Coronavirus

«Wir konnten unseren Kindern etwas beibringen»

Vieles hätte während der Pandemie besser laufen können. Doch die Lehren daraus werden für spätere Generationen nützlich sein, findet Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Er zog anlässlich eines Vortrags zu seiner Ehrendoktorwürde der Vetsuisse-Fakultät Bilanz über das Krisenmanagement in Deutschland.

Adriana Rüegger

Zukunft nach der Pandemie
Zukunft nach der Pandemie
Was kommt nach der Corona-Pandemie? Verschwinden wird Sars-CoV-2 wahrscheinlich nicht mehr. Doch die Lehren, die aus der Pandemie gezogen werden, könnten für spätere Generationen nützlich sein. (Bild: iStock / FrankyDeMeyer)


Geplant wäre eine Reise nach Zürich gewesen, doch aufgrund der steigenden Corona-Fallzahlen im August und September hielt Lothar Wieler seinen Vortrag zur Ehrenpromotion an der Universität Zürich doch von Berlin aus in seinem Büro. Dies ist wahrscheinlich eine der kleineren Konsequenzen, die der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI) und Pandemie-Berater von Angela Merkel in den letzten anderthalb Jahren erfahren musste.

Am RKI, welches als Forschungs- und Referenzeinrichtung des deutschen Bundesministeriums für Gesundheit agiert, hat Wieler die Pandemie bisher an vorderster Front miterlebt und nun eine Bilanz gezogen. «Man muss für das, was man tut, Rechenschaft ablegen», sagte er zu Beginn zu seiner Rolle als Forscher im öffentlichen Dienst.

Gemäss einer Studie des «International Journal of Epidemiology» ist die weltweite Lebenserwartung im Jahr 2020 um über 2 Jahre gesunken, in der Schweiz sind es 1 Jahr bei Männern und 0.7 Jahre bei Frauen. Die Schweiz und Deutschland haben laut Wieler zwar eine hervorragende Krankheitsversorgung und einen hohen Bildungsstand, aber trotzdem mussten wir diese verlorenen Jahre einbüssen – wo müssen wir also nach Lösungsansätzen suchen?

Vorbeugen ist besser als Heilen

«Unsere Forschung und unser Gesundheitssystem dürfen nicht Output-orientiert sein», sagte Wieler. In einer Risikoanalyse im Jahr 2012 hat das RKI bereits eine mögliche SARS-Pandemie durchgespielt. Aus der Analyse wurde ersichtlich, dass Schutzmaterial fehlte und kontinuierliche Übungen zu einer Pandemiebekämpfung sinnvoll wären. Jedoch wurde auf politischer Ebene nach dieser Analyse nichts unternommen. «Da Pandemie-bezogene Vorkehrungen gefehlt haben, mussten wir stattdessen auf Probleme reagieren. Wenn wir Verantwortung übernehmen, müssen wir Outcome-orientiert sein und Pläne auch umsetzen», so Wieler, denn so wäre Deutschland im Frühling 2020 besser auf diese Herausforderungen vorbereitet gewesen.

«Diese Pandemie ist eine Public-Health-Krise», erklärte Wieler. Ein leistungsstarkes gesundheitliches Versorgungssystem reiche im Pandemiefall aber nicht aus. «Die Anzahl freier Intensivkrankenbetten dürfen nicht die Messlatte für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung sein», sagte Wieler. Ein insgesamt guter Gesundheitszustand ist laut ihm wichtiger, denn viele schwere COVID-19-Verläufe hängen mit Grundkrankheiten zusammen. Dies führte auch dazu, dass marginalisierte und vulnerable Gruppen eine grosse Last der Pandemie tragen.

Wichtiger internationaler Austausch  

Die Pandemie habe auch klar gezeigt, wie wichtig der internationale Informationsaustausch sei. Wieler verwies auf das im Frühling 2020 in Deutschland gegründete Open-Access-Repositorium «Integrierte Molekulare Surveillance». Dieses sammelt national Genomsequenzen und teilt die Proben und Informationen zum Coronavirus auf der ganzen Welt. Auch weitere Netzwerke sind seither entstanden, wie der neue «WHO Hub for Pandemic and Epidemic Intelligence», welcher Akteure auf der ganzen Welt vernetzen will, um zukünftige Pandemieausbrüche frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Auch hier sieht Wieler noch Verbesserungsbedarf: Viele Länder haben nicht die Ressourcen an so einem Projekt teilzunehmen, oder sie handeln nicht im Interesse ihrer Bevölkerung und wollen solche Informationen nicht teilen. Hier müsse auf multinationaler Ebene eine Lösung entstehen, damit Vertrauen aufgebaut werden könne.

«Irgendwann wird das Ende der Pandemie erklärt», hielt Wieler fest. Wie bei anderen Coronaviren werde der Mensch eine Grundimmunität für SARS-CoV-2 entwickeln. Das brauche aber noch Zeit. Wieler selbst hofft, dass – wenn wir uns diesen Winter richtig an die Massnahmen hielten – im Frühling wieder eine Normalität einkehren könne. Er ist zuversichtlich, dass die Lehren, die nun aus der Pandemie gezogen werden, in späteren Generationen haften bleiben: «Ich glaube, wir konnten unseren Kindern etwas beibringen.»

Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar H. Wieler ist Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Für seinen grossen Einsatz zur Gesundheitsförderung mit Fokus auf Zoonose (Infektionskrankheiten, die zwischen Mensch und Tier übertragen werden) im Sinne des «One Health»-Konzepts und seiner aktuellen Rolle bei der Bekämpfung der SARS-COV-2- Pandemie hat er im Frühling 2021 von der Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich eine Ehrenpromotion erhalten. Zum Anlass seiner Ehrenpromotion hielt er im Rahmen der Wissen-schaf(f)t Wissen-Vorlesungsreihe des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie der UZH einen Spezialvortrag zum Thema «Eine Zukunft nach der Pandemie».

Referenzen: International Journal of Epidemiology, 2021, 1-2, doi: 10.1093/ije/dyab207

Adriana Rüegger ist wissenschaftliche Koordinatorin des Zürcher Zentrum für integrative Humanphysiologie.

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