Identität

Theseus' Schiff

Vorbilder und die Biologie prägen uns. Aber unser Ich bleibt ein Leben lang wandelbar. Mit der Zeit verändern sich nicht nur unser Aussehen, unsere Beziehungen und unsere Lebensumstände, sondern auch unsere Identität – und doch haben wir das Gefühl, immer dieselben zu sein.

Roger Nickl

Psychologe Moritz Daum über Vorbilder und unser Ich. (Video: MELS)


Wer bin ich? Diese grosse Frage begleitet uns durch das Leben. Die Antworten, die wir auf sie finden, fallen ganz unterschiedlich aus – je nachdem, wann, weshalb und wo wir sie uns stellen. Denn unser Ich ist nicht in Stein gehauen, sondern im Gegenteil äusserst wandelbar. Im Lauf der Zeit verändern sich nicht nur unser Aussehen, unsere Beziehungen und unsere Lebensumstände, sondern auch, wie wir uns selber wahrnehmen und unsere Identität bestimmen. Unser Selbstbild, also der Anteil unserer Identität, den wir in Worte fassen können, ist mit 20, 40, 60 oder 80 ein völlig anderes.

Das erinnert an das Paradox von Theseus’ Schiff, über das sich bereits antike Philosophen den Kopf zerbrachen. Der legendäre König Theseus aus der griechischen ­Mythologie wechselte über Jahre hinweg die alten Planken seines Bootes aus und ersetzte sie durch neue – bis schliesslich die letzte ausgetauscht war. Ist das total erneuerte Boot immer noch Theseus’ Schiff oder ist es ein völlig anderes geworden? Anders gefragt: Sind wir noch dieselben, wenn wir uns im Lauf des Lebens verändern? «Ja», sagt Alexandra Freund, «unser Identitätsgefühl bleibt bestehen, auch wenn wir uns komplett verändern – je mehr man sich verändert, desto stärker hat man dieses Ich-Gefühl.» Dass sich unsere Identität im Lauf unseres Lebens wandelt, sei ein interessantes Paradox, meint die Psychologin.

Wenn die Wellen hochgehen

Angetrieben wird dieser partielle Umbau unseres Ich durch kritische Lebensphasen. An solchen biografischen Wendepunkten segeln wir nicht mehr in ruhigen und bekannten Gewässern. Im Gegenteil: Die Wellen gehen hoch, unsere Zukunft ist ungewiss und unser Boot droht vielleicht sogar an den gefährlichen Klippen, die vor uns auftauchen, zu zerschellen. In solchen Momenten werden besonders viele Planken unseres Ich-Bootes ausgewechselt – etwa wenn wir die Schule abschliessen oder einen neuen Job annehmen, wenn wir eine Familie gründen, uns scheiden lassen oder umziehen, wenn wir in Rente gehen oder einen wichtigen Menschen verlieren. Oder wenn wir uns neue Ziele setzen. Denn unsere Identität definiert sich auch darüber, wer wir einmal sein möchten. «Das Setzen neuer Ziele ist oft ein Anlass, darüber zu reflektieren, wer wir sind und wo wir herkommen», sagt Alexandra Freund, die an ihrem Lehrstuhl an der UZH, die psychische Entwicklung im Erwachsenenalter erforscht.

Doch diese Selbstreflexion ist kapriziös. Wir haben zwar alle eine Vorstellung davon, wer wir sind, und trotzdem ist die Frage «Wer bin ich?» alles andere als einfach zu beantworten. Das hat Alexandra Freund auch festgestellt, als sie für ihre Dissertation Mitte der 1990er-Jahre alte Menschen danach fragte. Erwartet hatte sie, dass es nur so aus ihren Interview­partnerinnen und -partner heraussprudelt, dass sie Charaktereigenschaften aufzählen, sich mit ihrer Rolle als Eltern oder mit ihrer Berufskarriere auseinandersetzen. Tatsächlich waren die meisten mit der Frage erst einmal überfordert. «Sie zählten vielleicht ein paar Eigenschaften auf, die sie mit sich verbanden, etwa ordentlich zu sein oder offen», erinnert sich die Forscherin, «Biografisches kam eher selten und dennoch hatten alle ein ausgeprägtes Identitätsgefühl.»

Kurios in der Tat: Nichts liegt uns näher als wir selbst; und doch ist das eigene Ich äusserst schwer zu fassen. «Es ist unserer direkten Erfahrung nicht zugänglich», sagt Freund, «ich kann mich nur objektivierend als Selbst wahrnehmen.» Das heisst, ich beobachte mich quasi wie ich andere auch beobachte, nur habe ich mehr Informationen – Gefühle, Gedanken, Erinnerungen. Die Bilder, die wir uns dabei über uns selbst machen, sind sehr unterschiedlich und abhängig vom Moment. Denn wir können uns nie ganz, sondern jeweils nur in Ausschnitten wahrnehmen und die Merkmale unseres Ich beleuchten. An einem Vorstellungsgespräch rücken wir beispielsweise andere Eigenschaften in den Blick, als wir das Freunden oder der Partnerin, dem Partner gegenüber tun würden. «Das heisst aber nicht, dass wir im einen Fall lügen oder eine geschöntes Bild von uns zeigen», sagt die Entwicklungspsychologin, «sondern wir fokussieren einfach einen anderen Aspekt unseres Lebens.» Letztlich gebe es so viele Selbste, wie es Lebenskontexte gibt, meint Freund.

Ich im Spiegel

Doch wie kommen wir überhaupt zu unserem Selbstbild? Um im Bild von Theseus’ Schiff zu bleiben: Wie und aus welchen Planken wird es zusammengezimmert? Lange Zeit galt in der Entwicklungspsychologie der Moment, in dem sich ein Kind im Spiegel selbst erkennt, als Geburtsstunde des individuellen menschlichen Ich, sagt Moritz Daum. Der Psychologe erforscht, wie Kinder und Jugendliche sich selbst und die Welt entdecken. Mittlerweile weiss man aber, dass nicht nur zweijährige Kinder, sondern auch Krähen, Affen, Ameisen und Putzerfische diesen Spiegeltest bestehen. Und in Experimenten haben Psychologen zeigen können, dass sich unser Ich bereits viel früher zu entwickeln beginnt. Bereits Säuglinge können deutlich zwischen sich und ihrer Umwelt unterscheiden. Schon ein Neugeborenes merkt, ob es sich selbst berührt oder ob es von jemand anders berührt wird. Es hat also bereits eine, wenn auch noch vage, Wahrnehmung von sich selbst. Unsere Ich- und Selbstwerdung ist so gesehen ein kontinuier­licher Prozess, der bei der Geburt beginnt und erst mit dem Tod wirklich abgeschlossen ist.

Nachdem sich Kinder in ihrem eigenen Spiegelbild erkannt haben, beginnen sie sich zunehmend in ihrer sozialen Umwelt zu spiegeln – zuerst in ihren Eltern, dann in ihrem Freundeskreis, in der Schule und später in der Arbeitswelt. Sie orientieren sich an Vorbildern, imitieren diese, grenzen sich von ihnen ab – und finden so allmählich zu ihrer Identität. Anders gesagt: Ohne die anderen kommen wir nicht zu uns selbst. Eltern können den Selbstwerdungsprozess ihrer Kinder unterstützen, indem sie sich ihrer Vorbildrolle bewusst sind und diese ernst nehmen. «Wenn ich von meinen Kindern verlange, dass sie einen Velohelm tragen, sollte ich mir auch einen aufsetzen», sagt Moritz Daum.

Macht uns unsere DNA aus?

Vorbilder bleiben über das ganze Leben hinweg zentral. Ihr Einfluss ist in der Kindheit am grössten, aber auch im Erwachsenenalter spiegeln wir uns gerne in Menschen, die etwas Bestimmtes haben, das uns fehlt. Für Psychologieprofessor Daum ist der walisische Bassbariton Bryn Terfel ein solches Vorbild. «Er kommt auf die Bühne und strahlt eine faszinierende Ruhe aus», sagt er, der früher selbst einmal Sänger werden wollte, «so wie Bryn Terfel, mit dieser unglaublichen Gelassenheit, möchte ich auch Vorlesungen halten können – noch bin ich nicht da.» Sind Vorbilder, Eltern, Freunde, Lehrerinnen und Lehrer aber wirklich so entscheidend für die Entwicklung unserer Persönlichkeit? Sind nicht vielmehr vor allem die Gene verantwortlich dafür – der genetische Bauplan in unserem Erbgut, der quasi Schiffsplanke für Schiffsplanke festlegt, wer wir sein werden? In diesen Fragen sind sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uneinig. Zwar schien die in den 1990er-Jahren aufgekeimte so genannte Nature-Nurture-Debatte zum Konsens geführt zu haben, dass Gene und Umwelt unsere Entwicklung und unser Verhalten gleichermassen beeinflussen. Nun mehren sich allerdings die Studien, die dem biologischen Erbe den Vorrang geben.

Eine dieser Studien stammt von Richard Plomin. In seinem Buch «Blueprint. How DNA Makes Us Who We Are» aus dem Jahr 2018 geht der britische Verhaltenspsychologe davon aus, dass vor allem die Gene dafür verantwortlich sind, dass wir werden, wer sind. Ob wir beispielsweise offene oder ängstliche Menschen werden, ob wir später einmal glücklich oder traurig sind oder ob wir es punkto Bildung weit bringen oder eben nicht – all dies wäre gemäss Plomin vor allem im Bauplan unseres Erbguts angelegt. Den Einfluss von Eltern, Freunden und Schule auf die Entwicklung unserer Persönlichkeit und unserer Fähigkeiten hält er dagegen für überwertet und viel geringer als angenommen.

Michael Shanahan vom Jacobs Center for Productive Youth Developement der UZH sieht das anders. «Gene sind Moleküle – anzunehmen, Moleküle seien zu einem grossen Teil dafür verantwortlich, ob ich die Matur mache oder nicht, ist eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung», sagt er. Shanahan ist Sozialwissenschaftler – einer, der als Forscher selbst seine Identität gewechselt hat. Er sei ein Soziologe, der zum Biologen geworden ist, sagt er über sich. In seiner heutigen Forschung verschmelzen Sozialwissenschaft und Biologie zur Sozialen Genomik (Social Genomics). Statt Gene und Umwelteinflüsse gegeneinander auszuspielen, geht es dem Amerikaner, der seit 2016 an der UZH forscht und lehrt, darum, genau hinzusehen, wie Biologie und Umwelt miteinander interagieren, wenn es um unsere Entwicklung geht. «Sowohl der genetische Code als auch unsere Umgebung besteht aus Information», sagt Michael Shanahan, «ihr Zusammenspiel beeinflusst die menschliche Entwicklung.»

Die Schnittstelle von Biologie und sozialer Umwelt, die Shanahan im Auge hat, ist die so genannte Epigenetik. Sie dreht sich um die Frage, wie Umwelteinflüsse, zum Beispiel Stress, dazu führen, dass in unserem Genom bestimmte Gene ein- oder ausgeschaltet, ob sie aktiviert werden oder nicht. Die sozialen Umstände bestimmen dies wesentlich mit. «Wir sind Stressoren ausgesetzt, die Teile unseres Genoms aktivieren, die wiederum unsere körperliche und geistige Entwicklung beeinflussen können», sagt Michael Shanahan. So kann permanenter Stress in der Kindheit etwa dazu führen, dass wir uns aggressiver verhalten, aber auch dazu, dass wir schneller altern, kürzer leben und öfter krank sind.

Was Zwillinge unterscheidet

Bei der Frage, wie wir werden, wer wir sind, spielt für den Soziologen und Genetiker Michael Shanahan der soziale Status der Eltern eine entscheidende Rolle. Diese hat auch einen entscheidenden Einfluss auf die Epigenetik. «Kinder werden auf bestimmte Lebenswege geschickt», sagt er, «wie diese aussehen, ist stark von der Bildung, vom Job und vom Einkommen der Eltern abhängig.» Sozialer Status sei einer der wichtigsten Einflüsse in unserem Leben und wirke sich deutlich auf unser Epigenom aus. Das heisst, genetisch absolut identische Zwillinge, die punkto Status in ganz verschiedenen Haushalten aufwachsen, werden auch ganz unterschiedliche Menschen mit ganz unterschiedlichen Identitäten.

«In den Medien wird oft thematisiert, wie ähnlich sich Zwillinge seien», sagt Shanahan, «was man dagegen eher nicht hört, ist, dass sie auch ganz verschieden sein können, eben weil sie in ganz unterschiedlichen Umgebungen aufgewachsen sind.» Diese Differenzen betreffen sowohl die psychische und kognitive Entwicklung als auch die Gesundheit, weil der soziale Status die Epigenetik beeinflusst. In welcher Weise und mit welchen Folgen er das tut, erforscht Shanahan in einem aktuellen Projekt. Es gibt Hinweise dafür, dass ein tiefer sozia­ler Status das Immunsystem von Menschen schwächt und vermehrt zu Entzündungserkrankungen führt, sagt der Forscher.

Wie alle sein – aber anders

Neben dem Zusammenspiel von Genen und Umwelt gibt es für Michael Shanhan einen zweiten Faktor, der für unsere Identität prägend ist: unsere Vita – unser Lebenslauf, der ein Bild von uns gibt. «Wir streben einerseits einen legitimen Lebenslauf an, der den sozialen Erwartungen entspricht und auf ein seriö­ses Leben hindeutet», sagt Shanahan, «andererseits wollen wir kreativ sein und ein einzigartiges Leben schaffen.» Diese beiden Seiten zu verbinden, sei für jeden von uns eine Herausforderung, die wir auf unsere je eigene Art lösen müssten.

Auch Alexandra Freund geht davon aus, dass unser Selbstbild stark von gesellschaftlichen Erwartungen beeinflusst wird. «Wenn wir in einer bestimmten Lebensphase über unsere Identität nachdenken, arbeiten wir uns mit grosser Wahrscheinlichkeit an solchen Erwartungen ab», sagt die Psychologin. Wer mit dem Berufseinstieg beispielsweise bis 35 wartet, kann mit negativen Reaktionen rechnen. Da Menschen in der Regel versuchen, solche negativen Bewertungen zu vermeiden, sind soziale Erwartungen ein mächtiger Standard, an dem wir uns orientieren, meint Freund.

So ersetzen wir im Lauf des Lebens mehr oder weniger bewusst alte oder morsche Planken durch neue und verändern damit unser Selbstbild. Wir orientieren uns an vergangenen Erfahrungen, gesellschaftlichen Erwartungen und Zukunftsperspektiven und ordnen die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen, die uns ausmachen, zu einem für einen Lebensabschnitt möglichst stimmigen Ich. «Dieses Ich besteht aus flexibleren Elementen – etwa Einstellungen, Motiven – und konstanteren Bestandteilen wie der Persönlichkeit, die wahrscheinlich auch stärker von unseren Genen beeinflusst ist», sagt Moritz Daum.

Aber auch unsere Persönlichkeit ist veränderbar: Ein introvertierter Mensch kann beispielsweise Strategien entwickeln und trainieren, wie er besser mit seiner Schüchternheit umgehen kann, und schliesslich als souveränes Ich vor Publikum auftreten. So können wir unser Schiff immer wieder renovieren, ein Leben lang – bis zur letzten Planke. Und bleiben doch immer wir selbst: «Unser Identitätsgefühl kommt zu einem grossem Teil gerade dadurch zustande, dass wir selbst wahrnehmen, wie wir uns verändern», sagt Alexandra Freund. Anders gesagt: Gerade weil ich mich verändere, bin ich ich.

Roger Nickl, Redaktor UZH Magazin

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