Spiritualität und Schmerz
Jahr für Jahr pilgern hunderte Menschen christlichen Glaubens zu Wallfahrtsorten wie dem französischen Lourdes, um für Genesung von ihren Krankheiten zu bitten und zu beten. Buddhisten kennen Meditationen mit Ziel zu heilen. Fast alle Religionen kennen Riten gegen körperliche Gebrechen. Spiritualität und Glaube können in der Medizin eine wichtige Rolle spielen. Doch diese Ressource wird nur selten systematisch und professionell genutzt.
Die Koordinationsstelle «MESR – Medizin, Ethik, Spiritualität und Religionen» der UZH will dies ändern. Doch wie?
Schmerz als Start-Thema
Um sich dieser komplexen Aufgabe anzunähern, fand am 25. Juni eine Kick-off-Tagung statt – zum Thema «Schmerz», das in Medizin und Pflege allgegenwärtig ist. Rund 1,5 Millionen Menschen in der Schweiz leiden unter Schmerzen; fast 40 Prozent von ihnen ständig, sagte Beatrice Beck Schimmer, Direktorin des Netzwerks «Universitäre Medizin Zürich», in ihrer Einleitungsrede. Die grossen medizinischen Fragen können ihr zufolge nur über Fachgrenzen hinweg beantwortet werden.
An der Koordinationsstelle MESR sind deshalb zwei Fakultäten beteiligt – die Theologische und Religionswissenschaftliche Fakultät (TRF) und die Medizinische Fakultät (MeF). Und diese kleine «Road Show», wie TRF-Dekan Michael Coors in seiner Begrüssung sagte, solle zeigen: «Wo gibt es Berührungspunkte und gemeinsame Forschungsinteressen?»
So kamen Fachleute mit unterschiedlichsten Perspektiven zu Wort: von einer Einführung in die Neurobiologie des Schmerzes bis zu ethischen Fragen zum Umgang mit Schmerz. Von Berichten über Patientinnen, die in ihrem Leid einen Anlass finden, sich produktiv mit seelischen Ursachen und Einflüssen zu befassen, bis zur «komputationalen Psychosomatik»: ein noch junges Fachgebiet, das versucht, mit mathemathischen Modellen, Datenanalysen und KI zu modellieren, wie psychische Faktoren, das Gehirn und körperliche Symptome zusammenhängen.
Erfahrungen aus Forschung und Praxis
Mehr als 80 Personen verfolgten die Vorträge, an die sich lebhafte Kurzdebatten anschlossen. Simon Peng-Keller erforscht die Zusammenhänge zwischen Glauben, Spiritualität und Schmerzen an der Professur für Spiritual Care seit Jahren interdisziplinär. In seinem Vortrag wies er daraufhin, dass in einer Befragung mehr als 60 Prozent der Betroffenen von chronischen Schmerzen wünschten, dass spirituelle Aspekte in ihre Behandlung einbezogen werden – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.
Von der Betreuung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase berichtete David Blum, ärztlicher Leiter des Kompetenzzentrums Palliativ Care des Universitätsspitals Zürich, gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Markus Schettle. Sie zeigten, dass spirituelle Anliegen bei schwerkranken Menschen häufig sind und weit über religiöse Fragestellungen hinausgehen. Viele Patienten erlebten Träume und Visionen am Lebensende, oft verbunden etwa mit Trost oder innerer Versöhnung. Lebensrückblicke sowie Beziehungs- und Familiendynamik beschäftigten viele Menschen kurz vor dem Ende ihres Lebens.
Spirituelle und existentielle Dimensionen, so das Fazit der beiden Mediziner, seien zentral für das Verständnis von Schmerz, Leiden und Begleitung am Lebensende. Zugleich unterstrichen sie die Bedeutung einer engen Verzahnung von klinischer Versorgung, Forschung und Lehre sowie eines interdisziplinären Austauschs.
Vernetzen, Forschen, Fördern
Die Veranstaltung bot einen Vorgeschmack auf die vielfältigen Perspektiven, die in der Koordinationsstelle MESR in Zukunft gebündelt werden sollen. Ziel der Plattform ist es, bestehende Forschungsaktivitäten sichtbar zu machen und gemeinsame Fragestellungen zu finden, den wissenschaftlichen Dialog zu fördern und Impulse für Kooperationen zu geben.
Dazu sollen auch die eigene Webseite und jährliche Fachtagungen beitragen. Als Themen angedacht sind Schwerpunkte wie «religiös-spirituelle Diversität» oder «Interkulturalität» – zum Beispiel auch mit Blick auf unterschiedliche Wertvorstellungen von ärztlichen und seelsorglichen Fachleuten und den Menschen, die sie betreuen.