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Völkerkundemuseum

Beziehung statt Besitz

Ein neuer Name, Restitutionen und die Digitalisierung der Sammlung – die neue Direktorin des Völker­kunde­museums hat viel vor. Ein erster Meilenstein ist bereits erreicht: die Rückgabe von 14 Benin-Artefakten an Nigeria.
Barbara Simpson
«Es ist der perfekte Job, weil er zwei Aspekte zusammenbringt, die Theorie und die kuratorische Praxis»: Alice Hertzog ist die neue Direktorin des Völkerkundemuseums und Professorin am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK). (Bild: Marc Latzel)

Das Völker­kunde­museum der Universität Zürich (UZH) liegt im Eingangs­bereich des Alten Botanischen Gartens, eine kleine Oase mitten in der Zürcher Innenstadt. Für Alice Hertzog ist es der neue – und doch alte – Arbeitsplatz. Bereits als Provenienz­forscherin arbeitete sie hier, seit Herbst 2025 steht sie als Direktorin an der Spitze des Hauses. «Da draussen ist die Bahnhof­strasse, hinter uns das Hallenbad City», sagt sie und zeigt aus dem Fenster ihres Büros im ersten Stock. «Wir sind zentral in der Stadt positioniert, das ist eine gigantische Chance.» Für Alice Hertzog ist es ein Standort mit besonderem Potenzial – ein Ort, an dem gesell­schaft­liche Fragen anhand von konkreten Anschauungs­objekten verhandelt werden können.

Für die ersten Jahre ihrer Amtszeit hat sich Alice Hertzog drei Schwerpunkte gesetzt: die Umbenennung des Hauses, die Restitution von Kultur­gütern und mehr Transparenz durch die Digi­ta­lisierung der Sammlung. Diese drei Vorhaben verbindet die zentrale Idee, dass das Museum einladend und offen sein soll – für neue Besucher:innen aus verschiedenen Gemein­schaften; für neue Beziehungen zu den Objekten; und für die Forschung von Wissen­schaft­ler:innen aus unter­schied­lichen Bereichen.

Völkerkunde mit Fragezeichen

Zürich ist heute vielfältiger als zur Zeit der Gründung der ethno­graphischen Samm­lung. Das, so Hertzog, verän­dert auch die Rolle des Museums grundlegend. Es sei «ein Ort, an dem Themen der Dekolo­nia­li­sie­rung diskutiert werden müssen», gerade weil Stadt, Samm­lung und kolo­ni­ale Geschichte eng miteinander ver­flochten seien.

Vor diesem Hinter­grund will Hertzog auch die Um­benennung des Hauses weiter­führen. Hinter dem Begriff «Völker­kunde» stecke die koloniale Vor­stellung, andere Kul­turen in klar umrissene «Völker» ein­teilen und be­schreiben zu können – eine Denk­weise, die heute zurecht proble­matisch gesehen werde. Schon seit drei Jahren prangt auf dem Schrift­zug über dem Eingang deshalb ein Frage­zeichen: «Völkerkunde?museum».

Über dem Museumseingang wird ein rotes Fragezeichen zwischen den Worten "Völkerkunde" und Museum" angebracht.
Das Fragezeichen über dem Museumseingang reflektiert die problematische Geschichte des Begriffs «Völkerkunde». Als Nächstes steht die Umbenennung des Museums an. (Bild: Filmstill (c) MELS)

«Völkerkunde beschreibt nicht mehr, was wir machen», erklärt Hertzog. Ein Teil des Publi­kums fühle sich von dieser Bezeich­nung nicht ange­sprochen. Auch sie selbst sehe sich als Anthro­po­login oder Ethno­login, nicht als «Völker­kund­lerin». Anstatt eine Agentur mit der Namens­findung zu beauftragen, will Hertzog den Prozess der Um­be­nennung ethno­logisch und parti­zi­pativ gestalten. Gemeinsam mit dem Museums­team, Studie­re­nden und Kolleg:innen aus verschiedenen Fächern will sie der Frage nachgehen, was es kulturell, historisch oder literarisch bedeutet, einen Ort umzu­benennen; im September folgt eine Aus­stellung zum Thema, in der auch die Besucher:innen eingeladen sind, sich einzu­bringen.

Leidenschaft für materielle Kultur

Hertzogs Verständnis des Museums hat auch mit ihrem eigenen Weg in die Anthro­po­logie zu tun. Sie studierte in Cambridge – «theoretisch gut fundiert, aber im Elfen­bein­turm, so wie man es sich vor­stellt» – und ent­deckte bei ihren Ausflügen ins Museum of Archaeology and Anthropology ihre Leiden­schaft für materielle Kultur. Ein Praktikum in der Forschungs­abteilung des Musée Quai Branly in Paris prägte ihren Blick auf das Museum als Ort der öffent­li­chen Debatte und brachte die Erkennt­nis: Man kann sich als Ethnologin nicht nur über wissen­schaft­liche Artikel mitteilen, sondern auch in einem Museum arbeiten und mit dem Publi­kum in Kontakt treten. «Das ist eine Frage, mit der ich mich seit­dem auseinander­setze: Was bedeutet es, ‹public anthropologist› zu sein?»

Später promovierte sie an der ETH Zürich zu Urba­ni­sierung und Migration in West­afrika. Die Frage, wie Menschen zirkulieren, ergänzte sie mit der Zeit um die Perspek­tive, wie auch Objekte zirku­lieren – wo sie herkommen, unter welchen Umstän­den sie in die west­lichen Museen gelangt sind und welche Verant­wor­tung aus diesem Wissen entsteht. So hat sie eine zentrale Rolle gespielt bei der Provenienz­forschung in der ersten Phase der Benin Initiative Schweiz (BIS), bei der acht Schweizer Museen die Herkunft ihrer Samm­lungen aus dem ehe­ma­ligen Königreich Benin im heutigen Nigeria prüften.

Objekte wieder in Umlauf bringen

Ein erster Meilen­stein dieser Initiative ist inzwischen erreicht. Am 20. März 2026 informierte die UZH gemeinsam mit dem Museum Rietberg und dem Musée d’ethnographie de Genève über den Beschluss zur Eigentumsübertragung von Benin-Bronzen aus ihren Sammlungen. Die UZH gibt 14 Objekte aus dem Völkerkunde­museum an die Bundesrepublik Nigeria zurück. Sie gelangten nach dem britischen Angriff von 1897 über Plünderung und internationalen Kunsthandel nach Europa. Die Provenienz­forschung der BIS kam zum Schluss, dass 14 der 18 Artefakte im Völker­kunde­museum mit hoher Wahr­schein­lich­keit geplündert wurden und restitutions­würdig sind. («Die vier anderen Objekte hatten sich als moderne Kopien herausgestellt», merkt Hertzog im Gespräch an.) In den nächsten Monaten sollen sie an das Nigerian National Museum in Lagos überführt werden.

Nach der Vertragsunterzeichnung im Zürcher Stadthaus: Stadtpräsidentin von Zürich Corine Mauch mit Olugbile Holloway, Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) und UZH-Prorektor UZH-Prorektor Christian Schwarzenegger (4. bis 2. von rechts) – umrahmt von Vertreter:innen der involvierten Museen und der Bundesrepublik Nigeria.
Nach der Vertragsunterzeichnung im Zürcher Stadthaus: Stadtpräsidentin von Zürich Corine Mauch mit Olugbile Holloway, Generaldirektor der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) und UZH-Prorektor UZH-Prorektor Christian Schwarzenegger (4. bis 2. v.r.) – umrahmt von Vertreter:innen der involvierten Museen und des Hofstaats des Oba von Benin. (Bild: Matthias Willi)

Für Hertzog markiert diese Restitution einen Perspektivenwechsel. Lange definierten sich Museumsleitungen darüber, welche Sammlungen neu erworben wurden. Heute richtet sich der Blick auf den Umgang mit den vorhandenen Beständen. «Es ist ein Wandel von der Aneignung neuer Sammlungen hin zur Umverteilung», sagt sie. Zugleich weist sie darauf hin, dass die Rückgabe von 14 Objekten die Sammlung des Völkerkundemuseums mitnichten schmälere. Diese umfasst insgesamt rund 60’000 Objekte. Indem der Fokus der Sammlung auf Beziehungen statt Besitz gelegt werde, entstehe neues Wissen.

Beziehungen neu «giessen»

Was das konkret bedeuten kann, zeigt eine Geschichte aus der Provenienzforschung zu den Benin-Bronzen, die Hertzog besonders geprägt hat. Bei einem Besuch im Depot des Völkerkundemuseums war auch Phil Omodamwen dabei, ein Bronzegiesser in fünfter Generation aus Benin City. Dabei hielt er zum ersten Mal das Original einer Glocke in den Händen, die heute noch auf Altären zur Anrufung der Ahnen verwendet wird. Mit Bestürzung stelle er fest, dass die Rückseite ganz anders aussah, als er angenommen hatte und als er sie selbst herstellte. Bisher hatte er nur Abbildungen aus europäischen Ausstellungskatalogen als Vorlagen zur Hand. Diese zeigten die Vorderansichten, ohne die Details, die Omodamwen am Original auf der Rückseite entdeckte. Für Hertzog wurde in diesem Moment greifbar, was es bedeutet, wenn Menschen keinen direkten Zugang zu ihrem eigenen materiellen Kulturerbe haben.

In der Benin-Ausstellung: Die verschiedenen Stadien der Bronzeglocke, hergestellt von Phil Omodamwen (links) und ein Leopard und ein Hahn, die bleiben dürfen – sie haben sich als moderne Kopien herausgestellt. (Bild: Kathrin Leuenberger)

Gemeinsam mit Omodamwen entstand daraus ein Projekt, bei dem die Glocke neu gegossen wurde – und zwar so, dass jeder einzelne Arbeitsschritt festgehalten wird. Die Dokumentation dieser Begegnung bildete einen der Höhepunkte in der Anfang März zu Ende gegangenen Ausstellung «Benin verpflichtet». Hertzog sieht hier nach den schmerzhaften Erfahrungen der Kolonialgeschichte die Chance für einen neuen Austausch auf Augenhöhe: gemeinsam mit den Herkunftsgesellschaften neues Wissen, neue Beziehungen und neue Formen des Zugangs zu schaffen. «Recasting relationships» nennt sie das – Beziehungen neu gestalten, neu giessen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

  • Der Bronzegiesser Phil Omodamwen erklärt, wie eine Glocke im traditionellen Wachsausschmelzverfahren hergestellt wird. (Alle Bilder: Filmstills aus «Phil Omodamwen Bronzegiesser, Benin City», Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2024)
    Der Bronzegiesser Phil Omodamwen erklärt, wie eine Glocke im traditionellen Wachsausschmelzverfahren hergestellt wird. (Alle Bilder: Filmstills aus «Phil Omodamwen Bronzegiesser, Benin City», Völkerkundemuseum der Universität Zürich 2024)
  • Ein Lehmkern wird mit einer Schicht aus Bienenwachs überzogen, in die alle Details, Muster und Verzierungen eingearbeitet werden. Das Wachsmodell wird dann wieder mit Lehm eingekleidet.
    Ein Lehmkern wird mit einer Schicht aus Bienenwachs überzogen, in die alle Details, Muster und Verzierungen eingearbeitet werden. Das Wachsmodell wird dann wieder mit Lehm eingekleidet.
  • Wenn die Lehmform gebrannt wird, fliesst das Wachs aus und hinterlässt einen Hohlraum – die Negativform. Diese wird in der Erde vergraben und mit geschmolzenem Metall ausgefüllt.
    Wenn die Lehmform gebrannt wird, fliesst das Wachs aus und hinterlässt einen Hohlraum – die Negativform. Diese wird in der Erde vergraben und mit geschmolzenem Metall ausgefüllt.
  • Nach dem Abkühlen wird die Lehmhülle zerschlagen und die Oberfläche des Bronzegusses gereinigt. Anschliessend ziseliert Phil Omodamwen die Verzierungen und poliert die Glocke.
    Nach dem Abkühlen wird die Lehmhülle zerschlagen und die Oberfläche des Bronzegusses gereinigt. Anschliessend ziseliert Phil Omodamwen die Verzierungen und poliert die Glocke.
  • Die Glocke ist bereit für die Ausstellung «Benin verpflichtet», die bis Anfang März am Völkerkundemuseum zu sehen war.
    Die Glocke ist bereit für die Ausstellung «Benin verpflichtet», die bis Anfang März am Völkerkundemuseum zu sehen war.
  • Omodamwen schätzt, dass das Völkerkundemuseum und andere Schweizer Museen seine Expertise eingeholt haben. Für ihn war es die Erfüllung eines langgehegten Traums, in Zürich eine originale Glocke in den Händen halten zu können.
    Omodamwen schätzt, dass das Völkerkundemuseum und andere Schweizer Museen seine Expertise eingeholt haben. Für ihn war es die Erfüllung eines langgehegten Traums, in Zürich eine originale Glocke in den Händen halten zu können.
  • Ursprünglich ging es darum zu klären, wem die Werke gehören, erklärt Phil Omodamwen: «Jetzt gestalten wir gemeinsam einen Prozess der Versöhnung.»
    Ursprünglich ging es darum zu klären, wem die Werke gehören, erklärt Phil Omodamwen: «Jetzt gestalten wir gemeinsam einen Prozess der Versöhnung.»

Neue Blickwinkel und Transparenz sind Hertzog wichtig. So will sie die Sammlung digital zugänglich machen. «Eines meiner Ziele ist es, unsere Datenbank online zu bringen», sagt sie. Diese Öffnung richtet sich an Mitglieder der Urhebergesellschaften und das Publikum ebenso wie an Forschende und Partnerinstitutionen, die mit den Beständen weiterarbeiten wollen. Die Sammlung soll für neue Fragestellungen zugänglich werden und eine breitere Auseinandersetzung ermöglichen, erhofft sie sich.

Studierende gestalten Ausstellungen mit

In ihrer Doppelrolle als Museumsdirektorin und Professorin fühlt sich Hertzog sichtlich wohl. «Es ist der perfekte Job, weil er zwei Aspekte zusammenbringt: die Theorie und die kuratorische Praxis», sagt sie. «Ich muss mich nicht entscheiden, ob ich in einem Museum arbeiten oder Professorin sein will. Ich darf beides.» Die Studierenden sollen nicht wie sie damals in einem Elfenbeinturm studieren, sondern im Austausch mit der Öffentlichkeit. Sie arbeiten an Ausstellungen mit, schreiben ihre Abschlussarbeiten im Museum und sind als kritische Wegbegleiter:innen willkommen.

Applaus für die mitwirkenden Studierenden und Kuratorinnen bei der Vernissage der Ausstellung «Symphởnie der Gewürze – Aus Vietnam in die Welt». (Bild: Melissa Caflisch)

Besonders eindrücklich war für sie im letzten Semester eine spontane Einladung an eine Podiumsdiskussion der Stadt Zürich zum Umgang mit dem kolonialen Erbe, organisiert von der European Coalition of Cities Against Racism. Weil die Veranstaltung mit ihrem Seminar kollidierte, nahm sie kurzerhand die Studierenden mit. Dort sassen sie dann inmitten von Delegierten aus anderen europäischen Städten und erlebten, wie konkret ihre Seminarthemen in öffentliche Debatten und politische Entscheidungsprozesse hineinreichen. «Sie erkannten: Das Museum ist keine angestaubte Sammlung, sondern ein Ort für die Aufarbeitung kolonialer Zusammenhänge», sagt Hertzog.

Die Türen dieses Museums sind offen für den Austausch mit Studierenden, mit Besucher:innen, mit Gemeinschaften in Zürich und mit Partner:innen in den Herkunftsgesellschaften der Objekte. Als sich unser Gespräch dem Ende zuneigt, strömt bereits die erste Besuchergruppe ins Haus: frankophone Jugendliche mit ihrer Lehrperson, bereit für ihre Führung durch die Benin-Ausstellung, in der sie lernen werden, wie eine zeremonielle Bronze-Glocke gegossen wird. Hertzog hält ihnen die Tür auf und strahlt: «Bienvenue tout le monde!»