, als er angenommen hatte und als er sie selbst herstellte. Bisher hatte er nur Abbildungen aus europäischen Ausstellungskatalogen als Vorlagen zur Hand. Diese zeigten die Vorderansichten, ohne die Details, die Omodamwen am Original auf der Rückseite entdeckte. Für Hertzog wurde in diesem Moment greifbar, was es bedeutet, wenn Menschen keinen direkten Zugang zu ihrem eigenen materiellen Kulturerbe haben.
Gemeinsam mit Omodamwen entstand daraus ein Projekt, bei dem die Glocke neu gegossen wurde – und zwar so, dass jeder einzelne Arbeitsschritt festgehalten wird. Die Dokumentation dieser Begegnung bildete einen der Höhepunkte in der Anfang März zu Ende gegangenen Ausstellung «Benin verpflichtet». Hertzog sieht hier nach den schmerzhaften Erfahrungen der Kolonialgeschichte die Chance für einen neuen Austausch auf Augenhöhe: gemeinsam mit den Herkunftsgesellschaften neues Wissen, neue Beziehungen und neue Formen des Zugangs zu schaffen. «Recasting relationships» nennt sie das – Beziehungen neu gestalten, neu giessen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Neue Blickwinkel und Transparenz sind Hertzog wichtig. So will sie die Sammlung digital zugänglich machen. «Eines meiner Ziele ist es, unsere Datenbank online zu bringen», sagt sie. Diese Öffnung richtet sich an Mitglieder der Urhebergesellschaften und das Publikum ebenso wie an Forschende und Partnerinstitutionen, die mit den Beständen weiterarbeiten wollen. Die Sammlung soll für neue Fragestellungen zugänglich werden und eine breitere Auseinandersetzung ermöglichen, erhofft sie sich.
Studierende gestalten Ausstellungen mit
In ihrer Doppelrolle als Museumsdirektorin und Professorin fühlt sich Hertzog sichtlich wohl. «Es ist der perfekte Job, weil er zwei Aspekte zusammenbringt: die Theorie und die kuratorische Praxis», sagt sie. «Ich muss mich nicht entscheiden, ob ich in einem Museum arbeiten oder Professorin sein will. Ich darf beides.» Die Studierenden sollen nicht wie sie damals in einem Elfenbeinturm studieren, sondern im Austausch mit der Öffentlichkeit. Sie arbeiten an Ausstellungen mit, schreiben ihre Abschlussarbeiten im Museum und sind als kritische Wegbegleiter:innen willkommen.
Besonders eindrücklich war für sie im letzten Semester eine spontane Einladung an eine Podiumsdiskussion der Stadt Zürich zum Umgang mit dem kolonialen Erbe, organisiert von der European Coalition of Cities Against Racism. Weil die Veranstaltung mit ihrem Seminar kollidierte, nahm sie kurzerhand die Studierenden mit. Dort sassen sie dann inmitten von Delegierten aus anderen europäischen Städten und erlebten, wie konkret ihre Seminarthemen in öffentliche Debatten und politische Entscheidungsprozesse hineinreichen. «Sie erkannten: Das Museum ist keine angestaubte Sammlung, sondern ein Ort für die Aufarbeitung kolonialer Zusammenhänge», sagt Hertzog.
Die Türen dieses Museums sind offen für den Austausch mit Studierenden, mit Besucher:innen, mit Gemeinschaften in Zürich und mit Partner:innen in den Herkunftsgesellschaften der Objekte. Als sich unser Gespräch dem Ende zuneigt, strömt bereits die erste Besuchergruppe ins Haus: frankophone Jugendliche mit ihrer Lehrperson, bereit für ihre Führung durch die Benin-Ausstellung, in der sie lernen werden, wie eine zeremonielle Bronze-Glocke gegossen wird. Hertzog hält ihnen die Tür auf und strahlt: «Bienvenue tout le monde!»