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10 Jahre Wyss Zurich

«Innovationen müssen es in die Klinik schaffen»

Das Wyss Zurich Translational Center feiert sein 10-jähriges Jubiläum. Die von Hansjörg Wyss finanzierte Plattform unterstützt erstklassige Forschungsprojekte beim Schritt in die Klinik und bis zur Gründung eines Startup-Unternehmens. Simon Hoerstrup ist Gründer und Co-Direktor von Wyss Zurich. Im Interview zieht er Bilanz und blickt in die Zukunft.
Thomas Gull
Simon Hoerstrup und Hansjörg Wyss (rechts) im Gespräch bei der Feier zu 10 Jahre Wyss Zurich
Simon Hoerstrup und Hansjörg Wyss (rechts) im Gespräch bei der Feier zu 10 Jahren Wyss Zurich. (Bild: Barbara Werren)

Dieses Jahr feiert das Wyss Zurich sein 10-Jahre-Jubiläum. Worauf sind Sie als Gründer und Co-Direktor besonders stolz?

Simon Hoerstrup: Ganz nach unserem Motto «Translating Science into Life» freut mich besonders, dass wir zahlreiche exzellente Projekte aus der UZH und ETH soweit bringen konnten, dass sie die Phase der klinischen Erprobung erreicht haben. Das war bisher im Rahmen und mit den Mitteln der klassischen akademischen Forschungsförderung so praktisch unmöglich. Stolz bin ich zudem darauf, dass es uns gelungen ist, das Wyss Zurich Fördermodell über die vergangenen Jahre kontinuierlich weiterzuentwickeln und fest im Innovations-Ökosystem der UZH und ETH am Standort Zürich zu verankern. 

Wie ermöglicht Wyss Zurich diese so genannte Translation von der Grundlagenforschung in die Klinik?

Hoerstrup: Eine Grundvoraussetzung für klinische Studien im Menschen mit innovativen Therapieverfahren sind regulierte und überwachte Herstellungsprozesse, welche normalerweise nicht an Universitäten, sondern nur in der Industrie realisiert werden können. Die ersten Gespräche mit Hansjörg Wyss, die schliesslich in die Gründung von Wyss Zurich mündeten, drehten sich um die Frage, wie er mit seiner Unterstützung einen Unterschied jenseits der klassischen Forschungsförderung machen könne. Zu dieser Zeit entwickelten wir in meiner Forschungsgruppe mitwachsende Herz-Implantate für Kinder mit angeborenen Herzfehlern. Wir waren in der Phase, in der es um die Translation von der Forschung in die erste klinische Anwendung ging und mussten feststellen, dass das mit der üblichen Forschungsinfrastruktur gar nicht möglich war.

Weshalb nicht?

Hoerstrup: Es fehlten insbesondere Herstellungs-Reinräume, das sind hochregulierte und damit kostenintensive Infrastrukturen, die man normalerweise nur in der Industrie vorfindet. Mit Wyss Zurich konnten wir diese unter einem universitären Dach einmalige Infrastruktur in Zürich aufbauen. Die UZH war damals sehr visionär und erkannte früh, wie wichtig solche Plattformen auch für viele andere Forschungsgruppen sein werden. Aus heutiger Sicht stellt die translationale Infrastruktur des Wyss Zurich ein Alleinstellungsmerkmal in der nationalen und internationalen Forschungslandschaft dar und hat bereits eine Vielzahl von klinischen Studien ermöglicht.

An der Feier zum 10-Jahre-Jubiläum von Wyss Zürich war von einer Papierserviette die Rede, auf der bei einem Essen mit Hansjörg Wyss die Idee für Wyss Zurich skizziert wurde. Was stand auf dieser Serviette?

Hoerstrup: Ganz vereinfacht waren darauf die beiden heutigen Technologie-Plattformen abgebildet – Regenerative Medizin und Robotics – und dieser typische Trichter, durch den ein wissenschaftliche Innovation hindurchmuss, um zu einem marktfähigen Produkt zu werden. Auf diesem Weg gibt es das so genannte Valley of Death, den Übergang von der Forschung in die erste klinische Anwendung. Dieser ist oft nicht finanzierbar, technisch sehr anspruchsvoll und erfordert die oben beschriebene von den Zulassungsbehörden verlangten Infrastrukturen. Deshalb scheitern in dieser Phase viele Projekte. Die Idee war, Wyss Zurich konzeptionell genau dort anzusiedeln.

Diese Idee hat Hansjörg Wyss überzeugt?

Hoerstrup: Ja. Für ihn als Unternehmer war klar: Echte Innovationen sind meistens technologisch komplex und müssen es trotzdem bis in die Klinik schaffen. Und das Modell einer längerfristigen translationalen Förderung im akademischen Umfeld schafft Stabilität. Das ursprünglich auf der Serviette skizzierte Wyss Zurich Model mit dem Innovationstrichter ist mittlerweile ein zentrales Element auch unserer visuellen Identität, wir zeigen dies auch auf unserer Homepage.

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Die Vision ist, dass sich Regenerative Medizin und Robotik gegenseitig inspirieren und idealerweise immer mehr verschmelzen zur Bionik, die Biologie und Technik verbindet.

Simon Hoerstrup
Co-Direktor Wyss Zurich

Die Zusammenarbeit von UZH und ETH ist ein zentrales Element von Wyss Zurich. Was steckt dahinter?

Hoerstrup: Das ist von Hansjörg Wyss’ Erfahrung bei der Gründung seines ersten Wyss Institutes in Boston geprägt. Schon dort wollte er Harvard und MIT enger verbinden. In Zürich wurde dies nun realisiert: Regenerative Medizin von der UZH, Robotik von der ETH. Die Vision ist, dass sich beide Disziplinen gegenseitig inspirieren und idealerweise immer mehr verschmelzen zur Bionik, die Biologie und Technik verbindet.

Wie profitieren UZH und ETH voneinander?

Hoerstrup: Ein Beispiel: die Hauttransplantate zur Behandlung von Verbrennungen bei Kindern, die von der Wyss Zürich Firma CUTISS aus körpereigenen Zellen entwickelt werden. Das ist extrem aufwändig und teuer. Die ETH hat uns dabei mit Automatisierungsrobotern und Bioreaktoren unterstützt, die viele händische Schritte ersetzen und standardisieren. Genau solche Synergien waren das Ziel von Hansjörg Wyss.

Was bekommen Wissenschaftler:innen, wenn sie mit einem Projekt zu Wyss Zurich kommen?

Hoerstrup: Zuerst prüfen wir das Projekt: Ist die Grundlagenforschung erledigt und gibt es bereits einen prinzipiellen Machbarkeitsnachweis? Ist es wissenschaftlich exzellent? Hat es das Potenzial, ein wirkliches medizinisches Problem zu lösen? Und hat es das Potenzial für ein erfolgreiches Produkt? Diese Evaluation erfolgt in verschiedenen Gremien bestehend aus Wissenschaftlern, Klinikern und Experten aus der Industrie. Wird ein Projekt vom Wyss Board akzeptiert, erhalten die Teams Zugang zu unseren Infrastrukturen, Coaching für die Translation, Unterstützung bei regulatorischen Fragen und Know-how für die Suche nach Geldgebern. Wichtig ist: Wyss Zurich unterstützt innovative Projekte, in der frühen Phase auf Projektebene – Investitionen in die daraus im besten Fall entstehenden Firmen sind dann die Sache von Venture Capital, strategischen Investoren oder anderen Finanzmarktteilnehmern.

Welche Vorteile bietet Wyss Zurich im Vergleich zu herkömmlichem Venture Capital?

Hoerstrup: Wenn Risikokapital ins Spiel kommt, zwingt das oft zu vorschnellen Fixierung oder Einengungen einer Technologie, die dann häufig primär einer ökonomischen Logik unterliegen. Rückschritte oder Designänderungen sind dann meist kaum mehr möglich. Doch komplexe medizinische Technologien werden insbesondere in der frühen Entwicklungsphase besser und damit sicherer, wenn Forschenden weiter eng mit ihren akademischen Partnern interagieren können und jederzeit neue Erkenntnisse in die Technologieentwicklungen einfliessen lassen können. Das ist bei uns möglich, weil wir als Wyss Zürich tief in das akademische Umfeld der UZH und ETH eingebettet sind.

Wie kann man sich bei Wyss Zurich bewerben?

Hoerstrup: Die Projekte kommen in der Regel von UZH oder ETH und basieren auf dem dort erarbeiteten Wissen und Patenten. Wir wollen Projekte mit translationaler Reife, die weltweit zu den besten auf ihrem Gebiet gehören. Thematisch konzentrieren wir uns auf Regenerative Medizin, Robotics, Medizintechnik und Bionik.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um zu Ihnen zu kommen?

Hoerstrup: Nach abgeschlossener Forschung, mit Patent, Machbarkeitsnachweis und einem motivierten Team. Wenn bereits eine Firma gegründet wurde und Investoren an Bord sind, können wir in der Regel nicht mehr fördern.

Hansjörg Wyss hat an der Jubiläumsfeier gesagt, jetzt werde Bilanz gezogen. Haben Sie das schon gemacht und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

Hoerstrup: Wir haben uns bereits intensiv mit Hansjörg Wyss austauschen können und die Bilanz ist insgesamt sehr positiv. Herausforderungen gibt es bei der Übergangsphase in den Startup-Modus, das heisst, wenn aus einem Projekt ein Unternehmen wird. Da stossen die akademischen Strukturen an Grenzen. Wir versuchen, das unternehmerische Denken bereits früh zu fördern und zu etablieren, etwa indem wir erfahrene sogenannte «Entrepreneurs in Residence» einbinden, die die Jungunternehmen beraten, oder indem wir jungen Forschenden Entrepreneurship-Programme wie das BioEntrepreneurship & Innovation Programm an der UZH anbieten.

Was sind die Ziele für die nächsten zehn Jahre?

Hoerstrup: Wir wollen als Organisation weiter lernen, das unternehmerische Denken stärken und thematisch vor allem die Bionik weiter ausbauen, also das Zusammenspiel von Biologie, Elektronik und Technik. Mittel- und langfristig soll sich Wyss Zurich zunehmend selber tragen, dank den finanziellen Rückflüssen aus unseren Start-up Firmen und kommerzialisierten Patenten.

Wird Hansjörg Wyss Wyss Zurich weiterhin unterstützen?

Hoerstrup: Wir hoffen auf eine dritte Donation von Hansjörg Wyss. Das würde uns helfen, die Phase zu überbrücken, bis Rückflüsse aus den Startup-Firmen und Lizenzen einen substanziellen Teil der Kosten decken können. Es geht aber nicht nur um die bereits heute schon ausserordentlich grosszügige finanzielle Unterstützung. Hansjörg Wyss' Fähigkeit, Stärken und Schwächen von Projekten sowie das Potenzial neuer Technologien schnell zu erkennen, ist beeindruckend. Die Zusammenarbeit mit ihm als engagiertes Mitglied im Stiftungsrat der Wyss Zürich Foundation ist ein grosses Privileg und für mich persönlich eine eindrucksvolle Erfahrung.