Ökonomie

«Diversifizieren statt abschotten»

Die globale Handelspolitik sei unberechenbarer geworden, sagt Ralph Ossa im Interview. Der UZH-Ökonom wurde vor kurzem zum Chief Economist der Welthandelsorganisation WTO bestimmt.

Roger Nickl

Ralph Ossa
Seit neuem Chief Economist der Welthandelsorganisation WTO: UZH-Ökonomieprofessor Ralph Ossa. (Bild: zvg)

 

Ralph Ossa, Sie sind Professor für internationalen Handel, Chairman des Departments of Economics der Universität Zürich und seit kurzem Chief Economist der Welthandelsorganisation WTO: Wo sehen Sie aktuell die grössten Herausforderungen für den Welthandel?

Ralph Ossa: Ich sehe vor allem drei Fragen. Erstens, wie kann der Welthandel zur Reduzierung der geopolitischen Spannungen beitragen? Zweitens, wie kann der Welthandel zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen? Und drittens, wie kann der Welthandel zur Armutsbekämpfung beitragen? Ich bin überzeugt, dass der Welthandel in allen diesen Bereichen ein wichtiger Teil der Lösung ist.

In den letzten Jahren haben sich insbesondere die USA und China einen Handelskrieg mit hohen Schutzzöllen geliefert, um den heimischen Markt zu schützen. Was sind die Folgen dieser Auseinandersetzung?

Die unmittelbaren Folgen des Handelskriegs sind vor allem höhere Preise und geringere Realeinkommen in den USA und China. Allerdings ist durch den Handelskrieg auch das Vertrauen in eine stabile Welthandelsordnung ganz allgemein gesunken. Handelspolitik ist unberechenbarer geworden, und das ist schlecht für die Weltwirtschaft.

Ihre Forschung zeigt, dass es sich nicht lohnt Handelsbeziehungen abzubrechen oder stark einzuschränken. Weshalb ist das so?

Der Zusammenhang zwischen Handel und Wohlstand ist eigentlich ganz einfach. Handel ermöglicht Arbeitsteilung, und Arbeitsteilung ermöglicht Wohlstand. Das trifft für lokalen, regionalen und eben auch internationalen Handel zu.

Wie haben sich Covid und der Krieg in der Ukraine auf den Welthandel ausgewirkt?

Diese Krisen haben uns vor Augen geführt, wie abhängig wir voneinander sind – sei es bei der Versorgung mit Beatmungsgeräten, Impfstoffen, Gas oder Weizen. Daraus nun aber zu folgern, dass wir besser alles im Inland beschaffen sollten, wäre falsch. Der Schlüssel zur Resilienz ist nicht Abschottung, sondern internationale Diversifikation.

Was sind die grossen aktuellen Herausforderungen der WTO?

Die WTO muss zeigen, dass sie Handelskooperation wirksam vorantreiben und Handelsstreitigkeiten erfolgreich beilegen kann. Nur damit kann sie ihre Relevanz unter Beweis stellen und verlorenes Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Ich habe die diesjährige 12. Ministerkonferenz in dieser Hinsicht als Wendepunkt erlebt. Dort wurde Unmögliches erreicht, was jetzt wiederum viel möglich macht.

Welche Rolle spielt die WTO heute, wenn es um die Förderung des Welthandels und die Schlichtung von Handelskonflikten geht?

Die WTO ist nach wie vor das Fundament unseres regelbasierten Handelssystems. Ihre 164 Mitglieder bestimmen die Spielregeln der weltweiten Handelspolitik und damit auch der Förderung des Welthandels und der Schlichtung von Handelskonflikten.

Welchen Einfluss hat sie dabei?

Die WTO hat mitsamt ihrer Vorgängerin GATT die Entwicklung des Welthandels seit dem 2. Weltkrieg entscheidend geprägt. Ein Meilenstein der jüngeren Geschichte war Chinas WTO Beitritt im Jahr 2001, der wesentlich zum chinesischen Wirtschaftswunder beigetragen hat. Dies hat zwar auch zu Verwerfungen in Industrieländern geführt, vor allem aber Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreit.

Bei der WTO stehen Reformen an – in welche Richtung sollten diese gehen?

Grundsätzlich geht es darum, das WTO-Regelwerk zu modernisieren. Der letzte grosse Reformprozess des Welthandelssystems ging 1995 mit der Gründung der WTO zu Ende, so dass es einen erheblichen Reformstau gibt. Themen gibt es viele, wie beispielsweise der Dienstleistungshandel, der Handel mit digitalen Gütern oder auch der Umgang mit Subventionen.

Nun wurden Sie zum Chief Economist der WTO gewählt. Wie werden Sie die Geschicke der Organisation beeinflussen können?

Als Chief Economist werde ich in der Organisation eine Vordenkerrolle haben, durch die ich hoffentlich einen gewissen Einfluss ausüben kann. Ausserdem werde ich die Wirtschaftsforschungs- und Statistikabteilung leiten, so dass ich auch nach innen etwas verändern kann.

Was motiviert Sie dazu?

Mir geht es vor allem darum, meine Stärken zum Nutzen anderer einzusetzen. Die Stelle als Chief Economist gibt mir dazu eine einzigartige Möglichkeit, weil ich dort meine ganze Berufserfahrung für einen mir wichtigen Zweck einsetzen kann. Wenn die Welt zurzeit etwas gebrauchen kann, dann ist es mehr internationale Kooperation.

Werden Sie der UZH weiterhin verbunden bleiben?

Ja, ich werde an der UZH weiter forschen und lehren, wenn auch mit einem stark reduzierten Pensum. Und da ich ja im Prinzip eine Brücke von der handelspolitischen Forschung in die handelspolitische Praxis schlage, werden sich viele Anknüpfungspunkte zwischen meiner Arbeit an der UZH und der WTO ergeben.

Roger Nickl ist Redaktor des UZH Magazins