Im Rampenlicht

Forscherin ohne Höhenangst

Die Medizinerin Susi Kriemler leitet die Studie «Ciao Corona» zur Untersuchung von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 bei Zürcher Schulkindern. Die Epidemiologin ist nicht nur eine Expertin zur Rolle von Kindern in der Pandemie, sondern auch in der Höhenmedizin.

Stefan Stöcklin

Kriemler
Susi Kriemler in ihrem Element: Klettern und Bergsteigen sind ein idealer Ausgleich zur Wissenschaft. (Bild: Frank Brüderli)

 

Spricht man Susi Kriemler auf ihre Arbeit als Epidemiologin, Kinderärztin und Sportmedizinerin an, spürt man ihre Leidenschaft. Die Ärztin ist Forscherin mit Leib und Seele und möchte als Expertin für öffentliche Gesundheit Dinge in Bewegung bringen, die Menschen und besonders Kinder zu einem gesunden Lebensstil animieren.

Dass sie nun während der Pandemie die Studie «Ciao Corona» zum Status der durchgemachten Infektionen bei Zürcher Schulkindern leiten kann, erfüllt sie mit grosser Befriedigung: «Ich betrachte es als Privileg, in dieser aussergewöhnlichen Lage zusammen mit meinem Team einen Beitrag zur Pandemiebewältigung leisten zu dürfen», sagt Kriemler.

Die Resultate, basierend auf Antikörpermessungen, hatten Ende des letzten Jahres kaum Häufungen von Infektionen an Schulen gezeigt, obwohl weltweit viele Schulen geschlossen wurden. Doch das Bild verändert sich laufend, bis April 2021 bildeten knapp 20 Prozent aller Kinder Antikörper gegen das neue Coronavirus (siehe Medienmitteilung).

«Klar bedeuten die Arbeiten eine grosse Herausforderung», sagt Kriemler, «aber sie sind wichtig, um die Rolle der Kinder in der Pandemie zu verstehen und adäquate Massnahmen zu ergreifen», sagt die Medizinerin.

Kommunikation als Pflichtaufgabe

Kriemler ist im Element, wenn sie in der Öffentlichkeit Auskunft geben kann, Berührungsängste zu den Medien hat sie nicht, obwohl sie das Rampenlicht eigentlich scheut. «Ich finde, es gehört zur Aufgabe der Forschung, der Bevölkerung die Ergebnisse zu kommunizieren und zu erklären.»

Diese Rolle hat sie immer wieder eingenommen, sei es bei Präventionsprogrammen zum Thema Bewegung oder bei der Höhenmedizin, in der sie eine Zeitlang geforscht hat. Die Motivation, Menschen zu helfen und im Gesundheitswesen tätig zu sein, stand auch bei der Wahl ihres Medizinstudiums Pate.

Aufgewachsen ist Kriemler im Appenzellerland. Sie erinnert sich, wie sie den weiten Weg zur Schule je nach Witterung auch barfuss unter die Füsse nehmen musste. Vielleicht bekräftigten diese Märsche und die Lust am Laufen ihren späteren Entscheid, auch Sportmedizinerin zu werden.

Leidenschaft für das Bergsteigen

Die Doktorarbeit bot Kriemler Gelegenheit, ihre Leidenschaft für die Berge mit der Medizin zu verbinden. «Ich habe schon immer sportliche Herausforderungen gesucht und liebe das Bergsteigen über alles», sagt sie. An der Universität Zürich war damals in den 1980er- und 1990er-Jahren der Internist Oswald Oelz tätig und Susi Kriemler packte die Gelegenheit, beim bekannten Höhenmediziner ihre Doktorarbeit zu schreiben. Zusammen mit Kollegen publizierte sie mehrere Arbeiten auf dem Gebiet. Im Fokus stand dabei unter anderem die Höhenadaptation von Kindern.

Seither haben sie die Berge nicht mehr losgelassen und die Forscherin hat immer wieder auf über 7000 Metern Höhe gestanden, sei es im Himalaya oder im südamerikanischen Alpamayo. Mit Seil und Steigeisen in den Bergen – Kriemler beschreibt das Gefühl als suchterzeugend, die Kombination aus körperlicher Anstrengung und Naturschönheit als überwältigend. Dazu kommt die Lust am Risiko. «Ich kann mir kein langweiliges, von Sicherheitsüberlegungen dominiertes Leben vorstellen», sagt die Forscherin, die auch heute noch in hochalpinen Regionen anzutreffen ist.

Eine Karriere auf dem Gebiet der Höhenmedizin war aufgrund der begrenzten Finanzierungsmöglichkeiten in der Schweiz unrealistisch. Also konzentrierte sich Kriemler auf die Themen Pädiatrie und Sportmedizin. Nach Postdocs im Ausland und einer Stelle an der ETH Zürich forschte sie während mehrerer Jahre an der Universität Basel. Dort konnte sie im Bereich Public Health wichtige Studien durchführen, unter anderem zum Thema Luftqualität und Lungenfunktionen oder zum Turnunterricht in der Schule.

In einer wichtigen Studie konnte die Forscherin die gesundheitsbezogenen Vorteile einer täglichen Bewegungsstunde bei Primarschülern nachweisen: Sie erhöht die Fitness sowie die Knochenfestigkeit und reduziert Übergewicht. Allerdings wurde die vorgeschlagene tägliche Turnstunde schweizweit nicht in die Lehrpläne aufgenommen, bedauert Kriemler.

Fachfrau für Public Health

Nach dem Basler Ausflug kam sie 2013 als Forschungsgruppenleiterin ans Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich, wo sie primär den Bereich körperliche Aktivität und Gesundheit bei Kindern bearbeitet.

Mit Corona hat sich der Fokus verschoben; seit knapp einem Jahr beschäftigt sie sich als Studienleiterin von «Ciao Corona» mit der Verbreitung von Sars-CoV-2 bei Schulkindern. Im Rahmen der Studie wird bei rund 2500 Kindern und Jugendlichen die Verbreitung von Antikörpern gegen das Coronavirus gemessen. Zurzeit läuft die dritte Testreihe. «Corona hat uns überrollt», sagt Kriemler, «aber ich schätze das Projekt, es entspricht meiner Intention, den Bereich Public Health zu bereichern.»

Ein Bereich, auf den sie von Beginn weg hingearbeitet hat. Auf ihre akademische Karriere blickt sie denn auch höchst zufrieden und ist stolz darauf, es geschafft zu haben. Kriemler verhehlt nicht, dass sie sich auf ihrem Karriereweg als Forscherin zuweilen durchbeissen musste, tätig in einem Randgebiet, in Teilzeitarbeit, und als Mutter zweier Kinder. «Aber wenn man für die Sache brennt, nimmt man vieles in Kauf», meint sie, «zum Beispiel auch Arbeiten während der Nacht.» Zum Ausgleich locken die Berge. Auch dort hat sie bewiesen, dass sie einen langen Atem hat und das Ziel nicht aus den Augen verliert.

Dieser Text stammt aus dem Journal 2021 Nr. 2

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News und UZH Journal

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