Würdigung von Jordi Bascompte

Grosser Preis für UZH-Ökologen

Der Ökologe Jordi Bascompte vom Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften erhält den prestigeträchtigen Ramon-Margalef-Preis. Bascompte wird für seine mathematischen Arbeiten zur Beschreibung biologischer Netzwerke ausgezeichnet.

Stefan Stöcklin

bascompte
«Um die Funktionsweise natürlicher Gemeinschaften zu verstehen, muss man in Netzwerken denken», sagt Jordi Bascompte. (Bild: Frank Brüderli)

 

Jordi Bascompte, Sie sind Preisträger des Ramon-Margalef-Preises 2021, der von der katalanischen Regierung verliehen wird und mit 80'000 Euro dotiert ist. Herzlichen Glückwunsch! Können Sie kurz zwei, drei Worte zu Ramon Margalef sagen, der hier kaum bekannt ist?
Jordi Bascompte: Ramon Margalef war einer der einflussreichsten Ökologen des 20. Jahrhunderts. Er ist vor allem dafür bekannt, dass er die Informationstheorie in die Ökologie eingeführt hat. Damit postulierte er eine Sichtweise von Ökosystemen, die auf allgemeinen physikalischen Prinzipien wie der Thermodynamik beruht. Der Preis wurde 2004, dem Jahr, in dem Margalef verstarb, als Hommage an sein wissenschaftliches Vermächtnis ins Leben gerufen.

Sie selbst sind wie Margalef auch Katalane und haben in Barcelona studiert. Was bedeutet Ihnen dieser Preis, den bekannte Wissenschaftler wie der Ökologe David Tilman oder der Bevölkerungsbiologe Paul Ehrlich erhalten haben?
Ich fühle mich zutiefst geehrt, dass mir dieser Preis verliehen wurde. Erstens aufgrund der erstaunlichen Liste legendärer Ökologen, die diesen Preis vor mir erhalten haben. Zweitens weil Margalef der Wissenschaftler ist, der den größten Einfluss auf meine Karriere hatte. Schon während meiner Schulzeit lernte ich einige seiner Bücher kennen. Später war Margalef der Vorsitzende meines Promotionsausschusses.

Er war einer der klügsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, und interessierte sich für ein breites Spektrum von Themen. Vor allem aber war er ein hervorragender Mensch, sehr bescheiden und mit einem grossen Sinn für Humor. So definierte er zum Beispiel Ökologie als das, was in der Biologie übrig bleibe, wenn die wichtigen Themen bereits einen Namen haben.

Der Preis wird in Anerkennung Ihrer Arbeit als Umweltwissenschaftler verliehen. Sie sind bekannt für Ihre mathematischen Arbeiten zur Beschreibung von Netzwerken biologischer Interaktionen, z. B. zwischen Pflanzen und Tieren. Warum ist diese Forschung wichtig für das Verständnis der Ökologie?
Eine der grundlegendsten und dauerhaftesten Fragen in der Ökologie ist das Verständnis der Koexistenz so vieler Arten. Dennoch konzentrieren sich die meisten unserer Theorien auf Paare von interagierenden Arten. Netzwerke bieten einen konzeptionellen Rahmen, um diese Lücke zu schließen, indem sie das komplexe Netz gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen den Arten beschreiben, das die Architektur der biologischen Vielfalt darstellt. Um die Funktionsweise und Robustheit natürlicher Gemeinschaften zu verstehen, muss man in Netzwerken denken.

Ihre jüngste Arbeit, die in den Medien viel Beachtung fand, handelte vom Aussterben der Sprachen indigener Völker. Der Sprachverlust verursacht den Verlust medizinischer Kenntnisse, wie sie zeigen konnten. Ein überraschendes Thema für einen mathematischen Ökologen. Wie sind Sie darauf gekommen?
Diese Untersuchung entstand in Zusammenarbeit mit meinem Postdoc Rodrigo Cámara-Leret, der Experte für indigene Gemeinschaften ist. Er verstand, dass der von uns entwickelte Netzwerkansatz eine hervorragende Möglichkeit sein könnte, um die vielfältigen Interaktionen zwischen Natur und Kultur besser zu verstehen. Das heisst die Bedeutung indigener Wissensnetzwerke gegenüber dem Aussterben von Arten und Sprachen zu bewerten. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass die Anwendung neuer quantitativer Instrumente, um alte Fragen aus einer neuen Perspektive anzugehen, zu grossen Fortschritten führt.  

Die Entstehung der biologischen Vielfalt steht im Mittelpunkt Ihrer Forschung. Wie beurteilen Sie den Verlust an Biodiversität, den wir derzeit erleben?
Viele Ökologen glauben, dass die Erde kurz vor einem Kipppunkt steht. Was am Ende auf dem Spiel steht, ist unsere Lebensqualität als Spezies. Ich denke, dass wir uns entscheiden müssen, welche Zukunft wir wollen. Entweder können wir weiterhin von den vielfältigen Leistungen der biologischen Vielfalt profitieren, zum Beispiel der Bestäubung von Nutzpflanzen oder der Produktion von Nahrungsmitteln und der Kontrolle des Klimas. Das bedingt den kompromisslosen Einsatz für den Erhalt der Biodiversität. Das alternative Szenario dagegen ist eines, in dem wir als Spezies unter Druck kommen und kämpfen müssen. Es dürfte klar sein, wofür wir uns entscheiden sollten. Wenn nicht im Dienste der Natur, dann zumindest um unserer selbst willen.

 

Stefan Stöcklin, Redaktor UZH News

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