Körper und ihre Verletzlichkeit
«Körper: Territorium des Selbst, Chiffre der Verletzlichkeit» – unter diesem Titel stand das Symposium, das vergangene Woche im Zürcher Kongresshaus dem Werk von Andrea Büchler gewidmet war. Der Titel bringt präzise auf den Punkt, was die Rechtswissenschaftlerin über Jahre hinweg beschäftigte: den menschlichen Körper nicht nur als biologisches Faktum, sondern als rechtliche und soziale Kategorie zu begreifen – als Träger von Würde, Freiheit und Selbstbestimmung, als Ort besonderer Verletzbarkeit.
In ihren Arbeiten, insbesondere zu Fragen der Fortpflanzung, plädierte Andrea Büchler für einen konsequenten Schutz körperlicher Integrität. Gleichzeitig warnte sie vor Rechtskonzepten, die Menschen auf körperliche Merkmale reduzierten und damit ihre Autonomie untergrüben. Diese Perspektive bildete den inhaltlichen Rahmen eines Symposiums, an dem die Geehrte selbst nicht anwesend sein konnte. Die Professorin für Privatrecht und Rechtsvergleichung an der Universität Zürich musste ihre akademische Tätigkeit 2023 krankheitsbedingt beenden.
Eine Forscherin an den Grenzen des Rechts
Andrea Büchler gehörte zu jenen Rechtswissenschaftlerinnen, die sich nicht mit der Innensicht ihres Fachs zufriedengaben. Ob als Leiterin des Kompetenzzentrums für Gender Studies oder im universitären Forschungsschwerpunkt «Human Reproduction Reloaded»: Stets fragte sie danach, wie Recht, Medizin, Technik und Ethik in das Körperliche eingreifen – und welche Konflikte daraus entstehen. UZH-Rektor Michael Schaepman erinnerte daran, dass Andrea Büchler Interdisziplinarität nicht als organisatorische Aufgabe verstand, sondern als gemeinsamen Denkraum.
UZH-Soziologin Katja Rost beschrieb sie als zentrale Figur des UFSP «Human Reproduction Reloaded». Andrea habe nicht Gleichklang erzeugen wollen, sondern produktive Berührungspunkte gesucht – Momente, in denen, wie Rost sagte, «die Welt uns antwortet und wir uns dadurch verändern».
Andrea wollte nicht Gleichklang erzeugen, sondern Momente der Berührung und des Angesprochenseins, bei der die Welt uns antwortet und wir uns dadurch verändern.
Auch Thomas Gächter, Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, hob die aussergewöhnliche Energie hervor, mit der seine Kollegin in unterschiedlichsten Kontexten gewirkt habe. Sie habe Ideen mit einer seltenen Mischung aus intellektueller Schärfe, Offenheit und organisatorischer Kraft verfolgt – in ihrer Fachgruppe, in der Fakultät, an der Universität und darüber hinaus. Ihr Beitrag habe weit über ihre formalen Rollen hinausgereicht.
Ambivalenz aushalten
Die Journalistin Barbara Bleisch, Mitautorin des Buchs «Kinder wollen», rückte die intellektuelle Haltung der Forscherin in den Vordergrund. Andrea Büchler habe nichts beschönigt und nichts wegdiskutiert, sagte Bleisch, sondern Ambivalenzen ausgehalten. Gerade dort, wo Fragen von Fortpflanzung, Identität oder Intimität verhandelt würden, sei Eindeutigkeit oft eine Illusion. Die Genauigkeit im Denken nicht preiszugeben, auch wenn dies unbequeme Spannungen erzeuge, präge ihr Werk bis heute. Bleisch erinnerte auch daran, dass das Ausscheiden einer schwer erkrankten Kollegin oft stiller verlaufe als der Tod eines Menschen. Umso wichtiger sei es gewesen, mit diesem Symposium Raum für Anerkennung und Dankbarkeit zu schaffen.
Wenn das Recht verletzlich wird
Zwei international renommierte Wissenschaftlerinnen griffen das zentrale Thema in ihren Referaten auf: die Juristin Susanne Baer und die Soziologin Eva Illouz, beide persönlich mit Andrea Büchler verbunden.
Das Recht tut sich schwer mit Ambivalenz.
In ihrem Vortrag «Intimität und Verletzung – Über die Schwierigkeiten des Rechts» fragte Susanne Baer, wie weit staatliche Regulierung in besonders sensible Zonen vordringen dürfe: in Körper, Beziehungen, Reproduktionsentscheidungen. Das Recht müsse schützen – vor Gewalt, Diskriminierung oder medizinischer Ausbeutung –, könne aber selbst zur Verletzung werden, wenn es die Komplexität gelebter Körperlichkeiten nicht anerkenne. «Das Recht», so Baer, «tut sich schwer mit Ambivalenz.» Gerade deshalb brauche es Stimmen wie jene von Andrea Büchler, die gelernt hätten, diese Spannungen fruchtbar zu machen.
Die Bewertung von Körpern
Eva Illouz analysierte in ihrem Referat «Evaluating and Devaluating Bodies», wie Körper in der modernen Konsum- und Mediengesellschaft zunehmend bewertet und zugleich entwertet würden. In einer Logik des «scopic capitalism» würden Körper – insbesondere weibliche – visuell fragmentiert, verglichen und nach Marktmassstäben beurteilt, etwa in Dating-Apps oder sozialen Medien. Diese permanente Bewertung trenne den Körper vom ganzen Menschen und untergrabe emotionale Bindungen, Würde und Selbstwert.
Ein Werk, das bleibt
Am Ende des Abends wurde deutlich, dass der Einfluss Büchlers weit über die Rechtswissenschaft hinausreicht. Gewürdigt wurden weniger einzelne Positionen als Haltungen: Genauigkeit, der Mut zur Ambivalenz und die Bereitschaft, schwierigen Fragen nicht auszuweichen.
Vielleicht erklärt gerade dies, weshalb der Körper wie ein roter Faden durch ihr Werk läuft: als Ursprung von Selbstbestimmung und als Ort der Verletzbarkeit. Ein Spannungsfeld, das Recht, Medizin und Gesellschaft immer wieder neu herausfordert. Die Fragen, die Andrea Büchler gestellt hat, bleiben dringlich.