Sprachevolution

Mensch und Schimpans

Wir Menschen können viel komplexer kommunizieren als alle anderen Tiere. Doch: Formen von Sprache finden sich beispielsweise auch bei Affen und Erdmännchen. Die Erforschung von Tiersprachen hilft, die Evolution der menschlichen Sprache zu verstehen. Mit Video.

Thomas Gull

Affe mit Banane
Affe mit Banane
Affen können wie wir Menschen ihre Sprache gezielt und strategisch einsetzen. (Illustration: Anne Sommer)


Wir haben es geschafft. Unsere nächsten Verwandten nicht. Der Mensch hat im Verlauf der Evolution eine Sprachfähigkeit entwickelt, zu der es im Tierreich nichts Vergleichbares gibt. Kein anderes Tier hat ein Kommunikationssystem, das so vielfältig ist wie unsere Sprache. Doch was unterscheidet den Menschen vom Schimpansen, ausser den «Hemmige» (Mani Matter), das uns ermöglicht hat, die menschliche Sprache hervorzubringen?

Diese Frage stellen sich Linguisten, Evolutionsbiologinnen und Anthropologen des Nationalen Forschungsschwerpunkts (NFS) «Evolving Language». Der Titel des NFS verweist auf den Kern des Unterfangens: Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen, wie sich die menschliche Sprache entwickelt hat und wie sie weiter evolviert: «Wir wollen verstehen, weshalb diese absolut verrückte Kommunikationsform, über die wir verfügen, so ist, wie sie ist», sagt der Leiter des NFS, der UZH-Linguist Balthasar Bickel.

Struktur, Laute und Inhalt

Einer der Ausgangspunkte dieser Suche nach den Ursprüngen der menschlichen Sprache sind die Tiersprachen. Viele Tiere verfügen über einfachere Kommunikationsformen, die als Vorläufer der menschlichen Sprache interpretiert werden können. Das gilt für alle drei zentralen Merkmale unserer Sprache: Struktur, Laute und Inhalt. Sprache ist wie ein Baukasten, in dem diese drei Elemente in unterschiedlicher Komplexität vorkommen.

«Wir wollen verstehen, welche Komponenten unserer Sprache älter sind und bei Tieren schon vorhanden waren und welche neu sind, das heisst erst vom Menschen ausgebildet wurden», erklärt Balthasar Bickel. Konkret heisst das: Welche Formen von Sprache finden sich bereits bei Tieren, welche sind «exklusiv» menschlich und wann und weshalb sind diese entstanden?

 

Liegt der Ursprung der menschlichen Sprache im Tierreich? Linguist Balthasar Bickel und Verhaltensbiologin Martha Manser im Gespräch mit den Redaktoren des UZH-Magazins, Roger Nickl (l.) und Thomas Gull (r.). (Video: MELS)

Wissen transportieren

Sicher ist: Die Menschenaffen wie Schimpansen oder Orang-Utans haben grosse Gehirne und kognitive Fähigkeiten, die gar nicht so weit weg sind von unseren. Trotzdem hat ihnen das gewisse Etwas gefehlt, um mit uns mitzuhalten. Uns Menschen ist es gelungen, unsere nächsten Verwandten weit hinter uns zu lassen und die Welt und das Tierreich zu beherrschen.

Verantwortlich dafür, sagen Anthropologen wie der emeritierte UZH-Professor Carel van Schaik, ist unsere Fähigkeit, kulturelle Errungenschaften zu kumulieren, das heisst, unser Wissen von einer Generation an die nächste weiterzugeben und es ständig zu erweitern und zu vertiefen. Die Sprache ist ein zentraler Bestandteil dieser kumulativen Kultur und gleichzeitig das Vehikel, das uns dazu dient, unser Wissen zu tradieren.

Sprache ist eng verknüpft mit unserem Gehirn, das uns erlaubt, die kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln, die es für Kultur und Sprache braucht. Es scheint deshalb naheliegend, nach einer Erklärung für die Entstehung unserer Sprache zu suchen, die sich an jene anlehnt, mit der die Evolutionsbiologie die Herausbildung unseres potenten Gehirns erklärt.

Hier gibt’s was zu fressen!

Eine Strategie, um den Ursprüngen der Sprache auf die Spur zu kommen, ist ein Blick ins Tierreich. Die Frage ist, ob es bei den Tieren vergleichbare Formen von Sprache gibt, etwa bei den Affen. Fündig wird die Wissenschaft allerdings nicht nur bei ihnen, auch Erdmännchen oder Vögel haben relativ komplexe Kommunikationsformen, deren Eigenschaften sich mit denen der menschlichen Sprache vergleichen lassen.

Das gilt etwa für die Fähigkeit, mit Rufen auf Dinge hinzuweisen. So können Affen und Erdmännchen vor Feinden warnen, oder sie können auf Fressbares aufmerksam machen. «Schimpansen haben zwei Rufe für Nahrung», erklärt Simon Townsend, Professor am Institut für vergleichende Sprachwissenschaft der UZH, «der eine Ruf weist auf hochwertige Nahrung hin wie etwa Früchte, der andere auf weniger wertvolle wie Blätter.»

Die anderen Affen verstehen diese Rufe und suchen am angezeigten Ort nach Futter. Dabei spielt es eine Rolle, wer informiert wird. «Wir haben beobachtet, dass sie eher rufen, wenn Partner in der Nähe sind, die ihnen nahestehen», sagt Townsend. Die Schimpansen können den Ruf aber auch unterdrücken und das gefundene Futter selbst verzehren.

Wichtig für die Sprachwissenschaftler ist die Erkenntnis, dass die Affen, wie wir Menschen, ihre «Sprache» gezielt und strategisch einsetzen können. «Informationen zu teilen, ist keine exklusiv menschliche Eigenschaft», erklärt Simon Townsend.

Achtung, Adler im Anflug!

Eine andere Tierart mit ausgeprägten Kommunikationsfähigkeiten sind die Erdmännchen, die die Verhaltensbiologin Marta Manser erforscht. Die UZH- Professorin für Tierverhalten reist dazu in die Kalahari, wo sie eine Erdmännchen-Forschungsstation unterhält. Sie beobachtet die Tiere aber auch in verschiedenen Zoos und in ihrem eigenen Gehege auf dem Irchel Campus der UZH, wo sie die kleinen Räuber von ihrem Schreibtisch aus im Blick hat.

Dank Mansers Forschung gehört die Erdmännchensprache zu den am besten erforschten Kommunikationssystemen im Tierreich. Obwohl Erdmännchen über wesentlich kleinere Gehirne verfügen als etwa Schimpansen, haben sie ein vergleichbares Rufrepertoire. Manser unterscheidet verschiedene Ruftypen, unter anderen Alarmrufe und Kontaktrufe.

Alarmrufe können variiert werden nach Ursache der Gefahr – Greifvogel oder Bodenräuber wie Schakal, Löwe oder Schlange – und nach Dringlichkeit. Speziell ist das Verhalten gegenüber Schlangen. Während die Tiere vor den anderen Räubern ins nächste Erdloch fliehen, rotten sie sich zusammen, wenn ein Erdmännchen eine Schlange findet, und versuchen, diese gemeinsam zu vertreiben.

Bis zu dreissig verschiedene Laute

Mit den Kontaktrufen lassen sie die anderen Mitglieder wissen, wo sie sind und wie es ihnen geht. Eine besonders interessante Variante ist der «Sunnig-Call», der «Sünnele-Ruf», mit dem die Tiere signalisieren: «Alles o.k. hier, ich bin zufrieden und bleibe noch einen Moment.»

Das sei vergleichbar mit einer entspannten Plauderei unter Menschen, erklärt Manser, bei der es nicht in erster Linie darum gehe, eine dringende Nachricht zu übermitteln, die eine blitzschnelle Reaktion auslösen soll wie «Achtung, Adler!», sondern sich gegenseitig zu vergewissern, wo man ist und wie man sich gerade fühlt.

Erdmännchen, sagt Manser, haben ein Rufre­per­toire, das aus bis zu dreissig verschiedenen Lauten besteht. «Diese Rufe», so Manser, «scheinen angeboren zu sein.» Die Jungtiere müssen aber lernen, wann sie welchen Ruf einsetzen müssen. Das erstaunlich umfangreiche Repertoire entsteht durch die Kombination einiger weniger Laute, mit denen auch Emotionalität und Dringlichkeit unterschieden werden können.

So werden Alarmrufe lauter und harscher, wenn der Feind näher kommt. Und sie zeigen an, ob er sich bewegt oder nicht. «Die Rufe beschreiben genau, was abläuft», erklärt Marta Manser, «der Schakal sitzt! Achtung, jetzt bewegt er sich! Jetzt sitzt er wieder!»

Laute mit Bedeutung

Die Kombination von Rufen wird als eine Form von rudimentärer Syntax angesehen, weil die Rufe wie die Wörter in einem Satz nach bestimmten Regeln kombiniert werden und je nach Abfolge eine andere Bedeutung haben.

Wie die der Erdmännchen hat auch die «Affensprache» eine Syntax. Nachgewiesen wurde dies bisher bei kleinen Affen. So hat Klaus Zuberbühler, Professor für Komparative Kognition an der Universität Neuenburg und Mitglied des NFS «Evolving Language», bereits vor einigen Jahren gezeigt, dass Campbell-Meerkatzen die gleichen Laute zu Sequenzen (Sätzen) mit unterschiedlichen Bedeutungen verknüpfen können. Ob es auch Syntax bei Menschenaffen gibt, konnte bisher noch nicht schlüssig bewiesen werden.

Differenzierte Alarmrufe

Daran arbeitet gerade die Forschungsgruppe von Simon Townsend. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Mit seinem Doktoranden Maël Leroux ist es Townsend gelungen, zu beweisen, dass Schimpansen zwischen verschiedenen Kombinationen von Alarmrufen differenzieren können. So machen sie einen Alarmruf, wenn sie einer Gefahr begegnen. Wenn sie Unterstützung anfordern, machen sie einen anderen Ruf. Treffen sie auf eine Gefahr und brauchen Unterstützung, kombinieren sie die beiden Rufe. Achtung Gefahr! Kommt und helft mir!

Ein solcher kombinierter Ruf wird etwa eingesetzt, wenn eine Schlange entdeckt wird. Die Forschenden habe diese Rufe in einem Playback-Experiment Schimpansen vorgespielt, indem die Rufe aus einem Lautsprecher ertönten. Das Ergebnis war, so Simon Townsend, verblüffend: «Wenn die Tiere den Ruf hörten, näherten sie sich dem Lautsprecher, kletterten dann auf den Baum und schauten auf den Boden, um zu sehen, ob sich da eine Schlange befindet.» Die Tiere reagierten also auf die Geräusche aus dem Lautsprecher genau so, wie wenn sie von einem tatsächlich anwesenden Artgenossen produziert worden wären.

Weiterentwicklung von Frühformen

Was bedeutet das für die Sprachforschung von Simon Townsend? «Die Frage ist, ob sich Syntax in verschiedenen Arten konvergent, das heisst gleichzeitig entwickelt hat, oder ob sie im Lauf der Zeit aus einer früheren Form entstanden ist.» Die Tatsache, dass es einfache Formen von Syntax bei unseren nächsten Verwandten gibt, sei ein Hinweis, so Townsend, dass sich die Entwicklung sechs bis sieben Millionen Jahre zurückverfolgen lässt.

Das heisst, die Syntax der men­schli­chen Sprachen dürfte eine Weiterentwicklung von Frühformen sein, die Townsend jetzt bei Schimpansen nachgewiesen hat. So weit, so gut. Doch da taucht schon die nächste Frage auf: Was ist in diesen sechs Millionen Jahren passiert? Was hat dem Menschen ermöglicht, seine Sprache weiterzuentwickeln, während sich die der Schimpansen wahrscheinlich kaum verändert hat?

Gemeinsam Junge aufziehen

Auf der Suche nach einer Antwort kehren wir zurück zur Frage, wie wir die grossen Gehirne entwickeln konnten, die es für eine komplexe Sprache braucht. Und wir landen wieder in der Anthropologie. Diesmal bei Judith Burkart.

Die UZH-Anthropologie-Professorin studiert das Verhalten von Krallenaffen. Wie die Meerkatzen sind Krallenaffen klein. Die Tiere werden bis zu 30 Zentimeter lang (ohne Schwanz) und wiegen ausgewachsen zwischen 250 Gramm und einem Pfund. Selbstredend haben sie viel kleinere und weit weniger leistungsfähige Gehirne als Menschen oder Menschenaffen. Trotzdem kommunizieren sie eifrig und die Affenbabys brabbeln wie ihre menschlichen Pendants. Woran liegt das? Judith Burkarts Antwort: «An der Prosozialität der Tiere.» Das heisst, diese kleinen Affen kümmern sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um die anderen Mitglieder ihrer Gruppe.

Verankert ist dieses Verhalten in der gemeinsamen Aufzucht der Jungen. Anders als bei den Menschenaffen, bei denen die Mütter ihre Jungen alleine aufziehen, tun das die Krallenaffen gemeinsam, indem sich Pflegemütter und -väter abwechslungsweise um den Nachwuchs kümmern. Diese gemeinsame Brutpflege findet sich auch bei sozialen Insekten wie Ameisen oder Bienen, bei etwa neun Prozent der Vögel und rund drei Prozent der Säugetiere. Doch eine solche Form der Jungenaufzucht im Kollektiv wie bei den Krallenaffen kennen unter den Primaten nur noch wir Menschen.

Diese bemerkenswerte Parallele hat die Äffchen aus dem brasilianischen Urwald zu einem wichtigen Studienobjekt der Anthropologie gemacht. Und ihr prosoziales Verhalten ist das zentrale Argument, um zu erklären, weshalb sich Menschen und Menschenaffen unterschiedlich entwickelt haben in Bezug auf ihre kognitiven Fähigkeiten und ihre Sprache.

Denn wie gesagt: Die Krallenaffen kommunizieren trotz ihrer kleinen Gehirne ausgiebig und komplex. Sie haben ein Lautrepertoire, das sich mit dem von Schimpansen vergleichen lässt. So verwenden sie vielfältige Lautkombinationen und sind Meister im Teilen von Informationen. Ausserdem fangen sie an, hin und her zu rufen, sobald sie voneinander getrennt sind. Dieser Sprecherwechsel hat die gleiche Struktur, die wir von der menschlichen Kommunikation kennen.

Ja nicht vergessen werden

Die gemeinsame Jungenaufzucht verlangt viel Austausch. Einerseits unter den Pflegeeltern, die koordinieren müssen, wer sich um den Nachwuchs kümmert und wer beispielsweise Futter sucht. Andererseits zwischen den Erwachsenen und dem Nachwuchs. Dieser muss dafür sorgen, genügend Futter und Aufmerksamkeit zu bekommen, und ganz wichtig: nicht irgendwo im Dschungel liegengelassen zu werden.

Die jungen Äffchen machen deshalb ständig Geräusche. Ganz ähnlich wie beim menschlichen Brabbeln verwenden sie dazu Elemente von erwachsenen Lauten, die sie willkürlich aneinanderreihen. Das ist zwar gefährlich, weil es auch Räuber auf sie aufmerksam macht, hat evolutionsbiologisch aber offenbar besser funktioniert, als sich still zu halten und deshalb übersehen oder vergessen zu werden.

Einschmeicheln hilft

Wie Menschenkinder schmeicheln sich die kleinen Affen bei ihren Bezugspersonen ein und sorgen so dafür, dass diese sich um sie kümmern, erklärt Judith Burkart: «Wir interagieren auch lieber mit einem Kleinkind, wenn etwas zurückkommt.» Schauen wir lächelnd in den Kinderwagen, sind wir enttäuscht, wenn nicht zurückgelächelt wird. Evolutionsbiologisch gibt es deshalb für Menschen- und Krallenaffenbabys denselben Druck: «Sie müssen den Erwachsenen gefallen und sich ihre Aufmerksamkeit sichern, indem sie mit ihnen interagieren. Diejenigen, die das besser können, erhöhen ihre Überlebenschancen», sagt Burkart. Das wiederum dürfte Rückkopplungen auf das Gehirn haben, indem es zur Bildung neuer neuronaler Netzwerke führt, die kommunikatives Verhalten unterstützen.

Am Bauch der Mutter

Bei den Menschenaffen ist das anders. Da hängen die Jungen buchstäblich an der Mutter und werden ausschliesslich von ihr versorgt. Die Mutter ihrerseits ist nicht auf die Unterstützung ihrer Artgenossen angewiesen, um ihr Junges aufzuziehen.

Das hat allerdings auch Nachteile: Wenn der Mutter etwas passiert, ist auch das Junge verloren. Und Menschenaffenmütter bekommen nur alle paar Jahre ein Junges, wenn ihr letzter Spross gross genug ist, um für sich selber zu sorgen.

Bei den Krallenaffen ist es hingegen wie bei den Menschen: Die Weibchen können schon kurz nach der Geburt wieder trächtig werden.

Unterschied zwischen Mensch und Affe

Die gemeinsame Jungenaufzucht bei den Menschen gilt heute als der zentrale Unterschied zwischen Menschen und Menschenaffen, der es den Hominiden erlaubt hat, ihre grösseren Gehirne zu entwickeln und damit die «graue Decke» zu durchstossen.

Denn grössere Gehirne brauchen länger, bis sie ausgereift sind. Das bedeutet, es geht länger, bis der Nachwuchs erwachsen ist. Wenn die Mutter sich alleine um das Kind kümmert und jedes Mal warten muss, bis dieses selbständig ist, kann sie in ihrem Leben nur wenige Kinder haben. Das bremst die Fortpflanzungsrate und kann im Extremfall zum Aussterben einer Art führen, weil sie nicht genügend Nachwuchs aufziehen kann, um sich selbst zu reproduzieren.

Ohne Kooperation überleben wir nicht

Der Mensch hat dieses Problem gelöst, indem sich die ganze Familie oder der Clan um den Nachwuchs kümmert. Dieses prosoziale Verhalten und die damit verbundene verstärkte Kommunikation wird auch als Auslöser für den grossen Sprung bei der Entwicklung unserer Sprache angesehen.

Die Menschenaffen kommunizieren weniger untereinander. «Weil es gar nicht nötig ist», sagt Klaus Zuberbühler. «Die Menschenaffen leben im Paradies.» Im Urwald wächst den Tieren die Nahrung buchstäblich ins Maul und sie sind nicht existenziell auf andere angewiesen, um zu überleben.

Der Mensch hingegen hat – wie in der Bibel beschrieben – irgendwann das Paradies verlassen und sich in die afrikanische Savanne hinausgewagt. Dort sind die Lebensbedingungen wesentlich harscher. «Die Anpassung ans Savannenleben hat zu massiven Veränderungen geführt, auch im Verhalten», erklärt Zuberbühler, «ohne Kooperation überlebt man dort nicht.»

Die veränderte Umwelt dürfte nicht nur die Kooperation bei der Jungenaufzucht nötig gemacht haben, sondern auch die Kooperation und Kommunikation, wenn Nahrung beschafft und verteidigt werden musste.

Sechs Millionen Jahre

Womit wir wieder bei unserer Ausgangsfrage wären: Was unterscheidet den Menschen vom Schimpansen? Die Antwort: natürlich, die «Hemmige», die wohl auch eine Folge unseres grossen Gehirns sein dürften. Hinzu kommt das prosoziale Verhalten, das in der gemeinsamen Aufzucht der Jungen verankert ist. Es hat den Hominiden ermöglicht, grössere Gehirne zu entwickeln und eine komplexe Sprache, die dazu dient, ihr Tun zu koordinieren und ihr Wissen weiterzugeben.

Die Formel, die am Ursprung der Entwicklung der menschlichen Sprache steht, lautet deshalb: Grosses Gehirn plus prosoziales Verhalten ermöglichen die Entwicklung komplexer Kommunikation.

Judith Burkart geht davon aus, dass in den vergangenen sechs Millionen Jahren unser Gehirn und unsere Sprachfähigkeit gemeinsam evolviert sind. Ob das wirklich so ist, werden wir wohl nie genau wissen, denn unsere direkten Vorfahren sind ausgestorben. Wir können allenfalls noch ihre Hirngrössen messen, wenn wir Überreste von ihnen finden. Wir können uns aber nicht mehr mit ihnen unterhalten, um herauszufinden, wie sie sprechen.

Deshalb bleibt uns nichts anderes übrig, als genau hinzuschauen und hinzuhören, wenn Affen, Erdmännchen oder Vögel kommunizieren.

 

Dieser Artikel erschien als Teil des Schwerpunktthemas «Sprachforschung» in der aktuellen Ausgabe des UZH Magazins.

Wie Sprache wächst


Der Nationale Forschungsschwerpunkt «Evolving Language» unter der Leitung der UZH vereint ein weltweit einzigartiges interdisziplinäres Team von Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Gemeinsam wollen die Forscherinnen und Forscher eine der grossen offenen Fragen der Menschheit beantworten: Wie hat sich in unserer Evolutionsgeschichte die Fähigkeit entwickelt, uns sprachlich auszudrücken, Sprache im Gehirn zu verarbeiten und von Generation zu Generation mit stets neuen Variationen weiterzugeben? Und wie wird sich diese Fähigkeit angesichts digitaler Kommunikation und Neuro-Engineering in Zukunft verändern? Geleitet wird der NFS von Balthasar Bickel (Institut für Vergleichende Sprachwissenschaft, UZH) in Zusammenarbeit mit Anne-Lise Giraud (Institut für Grundlegende Neurowissenschaften, Universität Genf) und Klaus Zuberbühler (Institut für Biologie, Universität Neuenburg). Beteiligt sind schweizweit über dreissig Forschungsgruppen. Eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche und breite interdisziplinäre Zusammenarbeit am NFS waren die Universitären Forschungsschwerpunkte «Evolution in Action» und «Language & Space» an der UZH, in denen bereits zuvor Forschende aus Linguistik, Verhaltensbiologie, Anthropologie, Genetik und Geografie eng miteinander kooperierten. www.evolvinglanguage.ch.

Thomas Gull, Redaktor UZH Magazin

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