Psychiatrie

Fliehen wie die Antilope

Was geschieht in unserem Gehirn und unserem Körper, wenn wir uns bedroht fühlen? Psychiater Dominik Bach erforscht, wie wir auf Angst reagieren und wie belastende Erinnerungen gedämpft werden können.

Tanja Wirz

Antilope
Antilope
Darüber, wie Tiere sich unter Bedrohung verhalten, ist relativ viel bekannt. Doch den Psychiater Dominik Bach interessieren primär die Menschen. (Illustration Christoph Fischer)

 

Ruhig steht die Antilope am Fluss und trinkt: ein Bild des Friedens. Einen Augenblick später wirbelt sie durch die Luft, dreht sich im Sprung gerade noch rechtzeitig von der nahen Felswand weg und ist bereits aus dem Bild verschwunden, während aus dem Wasser das Maul eines Krokodils schiesst, das vergeblich nach ihr schnappt.

Alles geht so schnell, dass man sich verblüfft fragt, ob die Antilope etwa schon zur Flucht ansetzte, bevor ihr Angreifer überhaupt zu sehen war. «Das ist ein unheimlich schnelles und optimales Verhalten», sagt Dominik Bach begeistert.

Fluchtweg berechnen

Bach, der die kurze Filmsequenz an seinem Bildschirm vorführt, ist Professor an der Psychiatrischen Universitätsklinik. «Wenn ich diesen äusserst komplexen, bestmöglichen Fluchtweg von einem Computer berechnen liesse, bräuchte das mindestens eine Minute – viel zu lange!»

Die Antilope hat keine Zeit zum Überlegen, was sie tun soll. Und trainieren kann sie ihre Flucht auch nicht: Sie muss es beim ersten Mal schaffen, sonst ist sie tot. «Ihr Gehirn muss eine mathematische Näherung machen, um eine so aufwändige Bewegungsfolge rechtzeitig zu berechnen», erklärt Bach. Was dabei genau geschieht, würde er gerne wissen.

Gefrässiger Feind

Darüber, wie Tiere sich unter Bedrohung verhalten, ist relativ viel bekannt. Doch den Psychiater interessieren primär die Menschen. Deren Verhalten in solchen Situationen sei erstaunlich schlecht erforscht, sagt Bach. Wie reagieren Menschen auf bedrohliche Situationen wie etwa einen Angriff oder ein Unglück? Welche Bewegungen führen sie aus, was geschieht in ihrem Körper, welche Gefühle empfinden sie dabei?

Um dies zu erforschen, liessen Bach und sein Team im Rahmen eines vom Europäischen Forschungsrat unterstützten Projekts gesunde Versuchsteilnehmer Computergames in der Art von Pac Man spielen.

Während die Probanden versuchten, ihre Spielfigur vor dem gefrässigen Feind zu bewahren, wurden ihre Gehirnströme gemessen und ihre Bewegungsreaktionen aufgezeichnet. «Die Spiele sind grafisch zwar sehr rudimentär, aber man kann sich darin dennoch richtig verlieren», sagt Bach, der selber auch gerne Computerspiele spielt.

Kampfsport und «Ilias»

Das Computerspiel gibt erste Hinweise darauf, wie Probanden auf «Bedrohung» reagieren. Wie sie in einer echten Bedrohungslage handeln würden, bleibt dabei ungewiss. Deshalb werden die Versuchsteilnehmer in einem nächsten Schritt mit Hilfe von Virtual Reality mit realistischeren Gefahren konfrontiert. «Wir werden uns dabei auf möglichst archaische Situationen fokussieren», sagt Bach, «wie zum Beispiel einen Angriff durch ein Tier oder einen anderen Menschen ohne Waffen.»

Inspiration zu diesen Szenen holt sich der Psychiater auch an überraschenden Orten, etwa in der Literatur über Kampfsport oder in Homers «Ilias», die er soeben wieder neu gelesen hat: Es sei erstaunlich, wie vielfältig und realistisch darin Kampf- und Fluchtreaktionen geschildert werden.

Training für Menschen in Risikoberufen

Fragen, die Bach und sein Team mit diesem Experiment angehen wollen, sind etwa: Schaffen es die Probanden, zu lernen? Beispielsweise, wenn sie beim Versuch, einer virtuellen Steinlawine auszuweichen, in einen Abgrund fallen. Bach erklärt: «Wir Menschen sind mit einigen Mechanismen ausgestattet, die wir verändern können, und mit anderen, bei denen das nicht geht.» Das Virtual- Reality-Experiment soll nun Aufschluss darüber geben, was überhaupt gelernt werden kann. Dies könnte helfen, das Training für Menschen zu verbessern, die in Risikoberufen wie der Feuerwehr arbeiten und mit Extremsituationen umgehen müssen.

Bei Bedrohungen wegschauen

Wie stufen Menschen Bedrohungen ein? «Bei Patienten mit Angststörungen gibt es ganz merkwürdige Verhaltensweisen, die wir noch nicht verstanden haben», sagt Bach. Spinnenphobiker zum Beispiel schauen weg, wenn man ihnen die gefürchteten Tiere zeigt. «Häufig wird interpretiert, die Patienten würden wegschauen, weil sie die Bedrohung überschätzen.»

Doch Bach findet diese Erklärung nicht schlüssig: «Es ist doch unwahrscheinlich, dass jemand ausgerechnet bei einer Gefahrenquelle nicht sehen will, wo sie ist und was sie tut. Da schaut man doch hin! Wenn Tiere eine Bedrohung sehen, starren sie sie an und ziehen sich vielleicht rückwärts zurück.» Da bisher nicht erforscht ist, was gesunde Menschen tun, wenn sie gefährliche Spinnen sehen, möchte Bach dies jetzt mit seinen Virtual-Reality-Versuchen herausfinden, um mehr darüber zu lernen, wie Phobien entstehen.

Traumatische Belastung

Als Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik behandelt Dominik Bach auch Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Nach bedrohlichen Erfahrungen wie Unfällen, Kriegserlebnissen, Vergewaltigungen, Überfällen oder Naturkatastrophen geht das Leben für viele nicht unbeschwert weiter, auch wenn die eigentlichen körperlichen Verletzungen längt verheilt sind.

Menschen mit PTBS reagieren auf harmlose Situationen, die dem traumatischen Ereignis in irgendeiner Art gleichen, als wären sie wieder in Gefahr. Ausserdem leiden sie unter unwillkürlichen Erinnerungen an das Ereignis.

Diese Belastungsstörungen sind schwer zu behandeln. Psychotherapien sind langwierig und sind auch nicht in jedem Fall erfolgreich. Ausserdem ist es längst nicht allen Menschen möglich, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen – etwa in Kriegs- und Krisengebieten. Da wären schnell wirksame und billige Therapien gefragt, zum Beispiel ein Medikament, das die Erinnerung an schlimme Erfahrungen modifiziert.

Negative Erinnerungen dämpfen

Das gibt es bisher nicht, doch Bach betreibt in einem zweiten Projekt Grundlagenforschung dazu. Wie er in einem Experiment zeigen konnte, hilft das Antibiotikum Doxycyclin, negative Erinnerungen zu dämpfen (siehe Kasten). Das könnte helfen, Menschen mit Posttraumatischen Belastungsstörungen zu behandeln.

Doch weshalb haben wir überhaupt mit starken Gefühlen besetzte schlechte Erinnerungen an bedrohliche Ereignisse? Rein biologisch gesehen, argumentiert Bach, würde es vollends reichen, wenn einen der eigene Körper in bedrohlichen Situationen rechtzeitig in Sicherheit brächte, etwa durch Flucht.

Vielleicht, so sagt der Forscher, sind diese Gefühle eine Art Marker im gesammelten Erfahrungsschatz, ein bisschen wie ein Schlagwort oder ein Leuchtstift: Sie dienen dazu, in Momenten, in denen man sich nicht mehr rational verhalten kann, etwas möglichst Optimales zu tun. So wie die akrobatisch fliehende Antilope.

 

Vielversprechendes Doxycyclin

Doxycyclin könnte in der Lage sein, unliebsame Erinnerungen zu löschen oder zumindest weniger belastend zu machen. Vor Kurzem wurde entdeckt, dass das Antibiotikum, das unter anderem gegen Blasenentzündungen und Atemwegsinfektionen eingesetzt wird, die Aktivität eines Enzyms hemmt, das bei der Bildung von Erinnerungen im Gehirn eine wichtige Rolle spielt.

Psychiater Dominik Bach und sein Team haben dazu einen Versuch mit achtzig Freiwilligen gemacht: Die gesunden Probanden wurden darauf konditioniert, bestimmte Farben mit unangenehmen Körperempfindungen in Verbindung zu bringen. Während sie eine bestimmte Farbe sahen, bekamen sie gleichzeitig leicht schmerzhafte Stromreize verpasst. Dabei bekam die Hälfte der Probanden vor dem Experiment das Antibiotikum Doxycyclin, der Rest ein Placebo.

Eine Woche später wurde allen Probanden die «gefährliche» Farbe gezeigt, worauf die Antibiotika-Gruppe eine um einen Drittel schwächere Schreckreaktion zeigte als die Placebo-Gruppe. «Es gelang uns, zu zeigen, dass Doxycyclin das emotionale Gedächtnis abschwächt, wenn man es vor dem negativen Erlebnis einnimmt», sagt Bach. Für diesen Erfolg erhielt Bach den Pfizer-Forschungspreis und den Robert-Bing-Preis der schweizerischen Akademie für medizinische Wissenschaften (SAMW).

Tanja Wirz ist freischaffende Journalistin

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