Doppelte Ehre für Vater der Genschere
Zwei renommierte Stiftungen sind zum selben Schluss gekommen. Auf der Suche nach möglichen Preisträgerinnen und Preisträgern sind ihre Experten auf ein und denselben Forscher gestossen: Martin Jinek, Professor für Biochemie an der UZH. So hat der 47-jährige Wissenschaftler in den letzten Monaten gleich zweimal einen Anruf erhalten und erfahren, dass seine «bahnbrechenden» Arbeiten rund um die Genschere Crispr-Cas9 und die Genomeditierung mit Preisen geehrt würden. Ende Oktober darf er nun in Basel den mit 50’000 Franken dotierten Max-Cloëtta-Preis und kurz darauf in Bern den Marcel-Benoist-Preis in der Höhe von 250’000 Franken entgegennehmen. «Es ist eine ausserordentliche Ehre für mich und das Team, ich freue mich sehr über diese Anerkennung unserer Grundlagenforschung», sagt Jinek.
Überraschend ist dieser Preissegen nicht, vielmehr ist er eine Bestätigung der kontinuierlichen Forschungserfolge Jineks, der in Tschechien aufgewachsen ist und an der Universität von Cambridge Naturwissenschaften studierte. Seine Arbeiten zur Genschere beruhen auf dem Studium der molekularen Abwehrmechanismen von Bakterien gegen Viren und sind ein schönes Beispiel dafür, wie sich aus der Grundlagenforschung unerwartete Anwendungen ergeben.
Den Grundstein legte er als Postdoktorand mit einer Veröffentlichung im Fachjournal «Science» in Jennifer Doudnas Labor an der Universität von Kalifornien in Berkeley im Jahr 2012. Damals entdeckte er zusammen mit der Laborleiterin Doudna und Emmanuelle Charpentier, dass das bakterielle Abwehrsystem Crispr ein DNA-schneidendes Protein Cas9 nutzt, das sich gezielt auf bestimmte Erbgutsequenzen programmieren lässt. Die als Crispr-Cas9 oder Genschere bekannte Technologie ermöglicht, gewünschte Stellen in Zellen einfach und relativ präzise zu schneiden und zu verändern.
Knapp am Nobelpreis vorbei
«Wir realisierten schon damals, dass wir auf etwas Grosses gestossen waren, doch wie wichtig es werden würde, konnten wir nicht erahnen», sagt Martin Jinek rückblickend. Innert kürzester Zeit setzte sich die Genschere als Werkzeug in den Forschungslabors weltweit durch und eröffnete neuen Anwendungen in der Medizin Tür und Tor, Stichwort Zell- und Gentherapien. Um ein Haar schrammte er mit diesen Arbeiten am Nobelpreis vorbei, der 2020 an Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier für die Genschere verliehen wurde. «So nah am Nobelpreis war lange kein Tscheche», bedauerte die Presse in seinem Geburtsland damals.
Die wichtige Publikation in Science beschleunigte die Karriere von Martin Jinek, der 2013 mit 34 Jahren als Assistenzprofessor ans Biochemische Institut der UZH berufen und 2024 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Unterdessen leitet er ein 14-köpfiges Team und erforscht die molekularen Details der Genschere und verwandte Systeme der Genomeditierung. Die breit einsetzbaren Werkzeuge haben in der Medizin zu ersten klinischen Anwendungen geführt. So gibt es bereits bewilligte Therapien gegen die Blutkrankheit Beta-Thalassämie sowie gegen Sichelzellanämie basierend auf Crispr-Cas9. Schlagzeilen machte vor rund einem Jahr die Behandlung eines Babys in den USA mit einer seltenen genetischen Krankheit durch eine individualisierte Therapie mit einer Genschere. «Weitere Anwendungen werden mit Sicherheit kommen», prophezeit Jinek.
Im Zusammenhang mit dem Einsatz in der Medizin stellen sich aber zunehmend auch Sicherheitsfragen, denn so präzise und sicher, wie einst geglaubt, sind Genscheren nicht immer. Unterdessen ist klar, dass Systeme wie Crispr-Cas9 unerwünschte Nebeneffekte haben können, die vorab geklärt werden müssen. «Ein Ziel unserer Arbeiten ist es, die molekularen Funktionsweisen der Genscheren bis auf die atomaren Details zu verstehen und sie für mögliche Anwendungen sicher zu machen», sagt der Biochemiker.
Next Generation Genomeditierung
Für die Weiterentwicklung der Genomeditierung ist die Erforschung neuer mikrobieller Systeme wichtig, die in Jineks Labor ebenfalls verfolgt wird. Diese Arbeiten haben unterdessen zu weiteren Werkzeugen geführt, die über die klassische Genschere Crispr-Cas9 hinausgehen. Ein Stichwort dazu lautet Bridge-Rekombinase, ein Enzym aus Bakterien, mit dem sich Jinek und seine Mitarbeitenden beschäftigen. Im März 2026 hat seine Arbeitsgruppe in «Science» ein darauf beruhendes System vorgestellt, das grössere Erbgutabschnitte im Genom von Zielzellen ersetzen oder einfügen kann, ohne den Doppelstrang der DNA zu zerschneiden, wie dies die bisherigen Genscheren tun.
Erstautorin der prestigeträchtigen Veröffentlichung ist die Mitarbeiterin Oana Pelea. «Es ist eine Schlüsselpublikation, die neue Möglichkeiten eröffnet – wohin sie führt, werden wir sehen», sagt Martin Jinek. Ob sich da gerade der Coup von 2012 wiederholt? Der Forscher gibt sich zurückhaltend und weist darauf hin, dass es sich um eine wichtige Kollaboration mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener UZH-Institute und der ETH Zürich handelt.
Jineks Hinweis zur Zusammenarbeit macht deutlich, dass er nach Berkeley zurecht an der Universität Zürich angeheuert hat. «Ich habe 2013 die richtige Entscheidung getroffen, das Forschungsumfeld in Zürich ist grossartig», sagt der preisgekrönte Wissenschaftler. Das stimulierende Umfeld und die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit könnten besser nicht sein.